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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-09-14 · 7 (14.9.1860) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
7 (14.9.1860)
Date
1860-09-14
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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--י• 52 «« tunt sind Erscheinungen, welcke den kultur-historischen Beobachter mit den sätönsteu Hoffnungen für die Zukunft erfüllen. Nur wer der zerstörenten langjährigen Kriege tes Mittelalters vergeffen könnte, wem die gräuelhaften Scnten der Inquisition und der Religionsversolgungen unbekannt wären, wer ten allgemein verbreiteten Aberglauben, die allgemein herrschende Finüerniß, die schreckliche Barbarei des Mittelalters ignorieren wollte; nur ter kennte an einer immerwährenden rr^ervollkommnung, an einer sickeren Entwickelung und Fortickreitung, an einer besieren Zukunft zweifeln. Unsere Zeit gleickt ter Morgendämmerung, tie einen schönen Fnihlingstag crtvarten läßt, uut tie Rackwelt wird gewiß ter Gegenwart einst Neck׳ ..nnng tragen und teren Leistungen mit Dank erwäbnen. ,tragen wir nun nack ren wobltkätigen Einwirkungen tiefer Errungenickaften auf dem Erziebnngssetde, so müssen wir folgendes angeben: 1. .Unsere gegenwärtige Erziehung ist eine allgemeinere und rationellere.. Durch tie allseitige Perbreitung wahrer Biltung, turck tie immer vorwärts dringende Aufklärung wurde auch das Gebiet der Erhebung erleuchtet, das Feld ter Iugendbilkung gepflegt. Man bemüht stck jtt?t das Glaubensvermögen und die Idealisirungskraft der Jugend zu entwickeln, aber man bewabtt tie Kinder vor Aberglauben, Heuchelei und religiöser Verstellung. Durck die rasch auf einanter folgenten Erfindungen und Entdeckung gen, turck tie Anwentnng ter Taiupfkraft, tes Elektro - Galvanismus und turck tie Presse wird ter Ainckauungskreis ter Eltern, aber auch ter Ingent erweitert und viemit das Denkvermögen um so mehr entwickelt. Ein achtjähriges Kind hat zur gegenwärtigen Zeit oft eine viel größere Zahl von Anschauungen, einen viel weitern .Kreis von Begriffen als ein achtzigjähriger Greis des Mittelalters, so daß der oft im Munde tes Polkes lebende Ausspruck zur Wahrheit wird: ״Es gibt jetzt keine -Kiuter mehr." Früher wurte eine rationelle Erziehung nur besonters begünstigten Kindern zu Dbeil, jetzt ist dieselbe eine Aufgabe einer jeden Familie. Was früver bei der Erziehung ans Gewohnheit nack herkömmlichen Brauch zu gescheken pstegte, wirt jetzt mit Einsicht und klarem Bewußtsein angewendet. Die pädagogische Literatur, sonst blos ein Studium für Fachmänner, eine j Veotiire für einzelne besonters gebildete Pater und Mütter, erfreut sich jetzt! einer, immer allgemeinern Perbreitung. i 2. Unsere Erziehung ist eine humanere. Die Sckristen eines > Rousseau in Frankr-ick und eines Locke in England, die pbilantropistischen - Ansichten und Grundsätze eines Basedow und Pestalozzi in Deutschland wurden enthusiastisch bei Fürsten und Pölkern ausgenommen. Tie humanen ' Ideen eines Herder, Lesung und Mendelssohn mußten die kerlicksten Früchte bringen. _ Tie Affen lieben ihre Jungen neck heutzutage wie vor Jahrtausenden, dock die Vtebe der Eltern;11 ihren Kindern, so wie überhaupt die menfcklicken Gefühle und Neigungen sind der immerwährenden Entwickelung und Bererelung fäkig. Barbarei unk grausame Hätte bei ter Erziehung der Jugend werden! immer seltener, gemeine Flücke und niedrige Sckelkwottc räumen fanften Er׳ i mabnungni und veniünftigcn Belehrungni den Platz ein, das turck Stock j und Rukke sonst angeregte Bitalgesübl der Kinder übergab seine Hauptrolle j bei rer Erziehung rem nun in Anspruch genommenen Ehrgefühle der Jugend; tnrannffcher Zwaitg und rok« Bebantlnng werden durch tattere Pflege unk; willigen Gehott'ainentbehrlich. 3. Die Erziehung ist eine heiterere. So lange man die Erte als Iamniertbal betrachtete, Entsagung aller weltlichen Freuden und Züchtignngen res Leibes für die frömmsten Werke hielt, so lange man Zerknirschung und Kasteiung als ras Ziel der Erziehung seststellte, konnte unmöglich ti/G Sonne der Heiterkeit mit ihren wohlkbätigen Strahlen die Erzieknngsstätlen der Jugend den bänslicken Herd erleuchten und erwännen. Ta mußte tie Erziehung rer Kinder eine düstere traurige und freudenlose gewesen sein. So lange namentlich der israel. Pater keine Minute vor den grausa ' inen Verfolgungen seiner christlichen Mitbrüder sicher war. da konnte unmözl:ck Freude und Heiterkeit in tie Familie einkebren, sondern die Furckt und der Sckrecken der Väter nur Mütter mußten sich auf den Gesichtern der Kinder absriegeln. ׳ Tie Worte eines L.'Schäler: ,.den Kindern macke ihre Tage sckkn,! versäume auck die kleinste Freude nickt, du