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Der jüdische Handwerker · 1938-08-01 · 8 (8.1938) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
8 (8.1938)
Date
1938-08-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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die einzelnen Arbeiten getan werden müssen, und warum . sie sorgfältig, sachgemäß und gerade so getan werden müssen, wie es ihm gezeigt wird, der fii den richtigen Handgriffen, in der praktischen Anwendung der Oerite und Werkzeuge mit Verständnis und Geduld unterwiesen wird, wird bald die erforderlichen inneren Beziehungen zii seiner neuen, von der bisher gewohnten sehr verschiedenen Tätigkeit gewinnen. Oerade in der Landwirtschaft ist es nicht schwer, den Nutzen und die Notwendigkeit der eigenen Arbeitsleistung an den erzielten Erfolgen zu erkennen. Pflanzen und Tiere lohnen die Mühe, die sich der Landwirt bei ihrer Pflege gibt, durch besseres Qedeihen, durch lebendiges Wachsen, Blühen und Früchtetragen. Der landwirtschaftliche Lehrer, der es versteht, dies alles den aus anderem Milieu stammenden Jungen verständlich zu machen und sie von vornherein zu eigenem Verantwortungsgefühl bei der Leistung dieser Arbeiten zu erziehen, wird bald merken, wie sehr durch solche Anregungen zum Mitdenken und zum selbständigen Handeln seine Unterweisungen untenstützt werden. Wenn der junge Mensch erst erfahren hat, daß auch die von ihm als rcftwer und unangenehm empfundenen Arbeiten für das Gelingen des Oesamtwerkes wichtig sind, daß jede von ihnen ein unentbehrliches Olied in der Kette der Tätigkeiten bilden, die den Endertrag, die Ernte gewährleisten, wird es ihm leichter sein, willig und freudig jede ihm aufgetragene Arbeit zu verrichten. Er wird sich bald daran gewöhnen, alles, was er einmal als notwendige Arbeit erkannt hat, auch ohne Anweisung und Aufsicht auszuführen. Auf diese Weise werden die jüdischen Ausbildungsstätten 'zuve-rTTtaigc, selbständige Menschen «liehen, die aus Freude am Werk und an der Leistung fhre Arbeit tun. Denn der künftige Siedler und Landwirt muß selbständig handeln, muß selbst richtig disponieren und die eigene Verantwortung fühlen. Die Zeit des Anweisens und Anlernens geht bald vorüber. Je früher er zur Selbständigkeit in seiner Berufsausübung geführt wird, desto schneller wird der künftige Landwirt die etwaigen, aus mangelnder Berufstradition erwachsene Hemmungen der Berufserziehung zu überwinden vermögen. Die Ausbildung des Landwirts und Siedlers ist sehr vielseitig. Oerade weil der küntige jüdische Landwirt häufig nicht einmal weiß, in welchem Lande er seinen Beruf praktisch wird ausüben können, muß er alle in Betracht kommenden Sparten und Zweige landwirtschaftlicher Tätigkeit gründlich erlernen. Auf den jüdischen Lehrgütern findet zwar eine gewisse Differenzierung der Ausbildung in den beiden großen Berufsgruppen Landwirtschaft und Gartenbau statt. Aber auch der Landwirt muß im Gartenbau und der Gärtner in den verschiedenen Zweigen des Ackerbaus und der Viehzucht Fachkenntnisse besitzen. Der Landwirt muß den Anbau der verschiedensten Pflanzen, wie Qetreide, Hackfrüchte, Futterpflanzen usw., theoretisch und praktisch kennengelernt haben. Er muß alle zur Bestellung, Pflege und Ernte erforderlichen Arbeiten ausführen, mit Handwerkszeug, Geräten und Maschinen, Oespannen und Traktoren umgehen können. Aufs engste mit dem Ackerbau' verbunden ist die Tierzucht. Der Landwirt und Siedler soll mit der Aufzucht