Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 2 (2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492337-5771062-5922365--608-4883387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wie man aus dieser Uebersicht ersieht, war die jüdische Auswanderung nach den Vereinigten Staaten außerordentlich stark. Denn beinahe ein Drittel aller registrierten Auswanderungen hatten die Vereinigten Staaten zum Ziel. Bei der Beurteilung der Auswanderungsziffern nach westeuropäischen Ländern, die in der Statistik sehr hoch erscheint, muß man berücksichtigen, daß es sich hier vielfach nur um Zwischenstationen, also nicht um die endgültigen Auswanderungsziele handelt, da ein Teil der nach diesen Ländern Reisenden später nach anderen, meist nach überseeischen Ländern weiterwandert. Das Oleiche gilt wohl auch für die mit 8,4 Prozent an der Oesamtziffer beteiligte Auswanderung nach mittel- oder nordeuropäischen Ländern, wie der Schweiz, der Tschechoslowakei, Skandinavien und Oesterreich. Die Auswanderung nach süd- und mittelamerjkanischen Lindern ist im großen und ganzen ziemlich stabil geblieben. Nur ist die Zahl der Auswanderer nach Brasilien im dritten Vierteljahr 1937 aus den bekannten Oründen sehr stark zurückgegangen. Das gleiche gilt auch für die Auswanderung nach Südafrika Die einzelnen Teile des Reichsgebietes waren an der jüdischen Auswanderung nicht ganz gleichmäßig beteiligt. Vergleicht man die Zahlen der gemeldeten Auswanderer mit denen der jüdischen Bevölkerung, so zeigt sich eine besonders lebhafte Auswanderung in den preußischen Provinzen Hessen-Nassau und Schlesien, in den Ländern Hessen, Baden und Württemberg sowie in den Großgemeinden Frankfurt a. M., Köln, Hamburg, Düsseldorf, Essen und Breslau. Auch hier wird man freilich nicht aufler Acht lassen dürfen, daß Auswanderer aus Kleingemeinden häufig zuerst nach Oroßgemeinden übersiedeln, um dann von hier aus die Auswanderung durchzuführen. Was die Altersgliederung der Auswanderer anbetrifft, so zeigt sich natürlich auch hier, daß überwiegend jüngere jüdische Menschen auswandern. Von je 100 Auswanderern standen z. B. im dritten Quartal des vorigen Jahres 23,1 im. Alter vonweniger als .20 Jahren, 23,6 im Alter von 20—30 Jahren und 21.3 im Alter von 30—40 Jahren. Doch waren immerhin auch die 40—50jährigen mit 15,6 <y», die über 50 Jahre Alten mit 16,4 o/0 an der Auswanderung beteiligt Ein interessantes Bild zeigt auch die Statistik der Berufsgliederung der Auswanderer. Unter 8379 männlichen Auswanderern, deren Beruf angegeben wurde, befanden sich 974 Handwerker, 107 Arbeiter, 3296 selbständige und 794 angestellte Kaufleute, 536 Landwirte und 688 Angehörige freier Berufe. Unter den 7274 weiblichen Auswanderern überwogen natürlich die Ehefrauen und Familienangehörigen ohne Beruf. Es wurden ferner gezählt: 193 weibliche Handwerker, 108 selbständige weibliche Kaufleute, 476 weibliche kaufmännische Angestellte, 239 weibliche Angehörige freier Berufe, 494 weibliche Hausangestellte und 104 weibliche Landwirte. Aus diesen Ziffern ist zu erkennen, daß Handwerk und Landwirtschaft unter den Auswandererberufen immerhin schon in ansehnlicher Höhe vertreten waren. La Republica Oriental del Uruguay Land - Bewohner - Wirtschaft - Kultur Uruguay, wie das Land anstatt des in der Überschrift angeführten offiziellen Namens gewöhnlich genannt wird, ist der