Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 6 (7.9.1860)
- Date
- 1860-09-07
- Page
- Seite 44-45 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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»» 44 n 45 . auf Erledigung harrt׳ und uns sretS als bitterer Hohn auf die Intelligenz und Liberalität unserer Zeit erschien. ״Wir beabsichtigen hier keine Kritik des benannten K«mmerbesckluffes.. Wir wollen nicht in Erwägung ziehen, ob es gut war, eine Forderung, die allgemein als gerecht befunden ist, von ter demnächst zu erzielenden Gewerbefreiheit bezahlen zu lasten, statt sofort selbst in den Lack zu greifen unk dem Nächsten, dem Miteinwohner den Antheil zu geben, der ihm von Gott und Rechtswegen;»gehört. Wir wollen uns ferner nicht in einer Ausführung über rie so oft schon behanrelre Frage ergehen, sondern nur den Gedanken aufgreifen, der uns bei Lesung der betreffenden Kammerverhanklungen vor Augen getreten ist, und der in den Worten res Herrn Geh. Raths I)r. Lamev seinen vollen Ausdruck gesunden hat. ״Man war bisher der Ansicht und hat es so off schon ausgesprochen, rast den Juden die rechtliche Gleichstellung ertheilt werde, wenn sie die gleiche Bildungsstufe der ckristlicken Einwohner erreicht haben würden. Nun scheint dieses Ziel ziemlich erreicht zu sein; man wagt wenigstens kein ernstes oder bezeichnendes Wort mehr dagegen vorzuhringen, und muß mm wohl oder übel daran renke», dem gegebenen Worte zu entsprechen. Ta tauchen aber da und ton Bedenken auf und sonderbar genug, mau sieht in den Juden nicht eine Elaste Menschen, die mit Gewalt und unehrlichen Mitteln die Andern bekämpfen und ein Darnieterhalten, ein Ueberwachcn verdienen; nein, man erblickt in ihnen mehr einen Gegner, und zwar hauptsächlich aus dem materiellen (Gebiete, besten Betriebskraff und Betriebseifer in schönen .Resultaten hervortritt, und testen Ecncurren; man sich nun an nock gar vielen Orten durch Erhaltung der bisherigen Gesetzgebung zu erwehren sucht. Man beachtet daselbst nickt das Berhältuiß, wie es sick in den größeren Städten unseres Landes gestaltet hat. Man erkennt nickt, daß daselbst nur nock rie Herstellung rer (Gleichberechtigung fehlt, um sofort die letzten äußeren Lckranken niederzureißen, um über rie Formen hinweg den Geist rer Eintracht und der Liebe walten zu lasten und darin die Ziele unseres Errenlebens gemeinsam zu verfolgen. ״Es ist dies aber an nur für sick schon rie beste Strafe, rie rem Unterdrücker werden konnte. Derselbe sieht sich von rem Unterdrückten, von dem nach einer Leite und einem Ltreben Hingekrängten überflügelt, und statt nun die d'ehre zu beherzigen, hofft er durch weitere künstliche Mittel sich den (Gegner abzuhallen, während er dadurch nur die gesellschaftliche Trennung und Londerbestrcbungen erhält und eine glückliche Vermischung der Inkeresten und Bestrebungen verettelt. Es scheint somit rie Aufgabe res wahren ׳?Neuschenfreundes geworden zu sein, daß er dahin wirke, die Ehristen reif zu macken, um eine «Gleichstellung der Juden anSsühren zu können. Wahrlick, eine scköne Aufgabe, dem christlichen Geist der Liebe unterstützend zur Teile zu treten, nin ihn m rem Juden ebenfalls ein (Geschöpf Gottes, einen Menschen und (Gleichberechtigten hier aus de», Erdenplane erkennen zu lasten: eine scköne Aufgabe dies,, den Ehristen auszuklärcu: welcker Wirerspruck, welckc Ungerechtigkeit darin liegt, daß man einen über religiöse T inge Andersdenkenden von einer Gleichberechtigung in irdischen Tingen ausschließt: das: man so weit geht, einem Memelre» Wohnung und Arbeit zu wehren — weil er Jude ist. — Toch mkgeu 'Alle, die es an rer Zeit halten, daß den Juden rie bürgerliche «Gleichberechtigung errheilt werde, d. h. die es sich für eine Lchult anrecknen würden, wenn es gerade wegen ihnen nickt geschähe oder durch sie verhinren würde, rem Wunsche res verehrten Herrn Geh. Raths