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Der jüdische Handwerker · 1938-08-01 · 8 (8.1938) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
8 (8.1938)
Date
1938-08-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Der Kapitalbedarf des Handwerkbetriebs Der jüdische Handwerker, der sich im Auslande eine neue wirtschaftliche Existenz aufbauen muß, wird in erster Linie bestrebt sein, sich einen eigenen Betrieb zu schaffen, um ab wirtschaftlich selbständiger Unternehmer, sei es auch vorerst in bescheidenstem Rahmen, sich und seine Familie ernähren zu können. Das Hindernis, das diesem Bemühen entgegensteht, ist in den weitaus meisten Fällen vor allem der Mangel an Kapital. Denn dem auswandernden jüdischen Handwerker wird in der Regel überhaupt kein oder nur ein sehr geringes Kapital zur Verfügung stehen. Er muß sich daher, bevor er draußen einen selbständigen Handwerksbetrieb begründet, darüber klar werden, welche Anlage- und Betriebsmittel, eigene oder notfalls auch fremde, d.h. geliehene, er benötigt, um das geplante handwerkliche Unternehmen auf gesunde Füße stellen und so lange über Wasser halten zu können, bis die erhoffte Ertragfähigkeit erreicht ist Dazu ist es nötig, zu ermitteln, welches Anlage- und Betriebskapital ein handwerkliches Unternehmen der geplanten Art in dem in Betracht kommenden Lande braucht, um auf einigermaßen gesunden Grundlagen zu stehen. Die Mittel, die hierzu erforderlich sind, sind nicht nur in den verschiedenen Lindern, sondern auch in den einzelnen Handwerkszweigen außerordentlich verschieden. ■ Eine gewisse Basis für solche Berechnungen des in den einzelnen Handwerkszweigen vorhandenen Kapitalbedarfs geben die Erhebungen über Betriebsmerkmale im Handwerk, die sich u. a. auf das gewerbliche Vermögen und auf äieTTeTrTToT-" ausgaben in den verschiedenen Handwerkszweigen erstrecken, und deren besonderer Wert auch in der großen Zahl der Handwerksbetriebe liegt, deren zahlenmäßige Angaben den Erhebungen zugrundeliegen. Kapitalintensive und arbeitsintensive Handwerkszweige. Das Kapital, das in dem einzelnen Handwerksbetriebe arbeitet, und das diesem Betriebe ebenso erst Leben und Gesundheit gibt wie das Blut dem menschlichen Körper, schwankt naturgemäß in erster Linie je nach dem Umfange des Betriebs, also namentlich je nach seiner Umsatzhöhe. Aber der Umsatz bestimmt den Kapitalbedarf keineswegs allein. Vielmehr zeigt sich, daß auch bei gleicher Betriebsgröße und gleicher Umsatzhohe sehr verschieden hohe Mittel erforderlich sind, je nach dem Handwerkszweige, dem der in Frage kommende Betrieb angehört. Legt man der vergleichenden Betrachtung die Betriebe mit einem durchschnittlichen Jahresumsatz von 30000 bis 35000 RM zugrunde, und zwar diejenigen ohne eigenes Betriebsgrundstück, so zeigt sich, daß z. B. das Betriebskapital eines Kürschners mehr als doppelt so groß ist, als das eines Dachdeckers, dessen Betrieb umsatzmäßig und der Zahl der im Betriebe Beschäftigten nach gleich groß ist. Bei den Kleinbetrieben mit 10000 bis 20000 RM Jahresumsatz sind die Unterschiede in Bezug auf die Höhe des Betriebskapitals gleich großer Betriebe in den einzelnen Handwerkszweigen teilweise sogar noch beträchtlich größer. Man muß also, wenn man den Kapitalbedarf eines Handwerksbetriebes berechnen will, zunächst einmal zwischen kapitalintensiven und arbeitsintensiven Handwerksbetrieben unterscheiden und dann festzustellen versuchen, zu welcher Gruppe der in Betracht kommende Betrieb