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Der jüdische Handwerker · 1938-05-01 · 5 (5.1938) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
5 (5.1938)
Date
1938-05-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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punkt der B e r u f b eg a b u n g und BerUfteignung in betrachten. Et ist gewiß nicht wahrscheinlich, daß haut« plötzlich all« jüdischen jungen Menschen anstelle dar vorwiegend kaufmännischen odar intellektuellen Begabungen früherer Generationen nun überdurchschnittliche odar auch nur ausreichende haudw e r k 1 i c h e Fähigkeiten und Geschicklichkeiten aufweisen. Vielmehr besteht die Gefahr, auf die gerade von Seiten erfahrener jüdischer Handwarkar schon mahrfach aufmerksam gemacht worden ist, daß infolge einer Entwicklung, die dia Erlernung eines Handwerks Mar und da beinahe zu einer Modesache werden ließ, auch ungeeignete und u n t a r durchschnittlich befähigte Jugendliche sich Handwerksberufen zuwanden. Daa aber würde sicherlich ebensowenig ihnen selbst wie der Sache daa jüdischen Handwerks zum Segen gereichen. Führende Kreise dea jüdischen Handwerke haben daher schon öfter auf die Bedenken hingewiesen, die gegen einen übermäßig großen Andrang zu handwerklichen Berufen geltend gemacht werden müssen. Durch Eignungsprüfungen und schärfe Auslese während der Berufsvorbereitung sucht man ungeeignete Anwärter nach Möglichkeit fernzuhalten. Aber diese Ausscheidung der Minderberufenen ist natürlich nur dann wirksam und sinnvoll, wenn man dia Ungeeigneten auf andere, für sie passendere und aussichtsvollere Berufe hinweisen kann. Glücklicherweise liegen nun die Dinge keineswegs so, daß immef und ganz allein handwerkliche und landwirtschaftliche Berufe eine tragfähige Grundlage für die Begründung jüdischer Existenzen in allen fremden, insbesondere in allen überseeischen Lindern bilden. Unbestreitbar ist es freilich, daß heute überall in der Welt Güter produzierende Menschen gesucht sind und zugelassen werden, wahrend die Güter verteilenden (und auch die geistigen) Berufe übersetzt sind oder aber einheimischen Menschen vorbehalten werden. Man wird sich daher damit abfinden müssen, daß ebenso wie die meisten akademischen Berufe auch ein großer Teil der alten kaufmannischen Berufe unter dem Blickpunkt der Auswanderang, unter dem ja Beruftwahl und Berufsschichtung heute in erster Linie betrachtet werden müssen, in der Regel autscheiden muß. Aber hier gibt es beachtenswerte Ausnahmen. Eine der wichtigsten dieser Ausnahmen ist der Beruf dea Industriekaufmanns. Aus Chile, einem Lande, in dem bisher nur eine verhältnismäßig kleine Zahl jüdischer Einwanderer Fuß fassen konnte, wurde kürzlich von aachkundigen Stellen berichtet, daß dort v tüchtige jüdische Industrielle, die Erfahrungen, Unternehmungsgeist und ein nicht einmal sehr großes Kapital mitbringen, gesucht und gen zugelassen würden. Et handelt tich aber hier nicht um einen seltenen Autnahmefall. In allen denjenigen überseeischen Landern, dia auf dem Wege der Industrialisierung bereits erheblich vorgeschritten lind, und in denen ständig neue einheimische Industrien aufgebaut und weiterentwickelt werden, werden nicht nur Handwerker, Techniker usw., sondern auch Industrie- 61 I (direkt am 8 in der Ge- Jeden Montag, 6—8 Uhr, Oranienatr. Moritzplatz). Jeden Mittwoch, 4—5 Uhr, Nachodttr. tch&Hsttelle._ kauflaute gebraucht. Gutausgebildete Fachleute aui diätem Gebiet haben daher in fast allen Landern daa industriellen Aufbaut gute oder befriedigende Berufsaussichten. Ihnen öffnen tich die Grenzen vielfach auch dort, wo tie dem Warenkaufmann, dem Bankkaufmann, dem Versicherungskaufmann, dem Vermittler und Handaltvertreter, kurz dem Händler im engeren Sinne versperrt sind. Man darf die Tatsache nicht außer Acht lassen, daß der Kaufmannsberuf heute in der ganzen Welt bedeutungsvolle Wandlungen erfahren hat. Er hat insbesondere das frühere Tätigkeitsfeld det Handele im engeren Sinne verlassen und Ut tief in die Produktion eingedrungen. Hierdurch ist innerhalb dar sich ständig ausdehnenden Industriewirtschaft der industrielle Kaufmann zu großer Bedeutung gelangt. Seine Tätigkeit letzt freilich ttett eine vorgeschrittene Industrialisierung und in der Regel auch eine weitgehende Arbeitsteilung im Rahmen dea industriellen Großbetriebs voraus. In diätem Großbetriebe hat der Industriekaufmann zwei wichtige und umfangreiche Aufgaben. Er hat erstens dafür zu sorgen, daß die Rohttoffe und Hilfsmaterialien, dia für die Produktion gebraucht werden, zu Preiten beschafft werden können, die für dat Erzeugnis tragbar sind, und dieses in möglichst hohem Grade auf den Markten wettbewerbsfähig machen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, muß der Industriekaufmann auft engste mit dem Techniker Hand in Hand arbeiten. Indem er diesen mit guten, geeigneten und preiswerten Rohstoffen, Hilfsstoffen, Halberzeugniisen usw. verlieht, schafft er eine der wichtigsten Voraussetzungen für dea Erfolg dea industriellen Unternehmens. Die