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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-08-03 · 1 (3.8.1860) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
1 (3.8.1860)
Date
1860-08-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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—•»» 3 m״— Lehrer für vorgerücktere Talmudschüler renommirten Talmudisten, R. MofeS SchmerlS aus BoSkowitz genoß. Hier, wohin ״Mosche Dcffau's" Licht schon gedrungen war, scheint er einige Bekanntschaft mit der hebräischen Grammatik gemacht, seine Schulkenntniffe uni etwa« weniges erweitert zu haben, und durch nianche Erscheinung, welche sicb dem klugen;!naben darbot, von der ersten dunklen Ahnung erfaßt worden zu sei», daß es gar so vieles und mannigfaches Andere noch zu lernen gebe. Nur ein Jahr dauerte dieser Aufenthalt in der fremde, den» es hatte sich inzwischen im GebnrtSorte ein' reisender Pole, der von Rabbinern und andern Notabilitäten als tüchtiger Talmudgelehrter und sehr froyinier Mann enipfohlen worden, angesiedelt. Diesen! ward der kleine Lob von seinen ob der Acquisition sich glücklich preisenden Eltern zun! ferneren Unterrichte, d. h. zur Ausbildung für die Jesckrwah anvertraut. Daß die Lehrer jener Zeit, die Talmudlchrcr insbesondere, weit da׳ von entfernt waren, irgendwelchen vernünftigen Ansprüchen heutiger Padagogik und Methodik zu genügen, sowohl in Rücksicht auf Behandlung der Zöglinge als auf Auswahl und Behandlung des Lehrstoffes, ist bekannt. . Ganz und gar das Widerspiel eines Lehrers und Erziehers aber war jener Pole mit seinem schroffen, finstern, durch traurige Lebenserfahrungen noch verbitterten Naturel, niit seiner menschenscheuen, in sclbstgäleriscker Askese sich gefallenden Lebensweise und endlich durch die ganze Art und Weise seines Unterrichtes. Lange vor Soiinenaufgang saß bereits der neunjährige >! nabe bei diesem Meister vor den! ansgcschlagcncn Folianten, und mit der kurzen nothwendigcn Unterbrechung für Beten und Essen pflegte bis zur Mittelnachtöstnnde, oftmals ganze Näckte^ hindurch, der Bortrag zu dauern, wobei der Lehrer mehr den Rabbinatsposten, auf den er aspirirte, als die .straft und das Fassungsvermögen eines gewöhnlichen Knaben dieses Alters vor Augen hatte. Glücklicher Weise war der Schüler vorbereitet genug, und brachte nebst der Wißbegierde, dem Eifer und dem Gedächtniß auch noch Elasticität des Geistes mit, um solchem Unterrichte folgen "und daraus Nuhen ziehen zu können. So kam es, daß er noch vor vollendetc»! l l. Jahre die gewichtigen Abschnitte: N'L'IQ אלו , >DN ׳בל הכשר, גיד hl den größten Theil des Traetates Ehulin mit Eoinmcntare», Scholien und Novellen, älteren und jüngeren, und selbst die bezüglichen Eokcp Abschnitte voUkoiumen iiine hatte und — wie in der Kromaner-״Gasse" noch nach Jahren als Wunder gerühmt wurde — so sicher und gründlich wußte ״wie Einer derbesten Backurim." Außer׳ den! Talmuknntcrrickte wurden nur wenige Stunden wöchcntliä» der Sidrah gewidmet: von ״Nkbciidngen" durste keine Rede sein und noch weniger — wie bei solcher Beschäftigiiiig und bei den ärmlichen Berhältnissen des Elternhauses leicht begreiflich — von körperlicher Erholung und Zerstreuung. Nur höchst selten ward dem;!naben erlaubt, den Herrlichcn fürstlichen Garten, der den sämmtlichcn Bewohnern von Stakt und Ghetto geöffnet war, zn betreten: und als sich's eine gutherzige Verwandte einmal einsallen ließ, ihn zun! Lohne für ein glänzend bestandenes ״Verhör." auf den Markt zu sükrcn, wo fahrende Künstler die sckausnchtige Menge bc lnstigtcn, da wurde diese Ausschreitung von dem finsteren Polen auf's fürchterlichste an dem armen Schüler geahndet. Sckarse Hiebe mit der Schneide des Lineals sielen ohne Erbarmen ans den schon danials nnr dünn mit Haaren bedeckten Scheitel des jammernden;!naben, jeden Streich bcgleitcte der Lehrer höhnisch, im singenden Gemaraton, niit der wiederholten Frage: Weißt du denn nicht, daß א'| הללבין לטרטיאלת '■ ') »nd vieler gut ״aufgesagter Leicnen" und vieler dein! Studium durchwachter Nächte bedurfte es, um den Zorn des fanatischen Lehrers zu beschwichtigen. So düster und freudlos, unter mannigfachen Entbehrungen, unter Anstrengung und Ucberbürdung stoßen die ersten Jahre Sckwab's dahin. Er theiltedies Loos mit manchen unserer hervorragendsten Männer vergangener Zeiten. Den meisten unserer Leser sind solche Zustände beinahe schon unfaßbar geworden. Gar manche duft- und ftuchtverheißende Pflanze mag vom Frosthauche solcher Behandlung ftühzeitig erstarrt sein, und groß ist gewiß die Zahl derer,' welche ähnlichem, die Tragkraft des jugendlichen KörperS, Geistes und Gemüthes übersteigendem