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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-08-03 · 1 (3.8.1860) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
1 (3.8.1860)
Date
1860-08-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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—H 4 M- Werhitk r#U to Jibeitljam fttit Geschichte pflege«? Ter Nutzen, welcher für das Jurenthum aus der stenntniß seiner Heschichte erwächst, wird von Bielen bezweifelt, von Manchen sogar entschieden in Abrede gestellt. Tie Beweggründe hiezu sink, je nack der Tenkweise und dem speriell geistigen Standpunktedes Beurtheilers, verschiedenartig bergeleitet: roch lasten sich die erheblichsten derselben, ibrem Wesen nach, aus folgende Bedenken zurückführen. Tie jüdische Geschickte — meint man — biete in ibrem überwiegend größern Umsange, nichts Analoges und Anwendbares sür die Gegenwart dar. Sowohl der vorals der nächexilische Theil derselben, umsasten Standpunkte und Berhältniste, die nunmebr als völlig überwunken zu betrachten sink. Ter ocrexitische Theit deshalb, weil raS Jurenthum ja längst schon das Streben nach staatlicher Selbstständigkeit ausgegeben bat, und lediglich in rer Verbrüderung mit den Nationen, unter denen es zerstreut ist, das letzte Ziel seiner Wünsche erblickt. — Ter nack׳ erilische Lheil wieder enthalte so viele Kundgebungen des, Hasses und der- Bersolgung von Seiten der Nationen gegen uns, daß sein Inhalt unmöglich versöhnend und erhebend auf das Gemüth wirken könne; daß er vielmehr einen tiefen Groll gegen diejenigen in uns wacb erkälten müste, durch deren Verblendung oder Böswilligkeit unsere Vorfahren so viel zu dulden und zu leiden hatten. Solcherweise, schließt man weiter, könne die Pflege der jüdischen Geschickte nickt zur Einigung und Verbrüderung mit den Nationen führen, unter denen wir leben. Es sei weit bester, wenn wir fortan unsere wahre beschickte in der unseres gegenwärtigen .Heimatlandes erkennen. Tas Slu dium der ״jüdischen Altertbümer" möge nur dem Gelehrten vom ,'sacke, den Archäologen, Theologen u. s. w. überlasten bleiben; keineswegs aber als ein allgenleines Bilkungsmittel der jüdischen Gesammtbeit betrachtet werden. Ties dürsten ungefähr die vorzüglichsten Einnxände fein, die gegen die Pflege der jüdischen Geschichte im jüdischen Volks- und Familienleben vorgebracht werden können. Gegen ein solches Räsonnement wollen wir hier eine Widerlegung versuchen und nackweisen, daß die jüdische Geschickte ein unerläßliches allgemeines BildungSmiNel für uns bleiben müste, so lange es überhaupt ein jüdisckeS Bewußstein gibt und geben soll; und daß ferner dieses Studium, weil entfernt, unser Gemüth gegen die Mitbürger anderer Eonsessionen zu verleiden unk zu verbittern, sogar den wohlthuendsten Einstuß aus die Vereinigung und Verbrüderung mit denselben ausübey müste. Jede Gesammtbeit, in wie ferne sie eine Art von geselliger^ Einheit bildet, ist als moralische Persönlichkeit, als ein geistiges Individuum zu betrachten. Was nun zum Wehle res Individuums in sittlicher Beziehung wünsckenswerth erscheint, ras muß auch von dem gesellschaftlichen Vereine beansprucht werden können. Tahin gehören vor allem die Selbsterhaltung, ein erhebendes Selbstbewußtsein, würdige Stellung nack Außen u. s. w. Nun gibt es aber kaum ein Iudivlduum, raö nickt auck von Zeit zu Zeit ras Bedürsniß hätte, einen ernst sinnenden Rückblick auf seine eigene Vergangenheit zu richten, und, so zu sagen, die Geschickte seines eigenen Ich's aus den Tafel» rer Erinnerung zu lesen. Ter'Zustand der Vergan׳ genkeit mag auch noch so verkenmien sein: tas Inkercste dafür kört deshalb hiickk aus. So renkt der Jüngling mit süßem Bekagen an die entschwundene Zeit rer harmlosen Xinrkeit, wo das Leben sc frisch unk klar wie der kristallene 'S.uell alis den gebeimnißvcllen llrgängen res Taseins sich ergosten. Mil gleichem Wohlgefallen läßt auch ter zur Reise getaugte Mann die strebensrcicke Jugendzeit im leiste an sich vorüberzieden, nur betrachtet mit Vesrietigung rie Kämpfe nur Mülsiale. rie er besteben mußte, eie mannigsacken Veiren, rie er zu kragen batte, ebc es ihm gelingen wollte, reu sickern Hase» zu gewinnen, worin er sick nun res Vebens erfreut. ׳ " Aber nickt blos ter Jüngling unt rer Mann, selbst rer an rcn äußersten Ranr eines lattggestreckten Taseins gelangte Greis kann nickt so sebr des Vcbens iati sein, um rer Tbeilnabme und, res Interestes für rie «beschickte seiner eigenen Vergangenkeil verlustig zu werken. So viel rer Iakre auch Kutter ikm liegen, er kann rem mächtigen Seelcnreize