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Der jüdische Handwerker · 1936-12-01 · 12 (12.1936) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
28 (1936)
Issue
12 (12.1936)
Date
1936-12-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Abschaffung des Lehr' und Kostgeldes Wie in der Tagespresse mitgeteilt wurde, soll in dem zu schaffenden reichseinlieitlichen/ Lehrvertrage für alle Handwerklichen Berufe der Grundsat/ durchgeführt werden, daß Lehr- und Kostgeld n i c h t m e h r v e r I a n g t werden darf. Dagegen wird in einem Erlall des Reichs* finaii/ministers den Lehrmeistern gestattet, die ihnen durch Aufnahme des Lehrlings in die Hausgemeinschaft entstehen; den Beherbergungskosten bei Ermittlung ihrer steuerlichen Einkünfte als Betriebsausgaben in Abzug zu bringen. Handwerkserzeugnisse im Außenhandel In der letzten Nummer dieses Blattes wurde schon darauf hingewiesen, daß in dem Bericht üher die letzte Leipziger Messe das große Interesse der. ausländischen Einkäufer für ho eh wertige Handwerkserzeugnissc mit besonderem Nachdruck erwähnt worden ist. Das Handwerk arbeitet nicht, wie bisweilen irrtümlich behauptet wird, nur für den örtlichen Markt. Vielmehr ist die handw erkliene Wertarbeit an der deutschen Ausfuhr schon jetzt in erheblichem Umfange beteiligt. Wie der Generalsekretär des Reichsstandes des deutschen Handwerks- Dr. Schüler kfirzlicn in einem in Hamburg gehaltenen Vortrage mitteilte, wird die Handwerksausfuhr mit allen Kräften weiter gefördert werden. Zu diesem Zweck hat der Reichsstand bereits eigene A u s f u h r f ö r d e r u n g s s t e 11 e n in Leipzig, Berlin und München ins Leben gerufen. Ihre Leitung liegt in den Händen erfahrener Auslandskaufleute. Weitere Förderungsstellen sollen in Hamburg, Frankfürt a. M. und Königsberg geschaffen werden. Im nächsten Jahre wird der Rcichsstaud des deutschen Handwerks eine eigene Ausfuhr/eitschrift herausgeben. Im Hause des deutschen Handwerks in Berlin gibt es eine ..Ausfuhrstelle des deutschen Handwerks GnihH", die r$ .ls >iter a d e 4 d zt und we R: di w i 11 L das scjll I I tc Die Jüdische .rutschen Exporteuren und ausländischen Einkäufern ersparen soll, mit vielen einzelnen Handwerksbetrieben zu rhandcln. Die Ausfuhrstelle ermöglicht c> ihnen, -mit einer enzigen Stelle größere Abschlüsse >u tätigen. Die Ausfuhrstelle soll aber nicht den Exporteuren Konkurrenz machen Se will sie vielmehr zur Mitarbeit gewinnen. Das gemeinsame Ziel aller dieser Maßnahmen ist es, eine zusätzliche Ausfuhr typischer H a n d w e r k s e r z c u g - isse zu erreichen. r ■ : ■ -. .. ■ .1. ~ Die Lehrbetriebe im Handwerk Der Reichsstand des deutschen Handwerks hat die Vorijbeiten aufgenommen, um nach dem Mcistcrprulungsauch Gesellen- und L e h r I i n g s p r ü f u n g s w e s e n heitlich für das ganze Reich zu regeln. Der Kreis der Errungen bezieht sich auf folgende Fragen: Aufnahmebem. linken für Lehrlinge, Berufsausbildiin^splan und Lehritdauer, I'rüfungsanforderungen für die Zwischenprüfungen für die Gesellenprüfungen, Anforderungen an die Lehrirkstätten und Lehrlingshöchstzahl. Der Generalsekretär des ■ichsstandes Dr. Schüler hat kürzlich darauf hingewiesen, ß der Zustrom zu den Meisterprüfungen von Jahr zu Jahr ichse, und daß sich damit auch die Zahl der Lehrbetriebe mer weiter vermehre. Schon_heute gebe es 7 01)000 iind Werksbetriebe, die die Ausbildung v o n eh Hingen vornehmen konnten. Alljährlich bilde Handwerk zwischen 50 000 und 100 000 qualifizierte. Gecn aus, die dann teilweise auch als Facharbeiter in der Industrie und in anderen Gruppen der Wirtschaft tätig seien, könnte aber die doppelte Zahl von F a c Ii a r b e i - rn ohne Schädigung der Qualität vom Handwerk ausgebildet werden » . Zum zweiten Male hat die Jüdische Winterhilfe ihre segensreiche Tätigkeit begonnen. Sie hat alle jüdischen Menschen in Berlin aufgerufen, mitzuhelfen, daß das große Werk jüdischer Nächstenliebe gelinge. Vier Wochen sind jetzt seit dem Beginn der Arbeit der jüdischen Winterhilfe in Berlin und im Reich vergangen. Am Vorabend des Jauni Kippur traf die Genehmigung der zuständigen Behörden zur selbständigen Durchführung der Jüdischen Winterhilfe in gebender und nehmender Form ein. Wenn in dieser erstaunlich kurzen Zeit ein solches Riesenwerk nicht nur aufgebaut werden konnte, sondern bereits 14 Tage nach Eröffnung die ersten Verteilungen stattfanden, so ist dies nur durch die aufopfernde