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Der jüdische Handwerker · 1938-04-01 · 4 (4.1938) · p. Seite 4

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
4 (4.1938)
Date
1938-04-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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phiker in der praktischen Arbeit meiit nicht in dam Rahmen bereits ziemlich fast umrissener Wünsche daa Auftraggebers oder eines Werbechefs titig itt. Namentlich in wirtschaftlich nicht so hochentwickelten Ländern muß der Graphiker den Auftraggeber häufig aalbst beraten können. Immer muß der Hauptwert auf die praktischen Bedürfnisse dar Wirtschaft gelegt werden. Dann nur dann kann dar Ausgebildete nach dar Auswanderung damit rechnen, in Ubersee mit aeinen Ideen und Arbeiten sein Brot zu erwarben. «i Gerade deshalb aber, weil wir der Ansicht sind, daß eine Auabildung im Modezeichnen, Dekorieren usw. für viele jüdische Menschen ein tragfähiges Fundament zum Aufbau einer Aualandsexistenz bieten kann, haben wir den dringenden Wunsch, daß alles getan wird, waa möglich ist, um die Unterweisung und Ausbildung der jüdischen Jugend wie auch der Umschichtler auf diesem Spezialgebiet aufdan höchsten Grad dar Leistungsfähigkeit zu bringen. In vielen überseeischen Ländern sind noch genügend Betätigungsmögliohkeiten für jüdische Dekorateure, Modezeichner usw. vorhanden. Nicht jeder, der hier eine verhältnismäßig kurze Ausbildung in einem* fachlichen Unterrichtsinatitut erhalten hat, wird naturgemäß sofort ein erster und vollkommener Kön- ' na/ sein. Aber es gibt in der Welt noch Ort« genug (es braucht ja nicht immer gleich New York, Chicago, Buenos Aires oder Rio zu sein), wo auch der durchschnittlich Tüchtige in diesem Fach Arbeit findet, um sich dann in der Praxis weiterzubringen, sich Erfahrungen zu erwerben und dann schließlich auch für größere Städte zu genügen. Was hier in der Heimat dem Befähigten gegeben werden kann, ist eine gute, in den Händen sachkundiger, hochqualifizierter Lehrer und Berater liegende Ausbildung. Sein künftiges Schicksal muß sich der Einzeln« durch seine eigene Leistung, durch Fleiß und Tüchtigkeit gestalten. Eine Würdigung der vorhandenen jüdischen Ausbildungsstätten und ihrer Leistungen, wie sie oben vorgenommen wurde, zeigt, daß auf den verschiedenen Teilgebieten der Berufsausbildung im Modezeichnen, Dekorieren, Plakatzeichnen usw. gute und ausreichende Einrichtungen vorhanden sind. Zu erstreben ist vor allem ein systematisches Zusammenwirken -der einzelnen Ausbildungsstätten in der Weise, daß sie sich gegenseitig noch besser ergänzen. Es sollte daher versucht werden, die vorhandenen jüdischen Einrichtungen zu rationeller Arbeitsteilung zusammenzuführen. Die jüdischen Gemeinschaften sind in erster Linie daran interessiert, daß die für die Berufsausbildung und Umschichtung verfügbaren Gelder so wirksam wie möglich eingesetzt werden. Auf welche Weise dieses Ziel auf dem Gebiete der Schulung und Ausbildung von Werbezeichnern, Dekorateuren usw. unter dem Gesichtspunkt der Auswanderungserfordernisse am besten erreicht werden kann, das ist ein wichtiges Problem, mit dem sich die zuständigen jüdischen Instanzen baldigst beschäftigen sollten. Mehr denn je müssen heute angesichts daa ständig wachsenden Auswanderungsdranges und der eingeengten Auawanderungsraumes alle Wege gangbar gemacht werden, auf denen jüdische Menschen zu einer ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Berufstätigkeit im Auslande herangeführt werden können. Wird die richtige Aufteilung der Fächer unter den vorhandenen Lehrkräften erst durchgeführt sein, so werden sich noch viele weitere Möglichkeiten ergeben, den strebenden und suchenden Menschen eine ihrer speziellen Begabung entsprechende Berufstätigkeit zu verschaffen. Als Organisation des jüdischen Handwerks, und des jüdischen Mittelstandes wollen wir freudig alle Bestrebungen unterstützen, die auf daa Ziel gerichtet sind, diese Ausbildungsstätten weiter auszubauen und umzugestalten, damit sie möglichst vielen zugute kommen. Wir brauchen hierzu dringend die Mitarbeit aller interessierten Kreise und hoffen daher, daß wir von allen Seiten die nötige Unterstützung und volles Verständnis für unser Bestreben finden. Heinrich Stahl 70 Jahre Jahre 1933 zu Berlin ' Direktor Heinrich Stahl, der aeit dem an der Spitze der Jüdischen Gemeinde steht, beging am 13. April aeinen 7 0. Geburtstag. Es ist hier nicht beabsichtigt, und es ist außerdem auch noch viel zu früh, die Verdienste, die sich Heinrich Stahl um die Gemeinde und um daa Judentum erworben hat, eingehend und zusammenfassend zu würdigen. Sein großes Verständnis und Interesse für wirtschaftliche Aufgaben und soziale Fragen bringt seine Persönlichkeit und sein Wirken den jüdischen Handwerks- und Mittelstandskreisen besonders nahe. Schon als Schatzmeiater