Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Handwerker · 1938-10-01 · 10 (10.1938) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
10 (10.1938)
Date
1938-10-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492337-5771062-5923460--735-4883498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

decken vermag. Aber eine hochentwickelte Schwerindustrie wird in Argentinien Infolge des Fehlens der naturlichen Voraussetzungen kaum entstellen können. Dagegen sind die Woll-, Leder- und Schuhindustrien Argentiniens infolge des Reichtums des Landes an denjenigen Rohstoffen, die diese Industrien in erster Linie brauchen, heute schon so hochentwickelt, daß sie den Eigenbedarf der Bevölkerung Argentiniens teils ganz, teils zum großen Teil zu befriedigen in der Lage sind, und daß sie in nicht langer Zeit auch exportfähig sein werden. Chile ist hinsichtlich der natürlichen Industrialisierungsbedingungen wesentlich günstiger als Argentinien gestellt Es besitzt vor allem, ebenso wie Brasilien, reiche Eisenerzlager und eine bedeutende Eisenindustrie. Andererseits hat es, wie Argentinien, eine große Wollindustrie, die den Inlandsbedarf bereits voll zu decken vermag. Die Baumwollindustrie Chiles ist freilich nicht so stark entwickelt wie die brasilianische, aber auch dieser Industriezweig hat in den letzten Jahren in Chile erstaunlach schnelle Fortschritte gemacht Von den übrigen südamerikanischen Ländern ist vor allem in Peru, Uruguay und Columbien eine Uber die ersten Ansätze erheblich hinausgehende Industrialisierung festzustellen. In Peru ist die BaumwollIndustrie am besten entwickelt Uruguay zeigt hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Struktur viel Aehnlichkeit mit Argentinien, hat aber bis jetzt in der Hauptsache nur kleine und mittlere Industriebetriebe hervorgebracht Auch in Columbien Ist die Industrialisierung zur Zeit nech nicht sehr weit vorgeschritten. Dennoch muß man auf Grund der Beobachtung der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder zu dem Ergebnis kommen, daß sie früher oder später die gleichen Bahnen einschlagen werden, auf denen namentlich Brasilien bereits so bedeutende Industrien aufgebaut hat, daß hieraus neue, schwierige nationalwirtschaftliche und weltwirtschaftliche Probleme entstehen mußten. Industrialisierung und Einwanderung Vom Blickpunkt der jüdischen Einwanderung aus betrachtet ist die Industrialisierung Südamerikas ein besonders wichtiges und der Beobachtung wertes Phänomen. Jedes Agrarland wird für die jüdische Einwanderung immer nur in verhältnismäßig geringem Maße aufnahmefähig sein, solange es noch nicht gelungen ist größere Teile der auswanderungswilligen Juden und namentlich ihrer Jugend auf landwirtschaftliche Berufe umzustellen. Eine solche berufliche Umschichtung aber erfordert leider weit mehr Zeit als heute den auswandernden Juden in der Regel verbleibt Ebenso wie eine reine Agrarwirtschaft Ist auch die Rohstoffgewinnung im allgemeinen kein günstiger wirtschaftlicher Boden für die jüdische Einwanderung, selbst wenn sich auf dem Rohstoffreichtum bereits, wie das ja heute in allen südamerikanischen Ländern der Fall ist kleine und mittlere Gewerbe aufbauen, die sich die Verarbeitung der Rohstoffe zum Zwecke der Deckung des Bedarfs der Bevölkerung an einfachen, unkomplizierten Industrieerzeugnissen zur Aufgabe machen. Denn der Bedarf, den eine" Volkswirtschaft in diesem Entwicklungsstadium an Industriellen, Handwerkern, Kaufleuten, Kleinhändlern und Angehörigen anderer nichtlandwirtschaftlicher Berufe hat, wird fast immer reichlich oder sogar überreichlich durch Inländer gedeckt. Da eine Uebersetzung dieser Berufe Uberall unerwünscht ist ist es begreiflich daß in einer Reihe südamerikanischer Länder zur Zeit die Einwanderer von einer Betätigung Im Handel und namentlich in dem für Einheimische leicht zu betreibenden Hauslerhandel mehr oder weniger ausgeschlossen werden, und daß ferner all diese Länder lediglich oder hauptsächlich landwirtschaftlich tätige Einwanderer wünschen, die Zuwanderung von Angehörigen anderer Berufe aber oft nur ungern zulassen. In dem neuen Brasilianischen Einwanderungsgesetz kommt diese Tendenz, nur oder fast nur L« n d - wlrtenundSledlerndleEinwanderungzugestatten, besonders deutlich zum Ausdruck. Gerade Brasilien aber ist, wie oben gezeigt würde, heute eigentlich schon Uber das Entwicklungsstadium einer vorwiegend landwirtschaftlichen oder kleingewerblichen Wirtschaft hinausgelangt Man darf hieraus den Schluß ziehen, daß sich in Brasilien, wenn es diesem Lande gelingt, die Industrialisierungsprobleme, mit denen es heute noch zu kämpfen hat in befriedigender Welse zu lösen, allmählich ein wachsender Bedarf an Handwerkern, industriellen Facharbeltern und Unternehmern, Technikern und K.auf 1 euten fühlbar machen wird. In der brasilianischen Presse Ist jetzt schon im Zusammenhange mit der Veröffentlichung des neuen Einwanderungsgesetzes der Gedanke herausgestellt worden, daß Brasilien nicht lediglich eine Einwanderung von Landwirten und Siedlern, sondern daneben auch