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Der jüdische Handwerker · 1938-03-01 · 3 (3.1938) · p. Seite 2

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
30 (1938)
Issue
3 (3.1938)
Date
1938-03-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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vorbereitet erscheinen lassen. Infolgedessen ist die Mehrzahl der Teilnehmer an den Vorlehrekursen der Berliner Jüdischen Oemeinde inzwischen in Lehrstellen untergebracht. Es sind infolgedessen in den Kursen Plätze frei geworden, und es werden in nächster Zeit noch mehr Plätze frei werden. In den für das neunte Schuljahr eingerichteten Klassen sind wohl überall noch Plätze frei. Allerdings setzt die Zulassung zum 9. Schuljahr einen abgeschlossenen achtjährigen Volksschulbesuch voraus. Aber dieser muß heute Sanz allgemein als unumgängliche Voraussetzung für den landweiksberuf angesehen werden. Für die Absolvierung des neunten Schuljahrs gilt das gleiche, was für die Vorfehrekurse gesagt wurde: Beide erleichtern und fördern die spätere handwerkliche Ausbildung sehr wesentlich. Die Ueberieitung von der Schule zum Beruf, die durch sie vermittelt wird, bedeutet keineswegs, wie noch immer manche Leute meinen, einen Verlust an Zeit oder einen Umweg. Im Gegenteil: dadurch, daß sie es ermöglicht, die Entscheidung für einen bestimmten Beruf hinauszuschieben, und inzwischen durch Vermittlung wichtiger allgemeiner Kenntnisse die Schulentlassenen berufsfreier und ausb11dungsfähiger macht, fördert und erleichtert sie den späteren handwerklichen Lehrgang sehr erheblich. Was insbesondere die Ausbildung in den Lehrwerkstätten anbetrifft, so muß man in Betracht ziehen, daß diese auf nur 3 Jahre bemessen ist, während in vielen handwerklichen Berufen heute eine 4jährige Lehrzeit gefordert wird. Der Schulentlassene, der zuerst ein Jahr lang die Vorlehrekurse und dann drei Jahre lang eine Lehrwerkstätte besucht, hat zur Erlernung seines Berufs nicht mehr Zeit gebraucht ab wenn er durch die übliche Handwerkslehre gegangen wäre. Es wird aber in der Regel nicht möglich sein, ein Handwerk in kürzerer Zeit so gründlich zu erlernen, daß man damit im Auslande eine sichere Existenz finden kann. Gewarnt werden muß der Jugendliche aufs dringendste vor allen Schnellkursen, vor icder Kurzausbildung, ebenso vor den sogenannten Abendkursen und auch vor Umschichtungskursen (sie sind lediglich für Erwachsene bestimmt, die schon einen anderen Beruf erlernt haben). Eine gründliche Lehre ist stets wichtiger als eine schnelle Lehre. Das gilt für das Handwerk in noch höherem Orade ab für viele andere Berufe, weil hier die Uebung und der Erwerb manueller Geschicklichkeit eine große Rolle spielen. Außer Vorlehre und neuntem Schuljahr gibt es freilich noch eine Reihe anderer Möglichkeiten für den Jugendlichen, sich im ersten Jahre nach der Schulentlassung auf den künftigen Beruf vor dem Beginn der Handwerkslehre in richtiger Weise vorzubereiten, wir denken z. B. an den Besuch der Handelsschule der Jüdischen Oemeinde in Berlin. Die kaufmännischen Kenntnisse, die der Schulentlassene sich hier erwerben kann, werden ihn in seinem künftigen Handwerksberufe sehr fördern, denn der Handwerker muß, wenn er sich selbständig macht, stets auch mehr oder weniger Kaufmann sein und kaufmännisch kalkulieren können. Auch die Erlernung des Schreibens auf der Schreibmaschine und der Stenographie kann ihm später von großem Nutzen sein. Außerdem kann (und das bt natürlich für den künftigen Auswanderer besonders wichtig) das erste Jahr nach der Schulentlassung zur Erlernung einer fremden Sprache oder zur gründlichen Ausbildung in ihr benutzt werden. So gibt es eine Menge Möglichkeiten, die Zeit bb zum Beginn der Handwerkslehre in einer Webe auszufüllen, die eine wertvolle Verbesserung und Erweiterung der Berufsausbildung bedeutet Nur wo die wirtschaftlichen Verhältnisse es unbedingt erfordern, wird der Schulentlassene ab Bürobote oder dergl. seine Laufbahn beginnen und auch hier häufig Gelegenheit haben, sich Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, die ihm in seinem künftigen Beruf dienlich sind Wieder andere Möglichkeiten liegen in dem Besuch einer landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte. In den Ausbildungsgütern wie Neueadorf, Groß-Breesen, Ahlem usw. befinden sich gute handwerkliche Werkstätten, da ja zur Ausbildung der landwirtschaftlichen Siedler auch die Aneignung handwerklicher Fertigkeiten und Uebung gehört Umgekehrt wird für den künftigen Handwerker, besonders wenn er nach überseeischen Ländern auswandern und dort auf dem Lande oder in gemischten Siedlungen eine Existenz finden will, eine Vertrautheit mit landwirtschaftlichen Arbeiten sehr wichtig sein. Den gleichen Zwecken dient für den Jugendlichen, der