Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Programm und Probenummer
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. i. »- , - . Herr Br-nner am Schluß semer Rede erklärte, er sei aller juridischen Waffen bloß und ledig — Herr Brunner erschien nämlich ohne Advokat — als ob die Wahrheit, um zum Siege zu gelangen, dergleichen bedürfe! Kntilmnl-ökonomische Mefe.') Berlin. V. ES ist eine alle Beachtung verdienende Erscheinung, daß keine Wissenschaft den Juden bisher sowohl der großen Menge als selbst denen, die Zeit, Gelegenheit und wissenschaftliche Vorbildung dafür in hinlänglichem Grade besitzen, so fremd geblieben ist als die National-Oekoncmie. ES ist wahr, sie wird praktisch am meisten von den Juden geübt, aber würden sich dieselben nicht-vor vielcni Schaden bewahrt haben und ferner noch bewahren, wenn die Gesetze dcrselben, die die Wissenschaft aus einer mehrhundcrtjährigen Erfuhrung als die einzig richtigen abstrahirt hat, gerade unS Israeliten nicht so fremd sein würden, die wir nun einmal durch die Borurthcile der Völker gedrängt und gezwungen sind, unfern Unterhalt meist durch den Handel zu erwerben. Wie viele unserer Glaubensbrüder würden in den letzten schweren Handelskrisen nicht ein Opfer derselben geworden sein, wenn He den Unterschied zwischen Geld und Kapital festgehalten hätten, wenn sie die Gesetze deS Credit», wie sie die National-Oekononiic hinstellt, begriffen, bei^ ihren Unternehmungen an daS Verhältnis;, daS nothwendig zwischen Angebot und Nachfrage bestehen muß, gedacht hätten; die Aufklärungen, welche diese Wissenschaft einzig und allein über alle diese Materien -zu geben im Stande ist, mangelte ihnen, und sie mußten diese Unkcnntniß nnt ihrem materiellen Ruin büßen. Mit richtigem /Blicke haben Sie, Herr Redacteur, die Bedeutung dieser Wissenschaft speciell für unS Juden erkannt und derselben in Ihrer Wochenschrift einen Platz eingeräumt. Ich will versuchen, den Leserkreis Ihres Blattes mit den richtigsten Volkswirthschaftlichen Vorkommnissen bekannt zu machen, um an den wechselnden Erscheinungen deS LebenS die wichtigsten national-ökonomischen Gesetze zur Anschauung zu bringen und klar zu machen. Gestalten Sie mir zunächst sür heute daS so viel geschmähte Hausirergewcrbe in ein besseres Licht zu setzen; als dieses bisher geschehen ist. Mit Verachtung sieht alle Welt ans daS Gewerbe eines HausirerS, seine Arbeit uennt man unprvductiv. Wir wollen uns hier nicht auf eine Erörterung darüber einlassen, ob, wie die Natioual-Oekonomen behaupten^ die Arbeit de» Kaufmanns überhaupt mittelbar oder ^nmittrlbar^rvvücnv sei, wollen nur nachweisen, daß daS Gewerbe deS HausirerS das dem Menschen Wichtigste producire, d. h. schaffe, zur Verfügung anheimstelle, die Zeit. Nicht jedes Dorf vermag einem Kaufmanne, der sich in demselben niederlassen würde, ein Auskommen zu geben; so hat sich denn in den meisten Ländern die Sitte eingebürgert, daß in gewissen Plätzen an gewissen Tagen Märkte abgehalten werden, d. h. daß Kaufleute dahin kommen mit ihren Waaren, um den Bewohnern der umliegenden Dorfschaften Gelegenheit zu geben, ihre Bedürfnisse anzukaufen. Wir fragen nun einfach, wo wird der Landmann daS, dessen er benöthigt, billiger und besser ankaufen? bei dem Kaufmanne, der ihm fremd ist, der den Jahrmarkt vielleicht