Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 28 (1936)
- Issue
- 9 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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PALÄSTINA Ein Jahr der Probe Von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wird uns der nachfolgende Artikel zur Verfügung gestellt: Die herkömmliche Uebung, am Ende eines Jahres Rückschau zu halten und die Entwicklung, deren stürmischem Tempo auch der Zeitgenosse kaum in seinem Bewußtsein immer /u folgen vermag, in einer Stunde der Besinnung zu prüfen, soll auch in diesem jähr nicht aufgegeben werden. Die Betrachtung hat sich mit vielen schwerwiegenden Ereignissen auseinanderzusetzen; aber nur Ehrlichkeit und klare Erkenntnis dürfen uns leiten, wenn wir an die Planung für die Arbeit des nächsten Jahres gehen. Die .Judenfrage in der Welt hat in keiner Weise mildere Formen angenommen; im Gegenteil, manche Länder bieten in dieser Hinsicht heute ein Bild, das von uns noch negativer beurteilt werden muß als früher. Die Bewegungen, die in besonders betonter Weise eine Verbindung des Staates mit dem Mehrheitsvolke erstreben, die eine gesteigerte Vorstellung von Wert und Herrschaftsrecht des eigenen Volkes mit erhöhter Empfindlichkeit gegenüber allen irgendwie andersartigen Teilen der Bevölkerung verbinden, sind allenthalben, besonders im Osten Europas, im Vordringen. Die Juden werden von dieser Entwicklung nicht allein betroffen -- sie teilen das Los mehr oder weniger aller Minderheiten — aber sie trifft es am härtesten, weil kein Mutterland mit staatlicher Gewalt und gewichtigem Einfluß auf dem Felde der internationalen Politik hinter ihnen steht. Betrachtet man heute die Judenfragc, so kommt nran schon fast zu der zwingenden Annahme, daß sie über einzelne Länderhinaus ein europäisches, zumindest kontinentaleuropäisches Problem geworden ist. Immer deutlicher wird, daß das Problem nicht letztlich von der Gestaltung des formalen Rechts, der Verfassungszustände und "Regierungsformen abhängig ist. ,Die Gesinnung verändert sich, und der Glaube an die innere Kraft des nationalen Gedankens findet nach außen hin nur zu oft seine erste Dokumentiertmg in der Ablehnung jüdischen Wesens. Das jüdische Volk, überall dieser Ablehnung in schwächerem oder stärkerem Grade ausgesetzt, muß danach trachten, sich ein Refugium zu schaffen, das dem Auswanderungsbedürfnis entgegenkommt, eine Heimstätte, in der es der Freiheit zur Entfaltung des eigenen Wesens sicher ist. Die .Motivation, die Herzl zur Erkenntnis des politischen Zionismus führte, tritt immer schärfer und überzeugender in Erscheinung. Es ist keine Frage, daß das' Werk des Zionismus in Palästina im abgelaufenen Jahre an Verständnis, Hilfsbereitschaft, Glauben in der jüdischen Welt gewonnen hat. Erez Jisrael ist heute in einem Grade das Zentrum jüdischen Denkens und Handelns geworden, den man noch vor 5 Jahren sich kaum vorzustellen gewagt hätte. Die Verbindungsfäden von der Golah zum Zentrum sind zahlreicher und fester geworden. Die Kenntnis des Hebräischen hat sich erweitert; die chaluzische Bewegung hat in diesem Jahre auch in Amerika festen Fuß gefaßt; der Vormarsch des Zionismus innerhalb der überlieferten Organisationsformen der Judenheit, in den Gemeinden und Gemeindeverbändcn, ist ein gutes Stück vorangekommen. Die Werbung der nationalen Fonds, Keren Hajessod und Keren Kajemeth Lejisrael, hat ein lebhafteres Echo gefunden, und wir könnten befriedigt uns eine Fortsetzung dieses Weges wünschen, wären nicht Ereignisse eingetreten, die von der jüdischen Welt den Beweis verlangen, daß ihre Palästinafreundschaft nicht eine Sache konjunkturbedingter