Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 8 (1915)
- Issue
- 1. u. 2. Oktober-Heft
- Date
- 1915-10-01
- Page
- Seite 199 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1. u. 2. Oktober-Heft HANDWERK UND GEWERBE 19') Es ist der Geist dieses Hauses, der so zu uns spricht, das in den 24 Jahren seines Bestehens eine Heimat gewesen ist: Alten und Jungen, solchen die das Leben hinter sich haben und ihnen, den Hoffenden fand Begehrenden, denen es Halt bot im Lebenskampf. Das ist der eigenartige soziale Gedanke seiner .Gründer und Erbauer H e r m a n n und Johanna Abraham, daß sie hier zum ersten ■ Male Vereinsamte der verschiedenen Lebensalter unter demselben Dache vereinten. Anderswo in Altersversorgungsanstalten, wären sie auch in der edelsten Absicht gegründet: Alter mit Alter zusammengepfercht, eine Ansammlung von Vergessenen, die dem Grabe entgegenwelken — wem böten sie nicht einen trostlosen Anblick, der trübselig der eigenen kommenden Tage gedenken macht, von denen wir sprechen „sie gefallen uns nicht". Wie anders hier! Wir treten in den festlichen Hauptsaal - und Jugend, soviel liebe, hoffnungselige Jugend, deren frische Munterkeit einen Abglanz auch auf die alten Leute wirft. Geschäftig eilen sie von Tisch zu Tisch, die „Heimchen" des Mädchenheims, das die oberen Stockwerke dieses Hauses bewohnt; die meisten in weiß gekleidet an diesem Roschhascbonohtage, heute zumal wo eine Schar feldgrauer Ehrengäste bei ihnen eingekehrt ist: unsere jüdischen Verwundeten, die in Berlin keine Angehörigen haben und die hier vom Verein Israelitisches Heimathaus an blumengeschmückter Tafel reichlich bewirtet werden. Der Hausherr Hermann Abraham, .— der zugleich der Schöpfer und Leiter der Berliner Kindervolksküchen ist, — schenkt ihnen selbst den Kidduschwein in die Becher und begrüßt sie mit zu Herzen gehenden Worten; und er tritt auch in den Nebensaal, der heute ein seltsames Bild bietet. Hier wird ein Trupp jüdischer Gefangener aus dem russischen Gefangenenlager in Tegel gespeißt. Großherzig hat das Oberkommando ihnen unter Bewachung zweier deutscher Unteroffiziere heute den Besuch der Synagoge und dieses gastlichen Hauses gestattet. Auch mit innen spricht der Hausherr das vorgeschriebene Tischgebet. Und. wenn irgendwo im Lande aus dem Bekanntwerden dieser Tatsachen in erbärmlicher Engherzigkeit antisemitisches Kapital zu schlagen versucht worden ist, so können wir uns getrost auf das Vorbild unseres deutschen Kaisers berufen, der in weitblickender Toleranz den mohammedanischen Gefangenen eine Moschee gebaut hat. Vor einem siegreichen Feinde sich bücken, wäre Schimpf und Ehrlosigkeit, aber dem besiegten und gefangenem Gutes erweisen, ist des Kulturmenschen würdiger, als das alte grausame Römerwort: „wehe dem Besiegten"! Und Rußlandsjuden — von allen Unterjochten desZarenreiches die Verfolgtesten — diese an'ihr Jiddisch gewöhnten, denen der Dolmetscher nicht einmal die deutsche Ansprache zu übersetzen braucht, diese Armseligen, im eigenem Lande Heimatlosen, sind Pioniere des Deutschtums wie in aller Welt, so auch im dunkelsten Rußland. Ein Lichtstrahl deutscher Kultur, unter der sie jetzt weilen dürfen wird ihnen dorthin folgen. Wer wollte ihnen nicht gönnen für diesen einen Tag an den Feiertagsgerichten teilnehmen zu dürfen, um welche die emsigen Kochlehrlinge In ihren sauberen weißen Wirtschaftsschürzen sich draußen, in den aufs geschickteste eingerichteten Küchenräumen mühen. Gilt es doch heute gegen 2000 Personen zu verpflegen; kinderreiche Familien holen sich das EssenTins