Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 5 (5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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F IIL Diese Prüfungen finden nicht nur am Schluß der dreijährigen Oesamtlehre statt, sondern werden auch schon während der Ausbildungszeit in bestimmten Abstanden vorgenommen, um festzustellen, inwieweit die Ausbildung tatsächlich der handwerklichen entspricht, und in welchem Maße die Lehrlinge jeweils die Bedingungen erfüllen, die eine erfolgreiche Handwerkslehre in der gleichen Zeit gewähr» leistet. Uns liegen die Berichte über eine Zwischenprüfung in der Schlosserlehrwerkstatt da* Jüdischen Gemeinde vor, die von zwei bewährten Handwerksmeistern, den Vorstandsmitgliedern des Zentralverbandes jüdischer Handwerker, Schlossermeister Siegfried Peisachowitz und Schlossermeister Walter Callmann, am 31. März 1938 erstattet worden sind. Anlaß zu der Zwischenprüfung ab die oben erwähnte Talsache, daß das erste Jahr des .ehrgangs absolviert war und daher ein zusammenfassendes, auf unparteiischer und sachverständiger Wertung beruhendes Oesamturteil über die bisherigen Leistungen der Lehrwerkstätte gewonnen werden sollte. Wir lassen hier wohl am besten die Prüfungsberichte der beiden Kollegen selbst sprechen. In dem Bericht des KoU. Peisachowitz heißt es u. a.: „Jeder einzelne Lehrling hatte ab Probearbeit eine Feilarbeit, eine scharfkantig gestauchte Winkeleisenecke und ein Paß-Stück nach Zeichnung mit angegebenen Maßen angefertigt. Fast alle praktischen Arbelten waren ziemlich gut; in den meisten Fällen waren jedoch die auf der Zeichnung angegebenen Maße nicht eingehalten worden, sodaß die einzelnen Stücke nicht voll bewertet werden konnten. Die Zeichnungen waren im allgemeinen befriedigend, es fehlte jedoch teilweise die Eintragung der Maße. In Material- und Werkzeugkunde waren die Jungen fast sämtlich gut bewandert Die Prüfenden zensierten getrennt Das Ergebnis wurde nachher verglichen und ergab fast das gleiche Resultat. 6 Lehrlinge erhielten die Note I bis II, 20 die Note II und 4 die Note III." Aus dem Prüfungsbericht des Koll. Walter Callmann geben wir die folgenden Ausführungen wieder: „Die Einrichtung der Lehrwerkstatt ist wesentlich vervollkommnet, die Maschinen sind zweckmäßig aufgestellt und die Ausbildung erfolgt fachgemäß. Die Prüfung ergab ein Vertrautsein mit dem Werkzeug und dem Rohmaterial und zeigte im Durchschnitt gute Kenntnisse. Lediglich die Beachtung größter Genauigkeit der Arbeit nach Zeichnung und eine bessere Ausführung der Werkstattzeichnungen wäre noch angebracht. Die Lehrlinge sollten im nächsten Jahre angehalten werden, nur nach Zeichnung zu arbeiten und diese so auszuführen, daß ein Arbeiten danach möglich ist Alle Abmessungen der Werkzeuge müssen mit der Zeichnung übereinstimmen. Zusammengefaßt kann gesagt werden, daß Einrichtung und Ausbildung nicht zu bemängeln waren." / Bei der Beurteilung dieser Prüfungsergebnisse muß natürlich beachtet werden, daß es sich um eine Zwischenprüfung nach nur einjähriger Ausbildung handelt. In den Berichten der beiden Prüfer wird ferner darauf hingewiesen, daß die Werkstatt mit erstklassigen modernen Maschinen mustergültig ausgestattet ist und von den Lehrlingen .selbst unter der Leitung zweier Meister ohne fremde Hilf« eingerichtet wurde. Von den Lehrlingen, so