und Pflege des Rindviehs, der Pferde, der Kleintiere und des Geflügels wohlvertraut sein. Den Stalldienst, das Füttern sowie das Melken des Milchviehs muß er gründlich erlernt haben. Alle diese Arbeiten kennen keine Begrenzung der Arbeitszeit, wie sie z. B. in gewerblichen Berufen möglich ist. Zu jeder Stunde muß der Landwirt und Viehhalter auf dem Posten sein. In allen Haupt- und Nebenzweigen seines Berufs muß er Kenntnisse und Erfahrungen besitzen. Die meisten der Arbeiten, die zu seinem Beruf gehören, müssen draußen in Wind und Wetter ohne Rücksicht auf Kälte oder Sonnenbrand ausgeübt werden. Der Gärtner spezialisiert sich auf dem Gebiete des Obst- und Gemüsebaus. Aber der Siedler 'muß selbstverständlich ebenfalls mit allen gärtnerischen Arbeiten bekannt sein. Er muß wissen, welche Anforderungen an Boden, Düngung, Pflege und Fruchtfolge die verschiedenen Gemüsepflanzen stellen. Die Pflanzung der Obstbäume, ihr Schnitt und ihre Pflege, die Bekämpfung der Krankheiten und Schädlinge dürfen dem Siedler nicht fremd sein, wenn ihm freilich auch in der Pflege mancher überseeischen Pflanzen die praktische Anschauung vielfach hier nicht wird vermittelt werden können. Oanz besondere Aufgaben erwachsen der Frau des Landwirts und Siedlers. Ihre Ausbildung ist nicht minder wichtig als die des Mannes. Sie wird teils auf hauswirtschaftlichem Oebiet liegen, teils aber auch einen bestimmten Kreis landwirtschaftlicher Arbeiten, wie Stall; arbeiten, Melken, Viehpflege, Geflügelzucht, Gartenbau usw., mitumfassen müssen. Die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen können die künftigen Siedlerfrauen teils ebenfalls auf den landwirtschaftlichen Lehrgütern und Auswandererschulen, teils in den hauswirtschaftlichen Ausbildungsstätten erwerben. _ : '. Schließlich sei noch auf die wichtige Ausbildung des Siedlers in einfachen handwerklichen Arbeiten - e hingewiesen. Selbstverständlich kann und soll der Siedler nicht etwa im Nebenamt auch noch Handwerker sein. Denn ab solcher würde er oft naturgemäß nur Pfuscharbeit leisten können, da er die erforderliche drei- bis vierjährige Ausbildung ja nicht erhalten kann. Aber gerade in überseeischen Ländern, in denen der nächste Handwerker oft weit entfernt wohnt, muß der Siedler und Landwirt sich selbst helfen können. Handwerkliche Arbeiten leichter Art wird er vielfach für den eigenen Bedarf ausführen müssen. Er wird z.B. für die Herstellung seiner Frühbeetkästen keinen Tbchler oder Glaser zur Verfügung haben. Auch Zäune, Viehställe, Werkzeuge und manche andere Dinge wird er sich vielfach selbst herstellen müssen. Ausbesserungen und Reparaturen, die in die verschiedensten .handwerklichen Berufe fallen, muß er selbst vorzunehmen imstande sein. Denn im Urwald, wo den Siedler oft ein mehrere Tagereisen weiter Weg von der nächsten Stadt und der Werkstatt des nächsten Handwerkers trennt, gibt es keine Schwarzarbeit. Hier gilt in jeder Hinsicht das Gebot: Hilf dir selbst! je vielseitiger der Siedler ausgebildet und in allen Zweigen seines Berufes ausreichende Kenntnisse besitzt desto besser wird er allen Anforderungen, die dieser Beruf an sein Wissen und Können, an seine Findigkeit und Wendigkeit, besonders aber an seinen Fleiß und seine Arbeitsleistung stellt, gerecht werden können. Das gilt für den Einzelsiedler vielleicht in noch höherem Orade ab für den Teilnehmer an einer Gruppensiedlung, in der der eine dem anderen beizuspringen vermag. Aber .auch der Oruppensiedler wird vielfach, wenn es sich um die Ausführung einfacher handwerkliche^ Arbeiten handelt, auf die eigene manuelle Oe- Brief eines ICA-Siedlers Avigdor, den 5. 