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Der jüdische Handwerker · 1938-06-01 · 6 (6.1938) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
6 (6.1938)
Date
1938-06-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Schule sich weitgehend in den Dienst des Umlernen* stellen. Die Hinführung zum Handwerk muß schon in der Schule einsetzen, wenn wirklich Neigung und Eignung zu handwerklichen Berufen wieder in breiten Schichten der jüdischen Jugend geweckt werden sollen. Mit einem Strohfeuer der Begeisterung, das nur .selten zündende Kraft hat, ist das Ziel ebensowenig zu erreichen, wie mit einer durch den Zwang der Notzeit veranlaBten rein äußerlichen Berufsumschichtung. Es kommt vielmehr darauf an, in der heranwachsenden Jugend so früh wie möglich das Interesse für handwerkliche Betätigung wachzurufen und ihr die erforderliche manuelle Geschicklichkeit zu vermitteln, indem man ihr Gelegenheit zu praktischer Erprobung gibt. Das ist die Aufgabe des Werkunterrichts, dem heute in vielen" jüdischen Volksschulen erfreulicherweise ein Immer breiterer Platz eingeräumt wird. Die Aufgabe dieses Werkunterrichts ist es, die Jugend zur Handbetätigung zu führen und die in jedem Menschen mehr oder weniger vorhandene Anlage und Neigung, mit der Hand etwas darzustellen, zu pflegen und auszubilden. Wie kann dieses Ziel in der Schule erreicht werden? Ein Besuch des Werkunterrichts in der Knabenvolksschule Kaiserstraße der Berliner Jüdischen Gemeinde läßt uns einen interessanten Einblick in die Mittel und Wege tun, auf denen der Werkunterricht in der Volksschule in den Dienst einer zeitgemäßen Berufslenkung gestellt werden kann und gestellt wird. Der Werkunterricht wird im Rahmen der Schule, aber bisher noch als wahlfreies Sonderfach erteilt. Ihn obligatorisch für alle Jugendlichen zu machen, ist ein erstrebenswertes Ziel. Der Werkunterricht ist selbstverständlich nicht etwa dazu bestimmt, die Schuljugend schon für irgendeinen bestimmten Handwerksberuf vorzubereiten. Das verbietet sich schon deswegen, weil der Werkunterricht ja für 9—14jährige Jungen bestimmt ist, deren berufliche Eignung und Neigung noch in keiner Weise festgestellt sind und meist auch noch nicht festgestellt werden können. Der Werkunterricht hat vielmehr lediglich den Zweck, die; llgemernen manuellen An'agen der Knaben auszubilden, ihre Hand und ihr Auge zu schulen. Der Charakter der Schule bleibt in diesem Werkunterricht, der eben nur ein Unterricht, keine Ausübung ist, durch-1 aus erhalten. Es ist darum auch nicht von wesentlicher Bedeutung, auf welchen Gebieten handwerklicher Tätigkeit diese Unterweisung erfolgt. Aus praktischen Gründen werden in dem Werkunterricht der erwähnten jüdischen Schule zwei handwerkliche Gebiete: Papparbeiten und Holz- Zuschneidemaschine abzugeben. Zuschneidemaschine Modell Rostock, nebst </t PS Elektromotor Fabrikat Brauer, Zuschneideplatte und Zubehör günstig abzugeben. Angebote werden erbeten unter Nr. 30594 an die Wirtschaftshilfe der Jüdischen Gerne nde, Berlin N 4, Oranienburger Str. 31 (Tel. 42 51 31 App. 26). arbeiten gepflegt. Beide Betätigungen dienen ausschließlich dazu, die Knaben mit der Art der Arbeit, den wichtigsten Werkstoffen und den einfachsten Werkzeugen bekanntzumachen. Werkzeuge werden beim Werkunterricht verwendet, soweit sie zur Fertigstellung einfacher Arbeiten erforderlich sind. Es ist wichtig, daß von vornherein die Zwecksetzung der Arbeit nicht außer Acht gelassen wird, denn nur dann, wenn der Junge etwas fertigstellen, etwas Brauchbares leisten kann, wird er gleich von vornherein die nötige innere Einstellung zu seiner Arbeit gewinnen. Daher werden beispielsweise im Rahmen des Unterrichts in Papparbeiten kleinere oder größere Kästen, Buchdeckel, Einbände und dergl. hergestellt. Die Holzarbeit, bei der die Knaben bereits mit dem Gebrauch von Hobel, Säge, Feile usw. bekanntgemacht werden, führt zur Herstellung von Schlüsselbrettern, Hakenbrettern, Werkzeugkästen usw. Bei allen Arbeiten wird in erster Linie .auf die Präzision und Sauberkeit der Arbeit Wert gelegt. Die Jungen sollen nicht etwa irgendein Handwerk, also etwa Buchbinden oder Tischlern, erlernen, sondern sich lediglich daran gewöhnen und darin unterwiesen werden, Hand und Auge bei der Fertigstellung praktischer Arbeiten richtig und zweckmäßig einzusetzen und zu schulen. Sie lernen manuelle Geschicklichkeit, aber beileibe kein Handwerk! An den jüdischen Werklehrer, der diesen Werkunterricht erteilt, werden hohe Anforderungen in Bezug auf erzieherische Befähigung und Erfahrung gestellt. In seiner Hand liegt die außerordentlich wichtige Aufgabe, nicht nur die Knaben zu belehren und zu unterweisen, sondern auch ihre praktischen Befähigungen aufzufinden, auszubilden und zum richtigen Einsatz zu bringen. Es ist heute wohl auch in jüdischen Kreisen schon zu einer Binsenwahrheit geworden, daß zu einer erfolgreichen Betätigung im Handwerk ebenso viel Verstand, Intelligenz