Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 2 (10.8.1860)
- Date
- 1860-08-10
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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daß solchen jüdischen Mädchen, welche sich trotz der eben nicht sehr verlockenden Aussichten nicht zurückschrecken lassen, das Erziehungsgeschäft zu chrem Beruse zu macken, beinahe jede Gelegenheit fehlt, sich für diesen Beruf gehörig vorzubereiten: Wohl können sich dieselben in den öffentlichen Staatsanstalten, in den Präparandien zu Lehrerinnen und Erzieherinnen im Allgemeinen ausbilden, aber nickt zu jüdischen Erzieherinnen, und gerade riese sind eS, die wir brauchen. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, muß die Idee des Herrn Josef Szäntü, in Wien eine Präparandie für jüdische Lehramts-Candidatinnen zu errichten, eine sehr glückliche genannt werden. Ter Nutzen, den eine solche jüdische Präparandie gewährt, ist von mannigfacher Art, und wir erwarten mit Vergnügen von Seiten des Jnstirutsvorftehers Herrn Joses Szänto ein Programm, in welchen! sich derselbe über den Plan und die ganze Einrichtung dieser 'Neugeburt aussprechen wird. Uns sei es für beute gestattet, den Nutzen einer solchen Präparandie nack zwei Richtungen hin zu beleuchten. Turch Herrn Szäntd's Präparandie wird jüdischen Mädchen die Gelegenheit geboten sein, sich ganz speciell für ihren-künftigen Beruf als jüdische Erzieherinnen auszubilden. Tiefe Präparandie soll und wird uns also Erzieherinnen im engeren Sinne heranbilden, welche auf das Haupt- Moment im ganzen Erziehungsgeschäfte, die religiöse Bildung, auch ihr Hauptaugenmerk werden richten können, Erzieherinnen welche auf die ihr anvertraute Jugend nickt nur durch das dürre Wort, sondern durch das lebendige Beispiel einwirken werden. Und dies ist eine Hauptsache. Tie Erziehung durch das Beispiel kann nickt hoch genug angeschlagen werden, und jener einfache Handwerker, welcher auf die Frage, wie es ihm gelungen sei, seine Söhne und Tochter so gut zu erziehen, die Antwort gab: ״Ich verlangte samml meiner Frau auch von den Kindern Nichts, was ich nicht selbst that, und ick suchte ganz besonders mein erstes Kind gut zu erziehen" — hat den Pädagogen eine Belehrung gegeben, für die sie ihm zeitlebens dankbar sein können. Nicbts wirft aus das jugendliche Gemüth eindringlicher und nachhaltiger, als daS Beispiel. Wo aber ist das Beispiel nothwentiger, als gerate bei der Uebung der Religion? Tie Anstalt wird ferner Erzieherinnen im weitern Sinne heranbilden, wir meinen — die Müller. Tie größten Philosophen und Pädagogen der verschiedenen Völker j und Zeitalter stimmen alle!Merkwürdiger Weise darin überein, daß der Ein- 1 sluß der Muttter aus die Erziehung von dez! wichtigsten Folgen sei. Tiefe slebrreiastinimung ist nickt etwas blos Zufälliges. Wir könnten hier ein ganzes Register von Namen ansükren, welche sich über dieses wichtige Moment der Erziehung ausgesprochen haben. Ter Angstschrei der Madame Campan: ״Es fehlt an Müttern" hat in uns das am öftersten wiederbolende Ecko wackgerusen, und in rer Tbat, wir können nickt umhin ihr . nachzurusen: ״Es fehl: an jüdischen Müttern!" Ihr wollt jüdische Sohne und jüdische Töcklcr haben, gut, verschafft euch früher jütische Mütter, so lange ihr riese nickt habet, dürfet ihr jene nicht erwarten. Wohl gibt cs ehrenwenhc Ausnahmen, solche dienen aber bekanntlich nur dazu eine Regel desto mehr zu bekräftigen. Tie Heranbildung von Erzieherinnen in! Weilern Sinne, von eckt jüdischen Frauen, eckt jüdischen Müllern, das ist die zweite würdige Ausgabe, welche Herrn Szäntö's Präparandie zu lösen haben wird; — und so ist dieser neuen Anstalt, welche die wichtigsten Zweige des modernen Wissens ' vereint mir eckt - jüdisch ׳ religiöser Bildung zu lehren!md zu verbreiten haben J wird, vom Herzen Glück zu wünschen. Tie Person, wclcke an der Spitze dieses in eckt jüdischem Geiste gegründeten Unternehmens ftekt, in eine sickere Garantie, daß die Erwartun-' gen, zu denen man fick hier berechtigt glaubt, auch in der Thal werden erfüllt werdcu können. tLdnarü'Nnllre. * ״ Fiircd, am Plattensee, Ende Juli. II. Wenden wir uns nun zu den nichtrabbiniscken .Nurgästen und seien wir Zeugen ihrer Gespräche dem! Brunnen, während sie Molke und Sauerdrunncn trinken. Reckte schreiten drei Männer einher und führen lebhafte Tebatten in dem guten altjürncken Jargon. Gegenstand derselben