machst sie jetzt wie zu kleinen j Göttern, du grüntest ihnen schon auf des Lebens Zeit ein froh Gemütb, ein! heileres Her;" — konnten in der Zeit der Barbarei und der langjährigen blutigen Kriege unmöglich zur Wahrheit werden. Hurgegen die vielen Erfindungen des Luxus und Comfotts, die zahlreichen Gelegenheiten zu Pergnügungen und Zerstreuungen, die mannigfachen Institutrmren für geistige und materielle Genüffe haben zur Folge, daß die Kinder der Gegenwatt nicht nur eine heitere Jugend verleben, sondern leider nur zu oft des Guten zu viel genießen. Durch Musik und Gesang, durch Tanz und Turnkunst, durch geselliges Zusammenleben der Jugend in und außer der Schule werden ebenfalls die Gefühle der Freute und deS Frohsinns gepflegt und gehegt. — Die Erziehung ist dadurch eine harmonische geworden. Man berücksichtigt jetzt nebst der Geistesbildung mich die Leibesentwickelung; die intellektuelle Bildung hält man für höchst wichtig, dock die ästhetische Bildung ist ebenfalls nothwendig. Man will jetzt alle Geisteskräfte der Kinder ausbilden, keine Anlage darf vernackläßigt werden; renn sie sind ein göttliches Geschenk und bestimmt, uns gottähnlick zu macken. Das sind, wie wir nun "gesehen haben, die wohlthätigen Folgen unseres Zeitgeistes; — dock wie der gesunde und kräftige Bannt bei den, Treiben neuer und frischer Zweige auck hie und da vertrocknete Auswüchse und entattete Zweige treibt, sowie die Puppe vor ihrer Entwickelung zu Schmetterlingen sich ter todten Haut entledigt: ebenso weist uns auch tie Entwickelungsgeschickte rer Menschheit in jeder Epoche neben Wachsthum auck, Abartung, neben Gesundheit auch Siechthum, neben Wahrheit auch Irrtkümer auf. Jede Rose hat ihre Dornen, und wo Licht ist, gibt's auck Schatten, jedes Zeitalter hat seine Tugenden und seine Laster und auch un׳ sere Zeit weist neben Vorzügen auch Gebrechen und Nachthcile auf. Durck, die naturwissenschaftlichen Fottschrittc und Entdeckungen, durch die überrascheuten Erfindungen auf dem Gebiete der Industrie und der Gewerbe Hatto die Gegenwart, wenn auch nur auf eine kurze Zeit, der idealen Anschauung entsagt und eine materialistische Richtung cingescklagen. Der Supernaturalisiuus und Idealismus, welcke den Blick deS Menschen nach oben richten, und den Geist des Menschen mit den herrlichsten Idealen erfüllen, räumten oft ren Platz dem Rationalismus und MaterialiSniuS ein, welcke die heranwachsenden Generationen dem religiösen Glauben entfrenideten, und dieselbe für das Göttliche und Heilige indifferent und gleichgültig machten. Durck, tie rasch zunehmende Aufklärung und Bildung machte sich häufig jene After׳ ausklärung und Halbbildung geltend, welcke alles Heilige und Göttliche ge׳ ringschätzt, den Glauben an Autorität und Geistesbegabung untergräbt nur jedes Gefühl der Achtung vor der wahren Wissenschaft und Tugend im Keime ersticket. Turck die Kultur und Eivilisation unk durch die mit den selben innig verknüpfte Steigerung der Bedürfnisse entwickelte sich mitunter ein unersättliches Streben nach sinnlichem Genuß, ein unaufhörliches Ringen nach inateriellent Gewinn, ein leichtsinniges Aufopfern des Himmlischen für den Preis des Irdischen. Ganz natürlich mußte diese Abattung des Zeit geistes, riese lleberschreitung in ein anderes Extrem, riese Abweichung von der goldenen Mittelstraße, diese irrigen Meinungen und Grundsätze auck »ack, tkeilig und schädlich auf die Erziehung der Jugend wirken und daher kam cs, daß unsere Erziehung zum Theile auch 1. eine atheistische, '2. eine 1114terialistiscke und 3. eine pietätslose wurde. Sie ist hie und da eine unreligiöse und atheistische geworden. Durch den Rationalismus schlick sich auch ein die Pest deS Atheismus; mit dem Aberglauben schwand auch oft der wahre Glaube; turck die Bildung res Perstandcs und der Uttheilskraft vergaß man häufig die Erregung des Gottesgesühls; durch die Weckung des Selbstbewußtseius vettiackläßigte man nickt selten tie Entwickelung des Gottesbewußtseins. Unscru Kindern, hört nian oft klagen, ist nichts niehr heilig und ehrbar, sie fürchten nickt Gott im Himmel und nickt ten Pater auf Erden, sie beten nickt zum Scköpser res Weltalls und achten nicht die Erhalterin ihres Lebens, sie kennen nickt die ernste Bedeutung des Jom Kipur und nickt den hehren Sinn des Sckewuosrestes. Die häufigen Beschwerden der Elter», tvegen Unlust ihrer Kinder zum Gebete, über deren Ungehorsam, über deren Mangel an Ehrfurcht so wie über deren verfehlte Erziehung überhaupt, sind sprechende Beweise von dem Vorhandensein dieser sittlichen Krankbeitserscheinungcn: denn das Gottesgesübl ist und bleibt das Eentrum, die Blütbe res Geistes, ter Mittelpunkt tes /

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