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Der jüdische Handwerker · 1938-08-01 · 8 (8.1938) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
8 (8.1938)
Date
1938-08-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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viele Einwanderer leider glauben. Immer wieder muß betont werden, daß eine Betätigung als selbständiger Handwerker oder Gewerbetreibender eine gute Kenntnis der Landessprache voraussetzt. Einer Tätigkeit der Einwanderer 'ab Oeselle, Arbeiter oder Angestellter steht das niedrige Lohnniveau entgegen, das ganz und gar auf die bescheidenen Lebensbedürfnisse der einheimischen Arbeiter und Angestellten zugeschnitten ist. Im Anfange freilich, insbesondere solange er die Landessprache nicht vollkommen beherrscht, wird auch der eingewanderte Handwerker oft darauf angewiesen sein, in abhängiger Stellung sein bescheidenes Brot zu verdienen, und er wird dann seine Lebensinsprüche weitgehend denen der Landesbevölkerung anpassen müssen. Die Städte Kolumbiens. Die Zahl der Städte ist in Kolumbien sehr groß. Die Hauptstadt Bogota fiberragt an Einwohnerzahl die anderen Städte keineswegs in dem Maße wie das in vielen anderen Ländern der Fall tot. Sie zählt immerhin mehr als 300000 Einwohner und feiert in diesem Jahre das Fest ihres 400jährigen Bestehens. Andere bedeutende Industrielind Handelsstädte sind Med eil in mit 120000 und Call mit beinahe der gleichen Einwohnerzahl. Diese drei Städte waren, wie schon erwähnt, bisher vorwiegend Ziele der jüdischen Einwanderung. Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß es in Kolumbien noch eine erhebliche Anzahl anderer größerer Städte gibt, in denen Einwanderer vielfach leichter als dort, wo die jüdische Zuwanderung schon verhältnismäßig groß ist, ihr Brot finden dürften. Einige von diesen Städten werden allerdings aus klimatischen Gründen für die Niederlassung von Europäern nicht unbedingt zu empfehlen sein, so z. B. die großen Hafenstädte Cartagena und Buenaventura. Aber Manizales, das etwa 100000 Einwohner zählt, und ein wichtiges Zentrum des Kaffeehandels, aber auch anderer Handelszweige ist. hat bei allerdings sehr hoher Lage ein recht gunstiges Klima. Andere größere Städte, die hier genannt werden können, sind das an der Grenze von Venezuela liegende C ü c u t a, eine lebhafte Handelsstadt von beinahe 50 000 Einwohnern, das sehr hoch und in der Nähe von bedeutenden Goldminen gelegene P as t o im Südostens des Landes (die Bevölkerung besteht hier freilich vorwiegend aus Indianern), ferner Ibague, die alte Hauptstadt des Departments Tolima, P o p a y & n , das in der Nähe größerer Gold-, Silber-, Platin- und Kupferbergwerke gelegen ist, und P e r e I r a , der Mittelpunkt eines Kaffee- und Oefrierflebcherzeugungs-Bezirks. Alle diese Städte zählen bisher nur wenige jüdische Einwohner. Nur in Barranquilla wohnt gleichfalls bereits eine beträchtliche Anzahl von Juden. Call ist vorwiegend Handelsstadt, während M e d e 11 f n , das man das „Manchester Columbiens" genannt hat, das bedeutendste Industriezentrum des Landes, namentlich der Textilindustrie ist. Barranquilla ist der größte Kaffee-Exporthafen Kolumbiens. In der Nähe liegt der wichtige Seehafen Puerto Colombo, wo die Einwanderer aus Europa zu landen pflegen. Es ist grundsätzlich wünschenswert und notwendig, daß sich die jüdischen Einwanderer möglichst Ober das ganze Land verteilen, soweit die klimatischen Verhaltnisse es gestatten. Auslese tut not. Kolumbien wird als Auswanderungsland für jüdische Menschen sicherlich auch künftig von beträchtlicher Bedeutung sein. Aber eine sorgsamere Auslese unter denen, die nach Kolumbien auswandern möchten, erscheint im Interesse der Gesamtheit der Auswanderer als unbedingt notwendig. Das Land braucht, wie seine wirtschaftliche Struktur erkennen läßt, in erster Linie Landwirte und Siedler, außerdem auch tüchtige Handwerker und Industrielle (auch Kleinindustrielle) ferner Techniker und Chemiker, kurz Menschen mitt produktiven Berufen, die die Verarbeitung der unermeßlich reichen Naturschätze des Landes zu Gebrauchsgütern und Austauschwaren in die Hand nehmen. Wer auf Grund der hier geschilderten wirtschaftlichen Struktur des Landes erkennen muß, daß er heute kein geeigneter Einwanderer in diesem Lande von scharf ausgeprägtem Charakter. sein würde, sollte sich durch entsprechende berufliche Umstellung und sprachliche Schulung die erforderlichen Eigenschaften erwerben. Aber erst wenn ihm das in genügendem Ausmaß gelungen ist, wird er in Kolumbien finden können, was er sucht: eine neue Lebensgrundlage und eine neue Heimat. Wege zur geistigen Einordnung Soeben ist das neue, von vielen schon mit Interesse erwartete Heft des Korrespondenzblatts des Hilfsvereins „Jüdische Auswanderung" erschienen. Es behandelt in erster Reihe die Vereinigten Staaten von Amerika sowie Cuba und die Philippinen. Von den in diesem Heft enthaltenen grundsätzlichen Ausführungen über das amerikanische