zählt. Bei den kapitalintensiven Handwerksbetrieben liegt der Nachdruck stärker auf dem Material sowie auf den Betriebsmitteln (Werkzeugen, Maschinen usw.Jf, bei den arbeitsintensiven dagegen auf der eigenen Arbeitsleistung des Handwerkers. Bekanntlich besteht die handwerkliche Tätigkeit in der Hauptsache in der Veredlung der Rohmaterialien, durch die diese zu Oebrauchsgütern umgewandelt werden, so daß sie durch die Verarbeitung einen höheren Wert erhalten. Im allgemeinen liegt es im Wesen des Handwerks, anf Bestellung und nicht für den Markt zu arbeiten. Aber diese enge Bindung an die Bestellung läßt sich heute selbst in wirtschaftlich weniger hoch entwickelten Lindern In vielen Handwerkszweigen nicht mehr aufrecht erhalten. Ein großer Teil der Handwerker ist vielmehr gezwungen, auch für den Markt, d. h. auf Vorrat zu produzieren. Je nach dem Platz, den nun in dem einzelnen Handwerkszweige und in dem einzelnen Handwerksbetriebe die Produktion auf Vorrat im Vergleich zu der auf Bestellung einnimmt, ist der Betrieb auch mehr oder weniger kapitalintensiv. Arbeitsintensiv sind diejenigen Betriebe, die ganz «der in der Hauptsache unmittelbare Arbeitsleistungen verrichten. Es ist unverkennbar, daß auch im Handwerk die Produktion für den allgemeinen Markt im Vordringen begriffen ist und daß damit die Kapitalintensität des handwerklichen Betriebes im allgemeinen wichst. So ist z. B. der Gebrauch von Maschinen für den handwerklichen Betrieb gewiß nicht von so großer Bedeutung wie für den industriellen etrieb. Aber ohne Maschinen kann heute in vielen Handwerkszweigen der Betrieb nicht mehr auskommen. Die Arbeit des Handwerkers muß vielfach durch die der Maschine ergänzt und rationeller gestaltet \lerden. Je größer aber der Umfang der Maschinenarbeit in" einem Betriebe ist desto höher ist in der Regel der Kapitalbedarf, denn die Anschaffungskosten der meisten Maschinen sind verhältnismäßig hoch. Große Bedeutung hat die Anschaffung von Maschinen u. a. im Tischler-, Buchdrucker- und Müllerhandwerk. Man wird allgemein feststellen können, daß es viel leichter ist, in einem überseeischen Lande mit einem kleinen zur Verfügung stehenden Kapital einen arbeitsintensiven als einen kapitalintensiven Handwerksbetrieb zu errichten. Lagerhaltung. Eine andere Ursache des erhöhten Kapitalbedarfs des Handwerksbetriebes ist die Verbindung eines Zubehör- Handels mit der handwerklichen Tätigkeit In denjenigen Handwerkszweigen, in denen mit der Werkstatt ein Laden verbunden zu sein pflegt, in welchem neben den eigenerzeugten auch fremde, d. h. vielfach auch industrielle Erzeugnisse verkauft werden, nähert sich der Kapitalbedarf des Handwerkers demjenigen des Einzelhandelskaufmanns. Handwerksbetriebe, in denen neben der handwerklichen Leistung ein umfangreicher Verkauf fertiger, teilweise auch nicht selbst hergestellter Waren üblich geworden ist, sind u. a. die der Optiker, der Uhrmacher, der Sattler, Tapezierer und Polsterer usw. Die Lagerhaltung erfordert stets erhöhte Kapitalaufwendungen, die natürlich in denjenigen Handwerkszweigen besonders noch sind, in denen sehr wertvolle Waren erzeugt und feilgehalten werden. Aus diesem Grunde sind z. B. die Betriebe der Juweliere, der Uhrmacher, aber auch der Kürschner in besonders hohem Maße kapitalintensiv. Andererseits giM »« H <jfn mffetf? Bauhandwerkern, also z. B. bei den Maurern, Dachdeckern, Pflasterern und StraD bauern keine erheblich ins Gewicht fallende Lagerhaltung. Diese