kleinste der südamerikanischen Staaten. Mit einem Flächeninhalt von fast 179000 qkm ist dieses Land immerhin beinahe ein Drittel so groß wie Deutschland, hat aber auf dieser Bodenfläche nur rund zwei Millionen Einwohner. Auf den Quadratkilometer kommen also etwa 11 Bewohner. Das ist eine für Südamerika verhältnismäßig dichte Besiedlung. Man muß aber berücksichtigen, daß beinahe der dritte Teil der Bewohnerzahl des Landes auf die Hauptstadt Montevideo entfällt. Für eine landwirtschaftliche Besiedlung des Landes, insbesondere durch ackerbautreibende Farmer, ist also noch sehr viel Raum vorhanden. Nur ein kleiner Teil des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens ist bereits kultiviert, und auch hiervon dient der größte Teil nicht Ackerbauzwecken, sondern der Viehzucht, wird also nur extensiv bewirtschaftet. * In Uruguay ist ebenso oder sogar noch in höherem Qrade als in seinem größeren Nachbarlande Argentinien, die Viehzucht die'wichtigste Basis der Volkswirtschaft Sie ernährt die Bevölkerung in erster Reihe, und sie gibt dem Wirtschaftsleben des Landes das Gepräge. Weizenanbau und Weizenausfuhr haben in Uruguay bis jetzt noch nicht eine so große Bedeutung wie in Argentinien erlangt Den Reichtum des Landes bildet vor allem der große Viehbestand. Die Zucht von Rindvieh, Schafen und Pferden sowie die auf der Viehzucht und der Verarbeitung ihrer Produkte sich aufbauenden gewerblichen Berufszweige sind die Hauptgrundlagen des Erwerbs der Bevölkerung. Daneben werden Weizen, Mais, Hafer, Leinsaat und Süßkartoffeln angebaut, aber vorläufig überwiegend zur Ernährung der inlandischen Bevölkerung. Doch nimmt in letzter Zeit namentlich die Weizenproduktion so stark zu, daß schon ein ansehnlicher Ueberschuß für Ausfuhrzwecke zur Verfügung steht. Exportiert werden vor allem Wolle, Fleisch und Fleischextrakt, Häute und Felke. Außerdem werden Früchte aller Art (Orangen, Mandarinen, Zitronen, Birnen, Pfirsiche' Weintrauben und Aepfel) in vorzüglicher Qualität im Lande gewonnen. Nach den benachbarten Ländern werden auch Kartoffeln, Wein, Tabak und Eier exportiert. Die Blumenzucht ist hoch entwickelt. Die Industrialisierung Uruguays befindet sich noch in den Anfängen. Doch wird auch hier die Gründung neuer Industrien vom Staate kräftig gefördert, und die höheren Preise, die das Land für seine Agrar- und namentlich Viehzucht-Erzeugnisse (Wolle, Häute, Felle usw.) auf dem Weltmarkt erzielt, haben ihm erhöhte Erträge und größeren Reichtum verschafft. Dieser wurde teilweise zur Konsolidierung der nationalen Finanzen verwendet, teilweise dient er unmittelbar dem industriellen ' Aufbau des Landes. Naturgemäß sind die heute vorhandenen Industrien hauptsächlich auf der Ausnutzung und Verarbeitung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse basiert. Es gibt Wollwebereien und Lederfabriken, Getreidemühlen, Brauereien, Gerbereien und Seifenfabriken, Zuckerraffinerien, Zement-'und Glasfabriken, Papierfabriken, Ziegeleien, Zigarren- und Zigarettenfabriken, schuhindustrielle rietriebe, Möbelfabriken, chemische Fabriken, Baumwollspinnereien und -Webereien sowie auch Maschinenfabriken. Diese industriellen und gewerblichen Unternehmungen geben in den Städten zahlreichen Menschen Beschäftigung. Zur Industrie gehören aber vor allem die hier ebenso wie In Argentinien vorhandenen großen Gefrierfleisch- Anstalten („frigorificos"), deren Erzeugnisse vorwiegend nach England exportiert werden. Ein Teil der im Lande hergestellten industriellen Waren, insbesondere Kleidung und Schuhe, sind freilich meist noch nicht von erster Qualität. Auch die Webereien sind noch ziemlich einfach und wenig auf Erzeugung qualifizierter Waren eingestellt. Hier sind also noch Verbesserungen durch einwandernde Unternehmer möglich. Vorzüglich ist dagegen das im Lande gewonnene und hergestellte Baumaterial. Doch deckt z. B. die Zementindustrie gegenwärtig nicht ganz den Bedarf des Landes. Ein großzügiger Ausbau der Industrie wird in Uruguay schon dadurch gehemmt, daß Kohle, Erdöl und Brennholz importiert werden müssen. Die Erdschätze des Landes sind noch wenig ausgenutzt. Bergbaumäßig gewonnen werden Oold und Kupfer, aber nicht in großen Mengen. Ferner wird Marmor und Granit im Lande gewonnen. Seiner natürlichen Beschaffenheit nach ist Uruguay in erster Linie ein Agrarland und hat wenig Aussicht auf eine große industrielle Entwicklung. Der Boden, auf dem die Republik Uruguay liegt, ist gewelltes Hügelland, Kein Berg im Lande ist höher' als 600 Meter. Namen und Charakter gibt dem Lande der Fluß Uruguay, der bis zu der Stadt Salto hinauf schiffbar und für die Verkehrsentwicklung von größter Bedeutung ist. Die Hauptstadt Montevideo zählt mehr als 666000 Einwohner, also, wie schon erwähnt, nahezu ein Drittel aller Bewohner des Landes. Sie ist eine moderne Weltstadt wie Buenos Aires und Rio de Janeiro. Natürlich ist sie das Hauptzentrum der Eisenbahnen des Landes, die hier strahlenförmig zusammenlaufen. Industrie und Handel haben in ihr in erster Linie ihren Sitz. Es gibt aber noch eine Reihe anderer wirtschaftlich wichtiger und zukunftsreicher Städte in Uruguay, wenn diese heute auch an Einwohnerzahl wesentlich kleiner sind als Montevideo. Oenannt seien hier Fray Bentos und Paysandu, beides wichtige Sitze der Gefrierfleisch- und Fleischkonservenindustrie, ferner der Hafen Salto am Uruguay, ein Mittelpunkt der landwirtschaftlichen und Viehzucht- Interessen des Landes, Canelones, das mitten in einem getreidebauenden Bezirk liegt und daher eine bedeutende Mühlenindustrie hat. Melo und Minas, beide in der Nähe von größeren Steinbrüchen und Kupferbergwerken gelegen, Colonia und Nüeva Palmira, Hafenstädte mit lebhaftem Handel in Produkten des Ackerbaues und der Viehzucht, 'Florida und Mercedes. Mittelpunkte des Getreidehandels usw. Keine dieser Städte hat freilich mehr als 25 000 Einwohner. Das Klima Uruguays ist außerordentlich gesund. Es gleicht etwa dem in Argentinien und Südbrasilien. Die Temperatur sinkt selten unter den Gefrierpunkt. Frühlingsmonate sind hier September, Oktober und November, Herbstmonate März. April und Mai. Während der Uruguay-Fluß das Land im Westen nach Argentinien zu begrenzt, wird es von dem Rio N e g r o und seinem Nebenfluß Yi in der Richtung von Nordosten nach Südwesten durchflössen. Eine Reihe anderer, kleinerer Flüsse ist nur zeitweise schiffbar. Der Boden ist sehr fruchtbar und für Weidezwecke vielfach sogar noch geeigneter ab der Argentiniens. Aber auch für Ackerbauzwecke ist er sehr geeignet und bringt dem fleißigen Siedler reiche Erträge. Die Bevölkerung Uruguays besteht so gut wie ausschließlich aus Weißen, meist spanischer oder italienischer Herkunft. Gesprochen wird spanisch. Die Religion ist katho-