Handwerker, Facharbeiter, Techniker, Gewerbetreibende und industrielle Unternehmer braucht. Dieser Gedanke wird sich, wie man hoffen darf, um so stärker und schneller durchsetzen, je erfolgreicher die brasilianische Industrialisierung in den nächsten Jahren vorwärtsgetrieben werden kann. Das Ringen um das Industrialisierungsproblem Zwei große und wichtige Industrien sind in Brasilien heute schon stark entwickelt: die Elsenindustrie und die Baumwollindustrie. Die eisenschaffende Industrie, die vor allem von der Zuführung billiger Eisenerze abhängig ist, soll nach den vorliegenden Wirtschaftsplänen der brasilianischen Regierung In erster Linie durch die Schaffung neuer und besserer Verkehrswege gefördert werden. Brasilien wird voraussichtlich in nicht allzu ferner Zeit ganz Südamerika mit Eisenerzen versorgen können, und da Eisenerze auf den Weltmärkten stets begehrt sind, wird es für diesen brasilianischen Industriezweig kaum Absatzschwierigkeiten geben. Die brasilianische Eisenindustrie und die aufstrebenden Eisenverarbeitungsindustrien des Landes werden noch lange in der Versorgung des Inlands genügend große Aufgaben finden. Schwieriger liegen die Dinge für die brasilianische B a u m - Wollindustrie, die in der Hauptstadt Rio de Janeiro und in dem Staate Sao Paulo Ihre Hauptsitze hat. Sie hat sich in jahrzehntelanger Entwicklung zu einem verhältnismäßig hohen Niveau der Leistung emporgearbeitet und ist infolgedessen heute teilweise bereits exportfähig. Brasilianische Baumwollwaren finden in den meisten Ländern Süd -und Mittelamerikas und sogar am fernöstlichen Markt Absatz. Exporterfolge der brasilianischen Aufruf zur jüdischen Winterhilfe 1938/39 Wiederum tritt im Gange des Jahres die Aufgabe der Jüdischen Winterhilfe an uns heran. Sie zu erfüllen, ist allen ein Selbstverständliches geworden, sie bedarf keines Wortes der Begründung und Mahnung mehr. Auch das wissen wir alle, daß der Bereich unseres Könnens wieder enger, das Gebiet unserer Verpflichtung weiter geworden ist. Der Winter, der vor uns liegt, wird härter und noch schicksalsvoller sein. An uns tritt die Frage heran: Soll das Geschick uns nur niederbeugen, oder wollen wir es versuchen, ihm unsere seelische Kraft entgegenzusetzen? Aus einem wächst immer innere Kraft: aus dem Helfen und Wohltun. Wer ein Opfer zu bringen vermag, der erfährt um etwas, was ihn aufrichtet und fest macht. Auch um unseretwillen, damit wir Achtung vor uns hegen können, sollen wir das leisten, was in diesem Winter von uns gefordert Ist. Wir wollen dessen gewiß sein, daß in unseren Gemeinden jede Hand, jedes Haus bereit sein wird, für die Jüdische Winterhilfe mehr noch zu geben, als verlangt wird. Reichsvertretung der Joden in Deutschland Vorttand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin'/ Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden / Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden / Oberrat der Israeliten Badens / Sächsischer Israelitischer Gemeindeverband / Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs I Landesverbände israelitischer Reliffionspemeinden Hessens / Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland / Allgemeiner Rabbinerverband in Deutschland / Jüdischer Centrai-Verein E. V. I Jüdischer Frauenbund I Reichsausschuß der judischen Jugendverbände I Reichsbund jüdischer Frontsoldaten / Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland / Reichsverband der jüdischen Lehrervereine / Vereinigung für da» religiös-liberale Judentum / Vertretung der unabhängigen jüdischen Orthodoxie Deutschlands / Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands / Zionistische Vereinigung für Deutschland Baumwollindustrie sind namentlich dort festzustellen, wo die Geschmacksrichtung und der Warenbedarf der Bevölkerung denen Brasiliens ähnlich ist und infolgedessen den brasilianischen Erzeugnissen den Wettbewerb erleichtert Die Regierung Brasiliens Ist bestrebt auch der Baumwollindustrie durch Eisenbahnbauten die Eroberung neuer Märkte, insbesondere im Westen Südamerikas, zu ermöglichen. Gute Aussichten auf einen Erfolg dieser Bemühungen sind namentlich in denjenigen Ländern Süd- und Mittelamerikas vorhanden, in denen die Kaufkraft der Bevölkerung häufig nicht groß genug ist als daß der Kleidungsbedarf der Bevölkerung durch Einfuhr teurer nordamerikanischer oder europäischer Waren immer ausreichend gedeckt werden könnte. Der gegenwärtige Konjunkturrückschlag hat den Exportdrang der brasilianischen Baumwollindustrie offenbar noch verstärkt und diese Ist daher mit allen Kräften bemüht, durch Ausnutzung der vorhandenen Exportmöglichkelten die Schwierigkeiten zu überwinden, die Ihr aus ihrer Ueberkapazltätin Zelten des Nachlassens der inländischen Kaufkraft erwachsen. Diese Tatsachen zeigen ausreichend deutlich auf welchen Wegen die brasilianische Regierung das Industrialisierungsproblem des Landes su lösen beabsichtigt Sie wird versuchen, für Ihren Ueberschuß an Industrierzeugnissen In erster Linie solche Außenmärkte zu erobern, die von den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.