Handwerkszweige sind daher ebenso wie die der Maler, Schmiede und Schlosser stark arbeitsintensiv. Auch bei den Fleischern und Bäckern ist die Lagerhaltung wegen der leichten Verderblichkeit der Waren nicht von sehr großer Bedeutung und erfordert daher auch verhältnismäßig geringe Kapitalaufwendungen. * , Die Höhe des Kapitalbedarfs zur Finanzierung.der Lagerhaltung hängt freilich häufig auch davon ab, ob der Handwerker seinen Bedarf an Rohstoffen, Waren .usw. in der Nähe schnell decken, also sein Lager immer wieder ohne Zeitverlust erneuern kann. In denjenigen überseeischen Lindern, in denen die Verkehrsentwicklung noch unbefriedigend und die Beschaffung neuer Rohstoffe oft schwierig ist, wird der Handwerker dadurch nicht selten zu einer größeren Vorratshaltung gezwungen sein, wodurch sich dann sein Kapitalbedarf erhöht. Andererseits wird in überseeischen Ländern mit vorwiegend landwirtschaftlicher Struktur der Umfang der Vorratshaltung von Fertigerzeugnissen in manchen Handwerkzweigen geringer sein können als in dichtbevölkerten Industrieländern, besonders wenn der Betrieb nicht in einer der Haupt- und Oroßstädte der betreffenden Länder gelegen ist. Das gilt z. B. für Herrenschneider oder für Tischler. Doch ist vielfach bei den Tischlern eine erhöhte Vorratshaltung an Rohmaterial deshalb erforderlich, weil dieses, wenn gute Ware geliefert werden soll, einer längeren Lagerung bedarf. Werkzeuge und Maschinen. Sehr verschieden groß ist der Kapitalbedarf, der in den einzelnen Handwerkszweigen zur Beschaffung der erforderlichen Werkzeuge, Maschinen, Einrichtungsgegenstände usw. entsteht. Hohe Kapitalinvestitionen erfordern im Hinblick hierauf, wie schon erwähnt, die Handwerkszweige der Buchdrucker oder der Müller. Dagegen "haben z. B. die Betriebe der Herrenschneider oder die der Dachdecker einen verhältnismäßig sehr geringen Bedarf an Anlagemitteln dieser Art. Einen beträchtlichen Kapitalbedarf zur Anschaffung von Werkzeugen und Oeräten haben namentlich die holz- und metallverarbeitenden Qewerbe, während dieser z. B. bei Malern und Glasern gering ist. Außenstände. Es gibt eine Reihe von Handwerkszweigen, die deswegen einen höheren Kapitalbedarf haben, weil sie in beträchtlichem Umfange ihren Kunden Kredit zu gewähren pflegen. Infolgedessen steckt in ihren Außenständen ein bedeutendes Kapital. Das ist insbesondere bei den Herrenschneidern der Fall. Aber auch im Bauhandwerk und seinen Nebenhandwerken, bei den Elektroinstallateuren und in vielen metallverarbeitenden Handwerkszweigen spielen die Außenstände infolge langfristiger Kreditgewährung eine erhebliche Rolle Schlosser und Maurer, Tischler, Dachdecker, Schmiede, Installateure und Klempner brauchen daher ein nicht unbeträchtliches Kapital zur Finanzierung des von ihrer Kundschaft in Anspruch genommenen Kredits. In anderen Betrieben hat sich das Prinzip der Barzahlung bereits stärker durchgesetzt, so u. a. bei den Friseuren, den Fleischern, Bäckern, und Schuhmachern. In manchen Handwerkszweigen sind da- 6egen häufig 25 bis 45 Prozent des Betriebskapitals der hternehmungen durch die Kredite, die der Kundschaft gewährt werden mußten, festgelegt. Die Verhältnisse liegen in dieser Hinsicht In den verschiedenen Ländern naturgemäß sehr verschieden, doch wird gerade in überseeischen Lindern diese Frage nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Es ist klar, daß größere Außenstände eine wesentliche Mehr-

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