Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 6 (6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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jeder Ausgabe unserer Zeitschrift nahmen wir daher zu dieser Frage sachlich und unterrichtend Stellung. Die Entstehungsgeschichte der Lehr- und Umschkhtungswerkstätten und die Leistung, die die Einrichtung einer so großen Zahl von Ausbildungs- und Lehrwerkstätten in verhältnismäßig kurzer Zeit bedeutet, sind heute noch einem großen Teile der in Deutschland lebenden Juden unbekannt. Diese Leistungen werden oft als ganz selbstverständlich hingenommen, ohne daß die Arbeit, die zu ihrer Errichtung und oft sehr schnell notwendig gewordenen Erweiterung erforderlich war, gewürdigt wird. Auf die Anregung unseres Verbandes hin ist seinerzeit sowohl der Handwerkerausschuß bei der Reichsvertretung als auch der technische Beirat für das Ausbildungswerk der Jüdischen Oemeinde zu Berlin ins Leben gerufen worden. In diesen beiden Gremien, in denen die führenden Minner unseres Verbandes mitbestimmend tätig sind, werden alle die Ausbildung und Umschichtung betreffenden Fragen, wie Planung, Lehrplangestaltung, Betriebsordnung, Leitung und Beaufsichtigung der Ausbildung, beraten und geregelt. Erst wenn hier die Entscheidung getroffen ist, werden die Pläne zur praktischen Durchführung gebracht. Wenn heute eine sehr erhebliche Zahl von jüdischen Menschen durch eine gründliche Ausbildung in handwerklichen Berufen in dem Maße auswanderungsreif gemacht werden, daß sie Aussicht haben, den Existenzkampf im Ausland mit Erfolg aufzunehmen und in diesem Kampfe zu -bestehen, so war zur Erreichung dieses Zieles eine nicht zu unterschätzende jüdische Arbeit notwendig, an der unser Verband vielfach führend, vielfach mitwirkend und Anregungen gebend teilgenommen hat. Auf diesen unseren Anteil an einer Leistung, die erst in Zukunft einmal in ihrem vollen Ausmaß wird gewürdigt werden können, dürfen wir auch an dieser Stelle mit Genugtuung hinweisen. Unsere Arbeit konnte schließlich keine bessere und un-. zweideutigere Anerkennung finden, als sie sie durch die Berufung führender Kollegen in die wichtigsten Oremien jüdischer Gemeinschaftsarbeit gefunden hat. Unser Verbandsvorsitzender Kollege Wilhelm Marcus ist Fraktionsvorsitzender und Leiter der wichtigsten Etatkommission in der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und steht somit an erster Stelle in der Gemeinde.irbeit. Eine andere sehr wichtige Aufgabe erfüllt unser Verbandsvorsitzender und Kollege Louis. Wolff außerdem im Auswanderungsausschuß der Reichsvertretung (Altreu). Denn bekanntlich liegt in der Hand dieses Ausschusses die Bewilligung der Auswanderungsanträge. — Die Gesellschaft „Ort", Abt. Deutschland, die in Berlin ein umfangreiches handwerkliches Schulwerk mit 200 ein Handwerk erlernenden Lehrlingen unterhält, hat kürzlich dem Kollegen Louis Wölfl das verantwortungsvolle Amt des Vorsitzenden übertragen. Die Zusammenarbeit unseres Verbandes mit dem „Hilfsverein" kommt namentlich darin zum Ausdruck, daß die bei den Auswanderungen häufig notwendig werdenden handwerklichen Fachprüfungen über unseren Verband und über die „Wirtschaftshilfe" an unsere Mitgliedsfirmen geleitet werden, die sich dieser für die Auswanderungslenkung wichtigen Arbeit gern unterziehen und durch ihr sachkundiges und objektives Urteil die Organisierung der Auswanderung oft wesentlich fördern. Alle diese umfangreichen Tätigkeitsgebiete werden nicht nur in Berlin, sondern auch in den anderen großen Städten, in denen unser Verband vertreten ist, gepflegt und bearbeite! Wie weit an diesen Arbeiten insbesondere auch unsere Ortsgruppen beteiligt sind, kam u. a. anläßlich der in diesem Jahre begangenen 25jährigen Jubiläen der Ortsvereine Hannover und Düsseldorf deutlich zum Ausdruck. Die Gemeinden und die zentralen jüdischen Organisationen waren sich in der Anerkennung der bedeutenden, von der jüdischen Handwerkerorganisation geleisteten Arbeit ci ni» Die Arbeit der Ortsvereine und die der Verbandszentrale haben sich dank der engen, reibungslosen Zusammenarbeit gegenseitig ergänzt und befruchtet. Die gemeinsamen Verbandstagungen gaben Gelegenheit, eine planvolle Gestaltung der gemeinsamen Arbeit zu beraten und praktisch durchzuführen. Die Tätigkeit unserer Verbände auf allen Gebieten ihres Wirkens ist heute unentbehrlicher denn je. Ihr besonderer Wert besteht darin, daß sie sich ganz und gar auf die dringlichen praktischen Erfordernisse des jüdischen Lebens eingestellt hat, aus dem sie nicht mehr wegzudenken ist. Berufsumschichtung ~ aber richtig i. Die Umschichtung genießt heute kein sehs hohes Ansehen. In jüdischen Zeitungen findet man niaft selten Anzeigen, in