Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. August-Heft
- Date
- 1916-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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274 HANDWERK UND GEWERBE 1. u. 2. August-Heft Handwerk zersetzend einwirken würde, weil die nach dem Kriege zweifellos in großer Zahl zuwandernden Ostjuden bei der Dringlichkeit, die für sie die Frage des Verdienstes hildet, die Preise im jüdischen Handwerk stark drücken müssen, weil also — wenn die Ostjudenfrage keine befriedigende Lösung findet - der Verdienst im jüdischen Handwerk ganz allgemein nach dem Kriege zurückgeht, während die öffentlichen Lasten, Steuern usw. zweifellos sehr stark steigen werden. Diese Gefahr ist im jüdischen Handwerk besonders groß, weil sich hier in einzelnen Handwerkszweigen ein auffallend hoher Anteil von jüdischen Erwerbstätigen ergibt, weil beispielsweise von 60 315 jüdischen Erwerbstätigen im Handwerk allein auf Schneider und Schneiderinnen 14 422 kommen, also beinahe der "ierte Teil der Gesamtzahl. Auch dt r Anteil der jüdischen Fleischer mit 7590, der Putzmacherei mit 2691, der Schuhmacherei mit 1813, der Wäschekotifektion mit 1775 Erwerbstätigen ist immer noch im Verhältnis zur Gesamtzahl hoch. Aber geradein diesen Handwerkszweigen würde sich der Zudrang aus dem Osten am meisten steigern und würde also das Preis-Niveau am meisten gedrückt werden, wenn keine Regelung der Östjudenfrage erfolgt, weil ja das Verhältnis dieser.Erwerbszweige bei den Ostjuden ähnlich hoch ist und weil diese Erwerbszweige sich auch verhältnismäßig leicht erlerrien lassen. Es würde im jüdischen Handwerk geradezu ein Handwerker-Proletariat entstehen, wenn man sich nicht beizeiten dazu versteht, der Regelung der Frage näherzutreten. "Und das durch ein.solches jüdisches Handwerker-Proletariat bewirkte geringere Ansehen der Juden in Deutschland — allgemein genommen — würde die großen Fortschritte, die darin der Krieg den Juden bring», vollständig zunichte machen. Der Antisemitismus würde als Folge eines solchen jüdischen Handwerker-Proletariats kühner wie je sein Haupt erheben. Das würde also in seinen Folgen alle deutschen Juden treffen und deshalb ist die Frage einer zweckentsprechenden Organisation im jüdischen Handwerk und die Regelung der Ostjudenfrage eine Angelegenheit, die jeden deutschen Juden angeht und zu deren befriedigender Lösung deshalb eigentlich jeder "deutsche Jude beitragen sollte. Für die deutschen Juden handelt es sich ja auch darum, den Anteil der Juden im Handwerkserwerb und die Liebe zum Handwerk zu vergrößern; ■ wie soll aber darin ein Vorwärtsschreiten möglich sein, wenn die Verdienst- Verhältnisse im jüdischen Handwerk sinken, wie es beim Aufkommen eines jüdischen Handwerker-Proletariats der Fall wäre. Also es stehen hohe Interessen der deutschen Juden auf dem Spiel und es gilt, eine gute Lösung für das Problem aller damit in Verbindung zu bringenden Aufgaben zu finden. Wie ich schon in meinem früheren Artikel gezeigt habe,, kann die Lösung dieser Aufgaben für das jüdische Handwerk nur in einer zweckentsprechenden Organisation gesucht werden, die sich das jüdische Handwerk selbst geben muß, in der sie aber von allen deutschen Juden unterstützt werden kann. Wie müßte nun eine solche Organisation i m e i n - zelnen aussehen? Das soll der zweite Teil dieses Artikels, der in der nächsten Nummer dieses Blattes zum Abdruck kommen wird, zeigen. Die Juden als Handarbeiter.