notwendige Zusammenarbeit mit dem Techniker gibt aber dem Industriekaufmann zwangsläufig auch einen erheblichen Einfluß auf den Produktionsgang. Der zweite große Aufgabenkreis det Industriekaufmann» ist die richtige Kalkulation der erzeugten Waren, die stets die wichtigste Voraussetzung für ihre Absatzfähigkeit ist. Die richtige Kalkulation erfordert wiederum nicht nur gute Kenntnisse dee Marktet, sondern auch ein Vertrautsein mit den Gewohnheiten und Bedürfnissen der Käufer und Verbraucher. Die Aufgabe dea Techniken itt et, gute Waren zu erzeugen, die det Industriekaufmanns besteht darin, dafür zu sorgen, daß die Verbraucher die erzeugten Wäret) bezahlen und kaufen können. Er muß ständig daran arbeiten daß dia Gestehungskoiten nach Möglichkeit verringert werden, daß die Wettbewerbsfähigkeit dee Unternehmen! an den Binnenmärkten wie am Weltmarkt geitirkt wird. Der Verkauf der Erzeugnisse, Angebot und Werbung, Auftragsbeschaffung und Abiatzerweiterung det industriellen Groß- und Mittelbetriebt, liegen in der Hand dea Industriekaufmanns. Der Weg zu einer solchen maßgebenden und oft führenden Stellung innerhalb einer industriellen Unternehmung führt natürlich über kleine, eng abgegrenzte Tätigkeitstfebiete, und nicht Jeder gelangt über diese hinaus zu einer leitenden Position. Mehr noch all in vielen anderen Berufen itt hier der Aufttieg von der persönlichen Tüchtigkeit und Leistung, bitwellen gewiß auch von dar Geschicklichkeit und dem Glück abhlngig. Aber die Industrie braucht auch eine tfroße Anzahl kleinerer und mittlerer kaufmännischer Angestellter: den Bürogehilfen, den Lagerhalter, den Reglttrator, den Buchhalter, den Kassierer, den Korrespondenten usw. Sie alle bedürfen einer guten keufminnischen Autbildung, um im Rahmen dea industriellen Betriebt ihre Aufgabe erfüllen und sich tfetfebenenfalls zu leitenden Stellen emporarbeiten zu können. Der Lagerverwalter z. B. muß mit den Eigenschaften und Preiten der Rohttoffe, Hilfsmaterialien und Waren vertraut sein. Der industrielle Verkäufer muß nicht nur die Erzeutfnisse seiner Branche kennen, sondern auch um die technischen Vorginge ihrer Herstellung wissen, um die Abnehmer und Hindier beraten zu können. Ueberhauot liegt einea der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale dei Induitriektufmanna gegenüber dem Warenkaufmann darin, daß iener auch eine besonders gute teohnitche Vorbildung haben, daß er also technische mit kaufmännischen Kenntnissen vereinigen muß. Dat gilt ebenso für den Verkäufer industrieller Erzeugnisse wie für den Rohmaterialien einkiufer. Dieter kann natürlich nur dann die richtigen Rohstoffe zu Dünstigen Preisen einkaufen, wenn er auch mit dem Prodnktionsvorgang, leinen Bedürfnissen und seinen geschäftlichen Grundlagen genau bekannt ist. Eine Kehrseite der Medaille ist freilich auch hier häufig eine weitgehende Spezialisierung auf ein bestimmtet Gebiet, die oft unumgintflich itt. Neben den Spezial- und Fachkenntnissen muß der Industriekaufmann tfeta auch in hohem Maße allgemeine kaufmännische Elgenaehaften und Fähigkeiten besitzen: Menschenkenntnis, Sprachgewandtheit, V»rhandluntfitechnik, gute Umgantf sformen und gründliche Warenkenntnia. Kaufmännische and technische Begabungen müsse» in aelner Perion vereint tein, wenn er schnell aufsteigen und womöglich zu wirtschaftlicher Selbständigkeit gelantfen will. Gewiß sind die Aussichten auf diese wirtschaftliche Selbständigkeit oder auf einen leitenden Posten in einem industriellen Unternehmen im A««land für einen jüdischen iun'en M»"n wenn er nach gründlicher Ausbildnng einen beruflichen Wirkungskreis in einem fremden Lande gefunden hat, meist nicht lehr groß. Aber dat hat dieser Beruf tchließlich heute mit vielen anderen Berufen tfeme'unm Die geschilderte Tätigkeit des Indnstriekanfmannt zeigt jedenfalls daa eine ganz deutlich, daß diäter Beruf zweifelsfrei zu den produktiven und zukunftsreichen tfehört. Der Industriekaufmann stellt zwar selbst keine Güter her, aber er Itt dennoch für die Güteroroduktion unentbehrlich und arbeitet stets In engster wirtschaftlicher Verbindung mit dieser. „Wenn jede Produktion", so schreibt ein bekannter Nationalökonom, „erat in dem Augenblick vollendet itt, wo daa Produkt für seinen letzten Zweck, die Konsumtion, reif geworden Ist, so Ut der Handel gleichsam dat Sohlußglied in der Kette der produktiven A r b e 11 e n." Gilt dieter Satz für diejenigen Teile des Handels, die für die Warenverteilung notwendig sind, so wird hinsichtlich der Titigkeit det Industriekaufmanns erst . recht niemand seine Wahrheit in Zweifel ziehen können. Denn jede industrielle Produktion, die nicht dank der Titigkeit des Industriekaufmanns zum Absatz gelangt, hat ihren Zweck verfehlt. In der Industrie itt die kaufmännische Betitigung noch viel weiliger zu entbehren als z. B. Im Handwerk oder in der Landwirtschaft, wo sie ja ebenfallt notwendig itt, um den Produktionterfolg zu gewährleisten. Wo aber der industrielle Großbetrieb eine weitgehende PVGRÜNPELD

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