nickt wi׳ rerskcben, ren trüben makleu Blick noch einmal aus jene Fülle von Ereig׳ nisten und Wandlungen zurückzuwenden, die er während seiner langen Pilzerfahrt schmerzlich oder freudig empfunden hatte. Solcherweise gibt sich die Würdigung der eigenen Geschichte bei dem einzelnen Menschen zu erkennen, und der Gewinn den er aus der Bettachtung seiner Vergangenheit zieht, ist der, daß ihm das Leben als etwas EinhestlicheS, Zusammenhängendes, als ein zu bestimmten Zwecken angelegtes Ganzes entgegentritt und so zu fortwährender Thätigkeit und unabläßigeni Fortschritte anregt. Wie unglücklich hingegen müßte nickt derjenige sein, der mitten aus seiner Lebensbahn urplötzlich den Faden der ־ Erinnerung verlieren möchte. Er gliche einem Schiffer auf hoher See, der ohne stenntniß des Ausganges unk des Zieles seiner Fahrt gedankenlos dahin segelt. Was nützt ihn! da rie Richtung des Magnetes, was rer Gang der Gestirne, wenn er ren Pfad, den er verfolgen sollte —, nickt kennt! Mehr aber noch als dem Einzelnen ist der Gesammtbeit die stenntniß ihrer Vergangenheit notbwenkig, zu ihrem Bestände und Fortschritte! .steine Gesammtbeit, heiße sie 'Nation, Volk, oder bestehe sie blos aus Trägern einer gewisten Idee, eines gewissen PrinzipeS, einer bestimmten religiösen lleberzeugung, kann ohne Gefährdung des sie aufreckthaltenden Bewußsteins die stenntniß ihrer eigenen Geschickte entbehren. Sie hat, so gut wie das Iutividuum ihre tiefeinschneidenden Perioden und Epochen: eine Zeit der stindheit, ein Jugend-, Mannes- und Greisenalter. Nur daß bei ihr, in wie ferne ikr Bestand ^iiiehr auf geistiger als auf phisischer Grundlage beruht, das zunehmende Alter nicht notlnventig ein Versiegen und Abnthmen der Lebenskräfte mit sich bringt. Namentlich ist es die religiöse Gemeinschaft, die mit dem Alter in der Regel an straft und Festigkeit gewinnt, deren Existenz mit der Zeit immer festere Wurzel scklägt, immer breitere Unterlage gewinnt. Aber Eines ist unumgänglich nöthig: daß sie sich ihres Taseins als Ganzes bewußt bleibe, sonst geräth sie in Verfall oder Zerklüftung. Tenn so wie ihr das Bewußstein ihres Taseins abgeht, ist sie sich selbst freind, sich selbst ein Räthsel geworren! Ist riese Wahrnehniung im Allgemeinen begründet, so nmß sie noch in einem höheren Grade bei dem Judenthunie ihre Geltung und Anwendung haben, bei dem Iudenthume, welches mit allen Fasern seiner Existenz i» dem Boden der Geschickte wurzelt, welches seine Berechtigung, seine Weihe unt Bedeutung in der Vergangenheit erkennt, welches außer ter gemeinsamen religiösen lleberzeugung, die es zusammenhält, kein anderes Bindettnittel besitzt, das eS vor Zersetzung und Auflösung bewahren könnte, als eben das der (Geschickte. Wenn in neuerer Zeit so vielfach über Lässigkeit int Glauben, über Zerfahrenheit, Tbeilnahmslosigkcit und ähnliche bedauerliche Mißstände geklagt wirk, so ist diese Erscheinung größtentheils in dem Abhandenkommen des historischen Bcwußffeins begründet, welches Bewußstein in ftübern Zeiten unter ungleich schwereren unk prüsungsreickeren Verhältnissen so glänzend in der Erkaltung res Iudentdums sick bewährte. Ja, ckerem stank dieses Bewußstein Höker unr kräftiger im Herzen des jüdischen Volkes da als Keule. Ehedem bot die allgemein verbreitete Nenn kn iß rer kciligen Sckrift, und der nackbiblischen Literatur genügenden Stoff dar, um ein starkes unbesiegbares Selbstbewußtsein im Iudenthume zu erzeugen. Seitdem es aber durch deu Gang der Zeiten dahin gekommen, daß kiese Lekrgcgenstände nickt mehr in einem genügenren Ausmaße ker Jugend geboren werden können: nachdem ferner die vervielfältigten Verübrungen mit rem prattstcken Verkehrsleben auck rie Uebnnge» jener Bräucke unr Satzungen erschweren, rie sonst in ren engeren isolirtcn Preisen anf's strengste cingekalten wurke», ist uns rie Xenntniß unserer Geschickte (die sich bis jetzt smnbolisch in rcn wohlvcmantenen Bräuchen erhielt) ein um so größtres Vetürsniß geworren. Sie muß dazu rienen, rast sich das Iudentkum seiner Wesenheit, seiner Ausgabe unr Bestimmung klar unr enlschiercn bewußt werde. .״Ueberries beruht ein großer Tkeit unserer Religionsgesetzc, der biblischen sowohl wie ker uackbiblischen rabbiniscken Gesetze) aus rein historischer Grundlage, ohne reren .stenntniß rie Uebung rersclben zu einem leeren Formelwerk, zu einer bloßen׳ mechanischen Verrichtung herabsinken müssen, ohne Weibe unr erkebenre sittliche Wirkung. Sc haben alle unsere Festunk Feiettage eine äußere Begrünknug, ker Sabbat, tas Wochen׳, Hütten und

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