Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Handwerker · 1938-09-01 · 9 (9.1938) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
9 (9.1938)
Date
1938-09-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492337-5771062-5923387--723-4883488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nehmen Sie vielen Dank für alles, was Sie im Dienste der jüdischen Gemeinschaft im allgemeinen und des jüdischen Handwerker- und Mittelstandes im besonderen geleistet, und auch für das Wohlwollen, daß Sie uns persönlich stets erwiesen haben. Wir wünschen Ihnen und Ihrer werten Gattin bestes Wohlergehen in dem neuen Wirkungskreise und hoffen, oft und nur Erfreuliches von Ihnen zu hören. Erich Salinger Dr. Hugo Nathansohn Die Abschiedsfeier der Gemeinde Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hatte am 11. August die Freunde von Wilhelm Marcus zu einem geselligen Beisammensein im „Jüdischen Brüdervereinshaus" eingeladen. Die außerordentlich große Zahl der Erschienenen bewies aufs neue, wie ausgedehnt der Kreis derer ist, die Marcus hochschätzen und seine Arbeit im Dienste der jüdischen Gemeinschaft würdigen. Außer den Mitgliedern des Gemeindevorstands und der Repräsentantenversammlung waren auch zahlreiche Vertreter der zentralen jüdischen Organisationen sowie sozialer und wirtschaftlicher Wohlfahrtsstellen erschienen. In seiner einleitenden Ansprache gab der Gemeindevorsitzende Heinrich Stahl ein anschauliches Gesamtbild der langjährigen Arbeit, die Marcus im Rahmen der Gemeinde und darüber hinaus der jüdischen Gemeinschaft geleistet hat. Der Redner hob vor allem die Tatkraft und Umsicht hervor, mit der der Scheidende alle Aufgaben angepackt und einer Lösung entgegengeführt hat, sowie die Pflichttreue, mit der er den großen an ihn gestellten Anforderungen stets nachgekommen ist. Der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung Konrad Kaiser sowie das Mitglied des Gemeindevorstands Adolf Schoyer gingen dann auf die verschiedenenArbeitsgebiete, auf denen Wilhelm Marcus tätig war, näher ein und zeigten, wie er überall anregend und vorwärtsdrängend gewirkt hat. Insbesondere wiesen sie auf seine umfassende Tätigkeit in der Wirtschaftshilfe und im Schul werk der „Ort"-' Gesellschaft hin und zeigten, mit welcher Liebe und mit welchem Verständnis er hier und anderswo namentlich für die handwerkliche Jugend gewirkt hat. Kreditbeschaffung für den Mittelstand, gemeinnützige Versicherung, Berufsbildung und Berufsberatung, produktive Fürsorge für Kleingewerbetreibende durch Darlehnsgewährung — das sind nur einige Stichworte, durch die die große Anzahl der Einrichtungen gekennzeichnet wird, die entweder der Initiative von Wilhelm Marcus ihr Dasein verdanken, .oder in denen er führend und schöpferisch tätig war. Mit den besonderen Verdiensten, diie sich Marcus um das jüdische Handwerk und seine Organisation erworben hat, beschäftigte sich Louis Wolff in den tiefempfundenen Abschiedsworten, die er im Namen des Zentralverbandes jüdischer Handwerker sowie des Mittelstandsverbandes und zugleich im Auftrage des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und der Gesellschaft „Ort" an den Scheidenden richtete. Er gab in seiner Ansprache einen ■ kurzen Abriß des Werdeganges des Freundes, an dem er vor allem den Fonds an unverbrauchter Kraft, die ungeheure Energie, die Weite des Blicks und die stete Einsatzbereitschaft rühmte. Die größte Liebe habe Marcus stets der handwerklichen Jugend entgegengebracht. Als einer der ersten Vertreter des jüdischen Mittelstandes sei er in die Repräsentantenversammlung eingezogen, wo anfangs oft ein scharfer Kampf gegen Bequemlichkeit und Gedankenträgheit habe geführt werden müssen, bis man die Gegner von der Notwendigkeit einer umfangreichen Tätigkeit der Gemeinde auch auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet überzeugt habe. Das Ergebnis dieses Kampfes sei vor allem die Gründung der Wirtschaftshilfe gewesen. Louis Wolff sprach in erster Linie als der gleichgesinnte Mitkämpfer und langjährige Freund. Er schloß seine Ausführungen mit dem Hinweis, daß es da, wo ein 25jähriges gemeinsames Erleben die Herzen verbindet, kein Vergessen und darum auch keinen wirklichen Abschied geben könne. Schon vorher war von mehreren Rednern dem Gedanken und der Ueberzeugung Ausdruck gegeben worden, daß die Wirksamkeit von Wilhelm Marcus für die jüdische Gesamtheit mit seinem Fortgange nicht beendet sein könne, daß er vielmehr eigentlich nur den Standort seiner Arbeit wechseln und künftig von einem anderen Ort aus mit gleicher Energie und Freude im Dienste derselben Aufgaben weiter tätig sein werde. Nachdem noch Heinrich Stern in gebundener Rede der früheren Zeiten gemeinsamer Kämpfe und gemeinsamer Arbelt gedacht hatte, nahm Wilhelm Marcus selbst das Wort, um allen seinen Freunden Lebewohl zu sagen. „Ich