denen ein jüdischer Handwerker nach dem Ausland gesucht wird, die aber mit dem Vermerk versehen sind: „Kein Umschichtjer". Vielleicht ist an dem Mißkredit, in den die Berufsumschichtung leider gekommen ist, die Tatsache mit schuld, daß man anfangs übertriebene Hoffnungen in die Umschichtung gesetzt hat. Man glaubte damals, daß es möglich sei, in zwei oder drei Monaten Handwerker auszubilden, die imstande sind, in überseeischen Ländern ihr Brot zu verdienen und sich dort eine Existenz aufzubauen. Diese vielfach überspannten Hoffnungen mußten hotwendig enttäuscht werden und sind enttäuscht worden. Man hat eben in manchen Kreisen die Erfordernisse handwerklicher Berufstätigkeit erheblich unterschätzt, und daraus erwuchs eine Unterschätzung der Kenntnisse und Leistungen, die auch von einem umgeschichteten Handwerker gefordert werden müssen, wenn er draußen von der handwerklichen Arbeit leben soll. Umschichtung ist schwieriger als die meisten glauben. Bedeutet doch schon die Umstellung auf manuelle Arbeit überhaupt für denjenigen, der bisher in einem anderen Beruf tätig war, eine psychologische und auch eine körperliche Leistung. Wie soll er imstande sein, daneben noch in einigen Monaten das unentbehrliche handwerkliche Wissen und Können sich zu erwerben? Das Ergebnis der Kurzumschichtungen war denn auch, daß ein Teil dieser in einer nicht ausreichenden Ausbildungszeit für handwerkliche oder landwirtschaftliche Tätigkeit vorbereiteten jüdischen Menschen in dem Lande, in das sie auswanderten, den neuen Beruf bald wieder verließ, weil er ihnen infolge ihrer ungenügenden Leistungsfähigkeit keine befriedigende Existenzgrundlage bot. Die Reichsvertretung der Juden In Deutschland hat kürzlich in einer Denkschrift die bisherigen Ergebnisse der jüdischen Berufsumschichtung anhand eines umfangreichen Tatsachen- und Zahlenmaterials untersucht und hat hierbei gleichfalls festgestellt, daß die kurzfristigen Umschichtungen, die im Jahre 1933, also bevor man ausreichende Erfahrungen auf diesem Gebiete sammeln konnte, durchgeführt worden sind, sehr häufig tu dem gewünschten Erfolg nicht geführt haben. Der Zentralverband jüdischer Handwerker hat schon damals, leider lange Zeit vergeblich, vor einer Untenschätzung der Schwierigkeiten gewarnt, die eine Umstellung auf handwerkliche Arbeit bereitet. Er hat häufig darauf hingewiesen, daß eine wesentlich längere Ausbildungs- und Vorbereitungszeit erforderlich ist, um aus Menschen, die bisher auf kaufmännischem oder intellektuellem Gebiet tätig waren, halbwegs brauchbare Handwerker oder Landwirte zu machen. Glücklicherweise haben diese Warnungen und Hinweise der Männer der Praxis nach und nach größere Beachtung gefunden. Heute haben sich die verantwortlichen Stellen davon überzeugt, daß auch für den Umschichtler eine erheblich länger dauernde Ausbildung, als zuerst angenommen worden war, notwendig ist. Es wird jetzt allgemein als Grundsatz anerkannt, daß für die handwerkliche Ausbildung des Umschichtlers eine Mindestdauer von IV* Jahren erforderlich ist. Eine .kürzere Ausbildung kann nur in einigen Teilberufen zu dem erstrebten Ziel führen. II. Nachdem die Ausbildung des Umschichtlers sowohl ihrer Dauer als auch ihrer Intensität nach erheblich verbessert worden ist, geht es nicht mehr an, den heutigen, bedeutend gründlicher ausgebildeten Umschichtler ohne weiteres mit dem früheren, kurzfristig vorbereiteten auf die gleiche Stufe zu stellen. Die Reichsvertretung hat in der erwähnten Denkschrift bemerkenswertes Material zusammengestellt, aus dem klar und überceugend hervorgeht, daß die qualitativen Ergebnisse der Berufsumtchlchtung ki den letzten Jahren wesentlich verbessert werden konnten. Was insbesondere die zu handwerklichen Berufen vorgebildeten Umschichtler anbetrifft, so wird in der Denkschrift nachgewiesen, daß die Qualität der Ausbildung von Jahr zu Jahr gesteigert worden ist. Als beweiskräftiges Beispiel werden namentlich die Erfahrungen der Umschichtungsstelle Berlin-Niederschön - hausen angeführt. Von den jüdischen Menschen, die dort seit dem Jahre 1934 beruflich ausgebildet wurden, sind insgesamt 113 ausgewandert, davon 65 nach Palästina. Die Mehrzahl von diesen ist in dem Beruf geblieben, für den sie umgeschichtet worden ist. So sind beispielsweise von den 11 S c n I os s e rn , die nach Palästina ausgewandert sind, 6 in diesem Beruf geblieben, während einer als Industriearbeiter, drei in der Landwirtschaft und einer als Polizeibeamter tätig sind. Von den 18 Schlossern, die in überseeische Lander gewandert sind, blieben 12 in ihrem Beruf. Von den 13 Tischlern, die nach Palästina gerngen sind, sind 6 in diesem Beruf geblieben, während ab landwirtschaftliche oder sonstige Arbeiter und einer als 2