Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 8 (1915)
- Issue
- 1. u. 2. Oktober-Heft
- Date
- 1915-10-01
- Page
- Seite 198 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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.198 * HANDWERK UND GEWERBE . herausgeholt werden zu neuen Tafe'ii. Wenn alles nur gut gehl imd planmäliig Erfolg hat, wollen wir schon zufrieden sein und dein lieben Gott für seinen gütigen Beistand danken. Die Schrecken und die Schäden des Krieges für ein Land machen sich hier jetzt in ergreifender Weise bemerkbar. Alle Wege sind von den Russen zerstört, Brücken gesprengt und abgebrannt, alle Dörfer mit eben frisch eingebrachten, reichen Erntevorräten in Flammen aufgegangen, um uns den unaufhaltsamen Vormarsch zu erschweren. I 'nauslöschlich Wird mir der Eindruck von meinem Fiumarch in Wlodawa am 13. August abend 6 7 Uhr i bleiben. / Es war Freitag Abend, vor Eintritt des heiligen ' Schabbos' Wir lagerten auf der Haupt-Chaussee etwa I 7 Kim. vor der Stadt und warteten auf die Instandsetzung einer 40 Meter langen, von qen abziehenden Russen abgebrannten Brücke. Unsere Pioniere und der Brückentrain wurde sofort vorgezogen und bald konnten die Fulitruppen einzeln die neue Brücke überschreiten, Pferde und Wagen auf einer Pontonbrücke hinübergehen. Dicke schwarze Rauchwolken wälzten sich unaufhörlich am Horizont gen Himmel' und zeugten von der Tätigkeit des Feindes. [Als wir drüben waren, trafen wir auf ein großes, freies Feld, auf dem dicht gedrängt die Bewohner Wlodawas und Flüchtlinge mit ihrem bischen Hab und Gut aufgefahren waren. Alles, alles Juden, zum Teil solche, die von den Küssen bisher mitgeführt worden waren, aus Cholm z. B., denen ich die freudige Mitteilung machen konnte, dali ich vor acht Tagen dort gewesen und sie nun ungehindert zurückkehren könnten. Auf hochbeladenen Wagen hatten sie ihre Habseligkeiten bei sich, darauf Frauen, Kinder, Säuglinge und als wjr uns auf diesem Platze sammelten, jen plötzlich in dem ganzen Flüchtlingslager kleine imehen auf der Wiese auf, Männer Frauen und Kinder lagerten sich um die Lichtchen, die von mehreren Familien zusammen aufgestellt waren; es sah aus an verschiedenen Stellen, als wenn der 8. Tag des Chanukah Festes herangekommen sei und dabei war es noch hell. Aber es war Schabbos geworden und die armen Menschen feierten den F ingang des Sabbat, während kurz hinter ihnen ihre Häuser -in nun hellflammenden Bränden in Schutt und Asche zerfielen. Es war mir bitterweh zu Mute, als ich das mitansehen mußte, und doch bewunderte ich das felsenfeste Vertrauen dieser gequälten Menschen, mit dem sie ihr Schicksal ertrugen. Um so größer aber wuchs wieder mal mein Hali gegjen den frechen, ruchlosen Unterdrücker. Und nun begrüßten uns die Männer, Mädchen, Kinder mit Tränen in den Augen und wünschten jedem unserer rauh! und , staubig aussehenden vorüberziehenden Soldaten in den dankbarsten Ausdrücken alles Gute für die Zukunft und den Schutz des allgütigen Gottes. Ich selbst unterhielt mich eingehender mit ihnen und konnte erfahren, mit welcher üehnsuc-ht sie uns erwarteten, wie sie für unsere Sache den Sieg erflehen ist es ja auch ihre Befreiung von unendv\ hohem Druck und schwerem Leid. Hier .zog nun der Schabbos ein ich aber mußte weiter durch das brennende Wlodawa hindurch, durch dessen Glut und Flammen dieNacht nun erleuchtet wurde, wie ich es nie gesehen! In dem Rauch das Knattern explodierter Munition, das Krachen einstürzender (jebäude, das Schreien umkommenden Viehs und vereinzelte Schüsse sich zurückziehender