stamme", so führte er aus, „aus einer Handwerkerfamilie, in der das religiöse Moment sich mit dem sozialen vereinte". Er gedachte dann der langen gemeinsamen Arbeit mit Louis Wolff für das jüdische Handwerk. Zwischen ihnen beiden habe es niemals einen Unterschied in den Ideen und Grundauffassungen gegeben. Aus der Handwerkerarbeit heraus sei er erst zur Gemeindearbeit gekommen. Als „Neutraler" sei er einst in die Repräsentantenversammlung eingezogen, und stets habe er seine Aufgabe nur darin erblickt, den jüdischen Menschen ohne Unterschied der Weltanschauung zu helfen. Von dem Fundament der Arbeit für das jüdische Handwerk aus sei er frühzeitig zu der Erkentnis gekommen, daß die Umstellung auf produktive Berufe in den Mittelpunkt der jüdischen Arbeit gerückt werden müsse. In seinen weiteren Ausführungen stellte der Redner dann mit besonderer Genugtuung fest, daß auf diesem Abschiedsabend alle Kreise des Judentums ohne Unterschied der Richtung und der Anschauung vertreten seien. Er schloß mit dem Versprechen, in der neuen Heimat für das Ziel der Berufsnormalisierung weiterzuwirken, in der er heute mehr denn je die zentrale Aufgabe des Judentums aller Länder erblicke. Sein Gelöbnis, die alte Arbeit drüben fortzusetzen, die Heimat und die alten Freunde niemals zu vergessen, wird ihn auch in der Ferne mit unserer Organisation und unserer Zeitschrift, der nicht zuletzt seine Aufmerksamkeit stets zugewandt war, weiter verbinden. Wer kann nach Bolivien auswandern? Nachdem Bolivien lange Zeit der jüdischen Einwanderung praktisch so gut wie verschlossen war, hat die bolivianische Regierung kürzlich erklärt, daß das Land allen körperlich und geistig gesunden Menschen offenstehe, und daß auch Juden hiervon nicht ausgenommen seien. Es wäre freilich verfehlt, hieraus den Schluß zu ziehen, daß Bolivien ein Einwanderungsland für eine sehr große Anzahl jüdischer Menschen werden könne. Hiergegen spricht der wirtschaftsgeographische Charakter des Landes, der selbstverständlich auch für die Einwanderungspolitik der bolivianischen Regierung allein richtunggebend ist. Für eine verhältnismäßig kleine Zahl sorgsam ausgewählter jüdischer Einwanderer werden jedoch in Bolivien ausreichende und teilweise sogar nicht Ungünstige Lebensmöglichkeiten gefunden werden können. Alle diejenigen aber, für die diese wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht vorliegen, würden, selbst wenn es ihnen gelingt, in das Land hineinzukommen, dort keine Betätigungs- und Erwerbsmöglichkeiten finden. Wer sich daher mit dem Gedanken trägt, nach Bolivien auszuwandern, sollte sich zunächst einmal bemühen, ein richtiges Bild von der wirtschaftlichen Struktur des Landes und von den Möglichkeiten der Berufsausübung zu gewinnen. La« und Klima Die Republik Bolivien umfaßt einen Raum von 1,4 Millionen Quadratkilometern, ist also gut zweieinhalbmal so groß wie Deutschland und Oesterreich zusammen. Auf dieser ungeheuer großen Fläche wohnen aber nur 3,2 Millionen Menschen. Schon hieraus ergibt sich, daß für eine Handelstätigkeit und ebenso auch für den Aufbau von Kleingewerben, die der Versorgung der Bevölkerung mit Gebrauchsgütern dienen wollen, nur ein verhältnismäßig sehr-schmaler Raum vorhanden ist.-In diesem Raum gibt es für Einwanderer so gut wie keine wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten. In seiner wirtschaftlichen Entwicklung ist Bolivien dadurch stark behindert, daß es von der Meeresküste abgeschnitten ist, nachdem es seinen früheren Anteil an der Pazifik-Küste bereits im Jahre 1879 an Chile hat abtreten müssen. Da Bolivien infolgedessen keinen eigenen Seehäfen besitzt, geht der überseeische Verkehr von und nach Bolivien meist über den chilenischen Hafen Arica. Der Ausbau der Verkehrswege im Binnenlande ist durch den gebirgigen Charakter Boliviens stark behindert und wird erst in neuester Zeit tatkräftig in Angriff genommen. Der ganze Westen des Landes ist von der gewaltigen Gebirgskette der Anden oder Cordilleren bedeckt, deren höchste Berge innerhalb Boliviens bis zu mehr als 6600m emporragen. Selbst die Hauptstadt La Paz liegt fast 3700m hoch. Bemerkenswert ist, daß der gebirgige Teil des Landes verhältnismäßig am dichtesten besiedelt ist, während in den tief gelegenen Teilen im Osten und Süden nur wenig Menschen leben. Die Hochebenen und namentlich die Täler der Anden (die aber auch meist 2000 bis 2800 m hoch gelegen sind) sind sehr fruchtbar. Di? Ebenen im Osten und Süden sind hingegen teilweise noch/von dichten, unwegsamen Urwäldern bedeckt und haben vorwiegend tropischen Charakter. Sie werden von großen, wasserreichen und meistens schiffbaren Strömen durchflössen, von denen der B e n i der größte und bekannteste ist. Angesichts der Schwierigkelten, die der Entwicklung aller anderen Ver- 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.