Haus, und in der jenseits des Hausflurs gelegenen-Israelitischen Volksküche ist Tisch an Tisch dicht besetzt. Unentgeltlich erhalten alle Bedürftigen dort ihr Essen, die [anderen zahlen 15—20 Pfg. für die Fortion. Auch im Alters- und Mädchenheim herrschen noch Preise, die für unsere heutige Teuerungszeit märchenhaft niedrig gerechnet sind: 38 45 Mk. Für volle Pension. Praktische Menschenliebe und Verständnis fijr die Bedürfnisse des Tages haben dies Haus gegründet und warfaherziger jüdischer Familiensinn läßt all seine Bewohn« sich heimisch darin fühlen. Der Pfefferküchenjun^e. Von Thekla Skorra. (3. Fortsetzung.) . (Nachdruck verboten). Das war ein feierlicher Abschiedstag, als aus dem Kloster all die Backgeräte und Honigbütten zu 'Meister Kanisius überführt wurden. Auf tannenbekränzten Leiterwagen standen all die ver schiedenen Jahrgänge des Honigteigs, um deren schneeweiß gescheuerte Gefäße, die Schulkinder' Blumenkränze gc wunden hatten. Vorne auf dem ersten Wagen, auf dem jstölz, wie eine Königin die bunte, goldgeränderte Fünfzigjährige rosenumkränzt tronte, saß Nathanael in schmucken, reuen Kleidern, und hätte stolz und glücklich heute als Held des Tages sitth fühlen 'können, hätte nicht der Abschied von seinen Pflegerinnen ihm bevorgestanden. Aus allen Fenstern wehten Fahnen, und buntfarbige Papierketten waren quer über die Straße gespannt. . Hinter den Wagen marschierten in langem Zuge, na< h der Ordensregel zu Fuß, die Nonnen. Dunkel hoben si:h ihre ernsten, schwarzen Gewänder, und grell ihre leuchtend, weißen Hauben von den, heute so farbenfrohen Straßen a£. Von ihrer Brust aber blitzten die goldenen Kreuze in der Sonne auf. Die Schulkinder, die sie gelehrt, sangen vor dem Zuge und das Volk schwenkte ihnen ehrerbietige Grüße zu; dankte doch ihnen und ihrer Backkunst die Stadl ihte i Ruhm draußen in der Welt Die ganze Bäckerzunft ritt hoch zu Roß jhnen entgegen und geleitete den Zug durch die von Schaugjierigen erfüllte breite Gasse hin, um den ganzen Marktplatz herum. An der Kopernikussäule machten sie Halt, stellten sich das breite Rathaus entlang auf und der dicke Obermeister Kaminke hielt eine schöngesetzte Rede, so sehr's ihn auch innerlich wurmte, daß er den Zug hernach in das Haus seines Konkurrenten, statt in sein eigenes führen m|ußte Die Nonnen hatten die Stadt verlassen, quoll in Nathanaels Herzen die .ganze Liebe keit für all ihre Güte und Treue auf. Nun was es heißt, fremd und verlassen sein. Wohl, als eigen Kind hatten die Kanisius nommen und ihm einen netten Wohnraum und nun erst und Dankbar erst fühlte er, ihn angeneben der Backstube eingerichtet — ihre Herzen aber taten sich ihm nicht auf, und der Knabe war nicht beschaffen, sie steh selbst zu erschließen. Da war's ihm jetzt aber' der beste Trost, seiner Freundin, Sara Rubensohn so nahe zu wohnen und öfter, als bisher zu ihr hineinspringen zu können. , Ganz heimlich aber mußte er das tun, denn so viel begriff er doch schon von der Rangordnung defStadt, daß der Pflegesohn eines Bäckermeisters nichts, und auch gar nichts in der Elendsbude des Schneiderjuden zu schaffen hatte. , Wie in so mancher deutschen Stadt bei \ Handwerkern, die eine hohe und geachtete Rolle spielen, war es zu jener Z;eit im alten Thjorn, zumal im Bäckergewcjrbe Sitte, daß Zunftkinder nur untereinander heiraten durften; und schon frühzeitig wurde eines dem anderen bestimmt. •1 Was waren die Kanisius nun stolz, daß sie jetzt auch einen Sohn zu vergeben hatten. Wer kam da wohl anders in Betracht, als die reichsten und angesehensten; ihre Nach-