und Vorstandsmitglied der Gesellschaft „Handwerker und Künstler von 1845" hat Heinrich Stahl sein besonderes Augenmerk den Aufgaben und Schwierigkeiten der jüdiachen Künstlerschaft sowie des jüdischen Mittelstandes und Handwerks zugewandt. Ala warmherziger Förderer jüdischer Kunst war er längst bekannt, als er in die Berliner jüdische Gemeindearbeit eintrat und hier < in verhältnismäßig kurzer Zeit an die führende Stelle gelangte. Sein Arbeitsgebiet innerhalb der Gemeinde bildete in erster Linie das gesamte Wohlfahrtswesen. Bevor das Wohlfahrtsamt der Gemeinde in seiner heutigen Gestalt organisiert war, hat er an deaaen Aufbau führend und tätig mitgewirkt. Das Dezernat für Wohlfahrtspflege und später auch das für die Jüdische Winterhilfe lag in seiner Hand. Sein Wirken war niemals durch das Amt begrenzt. Wo ea galt, Bedürftigen zu helfen, war sein Name stets an erster Stelle zu finden. Je mehr sich dann der gemeindliche Aufgabenkreis erweiterte, und je mehr dabei vor allem die wirtschaftlichen und sozialen Angelegenheiten in den Brennpunkt, der gemeindlichen Arbeit traten, in desto höherem Maße machte sich in allen Zweigen der Gemeindeverwaltung die starke, von den Parteigruppierungen stets unabhängige Persönlichkeit Heinrich Stahls geltend. Darum sind die Organisationen des jüdischen Mittelstandes und des jüdischen Handwerks ihm ganz besonders zu Dank verpflichtet. Man hat ihn mit vollem Recht den „Vater der Jüdischen Gemeinde" genannt. Mit den Aufgaben und Sorgen der Gemeinde wuchs stetig seine Schaf- Photo, Abraham fensfreudigkeit. Wir wünschen ihm und uns, daß es Heinrich Stahl noch recht lange vergönnt sein möge, in voller Kraft und Gesundheit für die jüdische Gesamtheit zu sorgen und zu arbeiten. Grundfärzliches zur Berufswahl Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, die Jüdische Gemeinde Berlin und der Zentralverband jüd. Handwerker Deutschlands c. V. haben soeben einen „Wegweiser für die Berufswahl" herausge- Seben, der Eltern und Kinder in umfassender Weise bei er lebenswichtigen Entscheidung über die richtige Berufswahl berät Neben den Berufsbildern der wichtigsten Berufe enthält dar Wegweiser, der durch jede jüdische Buchhandlung zum Preise von RM 0,50 zu beziehen ist, bemerkenswerte grundsätzliche Ausführungen von Dr. Georg Lubinski zu der Frage der Berufswahl, die wir nachstehend unseren Lesern zur Kenntnis bringen. Die Berufsentscheidung gehört zu den wichtigsten Entscheidungen im menschlichen Leben; der Beruf weist dem einzelnen Menschan seine Stallung im sozialen Organismus zu, bestimmt sein wirtschaftliches Schicksal und legt die Lebensbedingungen der Angehörigen des Berufstätigen fest. Die Berufsentscheidung des einzelnen übt aber auch ihren Einfluß auf das politische Schicksal der Gemeinschaft aus, dar er angehört. Diese Erkenntnis wurde uns Juden durch daa Geschehen der letzten Jahre besonders deutlich vermittelt, daa Wissen um solche Zusammenhänge aber wirkt wiederum auf die Berufsentscheidung des einzelnen ^zurück, z. B. als Wunsch, in einer geschlossenen jüdischen Volksgemeinchaft zu leben oder zu seinem Teil der anormalen Berufsgliederung in der Diaspora entgegenzuwirken. Die Berufswahl muß daher durch die Bedürfnisse des einzelnen, und der Gesamtheit in gleicher Weise bestimmt sein. Die subjektiven Bedürfnisse des einzelnen bei der Berufswahl versucht man gewöhnlich durch die Begriffe Neigung und Eignung zu erfassen. Die Neigung umschreibt dabei das subjektive Verlangen des einzelnen, seine Hinwendung zu einer bestimmten Tätigkeit, während die Frage nach der Eignung untersucht, welche Anlagen in den einzelnen Menschen vorhanden sind. Beide Fragestellungen, die Neigung und die Eignung, befassen sich nur mit dem einzelnen, vor der Wahl stehenden Menschen, mit seinen Wünschen und seinen Anlagen und Uesen den Gesichtspunkt dar Verwertbarkeit des Berufes außer Betracht. Wir haben in unserer Gemeinschaft zweifellos sehr viele Menachen, die Neigung und Eignung zu einem Studium der Rechtswissenschaft haben, das aie aber doch unterlassen müssen, weil es in dem Rahmen einer bestimmten Gesellschaft nicht verwertbar ist. Die Anomalie dea jüdiachen Labena findet unter anderem auch darin ihren Ausdruck, daß die soziale Verwertbarkeit der einzelnen Berufsausbildungen bedeutend stärker eingeschränkt ist als bei anderen Gemeinschaften. Das war und ist viele Jahrhunderte hindurch der Fall gewesen, in denen die Juden aus vielen Berufen ausgeschlossen waren. Unsere jüdische Jugend von heute und in Deutschland befindet sich aber demgegenüber noch in einer In wesentlicher Richtung erschwerten Lage. Der junge Jude im 17. Jahrhundert, der im Ghetto einer Stadt lebte, wußte zwar, daß er viele Berufe nicht ausüben konnte, er wußte aber auch meistens, w o er den Beruf, dessen

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