Zusammenarbeit, durch die hingebende Hilfe aller freiwilligen Kräfte ermöglicht worden. Es ist keine leichte Aufgabe, die die Jüdische Winterhilfe in diesem Jahre durchzuführen hat. Die Zahl der Hilfsbedürftigen ist gewaltig gestiegen; das geht schon daraus hervor, daß die Zahl der Antragsteller jetzt bereits doppelt so hoch ist wie zu dem gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres. Andererseits ist die Zahl der Geber stark zurückgegangen. Wie mancher Brief, der den' Aufruf der Jüdischen Winterhilfe enthielt, ist mit dem Vermerk zurückgekommen: „Adressat ins Ausland verzogen*'. Viele von denen, die im vorigen Jahre noch zu den Gebenden gehörten, sind in diesem Jahre Nehmende geworden. Doppelte Anspannung aller Kräfte ist also notwendig, wenn das große Werk gelingen soll!. Auch in diesem Jahre verteilt die Jüdische Winterhilfe au ihre Betreuten Lebensmittel, Kartoffeln, Kohlen und Kleidung. Das System der Gutscheine hat in diesem Jahre insofern eine Aenderung erfahren, als diese Gutscheine einheitlich für das ganze Reich gestaltet werden und von der Reichsführung des Winterhilfswerks des Deutschen Volkes genehmigt werden müssen. Sie werden in allen Geschäften einlösbar sein und, da der Betreute freie Wahl hat, wird der sicherlich den Vorzug erhalten, der am reellsten bedient. Man muß sich einmal vergegenwärtigen, welchen bedeutungsvollen Faktor die Jüdische Winterhilfe auch für das Wirtschaftsleben darstellt. Wenn wir hören, daß z. B. die Versorgung der Hilfsbedürftigen in Berlin mit Kartoffeln SO Eisenbannwaggons, also einen ganzen Güterzug für die Menge der zu liefernden Kartoffeln benötigt, wenn wir weiter bedenken, daß zahlreiche Angestellte mit ihren Familien Arbeit und Brot erhalten, dann wird uns klar, daß hier auch eine Winterhilfe in einem noch ganz anderen Sinne geleistet wird. Rechnen wir die ungeheure Zahl der Drucksachen dazu — bei einer einzigen Haussammlung werden ca. 155 000 Wertzeichen verbraucht, — so sehen wir, welche Winterhilfe im zweiten Jahr Bedeutung für das Gewerbe die Jüdische Winterhilfe bereite erlangt hat. Und nun denke man noch au die zahlreichen anderen Gewerbetreibenden und Handwerker, die durch die Winterhilfe Arbeit erhalten: die Schneider, die gespendete cioffe verarbeiten, die Fuhrleute und Autovermieter, die ransporte ausführen, die Rapierwarengeschäfte, die Schreib- // Hilfe und Aufbau' Auf verschiedene Anfragen hin wird mitgeteilt, daß die aue Beitragskarte" eine ständige Einrichtung ist und S b e ii der Winterhilfe bestehen bleibt. 1)1 material liefern, die" Radiohändler, die Ersatzteile liefern, die Tischler, Bäcker, Schuhmacher, Bauhandwerker und .zahlreiche andere Gewerbetreibende^, die alle durch die Jüdische Winterhilfe in Nahrung gesetzt werden; dazu noch die große Zähl der kleinen Existenzen, die Schuhwaren, Wäsche, Bekleidungsgegenstände anderer Art liefern. Wir freuen uns, daß wir in diesen wirtschaftlichen Fragen einen so sachverständigen Mann wie Herrn Wilhelm Marcus als Beirat haben, der Uns jederzeit mit seinen Kenntnissen und seiner praktischen Erfahrung in Rat und Tat zur Seite steht Aber noch von einer anderen Auswirkung der Jüdischen Winterhilfe soll hier gesprochen werden, die sich nicht in Zahlen ausdrücken läßt. Das ist die seelische Auswirkung der Jüdischen Winterhilfe. Wir denken hierbei nicht nur an die große Zahl der künstlerischen Veranstaltungen, der Konzerte und heiteren Abende, die bedrückten Menschen lichte Stunden bereiten. Wir denken nicht nur an die aufmunternde Kpft seelischer Beratung, die der von Sorgen bedrückte Miensch empfindet, wenn der jüdische Bruder als Helfer in seih Haus kommt. Wir meinen vor allem jene gewaltige Kraft, die dem jüdischen Leben einen ganz neuen Jmpuls gegeben hat. Alle Richtingen, alle Generationen, alle Geschlechter haben sich hier vereint, um gemeinsam an diesem Wierk zu arbeiten. Und selbst die, die dem Judentum bisher ganz fern standen, erinnern sich ihrer Herkunft und ihrer Verpflichtung der jüdischen Gemeinschaft gegenüber-. So ist eine neue Kraft jüdischen Lebens und jüdischen Einheitsfriedens entstanden, die uns neuen Mut schöpfen und voll Vertrauen in die Zukunft blicken läßt. Unsere Jüdische Winterhilfe Soll uns so zum Segen werden sowohl für die, die durch sie bedacht werden, als auch für die, die an dem großen Werk jüdischer Nächstenliebe mithelfen. Max Gundersheim. s

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