Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 6 (6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Den meisten Mitgliedern ist es leider nicht genügend bekannt, wie sehr sich infolge der veränderten Oesamtlage der in Deutschland lebenden Juden der Aufgabenkreis unseres Verbandes erweitert hat. Zu dem eigentlichen Verbandszweck, der wirtschaftlichen und sozialen Betreuung unserer Mitglieder sind neue, große und wichtige Autgaben hinzugetreten, die zwar letztes Endes aus der Erfüllung der Verbandszwecke herausgewachsen sind, aber dennoch eine bedeutende Fortentwicklung-..der früheren Verbandsaufgaben darstellen. Hier ist vor allem die Vorbereitung unserer Mitglieder für die Auswanderung zu nennen, die in steigendem Maße die Kräfte des Verbandes in Anspruch nimmt. Freilich ist die Beratung und Förderung der sich zur Auswanderung vorbereitenden Mitglieder nur eine, wenn auch sehr umfangreiche, und bedeutungsvolle Seite der Verbandstätigkeit. Unser Verband hat sich außerdem auch, wie bisher, stets für die Existenzerhaltung derjenigen seiner Mitglieder eingesetzt, die infolge ihres Alters oder aus anderen Gründen nicht mehr auswandern können, oder deren Auswanderungsabsichten sich erst später werden verwirklichen lassen. Durch Arbeitszuführung und Absatzförderung konnte diesen Mitgliedern oftmals praktische Hilfe geleistet werden, ebenso auch durch unsere Einflußnahme aul die jüdischen Stellen, die zur Kredit- und Dartehnshergabe ins Leben gerufen worden sind. Die Frage der Meisterprüfung der nach dem Jahre 1000 geborenen jüdischen Handwerker, die diese Prüfung noch nicht abgelegt haben, beschäftigt uns zurzeit in hohem Maße. Wir haben mit allen hieran interessierten Mitgliedern frühzeitig und sehr eingehend Fühlung genommen. — Die gesetzliche Vorschrift, .durch die vom f April 1938 ab die E i n h e i ts b uc hf ü h r u n g für das gesamte Handwerk eingeführt wurde, veranlaßte. uns ferner, im Einvernehmen mit den zuständigen Stellen eine erhebliche Anzahl von BuchfUhrungskurien im Rahmen der Privaten Handelsschule der Jüdischen Gemeinde durchzuführen, in denen fast 200 Mitglieder aus allen Berufssparten, besonders aus dem Bekleidungsgewerbe, in der vorgeschriebenen Buchführung geschult werden. Außerordentlich stark werden zurzeit unsere Sprachstunden in Anspruch genommen. Teils werden hier Auskünfte in allgemeinwirtschaftlichen Fragen verlangt und erteilt, teils in Berufs-, Rechts- oder Steuerfragen. Gestützt auf die Erfahrungen unserer Sachberater konnten wir auch allen denjenigen Ratsuchenden helfen, die uns von der Jüdischen Oemeinde und anderen jüdischen Stellen zur Beratung in Spezialfragen in großer Zahl überwiesen wurden. - Die Sorge für unsere Jugend, die in überwiegendem und immer noch steigendem Maße zu den handwerklichen Berufen hinstrebt, hat uns namentlich zur Zeit der Schulentlassungen stark beschäftigt. Um die Zukunft ihrer Kinder besorgte Eltern suchten uns in unzähligen Fällen auf, um sich durch uns über die Berufcfragen sachverständig beraten zu lassen. Im Rahmen der gesetzlichen Beratungs- und Vermittlungstätigkeit der städtischen Berufsämter und Arbeitsnachweise haben viele lugendliche Lehrstellen gefunden, andere sind in den Lehrwerkstätten, über die später noch gesprochen werden soll, untergebracht worden. Auch während der Lehrzeit der Jugendlichen wird unsere Fürsorge fortgesetzt. Sie erstreckt sich auf alle einschlägigen Fragen ,vom Lehrvertrag bis zur Oesellenprüfung. Nur zu oft mußten wir auch Streitigkeiten, die zwischen Lehrherrn und Lehrling aus dem einen oder anderen Orunde entstanden waren, schlichten und beilegen. Für einige Berufe wurden Vorbereitungskurse zur Oesellenprüfung auf unsere Veranlassung durchgeführt. Die zur letzten Prüfung gemeldeten Elektro-, Mechaniker- und Installateur-Lehrlinge haben ausnahmslos die Oesellenprüfung bestanden. Um den jüdischen Schulentlassenen und Eltern die Berufsentscheidung zu erleichtern, haben wir gemeinsam mit der Reichsvertretung und der Jüdischen Oemeinde zu Berlin eine Broschüre „Vor der Berufswahl" herausgegeben, in der alle wesentlichen in Frage kommenden Berufe unter Schilderung ihrer Arbeitsvorgänge, der an die Anwärter gestellten besonderen Anforderungen, der in Deutschland vorhandenen Ausbildungsihöglichkeitcn sowie der Verwendungsmöglichkeiten und Aussichten im Ausland behandelt werden. An der Beratung der Angaben für die handwerklichen Berufe, die den umfangreichsten Teil dieses Nachschlagebuchs bilden, war unser Verband wesentlich beteiligt. wie schon erwähnt, stellen die Maßnahmen, durch die die Auswanderungsvorbereitung unserer Mitglieder gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt wird, heute einen bedeutenden Teil unserer Verbandsarbeit dar. Die Berufsausbildung unserer Jugend und die Umschichtung erwachsener, aus anderen Berufen kommender Menschen sind zwei besonders im Vordergrunde stehende Aufgaben, die voll* kommen der Auswanderungsvorbereitung, dienen. Fast in