Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 6 (6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kraftfahrer berufstätig sind. Von den 14 Tischlern endlich, die nach überseeischen Ländern gingen, blieben 11 in ihrem Beruf. Diese Angaben lassen immerhin erkennen, daß der überwiegende Teil der Umschichtler in dem gewählten handwerklichen Beruf draußen eine Existenzmöglichkeit gefunden hat. Das ist schließlich dasjenige, was man unter den obwaltenden Umständen von der Umschichtung erwarten konnte. Man darf femer nicht außer Acht lassen, wie schwierige Aufgaben die Umschichtung vieler jüdischer Menschen auf eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Tätigkeit sowohl diesen selbst als auch den jüdischen Gemeinschaften, die hierauf keineswegs genügend vorbereitet waren, gestellt hat. Mit Recht macht die Reichsvertretung darauf aufmerksam, daß die Umschichtung den Menschen, die durch sie neuen Berufen zugeführt worden sind, immer eine außerordentlich wichtige seelische Hilfe gebracht hat, indem sie ihnen in einem scheinbar aussichtslosen Leben neue Wege eröffnete. Auch dieses seelische Moment darf ganz gewiß nicht gering eingeschätzt werden. III. Was den Umfang der geleisteten Umschichtungsarbeit anbetrifft, so standen nach dem Jahresbericht des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau am 1. Januar 1934 insgesamt 3700 Personen mit Unterstützung der Gemeinschaften in einer inländischen und 900 in einer ausländischen Berufsausbildung. Außerdem erhielten noch 1467 Personen ohne Zuschüsse der Gemeinschaften eine entsprechende Ausbildung. Seit dem 1. Januar 1936 werden die Umschichtler von den in Erstausbildung befindlichen Jugendlichen getrennt registriert. In diesem Zeitpunkt wurden 3282 Umschichtler und 1829 in Erstausbildung Stehende gezählt, wobei nur diejenigen, die Zuschüsse aus Gemeinschaftsmitteln erhielten, in diesen Zahlen eingeschlossen sind. - Von da ab ging aus leicht begreiflichen Ursachen die < Zahl der . Umschichtler langsam zurück, während die Zahl der in Erstausbildung Stehenden zunahm. Am 1. Januar 1937 wurden 2770 Umschichtler und 2006 in Erstausbildung Befindliche, am 1. Januar 1938 aber nur noch 2214 'Umschichtler und 2506 in Erstausbildung Stehende gezählt. Immerhin beweist diese Statistik, welche Bedeutung die Berufsumschichtung auch zahlenmäßig für die jüdische Auswanderung der Menschen hat,, die bereits vorher einen anderen -Beruf erlernt hatten. Die Reichsvertretung hebt besonders hervor, daß die Auswanderung minderbemittelter junger Menschen zu einem außerordentlich hohen Prozentsatz überhaupt erst durch Ihre Ausbildung in einem neuen, handarbeitenden Berule möglich geworden Ist. IV. Wenn dem so ist, wenn also durch die Umschichtung auf manuelle Berufe ein sehr großer Teil der jüdischen Menschen, die ihre bisherige Existenzgrundlage verloren hatten, erst auswanderungsreif gemacht worden ist, so wird die jüdische Allgemeinheit in Bezug auf die Wertung der Berufsumschichtung und der Umschichtler nunmehr erheblich umlernen müssen. Die Kinderkrankheiten, die die Umschichtung, ebenso wie viele andere in Notzeiten improvisierte Institutionen, anfangs durchmachen mußte, können heute ab überwunden angesehen werden. Der Umschichtler mit der kurzfristigen Ausbildung, die mit einem gewissen lacht Anlaß zu Beanstandungen gab, existiert heute nicht mehr. Auch von denjenigen jüdischen Auswanderern, die bisher einen anderen, kaufmännischen, intellektuellen oder sonstigen Beruf hatten und nun zu einem handwerklichen umgeschichtet werden wollen, wird heute, wie schon festgestellt wurde, eine mindestens IVajährige grundliche Ausbildung gefordert, bevor sie ab auswanderungsreif angesehen werden. Es darf ab gewiß angenommen werden, daß der so ausgebildete Auswanderer draußen in der Regel sein Brot in dem gewählten Berufe wird finden können, und zahlreiche Berichte ausgewanderter Umschichtler bestätigen,diese Annahme durchaus. Man wird die Umschichtung auf handwerkliche und andere manuelle Berufe auch künftig nicht entbehren können, obwohl sicherlich die Erstausbildung in diesen Berufen in den letzten Jahren mehr und mehr in den Vordergrund der Tätigkeit der jüdischen Gemeinschaften auf dem Gebiete der Berufsausbildung getreten ist. Im Jahre 1938 waren nach den Angaben der Reichsvertretung insgesamt schätzungsweise 1200 Zugänge an Umschichtlern in den Ausbildungsstellen zu verzeichnen. Die Kosten der Ausbildung dieser 1200 neu hinzugekommenen Umschichtler werden allein auf 288000.