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Der jüdische Handwerker · 1938-08-01 · 8 (8.1938) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
8 (8.1938)
Date
1938-08-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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vereine zum Verbandsvorsi wurde, übernahm er nicht nur ein Amt schlechthin, sondern er wußte es zu erfüllen mit der unverbrauchten Kraft und der beispiellosen Energie, die ihm eigen ist. Es gab keinen Besseren, unser Programm erfüllen zu helfen. Durch seine überzeugende Beredsamkeit trat eine absolute Wendung in der Denkrichtung der öffentlichjüdischen Körperschaften auf sozialem Gebiet ein. In seine Amtsführung fallen die Gründungen der Darlehns- und Kreditkassen. Das Wirtschaftaleben des jüdischen Mittelstandes, das bisher vollkommen isoliert ablief, erhält einen Sinn. Wirtschaftskrisen können nicht durch gelegentliche Unterstützungen überwunden, sondern Existenzgrundlagen können nur durch Zuführung ausreichender Kredite gesichert werden. Die W e i t e d e s B 1 i c k e s , die er f ür den jüdischen Mittelstand hatte, ist vielleicht das größte Verdienst unseres Freundes Marcus. Im Zuge dieses Ziels trat er für die Schaffung der Wirts chaftshilfe ein. Wenn wir heute den geschlossenen Kreis der wirtschaftlichen Hilfsmittel überblicken, dann sollte sich jeder daran erinnern, daß die Initiative aus den Kreisen des jüdischen Handwerks ergriffen wurde, und daß sein bester Vertreter Marcus war. Dabei beschränkte er seine Arbeitskraft nicht in lokalem Sinne, sondern er stellte sie allen zentralen Körperschaften zur Verfügung. In der Berliner Jüdischen Gemeinde wurde er zum Vorsitzenden der religiös-liberalen Fraktion berufen, und es gehört zu einer der schönsten Erinnerungen, mit welcher Sachkenntnis und Umsicht er in den letzten Jahren den Etat vertreten hat. Mit Recht kann behauptet werden, daß er einer der besten Kenner der Berliner Gemeindeverwaltung mit all ihren Verästelungen war. Das ist es, was uns den Abschied schwer macht: einen Mann mit nie ermüdender Arbeitskraft und Einsatzbereitschaft von uns scheiden zu sehen, der Stolz, einen Mann in unserer Mitte besessen zu haben, der das jüdische Leben in bestem Sinne beeinflußt hat. Und noch jetzt, da unsere Gemeinschaft zu zerbrechen droht, tritt er mutig, und durchdrungen von dem Glauben an eine bessere Zukunft für die Gemeinschaft ein. Wir aber wissen, daß mit der Uebersiedlung unseres Freundes Marcus in eine neue Heimat nur der Standort gewechselt wird, und sind überzeugt, daß seine Werke noch Geschlechtern künden werden von dem Geist, in dem wir unser Judentum aufgefaßt haben. Und nun, lieber Freund, bleibt uns nur ein Letztes: Dir zu danken! Können stärkste Worte Empfindungen wiedergeben? Wir wissen, daß Du uns mit Deinem klugen Rat oftmals fehlen wirst, aber wir wissen auch, daß aus der Ferne Deine Gedanken bei uns sein werden, wie wir niemals Deiner vergessen werden. \ und Mitstreiter Paul Qöldmann, Hannover, schreibt uns aus gleichem Anlaß: „Eure Lenden gegürtet, eure Schuhe an den Füßen und und euren Stab in der Hand!" Dieser Spruch, der einst aM _ unsere Väter erging, ist nun auch an unseren lieben Freund und langjährigen Verbandsvorsitzenden Wilhelm Markus ergangen. Israel ist wieder am Wandern. Da wir jetzt fühlen, daß es bitterer Ernst ist, daß Wilhelm Marcus uns verlassen will, merken wir erst, was wir" an ihm verlieren. Wilhekn Marcus entstammt einer alten Handwerkerfamilie, in der Handwerk kein Zufall, sondern Tradition war, und ohne einem im Verbände nahe treten zu wollen: es gab "keinen unter uns, der die Nöte und Sorge des jüdischen Handwerkers besser kannte als er. Mit allem Nachdruck und unbeugsamer Energie ist er gegen Vorurteile Sturm gelaufen, er war nicht nur ein Kämpfer in vorderster Reihe, sondern er war der Kämpfer, der ein einmal gefaßtes Ziel nicht aus dem Auge ließ. Je größer der Widerstand, je stärker der Einsatz seiner Person. Wie hat er den Verband und damit die Ortsgruppen vorwärts getrieben! Er war unermüdlich, wenn es galt, die Belange des jüdischen Handwerkerstandes zu vertreten. Aber nicht nur für den jüdischen Handwerker setzte sich Wilhelm Marcus ein, sondern auch seine Idee, den gesamten jüdischen Mittelstand zusammenzufassen, setzte er in die Tat um. Oerade eine Gemeinde wie Berlin bot ihm für seine organisatorischen Fähigkeiten den geeigneten Boden. Wenn unser Marcus uns jetzt verläßt, um sich eine neue Heimat zu suchen, so sagen