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Der jüdische Handwerker · 1936-10-01 · 10 (10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
28 (1936)
Issue
10 (10.1936)
Date
1936-10-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Jüdische Winterhilfe An die Judenheit Deutschlands! Zum zweiten Mal gehen wir, auf uns selbst gestellt, in den Kampf gegen Wintersnot und Kälte. Die Juden Deutschlands sind dem Ruf, der vor Jahresfrist an sie erging, gefolgt. So konnten wir allen Hilfsbedürftigen unserer Gemeinschaft in schwerer Wintersnot hilfreich zur Seite stehen/ Ueber 83 000 Menschen hat die Jüdische Winterhilfe in den Großgemeinden und in 'den , kleinsten Orten betreut. Ueberall wurde sie nicht nur als Mittel zur Linderung der Wirtschaflsnot, sondern stets auch als der Beweis der Einheit der Judenheit Deutschlands empfunden. Wir werden in diesem Winter vor schwerereu Aufgaben noch stehen als im letzten Jahre, weil die Not gestiegen ist und die Zahl der Menschen, die noch helfen können, immer kleiner wird. Aber die Not hatte in unserer Geschichte immer eine erweckende Kraft. Es kommt darauf an, daß -wir aus ihr einen Segen machen. Eine Gemeinschaft, die nicht von der Verbundenheit aller ihrer Glieder getragen wird, ist verloren. Wir wissen, daß die Forderung der Jüdischen Winterhilfe auch in diesem Jahre von allen Juden in Deutschland gehört werden wird. Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden Verband Bayerischer israelitischer Gemeinden Oberrat der Israeliten Badens Sächsischer Israelitischer Gemeindeverband Oberrat der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs Landesverbände der israelitischen Religionsgemeinden Hessens" Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland Allgemeiner Rabbiner-Verband in Deutschland Großloge für Deutschland ÜOBB. Jüdischer Central-Vere n Jüdischer Frauenbund I Reichsausschuß der jüdischen Jugen)Jverbände Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Reichsverband der Jüdischen Kulturbühde in Deutschland Reichsverband der jüdischen Lehrerlereine Vereinigung für das r.eligiös-Iiberale Judentum Vertretung der unabhängigen jüdischen Orthodoxie Deutschlands Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands Zionistische Vereinigung für Deutschland. Rechenschaftsberichtl935/36 Die Zentralwohlfahrtsstelle bei der Reichsvertreder Juden i'i Deutschland legt einen gedruckten Rechenschaftsbericht über die Arbeit der Jüdischen Winterhilfe im Jahre 1935/36 vor, für den Winter, der zum ersten Mal eine Betreuung! der jüdischen Hilfsbedürftigen durch Juden gebracht hat, während bis zum Frühjahr 1935 das Winterhilfswerk des deutschen Volkes in gleicher Weise die deutsche und die jüdische Bevölkerung umfaßt hatte. Der Grundgedanke der Winterhilfe, der Einsatz der Gesamtheit für jeden einzelnen Notleidenden, entfaltete in der nunmehr ganz auf sich selbst gestellten Judenheit Deutschlands höchste Bereitschaft. Hier war eine Gelegenheit, aus einer Not Neues zu gestalten, aus dem Ausgeschlossensein einen neuen Zusammenschluß zu erwirken. Daher ergriff die Losung der jüdischen Winterhilfje mit starker Gewalt die Judenheit Deutschlands. / Organisation und Umfang In kürzester Zeit mußten die organisatorischen Formen für die Durchführung der Jüdischen Winterhilfe geschaffen werden Durch die bezirkliche - derung der Arbeit wurde sichergestellt^ daß j e t t jüdische Gerne! n de, jeder «inzeTne J ud i■. in das Werli der jüdischen Winterhilfe eingegliedert worden ist. Keine jüdische (ierheinde Deutschlands hat sich, wie der Bericht besagt, von dieser Arbeit ausgeschlossen. Die Hauptlast der Arbeiten wurc e von ehrenamtlichen Helfern getragen. Die jüdische Presse stellte sich in voller Bereitschaft in den Dienst der Sache. Die großen Organisationen verpflichteten ihre Mitglieder zur Mithilfe am Werk. Einige Zahlen aus dem Rechenschaftsbericht, der ein erschütterndes Bild von der schweren wirtschaftlichen Lage der Juden in Deutschland gibt, seien hier erwähnt. Bei einer jüdischen uesamtbevojkerung von etwa 409 000 Seelen wurden 83 761 Hilfsbedürftige betreut. Das bedeutet, daß etwa 20 n,'o der gesamten jüdischen Bevölkerung in Deutschland, "f ast j cd er 5. Jude, unterstützt worden ist. In der Grenzmark. Posen Westpreußen war der Anteil der hilfsbedürftigen am höchsten. Der Bericht bemerkt, daß eine soziologische Bewertung dieser Zahlen auch heute noch zu dem wichtigen Ergebnis führe, =daß in vielen Fällen die jüdischen Gemeinden mit dem höchsten Anteil an Hilfsbedürftigen diejenigen sind, die den höchsten Anteil der ostjüdischen Bevölkerung an der jüdischen Gesamtbevölkerung haben. Dieses Ergebnis ist umso erstaunlicher, als gerade unter dem ostjüdischen Bevölkerungsteil die Abwanderung noch stärker ist, als unter der in Deutsehland geborenen jüdischen Bevölkerung. Weiter ist festgestellt, daß es bei der sorgfältigen Durchführung der jüdischen Winterhilfe gelungen ist, eine erhebliche Anzahl von Notleidenden zum ersten Mal zu erfassen. So wurden allein in Berlin von insgesamt 29 486 Betreuten 7 94 6 Per"-, sonen zum ersten Mal unterstützt. Die Leistungen Die hauptsächlichsten Leistungen Winterhilfe bestanden in der der jüdischen Versorgung der Hilfsbedürftigen mit Lebensmitteln, Kohle und Bekleidung. Für die Versorgung der über S3 000 Menschen ist ein Betrag von rund 3 644 000. — aufgewandt worden. Durch die Zuteilung von K o h 1 e n - G u t s c h.e i n e n erhielten 28 020 Parteien (Familien und Einzelpersonen) 175 346 Zentner Kohlen im Werte von RM. 211 042.— Besonders erheblich war der Bedarf an Kleidungsstücken. Gerade an Männerkleidung war eine außerordentlich starke Nachfrage vorhanden, während der Bedarf an Frauenkleidung verhältnismäßig leichter befriedigt werden konnte. Neben Leibwäsche wurde Haus- und Bettwäsche stark verlangt. Zu Channukah und am Ende der Winterhilfsaktion, zd Peßach, wurden Sonderbetreuungen vorgenommen. Die Beschaffung der Kleidungsstücke wurde in der Hauptsache bei kleineren und mittleren Geschäften und Betrieben durchgeführt. Eine besondere Freude konnte einer großen Anzahl von Betreuten bereitet werden, als eine große Kaffeesendung, die von Juden aus San Salvador für die jüdische Winterhilfe gespendet wurde, im Reich zur Verteilung kam. Hier hat nicht nur der selten gewordene Genuß von gutem Kaffee, sondern auch das Gefühl der Solidarität von Freunden im Ausland besondere Freude ausgelöst. 3

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