*) Von Bergrat Georg Gothein, Mitgl. des Reichstags. Vielfach begegnet man der Ansicht, die Juden scheuten die Handarbeit, sie wollten nur Berufe wählen, wo die Arbeit der Hand hinter die des Kopfes völlig zurücktrete. Man treffe keine jüdischen Ackerbauer, Handwerker oder Arbeiter, wohl aber Kaufleute, Händler und Schankwirte. Diese Ansicht ist nicht richtig und insoweit sie aus der relativ geringen Zahl jüdischer selbsttätiger Landwirte, Handwerker, Fabrikarbeiter berechtigt zu sein scheint, beruht dies ganz überwiegend auf Rechtsbeschränkungen früherer Zeit. Der Jude wurde zum Landerwerb nicht zugelassen, ebensowenig zu einem zünftigen Handwerk. Und der gesetzestreue Jude, der den Sabbath heiligt, wird als Fabrikarbeiter nicht angenommen; man kann es keinem Unternehmer verargen, wenn er seine Arbeitsmaschinen nicht statt 6 nur 4 j Tage in der Woche laufen lassen will. Aber von jeher haben die Juden Handelstätigkeit — wenn auch außerhalb der Zünfte — und Heimarbeit geübt. Der große Philosoph Spinoza erwarb sich seinen Lebensunterhalt durch Brillenschieifen; in der Dianiantenschleiferei Amsterdams sind viele tausende von Juden beschäftigt; in der Newyorker und Londoner Konfektionsindustrie geht ihre Zahl in die Hunderttausende. Werfen .wir einen Blick nach Polen: Bis zuletzt gestatteten d:e russischen Gesetze den Juden nicht den Erwerb landwirtschaftlicher Grundstücke. Sie wohnten daher eng zusammengedrängt in den Städten. Als landwirtschaftliche Arbeiter kamen sie zudem schon wegen der Sabbathfeier u ld wegen ihrer Speisegesetze nicht in Betracht. Wenn nun auch ein überaus großer Teil der dortigen jüdischen Bevölkerung im Handels- und im Gastwirtsgewerbe tätig ist, so ist doch die große Mehrheit auf ihrer Hände Arbeit angewiesen. Und zwar in ganz hervorragendem Maße als Handwerker. Nicht etwa bloß als Schneider, Schuster, Kürschner, Friseure Konditoren und Edelmetallarbeiter, sondern gerade auch in allen den Handwerken, welche schwere körperliche Anstrengungen erfordern, wie Schmiede, Schlosser, Zimmerer, Maurer, Dachdecker, Tischler,: Stellmacher, Glaser usw. Ein mir befreundeter Direktor eines großen oberschlesischen Hüttenwerks, der früher ein solches in Polen leitete, erzählte mir in diesen Tagen, daß er dort mit Vorliebe jüdische Bauarbeiter urid Tischler beschäftigt habe, weil sie sich nicht nur durch Nüchternheit sondern auch durch tüchtige und fleißige Arbeit ausgezeichnet hätten und die Arbeit stets pünktlich zum verabredeten Termin fertiggestellt hätten. Er freute sich unter den seinem jetzigen VC erk zur Arbeit überlassenen Kriegsgefangenen eine größere Anzahl Juden zu. haben und rühmte ihren Fleiß und ihre Anstelligkeit auch als Hüttenarbeiter; das Gleiche, wurde mir über ihre Verwendbarkeit als Grubenarbeiter berichtet. Wenn man in den polnischen großen Textilfabriken nur ausnahmsweise jüdische Arbeiter trifft, so beruht dies, wie schon erwähnt, auf der Sabbathheiligung; denn in Polen ist es dem Juden kaum möglich sich davon zu emanzipieren. Um so zahlreicher sind sie aber in der Heimarbeit und in der Kleinindustrie jüdischer Unternehmer. Für den gesetzestreaen Juden werden nun die sozialen Verhältnisse in dem Maße ungünstiger, als die Heimarbeit von der Fabrikarbeit verdrängt wird — ein Vorgang, dtr sonst im allgemeinen als wirtschaftlicher wie als sozialer Fortschritt gilt. Man wird deshalb bei der Lösung der überaus schwierigen Östjudenfrage in Erwägung ziehen müssen, ob man den Fabriken, von denen der Sabbath geheiligt wird, nicht die Sonntagsarbeit freigeben kann. In Deutschland mit seinen 0,88 Ppoz. Juden, von denen zudem nur ein verschwindender Teil sich an die strenge Sabbathheiligung hält, kann eine solche Maßnahme natürlich nicht in Betracht kommen; *) Ausder Broschüre Vom Jüdischen Mittelstand'}. Beiträge zur •Kritik des jüdischen Handwerkers u. A. Verlag Dr, Bäsch & Co., Berlin-Wilmersdorf