einmal besucht und nie wieder, oder bei dem Hausirjuden, der die Kundschaft vielleicht von seinem Vater übernommen, der sich hüten muß, seinem Abnehmer schlechte und theure Waare zu geben, weil ihm daran liegen muß, den Bauer und mit ihm seinen Anhang von Freunden und Bekannten zur Kundschaft zu behalten? Wir fragen ferner, ist der Jude nicht productiv, der den Bewohnern eines Dorfes erspart zur Stadt zu gehen um ihre Bedürfnisse einzukaufen? Von welcher Wichtigkeit dem Landmanne zu gewissen Zeiten ein Tag ist, den er der Feldarbeit nicht zu entziehen nöthig hat, habe ich wohl nicht nöthig auseinanderzusetzen. Man wende mir nicht ein, daß der Landmann sein Weib zu Markte schicken könne, muß ') »nmerk. d. Redaction. Wir hoffc», daß «S die Leser nicht zu sehr befremden, ja Bielen derselben erwünscht sein werde, Aufsätze ähnlicher Art in unserem Blatte zu findsu. — Jndcß wie triftig die von dem gesch. Einsender vorgebrachten Argumente zur „Rettung des HausirerS" vom allgemein menschlichen und national-ökonomischen Standpunkte betrachtet auch sein mögen; so verwahren »vir uns doch dagegen, als sollte damit hem Berharren vieler unserer Glaubensgenossen in diesem Stande oder gar dem Ergreisen diese« Erwerbszweige« durch da» heranwachsende Geschlecht das Wort geredet werden. — Im Schweiße seines Angesichte« mehr al« manch' Anderer und mit unsägliiher Müh' und Roth erwirbt der arme'H-usirer in kargem Maße sein tägliche« Brod und muß noch obendrein den Hohn und die Verachtung tragen und den Borwurf der Arbeitsscheu vom vorurtheile sich und seinem Stamm zuschleudern lassen. — Muß e» nicht schon darum jeden warm fühlenden J«raelit«n freuen, daß die Zahl der dem Handwerke und dem Ackerbau sich widmenden täglich größer wird, und muß er nicht den zur Berbreitung dieser letzteren BerufSarten bestehenden und entstehenden vereinen Segen and Gedeihen wünschen? ') Dieser Unterschied ist auch außerhalb der jüdischen Kreise nicht genug gekannt, «ewei« dessen ist die oft gehört« Losung: Die Juden h-bea Geld! Wenn sie welche« Hat«, so ist e« ihr »apikal, der Grund und v-deo, von dem fie leben. sie doch in den meisten Fällen die Arbeit deS Mannes theilen. Sehen wir doch einmal, welche Nolle der Hansircr in dem freien Nordamerika spielt. Nichts da von Verachtung. Er arbeitet, arbeitet im Sckwciße seines Angesicht«, Grund genug ihn zu achten, ihm nicht seine Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft durch Hohn, Spott und amtliche Vcration zu erschweren; dort weiß man den wirthschaftlichen Nutzen deS HausirerS z» würdigen und denselben demgemäß zu behandeln. Habe ich noch nöthig, die Vortheilc hervorzuheben, die ganzen Gemeinden dadurch, daß sie ihre Bedürfnisse vom Hausircr entnehmen, in moralischer Beziehung erwachsen? Man besuche nur die Schenken eines Marktplatzes an einem Markttage und man wird erschrecken über daS wüste Lärmen und Schreien in denselben, die sämmtlich mit marktbesuchcnden Lantlcuten angefüllt sind. Man sehe nur den Jammer der Weiber, die ihre Männer zur Heimkehr bewegen wollen, eS aber nicht vermögen, denn Trunkene gehorchen nicht mehr der Ctinnnc der Vernunft. Ich unterlasse eS, die Scenen, die solche Markttage bieten, weiter auszumalen und begnüge mich den Satz hinzustellen, der sich auS dem oben Gesagten ziehen läßt, daß die Moral deS