später nach Palästina auswandern will, die M itt leren - Hachscharah in der Landwirtschaft. Selbst wenn hierbei nur eine Gewöhnung an körperliche Arbeit überhaupt erreicht würde, wird das für die Erlernung des Handwerksberufs sehr von Vorteil sein. Ausbildung zum Techniker. Schließlich bleibt freilich eine Anzahl von Schulentlassenen übrig, für die die handwerklichen BerafsausbiWungsmöglichkeiten nicht recht geeignet sind, sei es, daß sie nicht die genügende manuelle Geschicklichkeit besitzen, oder sei es, daß sie nicht über ausreichende Körperkräfte verfügen. Ihnen wird es bei der Ueberfüllung aller handwerklichen Ausbildungsinstitutionen, die zu einer sehr sorgsamen Auslese der Geeigneten nötigt, oft besonders schwer fallen, den richtigen Beruf und den richtigen Weg zu ihm zu finden. Viele von ihnen haben wahrscheinlich Interesse an technischen Fragen und Begabung in Mathematik, Zeichne n usw. Aber die eigentlichen handwerklichen Fähigkeiten gehen ihnen ab oder sind nicht genügend groß, um sie ab für einen Handwerksberuf geeignet erscheinen zu lassen. Es bt auch weder erwünscht noch für sie selbst von Nutzen, daß sie alle trotzdem einem handwerklichen Beruf zugeführt werden. Für sie soll die Möglichkeit geschaffen werden, den Beruf eines Technikers oder Ingenieurs zu ergreifen. In zahlreichen Ländern der Welt, namentlich in Uebersee, besteht infolge der fortschreitenden Industrialisierung ein umfangreicher Bedarf an Technikern, besonders im Elektro- und Maschinenbaufach, aber auch im Hoch- und Tiefbau. Für jüdische junge Menschen, die in. diesen technischen Berufen ausgebildet sind, würden daher, namentlich in überseeischen Ländern, gute Existenzmöglichkeiten vorhanden sein. Sie würden in der Regel sogar besonders aussichtsreiche Positionen finden können. Voraussetzung sind freilich eine Kiite Schulbildung (mindestens die sogenannte „mittlere eife") sowie besondere Begabung und Kenntnisse in Mathematik und Zeichnen. Bb jetzt fehlt es jedoch noch an den nötigen praktischen Ausbildungsmöglichkeiten. Erforderlich wäre zunächst eine zweijährige praktische Werkstartarbeit in der Metallbearbeitung oder im Baufach und im Anschluß daran der zweijährige Besuch eines Technikums. Es wäre wohl auch möglich, schon vom zweiten Jahre der Ausbildung an die praktische Werkstattarbeit mit dem Besuch eines Technikums zu verbinden, und dadurch die gesamte technische Ausbildungszeit auf 3 Jahre zu verkürzen. Wie wir hören, sind Bestrebungen im Gange, die Errichtung eines solchen Technikums In Bertin mit Hufe der Reichsvertretung und der Berliner Jüdischen Oemeinde zu ermöglichen. Etwa 50 jüdische junge Menschen könnten auf diese Webe aussichtsreichen technischen Berufen zugeführt werden. Das bt im Verhältnis zu der Zahl der Schulentlassenen, für die Lehrstellen voraussichtlich nicht zur Verfügung stehen, zwar nur eine geringe Zahl. Trotzdem würde auch durch die Schaffung einer derartigen technischen Lehranstalt der Lehrstellenmangel für die handwerklichen Berufsanwärter ein wenig gemildert werden können. Femer ' stehen noch einige andere Projekte zur Beratung, so z. B. die Einrichtung von Ausbildungsstätten für Feinmechanik und für Radiomecnanik. Einen weiteren Weg weisf der nachfolgende Artikel „Die Ausbildung zum Techniker", auf den daher auch an dieser Stelle hingewiesen werden soll. Alle diese Pläne verfolgen letztes Endes das eine Ziel, die jüdische Jugend produktiven, sei es handwerklichen oder technischen, Berufen zuzuführen, die dem wirtschaftlichen Aufbau dienen. Kein Zeitverlust. An alle diejenigen Schulentlassenen, die am 1. April keine handwerkliche Lehrstelle finden, vor allem aber auch an ihre Eltern muß die Aufforderung gerichtet werden, vor allem dafür zu sorgen; daß die Zeit zwischen Schule und Beruf nicht verloren geht, sondern sinnvoll für die Berufsausbildung mit dem Ziele der späteren Auswanderung ausgenützt wird. Die Hauptsache ist, daß kein lugendlicher in dieser Zwbchenzeit etwa verbummelt, sondern daß jeder das iahr bb zum Eintritt in den praktischen Beruf der Vorereltung für den Beruf dienstbar macht. Dann wird die Verzögerung der Aufnahme, die für viele Schulentlassene unvermeidlich sein wird, keinen Verlust an Zeit bedeuten. Um das zu illustrieren, braucht nur daran erinnert zu werden, daß für die Jugendlichen eine Auawanderung In jedem Falle erst vom 18. Lebensjahr an möglich bt. Da durch die Lehrwerkstätten die eigentliche praktische Ausbildungszeit, die an sich in vielen handwerklichen Berufen 4 lahre betragt, auf 3 Jahre verkürzt worden bt, steht für eine Ergänzung der allgemeinen, namentlich 'H^khkunAwk, TUVc KURFÜRSTBNDAMM 311 FRIEDRICHSTRASSE 15« SAAR LAND STRASSE 119 WILMERSDORFS» STR. 137 SCHÖNHAUSER ALLES 113

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