Drucke erlegen sind. Wie viel lichtscheuer und menschenfeindlicher FanatisniuS, wie viel Verknöcherung und dürre Einseitigkeit mögen nicht in solchem Jugendleben ihre Wurzel gehabt haben'? Und wenn Andere, später hinaustretend in eine offene, lichte Welt und dieser ganz sich hingebend, nur vom Grimm erfaßt wurden bei der Erinnerung an die Vergangenheit und Hohn «nd Spott nur kannten gegen alles alte und überkonimene Heilige und Ehrwürdige, mag nicht der Grund hievon auch in solch' verkehrter Jugenderziehung zu suchen sein? Ganz und gesund tnigen wohl nur Wenige Herz und Sinn aus solchen Marterkammern des Geistes davon. — Zn diesen Wenigen gehörte der Knabe L.'Schwab. Wie׳ im Aeußern fteundlick! und annurthig, so bewahrte er auch im Innern— wenn anck nothwcndiger Weise ein gewisser Ernst früh sich darüber lagerte — ein offenes Gemüth und einen angeborenen Schönheitssinn, bewahrte jene Fülle jugendlicker Friscke und sonniger Heiterkeit, die ihn noch in späten Jahren, bis körperliche Leiden und mancher Seelenschmerz ihn drückten, so herrlick ausgezeichnet. Außer den! Bedauern, daß seinem mächtigen Drange nack Wissen nickt anck in anderer Ricktung Genüge geschehen konnte, blieb kein anderes Gefühl in seiner Bn!s« zurück, als das der Anerkennung für den ernsten, strengen Rabbi, ״der ihm gezeigt, was gründliches Talmudstudiui» heiße." — Der Wahrheit zur Ehre müsse» wir aber sagen, daß anck der Lehrer, bei all' seiner Strenge und Härte, den Vorzügen und der Reife deö Sckülers die Anerkennung nickt schuldig blieb, und als Ersterer seinen Wohnort zu verlassen beschloß, nahm er keinen Anstand, den! V>fter unseres L. Sckwab anznratken, daß er sein cilfjährigcs Söhnchcu geradezu nach NikolSbnrg führe. j Nack NikolSbnrg, der ersten, größten »nd angesehensten Gemeinde Mäh- ׳ rein?, dem nichrhiinderljährigeii Sitze des religiösen Oberhauptes der mäkri- [ scheu Judensckast! Vor den SberLandcsrabbiner R. M. Benedict, vor den wegen hoher Frömmigkeit, tiefer (Gelehrsamkeit und wegen in ihrer iniposanten | Wirkung sprichwörtlich gewordene» Strenge gepriesenen, verehrten und gefürckteten Man» trat im Frühling lSOf> Vater Markus Schwab, seinen Sohn Löw an der Hand. Als er auf den Friedensgriiß des Rabbi und dessen Fräge nach seinem Begehr ihm seinen Sohn, dem der kleine Wuchs ein noch jüngeres Aussehen gab, vorstellte, da herrschte ihm der strenge Mann unwillig die Worte zu: Bin ick etwa ein -Metamer׳? (Lehrer kleiner Zünder).- Doch nicht eingeschüchtert, sondern gehoben vom väterlichen Stolze auf sein Kind, antwortete der Vater״. Verzeihet. Rabbi, ich bin nur -ein unwissender Mann, ein Anlhoorez, dock kenne ich den Spruch des Weisen: ,,Seh' nickt auf's Geschirr, sondern ans ten Inhalt." *) Betroffen von dieser Antwort, worauf der gute Alte bis zu seinem Tode stolz war, hieß der große Landes- Rabbiner den Knabe» näher treten und konnte dann sei» Staunen nicht unterdrücken ob der Reife und des sicheren Wissens, wie cr's in dieser unscheinbaren Hülle nickt vermnthct hätte. — Freundlich entließ er den Vater mit seinem Segen »nd den besten Versprccknngcn in Betreff des Knaben. Lchtcren empfahl er wegen seiner großen Jugend vorerst dem in großem Ansehen stehenden Präses des Rabbinats (^olleginins, dem Rosch bcth-bin N. M. L. Zilz, welcher einen -Kreis jüngerer Talmudsckülrr um sick vcrsammelt hatte, nahm ihn aber im folgenden Jahre schon in die Reihe seiner eigenen Schüler ans. Ungefähr zwei Jahre dauerte diese erfte Jeschiwa Periode Schwab's, während welcher er. zwar in seinen Studie» die glänzendsten Fortschritte machte, aber dort, noch nickt Backnr genug ward, mit für seine materielle Subsistenz selbssständig sorgen und die armen Elter» fernerer DPfer überheben, zu können. Letzteren mußte die Erhaltung des Sohnes in der Fremde um so schwerer fallen, als die Kriegswirren des Winters IKOJ.l», die Ueberschwcnimniig der Gegend mit feindlichen Truppen den ohnehin geringen Erwerb noch mehr geschmälert hatten. Willig folgte daruin Schwab, nachdem er noch durch seinen Barniizwah- Vortrag zn Hause geglänzt hatte, dem Rathe eine andere Schule*;»^ besuchen, wo die Munificcnz der Gemcindc ärnieren Talmud-Jüngern>1chr unter die Arme griff, wo R. Mose Sopher seit Kurzem den Rabbinats- und Lehrstuhl zierte,'— die Schule in Preßburg. Dorthin kam L. Schwab im Frühjahre 1807 mit wenigen Groschen, die ihm vom knappen Reisegelde geblieben waren, und einigen Empfehlungen, die ihm ein Wiener Gönner seines BaterS niitgegeben, in der Ta^he. (Fortsetzung folgt ) ') Aboth 4, SO. ‘) Mau gehe nicht in die (römischen) Theater. Aboda Sara 18, 6.

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