Stimmung, sondern inneren, überzeugten Willens ist, der sich auch in kritischen Situationen bewährt. Die Unruhen in Erez Jisrael, die Hartnäckigkeit des arabischen WiL'derstandc.s, die vorläufige Ungewißheit in der politischen Entwicklung stellen unser Volk auf eine harte Probe. Die Schwere der Opfer, die Größe der Verluste dürfen trotzdem nicht entmutigend wirken. Wir müssen wissen und befreiten, daß unser Befreiungskampf ein Kampl dieses Wort im Jahre ',1936 vielleicht für Viele einen beziehu igsreichcren Sinn erhalten hat, sj muß es den entschlossenen Willen wecken, die Probe zu bestellen. Auf der Judenheit der Golah, um deren Recht auf Einwanderung ja der* Jischuw in Palästina heute der Anfeindung seinen schweigenden, aber beharrlichen Trotz entgegensetz!, ruht eine große Verantwortung: Sie muß Menschen und Mittel in gesteigertem Maße aufbringen, um unsere nationale Heinistätte, die /einzige, die wir haben, zu stützen und auszubauen. Wir vertrauen auf die Disziplin und Opferwjlßgkeit des jüdischen Volkes, die sich bewähren müssen, wenn die verantwortliche Leitung der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency in der Politik darum kämpfen, daß dem Volk das Land.erhalten bleibt, in das es ..Rechten-, und nicht aus Duldung'1 einwandern kann. Solidarität der Gesinnung und der Tat ist unsere einzige Waffe im Kampfe um unsere nationale Zukunft. Um ihrer Kinder und Enkel willen muß die jetzige Generation die Probe bestehen, d^e ihr auferlegt ist. Das Erlebnis der letzten Wochen zeigt, wie stark der" Wille ist. die Bedrängnis zti überwinden. Einmütig und geschlossen 'gingen unsere Menschen zur Alijah. Die Masseittransporte, die das Berliner Palästina-Amt in größter Beschleunigung abwickelte, w aren gewaltige Bekundungen "de«, unerschütterten Palästinaw illcns der Judenheit in Deutschland. In diesen Tagen brach durch, wie stark und innig heute die Beziehung zum Aufbauwerke , empfunden wjrd._ Jetzt gibt es keine Erklärungen mehr für eine Sache, die Palästina-Kalender 5697: Redaktion von Dr. Joachim Prinz mit Bildern von Aenne Mosbacher-Kassel, N'achum. Gidal und Helmar Lerski, Verlag: Jüdische Rundschau, Berlin W 13. Preis: RM 1.90. 1936. letztlich nicht die eigene ist: jetzt fühlen Alle, daß Erez Jisrael lebensmäßiger Besitz geworden ist. Eltern, Kiuder. Verwandte, Freunde, um alle bangt man. aber für alle hofft und kämpft und arbeitet man auch. .Gerade jetzt spüren wir. Wie wir alle mit einer Hälfte unseres Wesens in dein Lande leben, das „drüben" liegt und doch in unserem Herzen einen Platz in tler Galall sich erobert hat. Und wenn dieser Kampf heute schärfer geführt, wenn ein Mehr an Arbeit von uns erfordert wird - - wir sind entschlossen. Unsere Pflicht zu tun. Auch in der Geschichte des Zionismus gibt es ein Auf und Ab: Rückschläge und Depressionen sind möglich, aber der feste Wille eines Volkes ist noch immer auf der Welt eine Kraft, an der andere Kräfte ihre Grenze finden. Die Erinnerung an frühere Schwierigkeiten gibt uns Mut und Ausdauer;' 3< j Jahre haben die Judenheit in Deutschland mit dem Jischuw in Erez Jisrael unzerreißbar verknüpft. Wir leiden gemeinsam, wir hotten vereint, und sind gewiß, daß gemeinsamer Kampf seine Frucht tragen wird. AUS DEM INHALT: / Das neue Patent- und Warenzeichengesetz / Von Oipl.-Ing. Marcus« Gedanken zu Rausch haschono 5697 von Dt. m m. Auswanderung*- und Devisenrecht y°" Dr. Heim Cohn - Zur Jahreswende Das tägliche Recht Steuerecke Palästina, ein Jahr der Probe Existenz- und Niederlassungsmöglichkeiten Kulturausstellung „Jemej Bialik" Aus dem Handwerkerverband Heimarbeiter, Lohngewerbetreibende usw. Beilage „Der Jüdische Mittelstand"