Landvolks dnrm daS Besuchen der Märkte gefährdet wird und daß der Hausirjndc, der einzig und allein jenes Besuchen vcn Märkten unnöthig macht, zur sittlichen Hebung ganzer BolkSklassen viel beiträgt. Dieses Bewußtsein stärke und erhalte ihn in seinem schweren Berufe; die bessere Einsicht, die sich in alle» Verhältnissen Bahn bricht, wird auch ihm die gerechte Anerkennung nicht lange mehr vorenthalten können. —^» — Ajier!! ris ckcs. „Charakter-Bilder" aus der jüdischen Geschichte. Von der Erbauung de» zweiten Tempels bis auf die neueste Zeit. Herausgegeben von Ignatz Friedmann. Pest. 18LV. Verlag von Robert Lampel. Wir begrüßen da» erste Heft der „Charakter-Bild«" als eine sehr willkommene Gabe. ES ist zwar kein systematische« Lehrbuch, eS ist aber eine systematisch zusammengestellte Reihe von Lebensbildern, die zusammen dem Leser den Faden der Geschichte an die Hand geben, und von Esra und Nchemia bis zu Simon ben Schctach und Juda Hanassi, also bis ins>2. Jahrhundert deS Exils reichen. Diese „Charakter-Bilder" sind in fließendem Styb geschrieben, und «achen oebft der Geschichte dn. vorgeführten Personen auch mit den gleichzeitigen ^lt^icken der judrsrhen^ RÄ'»^ zu ksen, wie dieses Buch ist, wird es nicht wenig dazu beitragen, die Leser angenehm zu belehren, und den Geschmack für Geschichte in weiteren Kreisen zu erwecken. Eine Fortsetzung dieser „Charakter-Bilder" wird erwünscht sein, mid glauben wir daher den Herausgeber dazu ermuntern zu sollen. Doch möge auch die Theilnahme deS Publikums den Verfasser zur Fortsetzung seines verdienstlichen Werkes anspornen. Morgtnlimäi5cl»e <6r?MunIkn. <Fnbcln, Agrnäcn. Gecktkle u. s. w.') von vr. Walther Bchrnauer in Wien. Man erzählt, daß Abraham eincS TageS am User des Sees von TiberiaS (Capernaum) vorüberging. Er sah da einen todtcn Körper liegen. So oft al» eine Welle anS Ufer schlug, schnappten die Fische nach diesem Aas, um eS zu verzehren und waS die Fische übrigließen, daS verzehrten die Vögcl und daS waS die Vögel wegwarfen, daS zerstreute der Wind. Abraham sprach: „O mein Gott, laß mich sehe», wie du daS Todle belebtest?" Darauf erscholl die Antwort: „Nimm vier Vögel und schneide ihnen die Köpfe ab, mische das Fleisch und die Haut zusammen und hacke sie ^i» kleine Stücke. Darauf theile eS in vier Theile und lege auf die Spitze jedes Berges eine» Theil!" Darauf nahm Abraham eine Taube, eine» Hahn, eine Krähe und eine GanS, tödtcte sie und hackte sie in kleine Stückt. Er legte sie auf vier Berge. Ihre Köpfe aber nahm er in die Havd und stellte sich an den Fuß des BergeSl Sogleich kam Brust an Brust und Flügel an Flügel. Wie er bei dem ersten Ruhchalt zurückkam, flogen die Vögel ohne Köpfe und kamen zu jAbraham, damit er ihre Köpfe wieder mit ihrem Körper verbinde. Darauf ließ Gott der Erhabene an ihn die Offenbarung ergehen: Ich habe diese Welt erschaffen gleich einem Hause und habe sie auf vier Pfeiler gegründet und vier Wände zum Nutzen aller Geschöpfe gesendet: den Nord-; Süd-, Westunh Ostwind. Wenn nun der Tag der Auferstehung kommt, so vil> den sich die Körpermassen dcr Todten wieder aus diesen vier Pfeilern der Welt so gut wie sich jene vier Vögel wieder gebildet haben. Mqn kann diese Wundcrthat Abrahams nicht leugnen, da der Koran deutlich davon spricht. ») Nach persisch«» Handschriften.