und wissen erforderlich sind wie zu irgendeinem anderen Berufe. Nur in Bezug auf Richtung, Einsatz " und Anwendung der verschiedenen Fähigkeiten unterscheiden sich die Berufe voneinander. Wenn heute die Erkenntnis, daß den handwerklichen Berufen in der jüdischen Berufsschichtung ein erheblich größerer Platz zukommt, als das viele Jahrzehnte hindurch der Fall war, so muß auch die jüdische Schule hieraus die notwendige Konsequenz ziehen. Diese Konsequenz ist aber in erster Linie die Pflege und Fortbildung des schulischen Werkunterrichts. Denn es gibt keinen besseren Weg als dieses frühzeitige und systematische Wecken und Pflegen manueller Geschicklichkeiten, um alle diejenigen Jugendlichen, die auf Grund ihrer natürlichen Fähigkeiten und Neigungen zu einem Handwerksberuf bestimmt sind, allen überlebten Vorurteilen zum Trotz ihrem wirklichen Beruf zuzuführen. Von diesem Werkunterricht in der Schule führt dann eine gradlinige Entwicklung über das neunte Schuljahr oder die Vorlehre zur Handwerkslehre oder Ausbildung in einer Lehrwerkstätte. In diesem allgemeinen Sinne einer planmäßigen Ausbildung manueller Fertigkeiten kann und soll sich auch die jüdische Schule heute in den Dienst einer richtigen, die früheren Einseitigkeiten wiedergutmachenden jüdischen Berufslenkung stellen. Nn. Moritz Rosenthal 60 Jahre Am 11. Juni beging der langjährige Förderer unserer Verbände, das Oemeindevorstandsmitglied Moritz Rosenthal seinen 60. Geburtstag. Schon zu einer Zeit, in der der jüdische Handwerkerstand einen heftigen Kampf um Achtung und Anerkennung innerhalb des jüdischen Lebens zu führen gezwungen war, erkannte Moritz Rosenthal weit vorausschauend die Forderungen der Handwerker als vollberechtigt an und schloß sich vor über zehn Jahren dem Handwerkerverband als Förderer an. Als 1933 der jüdische Mittelstandsverband ins Leben gerufen wurde, trat er auch diesem Verband als einer der Ersten bei. Moritz Rosenthal hat sich dabei nicht von dem Oedanken leiten lassen, sich nur pflichtgemäß auch, in diesen Verbänden als Mitglied registrieren zu lassen, sondern er fühlte sich auf Grund seiner positiven Einstellung zu allen Handwerks - und Mittelstandsfragen einfach dazu verpflichtet. So hat er unseren Verbänden durch rege Mitarbeit wertvolle Dienste geleistet, für die wir ihm an seinem Ehrentage bestens danken möchten. Bei der Würdigung seiner Persönlichkeit und seiner jüdischen Arbeit dar? aber sein Lebenswerk, die Betreuung der Alten und Kranken, die er als Dezernent der Altersheime und des Hospitals im Gemeindevorsatnd versieht, nicht unberücksichtigt gelassen werden. Ein Werk, das einstmals Männer, wie Leopold Badt und Moritz Mannheimer aufbauten und verwalteten, stellt hohe Anforderungen an den Mann, der diese Erbschaft später übernahm. Moritz Kosenthai ist es mit geradezu jugendlichem Temperament, mit höchster Aktivität und Einsicht gelungen, dieses. Werk wahrer Fürsorge für unsere Alten nicht nur traditionsgemäß zu erhalten, sondern es mit Rücksicht auf die Zeiterfordernisse zu fördern und wesentlich auszubauen. Er leistet diese überaus umfangreiche Arbeit mit kaum glaublicher Selbstverständlichkeit und Arbeitskraft. , Dem jugendlichen Jubilar wünschen wir schnelle Oenesung. nach eben überstandener Operation. Möge Moritz Rosenthal der jüdischen Gemeinschaftsarbeit noch lange Jahre im Vollbesitz seiner Kräfte erhalten bleiben. Betriebsjubiläum Walter Callmann Am 1. Juni 1938 konnte unser Kollege Schlossermelster Walter Callmann das 25 jährige Bestehen seines Betriebes begehen. Selbst ein gediegener Handwerksmeister, hat er seinen Betrieb dank höchster fachlicher Leistungen und Regsamkeit zu einem bekannten und anerkannten Industrieunternehmen für Eisen- und Blechbearbeitung entwickelt. Walter Callmann kann an diesem Ehrentage dieses Werk, das sein Lebenswerk ist, mit Stolz und Genugtuung betrachten. Wer aber kennt unseren Freund und Kollegen Walter Callmann nicht aus dem jüdischen Leben? Als Landesverbandsvorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, im Handwerker-Verband, in der Gesellschaft „Ort", in den maßgeblichen Qremien der jüdischen Gemeinde ist er führend tätig. Er ist ein Mann der Tat, der seine umfangreichen Ehrenämter nicht nur innehat, sondern sie auch mit der ihm gegebenen Energie erfüllt. Von unserem Verband in den Handwerker-Ausschuß der Reichsvertretung sowie in den Technischen Beirat für das Ausbildungswerk der Jüdischen Gemeinde und der Gesellschaft „Ort" delegiert, hat er sich besondere Verdienste auf dem Oebiete der Berufsausbildung und Umschichtung erworben. Mit unserer herzlichsten Qratulation zum 25fährigen Betriebsjubiläum wünschen wir unserem Freund Walter Callmann auch für die kommenden Jahre alles Oute. Wir danken ihm bei dieser Gelegenheit besonders für das große Interesse an unseren Bestrebungen und die rührige Mitarbeit innerhalb unseres Verbandes. 4

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