wir, seine Freunde, die mit ihm jahrzehntelang gearbeitet hatyen, ihm unseren allerherzlichsten Dank. Oab es im Verbände einmal Meinungsverschiedenheiten, so war es die vornehmste Aufgabe von Wilhelm Marcus überall ausgleichend zu wirken. Er war so mit den Ideen des Verbandes verwachsen, daß er eine Verletzung gegen den Verband als eine persönliche Verletzung empfand. Dieses Empfinden legt Zeugnis davon ab, daß er die ihm gestellten Aufgaben „b'chol Iwowcho", mit ganzem Herzen zu erfüllen versuchte. Es gab bei Tagungen keine größere Freude für ihn als wenn alle Kollegen mit ihm sich einten, um das Ansehen des jüdischen Handwerkerstandes zu heben und zu fördern. Wilhelm Marcus maerrte es uns nicht immer leicht, denn er stellte hohe Anforderungen an uns, bei ihm galt nur die Tat. Daß Marcus ein Tatmensch ist, wissen nicht nur wir seine Freunde, sondern das wußte auch die Großgemeinde Berlin. Einen Mann, der in sich solche Fähigketten vereinte, konnte sich die Oemeinde Berlin nicht entgehen lassen, und unerschrocken bis zur letzten Konsequenz hat er auch hier gearbeitet. Wilhelm Marcus ist für uns jüdische Handwerker ein Begriff geworden. Jetzt heißt es Abschied nehmen, und ich rufe dir, lieber Freund im Namen Deiner Freunde ein herzliches „Glück auf zu. Wir Juden befinden uns in dem Monat Aw. In diesem Monat ging Israel einst das Heiligste der Tempel in Trümmer, und zu gleicher Zeit trat Israel seine Wanderung durch die Welt an. Diese Wanderung hat . uns viele unserer Besten gekostet. Du bist .uns auch einer/der Allerbesten, und so mischt sich in den Schmerz um den Aw auch der Abschiedsschmerz um dich, lieber Freund. Wir alle wünschen Dir und Deiner 1. Frau, daß es jenseits des Meeres Euch gut gehen möge. Wir danken Dir aus heißem Herzen für alles, was Du für uns und die Judenheit getan hast und rufen Dir ein herzliches „j'worech'cho" zu. Kolumbien als Einwanderungsland Die jüdische Einwanderung nach Kolumbien hat Im letzten Jahre stark zugenommen. Ein Teil der Einwanderer kam jedoch wohl hauptsächlich deshalb nach Kolumbien, weil hier die Einwanderungsbedingungen verhältnismäßig leicht zu erfüllen sind. Viele dieser Einwanderer haben sich offenbar über die Lebensbedingungen in diesem Lande vorher nicht genügend unterrichtet. Infolgedessen befanden sich manche unter ihnen, die ungeeignet oder beruflich und sprachlich nicht genügend vorbereitet waren, um unter den dortigen wirtschaftlichen Verhältnissen solide Existenzmöglichkeiten finden zu können. Das Ergebnis waren Fehlschläge und Mißerfolge, aber auch eine ablehnende Haltung mancher kolumbischer Kreise gegen die jüdische Einwanderung oder vielmehr gegen ungeeignete jüdische Einwanderer. Es erscheint deshalb nötig, daß sich alle diejenigen, die, sich mit dem Plan einer Auswanderung nach Kolumbi« tragen, vorher aufs Genaueste über den Charakter und die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Landes informierten, damit nur diejenigen jüdischen Menschen nach Kolumbien fehen, die die in diesem Lande erforderlichen Eigenschaften esitzen und die Voraussetzungen eines dem Lande nützenden Einwanderers erfüllen. Diesem Zweck .soll die nachstehende Darstellung der wirtschaftsgeographischen Struktur Kolumbiens dienen. Land und Leute. Kolumbien liegt im äußersten Nordwesten Südamerikas und grenzt unmittelbar an die mittelamerikanische Republik Panama. Der Süden Kolumbiens liegt unter dem A e q u a t o r . Trotzdem ist das Klima in dem größten Teil des Landes auch für Europäer durchaus gesund. Denn Kolumbien wird von drei Hochgebirgsketten der Kordilleren durchzogen, deren höchste Berge sich bis zu 5600 m erheben. Die Hochebenen zwischen den Bergketten haben ein gesundes Klima und sind sehr fruchtbar. Ebenso sind die Täl/r der zahlreichen Flüsse des Landes von tropischer llchtbarrkeit. Für Europäer kommen im wesentlichen die chebenen für einen dauernden Wohnsitz in Frage. An zwei Ozeanen, dem Pazifischen und dem einen Teil des Atlantischen bildenden,- Karibischen. Meere gelegen, hat Kolumbien eine große Anzahl guter Häfen. Dam kommt, daß es von vielen wasserreichen Strömen und Flüssen durchzogen wird, deren größter und bekanntester ■ der Magdalena-Strom ist. Für den Europäer kommen besonders die Hochebenen im Westen des Landes in Frage, denn hier ist das Klima gemäßigt oder in den höchsten Lagen sogar kühl. Die Hauptstadt Bogota liegt 2600 m hoch. Das Leben in solchen Höhen erfordert freilich ein

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