Vameh Folge leisten. Mögen ste mit rem Herrn Abgeordneten miter ras Bolk treten, um cs reis zur Emanzivation der Inden zu macken: mögen sie X -Innere ei »licht öes LempeO in pell: Die heilige llade. unter rastelbe treten und von den Widersprüchen überzeugen, die cs gefangen und ihm rie Wahrheit verschlossen halt-n. die es in einem Vorurtheil bestär ken, ras ihm nimmermehr zum Bortheil und zur Ehre gereicht." — Von allen seinen Bestrebungen und Errungenschaften hat der Mensck nicktS als die Erinnerung und die Hoffnung. Jene gehört der Vergangenheit, und hat nunmehr wenig Werth, diese gehört der Zukunft an, und hat sick noch nickt bewährt. Die I«staltir»g dri Lhacham-K«lchi ׳ is CfiftiRtiifjirt. Der neugewählte Oberrabbi sämmtlicher Israeliten der Türkei — Jerusalem inbegriffen — Jalvb Avlgdvr, ist am 1. Mai feierlich durch den Groß - Vezir in Person installirt worden. — Die Art und Weise, wie dieser Act vor sich gegangen, dürfte für unsere Leser nicht ohne Jntcresie sein, wir theilen darum folgendes nach einem Berichte iit^den ״Arck. JSr." mit: ES gingen dem Zuge des Herrn Avigdor, welcher in einem malerisch-orientalischen Kostüm erschien, Herolde voran, und 12 gleichgekleidete Rabbiner folgten ihm zu Pferde, die sie mit Grazie zu führen wußten. Herr Kamondo, ein sehr geachteter Vanqnier dieser Stadt, hatte für den Ehacham - Baschi daS schönste Pferd auS seinen Stallungen zur Verfügung gestellt; 50 Mann zu Pferde von der kais. Eavallerie in großer Galla folgten dem glänzenden Zuge. Die Menge drängte sich bei diesem Anlaffe heran, wie es im westlichen Europa bei dem Erscheinen eines gekrönten Hauptes der Fall zu sein pflegt, und wuchs immer mehr an, je näher man durch die verschiedenen Viertel zu dem Wehnsitze des GroßvezirS in Stambul gelangte. — Kein Zeichen des UebelwollenS wurde in der Bevölkerung bemerkbar, was gewiß zu Gunsten der Israeliten Eonstantinopels spricht. — Sr. Exc. der Großvezier Kiprisli-Paschah empfing Hrn. Avigdor mit ausgezeichneter Leutseligkeit, unterhielt sich längere Zeit mit ihm in türkischer Sprache und legte init den schmeichelhaftesten Worten die Insignien des Großrabbinats in dessen Hände nieder. Beini Abschiede des Ehacham- Baschi stand ein reich gesäumtes Pferd auS dem Marststallc Sr. Excellenz für den Großrabbiner bereit. Er bestieg dasselbe und kehrte in derselben Ordnung, entzückt über das Wohlwollen uud die besonderen AuSzeichnmigen, welche ihm sowohl von Seite der h. Pforte, als von seinen Glaubensgenoffen zu Theil geworden, in seine Wohnung zurück. — Der neue Ehacham-Baschi soll nach demselben Berichte nebst seinem talmudische» Wiffeu auch mathematische und Sprachkenntnisie besitzen und ein guter Redner sein. Er versteht die verschiedenen Idiome, die in Eonstantinopel üblich, und ist in hohem Grade der türkischen Sprache mächtig. Aphorismen zum Aahreswechsel von David Leopold Straffer, Bezirksrabbiner in >iula. שנד heißt das Jahr in rer heil. Sprache, nack sei »er Doppelbedeutung von ״verändern" und ״wiederholen;" und ist denn das abrollcnde Rad der Zeit etwa nicht eine Veränderung ter sich oft wiederholenden, und eine Wiederholung der sich oft verändernden Erscheinungen und Zustände? — Durch eine kleine Verwandlung des ersten Vocals dieses Wortes erhältst du ein ganz neues Wott, von ganz anderer Bedentung שגד — Lchlaf. Sehr leicht wird das Jahr, so du nickt genau auf seine» Ton horchest und seine genau begräuztcn Zeichen nickt beachtest, von dir verschlafe», und dein ganzes Leben ist daun nur — ein Traum. .דזב־־ין ev ״Tag des Bedenkens", ״der Erin . nerung", heißt in der heil. Schrift der Neujahrstag; »nt welcher Tag wäre wohl geeigneter den Menschen zum Lelbstbedenten und zur Erinnerung a» seine Lebensaufgabe anzuregcn, als rer Denkstein der Hingeschiedenen und neu erstehenden Tage, der׳ Marckstein zwischeu Vergangenheit unk Zukunft — der Ncujahrstag? — — —