wird berichtet, wurden sämtliche Feilbänke aufgestellt, die Schraubstöcke befestigt die dazu erforderlichen Befestigungen angefertigt, die Maschinen montiert, alle dazu benötigten Konsolen, Stutzen, Schutzvorrichtungen, Ausrückvorrichtungen angefertigt und angebracht. Für 6 komplette neue moderne Schmiedefeuer wurden die Eisenkonstruktionen mit verstellbaren, niedrigen Rauchfängen und sämtlichen dazu gehörigen Abzugsrohren, Abzweigen und Knieen aus Blech hergestellt. Eisenregale, Trennwände und sonstige Einrichtungsgegenstände sind von den Lehrlingen gebaut worden. Aus allen diesen Arbeiten ist zu ersehen, daß die Jungen voll Eifer mit Lust und Liebe bei der Sache sind und daß ihnen die Arbeit viel Freude macht. Diese hat auch die volle Anerkennung des technischen Beirats gefunden. Nunmehr wird eine weitere spezialisierte Ausbildung beginnen, für die bereits die erforderlichen Richtlinien aufgestellt worden sind. Die beiden Handwerksmeister, die die Zwischenprüfung vorgenommen haben, erklärten am Schluß ihrer Berichte, daß sie mit dem Resultat des ersten Jahres des Lehrgangs zufrieden seien. IV. Was ist nun im ersten Jähre der Ausbildung in den beiden Berliner jüdischen Lehrwerkstätten geleistet worden? Die erste Aufgabe bestand darin, die Schwierigkeiten der Umstellung der Lehrlinge auf eine manuelle, handwerkliche Tätigkeit zu überwinden. Die Jungen kamen teils aus der Volksschule, teüs aus höheren Schulen. Den meisten fehlte die handwerkliche Tradition, und fast alle mußten erst die richtige Einstellung zur praktischen Arbeit gewinnen. Die Berichte der Lehrwerkstatt der „Ort", wie derjenigen der Gemeinde lauten übereinstimmend dahin, daß schon nach einem Vierteljahr diese notwendige Eingewöhnung und Umstellung erfolgt war. Die jüdischen Jungen haben sich mit Eifer, hier und da sogar mit einigem Uebereifer in ihre neue, von der bisher gewohnten grundverschiedenen Tätigkeit hineingefunden, die ihnen die Grundlage ihrer künftigen Existenz im .Auslande schaffen soll. Natürlich zeigten nicht alle Lehrlinge von vornherein den gleichen Ernst und die gleichen Fähigkeiten. Aber 90 bis 95 Prozent erwiesen sich als geeignet für das gewählte Handwerk. Das übereinstimmende Urteil der Ausbildungsleiter besagt, daß sich das Niveau der Leistungen schon nach einem Vierteljahr der Einspannung in die Lehrwerkstättenarbeit ersichtlich gehoben hat Auch die anfänglich Zurückgebliebenen entwickelten sich mit der Zeit meist in sehr befriedigender Weise. Oewiß zeigte sich auch bei den "ungen, die das Handwerk zu ihrem Lebensberuf gewählt laben, oft die naturgegebene Verschiedenheit der Begabungen. Diese liegen bei dem einem mehr auf praktischen, bei dem anderen mehr auf theoretischem Oeblet. Aber hier gibt es wieder zahlreiche Uebergange und Mischungen, und keineswegs etwa nur scharfe Gegensätzlichkeiten zwischen den auf geistigem Oebiet liegenden und den vorwiegend manuellen Fähigkeiten. Vielmehr lehrt die Erfahrung, daß der geistig begabte Junge, wenn er überhaupt Eignung und Neigung zum Handwerk besitzt, in der Regel auch der beste Handwerker wird. Die Anschauung, daß zum Handwerk geistige Fähigkeiten nicht in dem gleichen Maße wie für andere Berufe erforderlich seien, sollte als überwunden und grundverkehrt endgültig ad acta gelegt werden. Man kann also auf Orund der .Erfahrungen des ersten