ist der Verfall der Frömmigkeit. Es gibt jetzt keine frommen Rabbiner, mehr, klagt einer der Tebattirenden: ״Die Sefira, die drei Wochen, die neun Tage haben leider allen Zauber bei vielen Rabbinern verloren; am Sabbat sieht man kein Taschentuch mehr um den Arm in ftonnne Knoten gewunden, und von dem Parapluie wftd ttotz des Ruhetages allgemein Gebrauch gemacht." Links erzählt ein Vorsteher den jammervollen Zwiespalt, den sein studirter Rabbiner in die Gemeinde gebracht hat. Dieser sträubt und widersetzt sich, daß Choralgesänge den Todten zur letzten Ruhestätte geleiten, daß ein schwarzer Vorhang am 9. Ab im Gotteshause angebracht werde, daß man überhaupt irgend einen alten Brauch, eine abgelebte Sitte verletzte. Tie Tebattirenden rechts und der Erzählende links könnten durch einen Tausch der leitenden Personen beftiedigt werden. Hier theilen zwei ״Bachurim" einander ihre Studienplane für die Zukunft mit. Es dämmert in ihnen die Ueberzeugung, daß man mit dem Talmud allein in unserer Zeit nicht durchkommen kann, und wollen trotz Preßburg auch in andern Wissenschaften sich umsehen. Dort tauschen drei Lehrer ihre Ideen aus über den jüdischen Religionsunterricht. Sie gesticuliren und reden sehr lebhaft, scheinen aber sich nicht einigen zu können. Der Eine ist Idealist, der Andere Realist, der Tritte eine idealistisch-realistische Zwittergestalt, ein sogenannter ״feiner Kopf" voll Widersprüche und Widersprucksgeist. Hört nian den Letzten! an, so wäre er allein im Besitze einer vollständigen materia medica für die jüdischen Schulen. — Ihr Gespräch drehte sich einmal um den Unterricht in den hebräischen Gebeten. Der ״feine Köpfte docirte, daß dies unnöthig und vom allerhöchsten methodologischpädagogischen Standpunfte ans unmöglich sei. Wie soll man, ftagt er siegesgewiß, den Kindern jenes Gebetstück erklären, wo von der Wiederherstellung Zion's die Rede ist? Er trägt daher a», Kindergemeinden zu bilden, mit einer ganz neuen Kinderlitnrgie in einem Kindertempel mit Kinderskühlchen. Tas Beste und Praktischeste ist, was dort zwei schlichte Männer beschließen. Sie wollen nämlich eine Geltsammlung für die armen Kurgäste veranstalten, damit es auch diesen möglich werde, sich in dem herrlichen Plattensee zu stärken. Ter Beschluß wurde ausgeführt, es wurde eine hübscke Summe gesammelt und vertheilt, und dies ist jedenfalls das resultatreichste aller Brunnengespräche. Jüdische Mildthätigkeit geleitet die Juden überallhin! Gestatten Sie mir noch ein Wort über die nichtjütischen Kurgäste. Sie benehmen sich sehr exclusiv den Juden gegenüber, und obwohl in dieser Beziehung niancher Fortschritt zum Bessern gcniacht worden ist, so bleibt doch nock viel zu wünschen übrig. Auf einem Kurorte gibt es leidende Men-, scheu, welche von den Heilkräften der gütigen Natur Linderung erwarte», unk da sollten nationale oder consessionelle Gegensätze sich nicht geltend machen. Ein alter Rabbiner bemerkte hier, daß er den Rabbiner zu Hause lasse, wenn er in's Bad gehe; so sollte jeder Kurgast seinen Hauslicken Particularismus nicht mit sich führe!!. Tie Kunst war von jeher ein neutrales Gebiet, wo die Harnionie der Formcnwclt durch keine nationale oder consessionelle Mißklänge gestört wurde — und doch geschah es hier, daß ein sehr bedeutender jütischer Künstler fast nur Juden in seinem hier abgehaltcnen Concerte sah. Dafür zeichnete sich der Anna-Ball durch Mangel an Theilnahmc aus, und der arrangirente Gastwirth soll dadurch ein Vertreter der Toleranz geworden sein. Seine Kellner sind es längst und beweisen es handgreiflich durch die Annahme von jüdischen Trinkgeldern. Wie könnte ich meinen Bericht an ein Journal schließen, ohne eines Iounialistcit zu gedenken? Ein hier weilender Journalist schrieb an ein Journal, daß in Anbetracht der großen Anzahl von Juden, die hier sich aufkalten, der Messias sicherlich nack Füred kommen werde. Als nun derselbe einer schönen Jüdin in seiner galanten Liebenswürdigkeit sich zeigen wollte, bemerkte riese: ״Mein Herr, nehmen Sie sich wohl in Acht; der Messias könnte plötzlich herankoniinen und Sic ni'tnehinen — was würde» Sic unter lauter Juden anfangcn?" Seit diesem kleinen Abenteuer schweigt der Journalist; auf den Messias wollen wir aber doch harren, damit er uns von allen Kämpfen, Anfeiiidunzen und Vorurtheilen, mögen sie aus con sessionelleiit oder nationalem Panikulansmus fließen, befteie und erlöse! Laruch,