— RM pro Jahr veranschlagt. Aber diese Kosten müssen im Interesse der Förderung der jüdischen Auswanderung von der Allgemeinheit aufgewandt und aufgebracht werden. Die falsche Berufsumschichtung der in Deutschland lebenden Juden macht es unbedingt notwendig, daß auch weiterhin ein Teil der Auswanderer auf einen Beruf umgeschichtet wird, der Ihnen Im Gegensatz zu Ihrem bisherigen Beruf eine ausreichende, wenn auch oft nur notdürftige Existenz ermöglicht Es kommt lediglich darauf an, die Berufsumschichtung so zu gestalten, daß sie ihrer Aufgabe der Vermittlung der erforderlichen Auswanderungsreife so gut wie irgend möglich gerecht zu werden vermag. Eine richtige und eine brauchbare Ausbildung gewährleistende Berufsumschichtung wird also noch für längere Zeit eine Notwendigkeit für die in Deutschland lebenden Juden bleiben. Die Aufgabe der Umschichtler selbst, denen nunmehr eine den gegebenen Möglichkeiten entsprechende berufliche Ausbildung gesichert ist, wird es in erster Linie sein, der Berufeumschichtung im In- und Auslände wieder die nötige Wertschätzung zu verschaffen. Wenn man auch nach wie vor an dem Grundsatz der 3- bis 4jährigen Ausbildungszeit unbeirrbar festhalten muß, soweit die handwerkliche Erttausbildung in Frage kommt, so wird doch sicherlich in vielen handwerklichen Berufen eine lVijährige sorgfältige und gutorganisierte Ausbildung erwachsener Umschichtler diese so weit bringen können, daß sie in Palästina und in überseeischen Ländern der Wirtschaft gute Dienste lebten und sich selbst eine befriedigende Existenz erringen können. Dr. Hugo Nathansohn. fflechunteciidif im Dtenfte der Saufslndtting Die Wahl des Berufs bt in hohem Maße von den Einflüssen abhängig, die von außen her auf den heranwachsenden jugendlichen Menschen einwirken. AU diese Einflüsse wirkten bei den in Deutschland lebenden luden früher in der Richtung einer Berufslenkung zu akademischen und kaufmännischen Berufen hin. Diese Berufe waren hochgeschätzt, während die Handwerksberufe ihnen gegenüber meist gering gewertet wurden. Ja, häufig wurde es «dem Jugendlichen sogar ab Strafe angedroht, einen handwerklichen Beruf ergreifen zu müssen, wenn sich seine gebtigen Anlagen und sein Fleiß nicht ab ausreichend für andere Berufe erweisen würden. Es war unter diesen Umständen nicht zu verwundern, daß auch der schulentlassene Jugendliche selbst in dem Ergreifen eines Handwerksberufs häufig geradezu eine Zurücksetzung gegenüber den Altersgenossen erblickte, die als geeignet für intellektuelle oder kaufmännische Berufe befunden wurden. Wenn so die jüdische Jugend zu Hause nicht selten den Berufen, die manuelle Geschicklichkeit und Fertigkeit erfordern, innerlich entfremdet wurde, wenn ferner sehr vielen jüdischen Jugendlichen die Berufetradition auf den Gebieten handwerklicher Betätigung fehlte, so war es in der Schule früher nicht viel anders. Auch hier erfreute sich die handarbeitliche Tätigkeit im Gegensatz zu dem verstandesmäßigen Lernen und Wissen keiner hohen Wertschätzung. Ab dann die Zeit der großen Berufeumschichtung kam, ab es sich zeigte, daß für sehr viele, die sich. bisher in anderen Berufen betätigt hatten, eine berufliche Umschichtung zu einem handwerklichen oder landwirtschaftlichen Beruf die unumgängliche Voraussetzung für den Erwerb der Auswanderungsreife war, ab man wahrnahm, daß die Tätigkeit in den bisherigen Berufen für die meisten Auswanderer im Auslande unmöglich war, mußten auch die heranwachsenden Jugendlichen und ihre Eltern notgedrungen ' aus dieser Erfahrung ihre Folgerungen ziehen. Not lehrt bessere Erkenntnis. So lehrte in diesem Falle die jüdbehe Berufsnot der Auswanderer viele den Wert der Handarbeit wieder richtig erkennen und schätzen, auf den im alten jüdbehen Schrifttum so häufig mahnend hingewiesen wird. Das Ergebnis dieser Erkenntnb war zunächst der große, oft übermäßige Andrang zu den handwerklichen Be- HPUS OER GUTEN HEPPEN UND UNQBEN ULEIDUN6 i^G^TIj^ BERLIN-SCHONEBERG, HQUPTSTR.1 rufen, den wir heute wahrnehmen, und den der jüdbehe Handwerker oft nur mit gemischten Gefühlen beobachtet. Aber mit der beruflichen Umschichtung und der Neuorientierung der Berufewahl der Schulentlassenen allein sind die Folgen der falschen Berufsschichtung noch nicht ohneweiteres zu beseitigen. Es bt hierzu vielmehr vor allem nötig, die Jugend wieder äußerlich und innerlich für eine berufliche Betätigung im Handwerk geeignet und reff zu machen. Hiermit kann, da heute die handwerkliche Berufetradition nun einmal in so vielen jüdbehen Familen fehlt, nicht früh genug begonnen werden. Vor allem muß bereits d i e