7. 1938j „Heute finde ich endlich Zeit, Dir einmal zu schreiben. Wir sind nun schon 7 Monate hier, und ich kann wohl sagen, daß wir in dieser Zeit gut vorangekommen sind. Ab wir am 7. November vorigen Jahres hier anlangten, fanden wir vor: Ein Haus mit zwei Zimmern, Küche und Veranda, darin ein Tisch, je ein Stuhl, ein Schrank und je eine Bettstelle. Außerdem wurden ein stabiler vierrädiger Wagen, ein Pflug, eine Egge und eine Milchkanne sowie vier Pferde und eine Kuh zur Verfügung gestellt. Jetzt haben wir 20 Kühe, 20 Kälber, 11 Pferde, 2 Fohlen, .1 Zuchtbullen, etwa 50 Hühner (16 selbstgezogene Küken), 2 Gänse und 2 Enten. Die letzteren sind ebenfalb unser Eigentum. Unsere Kühe sind alle wieder tragend. Sobald die Kühe kalben, sind die alten Kälber unser Eigentum. * Wir erhielten 75 ha Land, davon waren 10 ha gepflügt, die wir gleich mit Mais besät haben. Außerdem haben wir etwa 15 ha Neuland, davon 2'/sha mit Hafer und 3 ha mit Weizen bestellt, jetzt sind wir bei der Maisernte, mit der wir recht zufrieden sind. Wir haben Prachtkolben dabei, und der Administrator hat gesagt, wir sollten ihm drei Kolben davon bringen, die er zur Ausstellung schicken will. Abo haben wir hierin Olück, zumal nach so kurzer Zeit. Sobald der Mais eerntet bt, wird umgeackert, und es kommt Leinsaat auf en Boden. Wir haben noch 50 ha Wiese und Wald. Von diesem werden wir nach und nach einen Teil von Eingeborenen roden lassen und dann das Land bestellen. Wir haben im Camp' Hasen, Rebhühner, Biskatschas, Skunks und Oott sei Dank fast keine Schlangen. Hinter dem Haus haben wir einen Vi ha großen O a r t e n angelegt. Ich bearbeite ihn allein und habe ihn bereib ganz fertiggestellt. Wir haben schon sehr schönes Gemüse daraus geerntet, z. B. Salat, Spinat, Erbsen, grüne Bohnen, rote Rüben, Radieschen, Ourken, Melonen, Welß- und Rotkohl. Jetzt habe ich etwa 2000 Kohlpflanzen gesetzt und außerdem Kohlrabi, dieich selbst gezogen habe. Anfang Mai habe ich 280 Erdbeerpflanzen gesetzt, und ich konnte gestern schon einige reife Erdbeeren pflücken. Mitte des Monate werden wir 50 Obstbäume und 50 Schattenbäume flanzen. Lothar und Walter machen die Feldarbeiten, und ophle hat mit Ruth und Margot viel im Hause zu tun. Jedenfalls sind wir freie, frohe Menschen geworden, und ich möchte nicht mehr im kaufmännischen Beruf tätig sein. Beim Administrator bin ich sehr gut angeschrieben, da wir mit der Arbeit immer weit voraus sind. Was die Milch anbetrifft, die wir in der Meierei abliefern, so haben wir mit-1,4 Fettgehalt angefangen, und jetzt" erreichen wir 5,6 Fettgehalt. Es gibt natürlich auch hier Menschen, die unzufrieden sind, aber ohne Arbeit kann man freilich nichts erreichen. Wer hier fleißig schafft, kommt auch vorwärts. Ich fühle mich sehr wohl dabei und kann arbeiten wie ein junger Mann. Das Klima bt durchaus gesund. Augenblicklich haben wir Winter, d. h. ei bt nachts und morgens kühl, aber am Tage herrlich. Wegen Georg bin ich jetzt auch bemüht, daß er nachkommt und ein Camp erhält. Wenn Du einmal beim Hilfsverein zu tun hast, so kannst Du sagen, daß sie den Auswanderern nicht abraten sollten, viele Sachen mitzunehmen. Im Gegenteil, die Ica freut sich, wenn man viele brauchbare Sachen mitbringt, und das bt ja auch erforderlich."

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