Leben und die Einordnung des Auswanderers seien die nachstehenden hier wiedergegeben, die in vieler Beziehung mit den schon früher im „Jüdischen Handwerker' herausgestellten, Hinweisen übereinstimmen. Geistige Einordnung ist etwas völlig anderes ab krampfhafte Amerikanisierung. Oewiß bt es ein ungeheurer Vorteil für den Einwanderer, daß die amerikanische Kultur ihm nicht ab etwas so Festgefügtes, eindeutig Gegebenes gegenfibertritt wie etwa die französische, englische oder italienische. Aber trotzdem kann zum mindesten der im reifen Alter Auswandernde nicht im gleichen Sinn Amerikaner werden wie es der im Land geborene ist. Der Einwanderer kann in Amerika engste Beziehungen zum nationalen Leben gewinnen — und Millionen von Einwanderern haben sie gewonnen. Das ist möglich, weil die Stellung des Einwanderers in diesem Land der Immigration nichb Anormales bt Aber wie der erwachsene Einwanderer niemals das Englische ohne Akzent sprechen lernt, so wird für ihn amerikanische Sitte und amerikanische Lebensauffassung niemab das Selbstverständliche, unbewußt Angenommene und Geübte sein. Es liegt an ihm, dieses scheinbare Defizit in Reichtum zu verwandeln, in Reichtum für sich wie für die anderen. Das amerikanische Leben wäre ohne den Zustrom von Menschen und Ideen viel inner. Richtig begriffene geistige Einordnung bt für den Einwanderer absolut unerläßlich. Selbst für die materielle Existenzgründung bt sie wichtiger, ab viele Einwanderer denken. Geistige Einordnung in Amerika bedeutet vor allem das Begreifen, daß hier eine ganz große Menschheitsaufgabe zu vollenden bt. Der Kontinent ist erschlossen; die äußeren Bedingungen der Zivilisation sind in überreichem Maße vorhanden; aber diese Nation, in die .Volkskräfte aus allen anderen Nationen eingeströmt sind, hat geistige und seelische Energien, die viel mehr ab materiellen Reichtum schaffen können und auch nach viel mehr ab materiellem Reichtum streben. Daß der Einwanderer etwas von dieser Aufgabe begreifen soll, heißt natürlich nicht, daß er sich zunächst kulturphilosophischen Studien zu widmen habe. Aber er soll die Haltung des Mußamerikaner« loswerden. Oewiß, er wird In vielen Fällen einfach deshalb nach Amerika kommen, weil seine Verwandten in Chikago und nicht in Johannesburg leben, oder weil er kein Zertifikat für Palästina bekommen konnte. Darüber braucht er weder sich noch anderen etwas vorzumachen. Nur sehr wenige von den Vorfahren der 130 Millionen Amerikaner haben Amerika gewählt, weil sie glaubten, daß es das einzige Land sei, das ihren innersten Wünschen Genüge tun könne. Warum der Einwanderer nach Amerika kam, bt unwichtig; aber unendlich wichtig bt für ihn, seinem Dasein in Amerika einen Sinn zu geben, der nicht nur darin besteht, daß er hier sein Leben verdienen kann. Dazu braucht er nicht dicke Bücher zu lesen, obwohl etwas amerikanische Geschichte sehr nützlich bt Aber er, soll vor allem seine Augen aufmachen in jedem Sinn. Kein Mensch verdenkt ihm die Sehnsucht zurück, jeder oder doch fast jeder Amerikaner versteht sie, viele haben sie selbst erlebt. Aber wenn Sehnsucht zur Bitterkeit wird, und das Herz nicht mehr frei genug ist, um das Neue in sich aufzunehmen, dann wird sie zur Gefahr. Dann lernt nämlich der Einwanderer niemab amerikanische Menschen behandeln, und dann bt er hier verloren. Um in Amerika zu leben, muß man sich an Amerika freuen können, um sich daran freuen zu können, muß man Amerika verstehen. Wie macht man das, wenn man frisch hereinkommt? Es gibt hundert Wege. Man rede mit Menschen, so viel wie nur irgend möglich. Wenn man es sich lebten kann, gehe man in ein summ er camp (Sommerlager); die billigsten sind nicht nur wegen der Oeldersparnb die besten.'Wenn man Kinder hat, suche man viel Kontakt mit der Schule. Jede Schule hat eine parent-teachers association (Vereinigung von Lehrern und Eltern), die Teilnahme bt sehr empfehlenswert. Für Frauen ist die Teilnahme an einem Klub hi Erwägung zu ziehen; das geistige Niveau bt natürlich sehr verschieden, die Lebendigkeit des Interesses aber fast immer ¥roß. (Männerklubs bieten weniger.) Ein anderer Weg bt eilnahme an den Veranstaltungen des sehr umfassenden Volksbildungswesens; in vielen Teilen Amerikas gibt es „Forums" mit ausgezeichneten Rednern und interessanten Diskussionen.. Die ..night school", die, mebt einer öffentlichen Schule angegliedert, Klassen spezieil für Neueinwanderer enthält fEnglbch und Bürgerkunde), kann auch oft auf dem Weg über die Lehrerin oder den Lehfer zu wertvollen Berührungen mit amerikanischem Leben fuhren. In einer Reihe von Städten bt das Jewish Community Center ein Ort, wo der jüdbehe Einwanderer besondere Fürsorge und Wärme findet. Selbstverständlich bt es, daß der Einwanderer Zeitung lesen muß; aber auch das Lesen einer Zeitschrift bt sehr nützlich. Es gibt ausgezeichnete Zeitschriften mit allgemein kulturellem Programm in Amerika, z. B. Harpens Magazine und Atlantic Monthly.

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