Patrouillen auf den ccharf verfolgenden- Sieger und Ueberwinder. Einige Kim. hinter Wlodawa, in einem ebenfalls brennenden Dorf, von dessen Häusern nichts mehr zu sehen -war, gingen wir tLnn zur Biwakruhe über und waren bald — müde und . matt von der anstrengenden Verfolgung — in wohltuenden ^hlaf versunken. Das sind Eindrücke, meine Lieben, die man nicht vergißt, die betrübend und erhebend zugleich sind, wie überhaupt ja im Krieg Wehtun und Wohltun dicht beieinander wohnen; ich bin aber froh, daß ich das miterlebe und zwar im Augenblick des Entsetzens solche Momentbilder miterleben darf. Gebe der liebe Gott, daß ich nun bald auch erfreuliche Eindrücke hier schöpfen kann. 1. u. 2. Oktober-Heft ^miCHaC'Mi^ffi'Ci'C'C % Unterhaltungsteil. S Jwcoi&S'i&aciiW^^^ Im Israelitischen Heimat Ii aus in der Gormannstraße. Von . ,. ' <' Die Berliner Juden von heute, die sich in den prunkbeladenen Wohnstraßen von Wilmersdorf, Schöneberg oder Charlottenburg angesiedelt haben, kennen die engen, wenig anmutenden Gassen im Herzen Berlins kaum dem Namen nach; und die,wenigsten von ihnen werden je einen Blick in die Gormannstr. getan haben. Eine Welt für sich, in deren stillstem Winkel bei dem einsamen roten Flämmchen seiner Jahrmarktsbude der „Wurstmaxe" seine dampfenden Hottehüs selbst in dieser Kriegszeit noch für einen Nickel anbietet Und in brenzligem Fett sogenannte „Schweinsohren" dazu bäckt. Alt-Berliner Jahrmarktsherrlichkeit einer versunkenen Welt, die euer Duft herauf beschwört! eine Welt, die dem neuen Geschlecht fremd geworden. , Vielleicht aber sind die Menschen hier seßhafter und wurzelstärker, und auch das Judentum hat sich hier -seine schärfer ausgeprägten Züge bewahrt. Heute am Roschhaschonoh könnte man sich getrost in die Judengasse vergangener Zeiten versetzt glauben. Da kommen Männer, die für diesnn Tag alle Werktagssorgen von sich geworfen, in gehobener Stimmung aus der Synagoge den sammetnen Tallisbeutel unterm Arm; hell blitzt das goldgestickte Mögen Dovid darauf über die dämmerige Gasse. Von den Frauen neben ihnen, mit den langen, Ohrgehängen im knisternden, verblaßten Seidenkleid, dessen Farben man in den Modemagazinen des Westens vergebens suchen würde, haben viele das Haar noch unter dem tief in die Stirn gezogenen Scheitel versteckt. An ihnen vorbei drücken sich auf dem schmalen Bürgersteig verschüchtert jene, die kein Feiertagsgewand mehr besitzen; arme, gehetzte, gesunkene Leute mit kränklichen, verkümmerten Gesichtern „mit dem dreifachen Fluch beladen: der Armut, der Krankheit und des Judentums" sagt Heinrich Heine. Aber diese sowohl, wie jene, die noch die Spuren früheren Wohlstandes in ihrem Aeußern zeigen, streben hier dem Hause Nr. 3 zu, das in dieser alten Gormannstr. durch seine neue Stattlichkeit auffällt „Israelitisches Heimathaus und Volksküche" steht in großen Buchstaben darüber. Wir kommen aus dem Gewühl der Weltstadt, in der Tausende ihr Leben in Mieträumen als unstäte Fremdlinge verbringen, und schon der erste Schritt durch den Flur dieses Hauses läßt uns aufhorchen. Da reden Sprüche zu uns, die nicht die Willkür eines Malers an die Wand getüncht: » Kehrest du jein in dein Haus So grüß' es mit Ehrfurcht u. Stille. Achtung gebührt dem Ort * welcher dein Leben bewahrt. Denkspruch. ( Kormfcet, ihr vom Hause Jacob Laßt uns wandeln Im Lichte des Herren! 0 Isaias II, 3 Lernet Gutes tun nach Recht Helfet dem Unterdrückten Schaffet der Waise Recht und helfet im Kampfe der "Witwe. Isaias I, 17 i Arme und Reiche begegnen einander Der Schöpfer Aller ist der Herr. i Spruch 22. 2 fi