Jahres der Lehrwerkstättenausbildung feststellen, daß die Einfügung in die handwerkliche Tätigkeit meist reibungslos^ erreicht worden ist Arbeitseifer, Pünktlichkeit und Disziplin der Lehrlinge sind durchaus zufriedenstellend. Es darf mit Sicherheit erwartet werden, daß die Erziehung der Jugendlichen zu angehenden Handwerkern nach Absolvierung des 3jährigen Lehrganges in durchaus befriedigender Weise vollendet sein wird. Damit hat sich die Lehrwerkstätte ihren Platz in der beruflichen Ausbildung der jüdischen lugend endgültig erkämpft Sie wird die Aufgabe erfüllen, die Ihr gestellt ist, und die vor allem darin besieht, der jüdischen Jugend sowohl eine theoretische als auch eine werkstattmäßige, der Einzellehre im Handwerk gleichwertige Berufsausbildung zu sichern. Nn. t Der Beruf des Industriekaufmanns Batrachut man die Berufswünsche dar jüdisch an Jugend, so kann man eine offensichtliche Zurückhaltung gegenüber allen kaufmännischen Berufen feststellen. Dia Ursachen dieser Erscheinung sind leicht zu erkennen. Dia Reaktion auf die frühere und bei der älteren jüdischen Generation heute noch vorhandene Einseitigkeit der Berufsschichtung mußte umso stärker sein, alt ihre Nachteile bei der Auawanderung, sowohl der individuellen als auch der planmäßig geleiteten, deutlich in Erscheinung treten. In der ganzen Walt ist es außerordentlich schwierig, für jüdische Kaufleute (und ebenso auch für jüdische Akademiker) Existenzgrundlagen zu finden. Selbst die versuchte Umschichtung zu anderen Berufen hat nur in sehr beschränktem Mafia zu einer Ueberwindung der Schwierigkelten geführt, die sich aus der einseitigen Bevorzugung kaufmännischer und akademischer Berufe bei den in Deutschland lebenden Juden für eine befriedigende LSsung des Auswanderungsproblems ergeben haben. Es ist daher nur allzu begreiflich, daß die nachwachsende jüdische Generation aus diesen Erfahrungen die Folgerung zog, ein kaufmännischer Beruf werde ihr den Weg der Auswanderung versperren oder zumindest sehr erschweren. Dennoch muß einmal die Frage aufgeworfen werden, ob eine generelle und vielfach allzu weitgehende Abwendung von allen kaufmännischen Berufen nicht schließlich neue Einseitigkeiten in der Berufsschichtung und damit neue Schwierigkeiten für die Schaffung möglichst vieler gutfundierter jüdischer Existenzen in fremden Länder hervorrufen kann. Schon heute sehen wir, daß die allzu große Zahl der Anwärter für handwerkliche Berufe dazu führt, daß nicht mehr genügend Ausbildungsmöglichkeiten auf handwerklichem Gebiet vorhanden sind, und daß es selbst durch Gründung von zahlreichen neuen Ausbildungsstätten nicht ermöglicht werden kann, allen Schulentlassenen sogleich den Weg zu den erwählten Berufen zu öffnen, weil sich ihre Berufswunsche jetzt wieder einseitig nur einer bestimmten Gruppe von Berufen zuwenden. Aber auch unter manchen anderen Gesichtspunkten dürfte es nicht richtig sein, wenn bei der Berufswahl dar jüdischen Jugend die kaufmännischen Berufe ganz unbeachtet bleiben. Es sei nur darauf hingewiesen, daß die Berufstradition eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Berufserziehung hat und diese Berufstradition bindet nun einmal eine nicht geringe Zahl von jüdischen Jugendlichen noch immer an kaufmännische Berufe. Noch sehr viel wichtiger aber ist es, die Frage der Berufswahl unter dem Gesichts-