Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 30 (1938)
- Issue
- 1 (1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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die Zahl der der jüdischen Einwanderung offenstehenden Länder leider sehr beschränkt ist. Aber auch diese Notlage sollte beispielsweise einen jüdischen Schreibmaschinenmechaniker nicht dazu veranlassen, Auswanderungspläne nach einem überseeischen Agrarlande zu betreiben, in dem die Zahl der überhaupt vorhandenen Schreibmaschinen noch zu gering ist, um einem solchen Spezialhandwerker in einem örtHch begrenzten Kreise eine ausreichende Existenzbasis zu geben, wenn dieser Handwerker sich zuerst einmal mit der Wirtschaftsstruktur des Landes vertraut gemacht hätte, so würde er sogleich erkannt haben, daß diese die Verwirklichung seiner beruflichen Pläne aussichtslos macht. Es gibt nun freilich Auswanderer, denen es nicht möglich ist, einfehende wirtschaftsgeographische Kenntnisse sich zu erweren. Diese müssen dann die Beratung der zuständigen Organisationen, insbesonders des Hilfsvereins so frühzeitig wie möglich, also schon bei der Planung in Anspruch nehmen. Denn diese Stellen sind mit der Wirtschaft»- und Landeskunde der in Frage kommenden Oebiete aufs genaueste vertraut. Die Kenntnis der wirtschaftsgeographischen Verhältnisse führt aber auch am ehesten dazu, daß die schweren Fehler vermieden werden, die jetzt häufig die Bemühungen der Auswanderer um eine Neuverwurzlung in fremden Ländern zum Scheitern bringen oder zum mindesten außerordentlich erschweren. Wer sich vorher bemüht hat, die wirtschaftliahe Lage in dem neuen Wirkungskreise zu studieren, •Ich mit den Eigenschaften, der Denkart und dem Fahlen, der Kultur und den Eigenarten der Bevölkerung vertraut zu machen, wird auch davor bewahrt bleiben, sich durch einseitige und voreilige Urteile üher ihm fremde Verhältnisse unbeliebt zu machen und dadurch seine Einordnung in der neuen Heimat unnötig zu erschweren. Er wird lernen, an die andersgearteten Verhältnisse auch andere und daher richtigere Maßstäbe anzulegen. Dadurch wird er auch sich selbst viele Enttäuschungen und Ueberraschungen ersparen. Der Auswanderer muß notwendigerweise in mancherlei Hinsicht völlig umlernen. Es ist gut und ratsam, daß er hiermit schon zu Hause dadurch beginnt, daß er versucht, die wesentlich andersgearteten Lebensbedingungen der künftigen Mitbürger zu erkennen und zu begreifen. Mit dem Vorhandensein oder Fehlen wirtschaftsgeographischen Wissens hängt ferner häufig die ungenügende Verteilung und Zerstreuung der jüdischen Einwanderer in dem neuen Heimatlande zusammen. Der Ankömmling, der sich mit den wirtschaftlichen und geogra- Ehischen Gegebenheiten des Landes noch nicht beschäftigt at, kennt oft nicht viel mehr als dessen Hauptstadt. Er weiß z. B. nicht, daß es in Argentinien außer der Hauptstadt Buenos Aires noch eine große Anzahl anderer volkreicher und blühender Städte (wie La Plata, Rosario, Bahia Bianca, Cordoba, Corrientes, Mendoza, Santa F£, Tucömän) gibt^ von denen die Mehrzahl Großstädte mit mehr als 100000 Einwohnern sind. Nicht viel besser bekannt sind im allgemeinen die großen Wirtschaftszentren der Vereinigten Staaten außerhalb New Yorks und einiger anderer Riesenstädte. Die Hauptstadt jedes Landes pflegt einen mehr oder weniger internationalen Charakter zu haben. Die Besonderheiten des Landes und seiner Bevölkerung, insbesondere auch deren wirtschaftliche und kulturelle Eigenarten sind hier am wenigsten ausgeprägt. Der jüdische Einwanderer, dem alle diese Besonderheiten noch fremd sind, scheut deshalb häufig davor zurück, nach anderen Teilen des fremden Landes, namentlich nach solchen, die von der Hauptstadt weiter entfernt liegen, Zu gehen, obwohl er dort in vielen Fällen leichter und besser sein Brot finden könnte als in der Hauptstadt. Dort machen die Einwanderer infolgedessen einander gegenseitig Konkurrenz, und dort sind daher die typischen Einwandererberufe meist sehr stark übersetzt. Ungenügende wirtschaftsgeographische Kenntnisse sind mit daran schuld, daß die jüdischen Einwanderer in den Hauptstädten der fremden Lander massiert bleiben und hier vorwiegend miteinander leben, infolgedessen aber mit der einheimischen Bevölkerung nicht genügend in persönlichen Verkehr treten. Die Folge ist dann, daß sie die neue Heimat nicht richtig kennenlernen, nicht mit ihr verwachsen und sich ihren Verhältnissen nicht anpassen können, außerdem aber auch, daß sie hierdurch den Nachkommenden die Einwanderung erschweren. Oute Kenner eines fremden Landes werden sich in der Regel leichter entschließen, tiefer in das Land hineinzugehen. Die fremde Umgebung wird sie nicht abschrecken, sondern sie werden sich bemühen, sich möglichst schnell üi die neuen Verhältnisse hineinzuleben. Das wird dann für sie nicht nur beruflich, sondern auch in vieler anderer Hinsicht sehr von Vorteil sein. Der Auswanderer soll und muß sich also in erster Linie darüber klar sein, welche Aufnahmefähigkeit die einzelnen der Einwanderung offenstehenden Länder für diejenigen Leistungen besitzen, die er auf Grund seiner beruflichen Vorbildung oder seiner erworbenen Fertigkeiten und Kenntnisse zu bieten vermag. Er muß ferner auch etwas von den Menschen wissen, die diese Leistungen verwerten und entsprechend entlohnen sollen, muß ihre kulturellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse einigermaßen beurteilen können. Diesen Menschen muß er schon deswegen gefühls- und verstandesmäßig näherzukommen versuchen, weil er ja künftig mit ihnen in wirtschaftlichem Austausch stehen will. Bei diesem Austausch aber kommt es in erster Linie darauf so, welchen Wert und Nutzen die Leistungen des Einwanderers für das neue Heimatland haben, welchen Markt sie dort finden. Schließlich muß der Einwanderer sich auch darüber klar seih, welche Lebens- und Kulturbedingungen er selbst dort erwarten darf. Um aber über alles das richtig und ausreichend unterrichtet zu sein, muß er sich bemühen, in die Wirtschaftsgeographie des Einwanderungslandes möglichst tief einzudringen. Man hat neuerdings in den jüdischen Volksschulen, insbesondere im Rahmen des 9. Schuljahres, der Auswanderungskunde einen besonderen Platz im Lehrplan eingeräumt. Den Hauptgegenstand dieser Auswanderungs- Kunde bildet die Wirtschaftsgeographie fremder Länder. Die künftig aus den jüdischen Schulen hervorgehende Jugend wird also erheblich besser als die frühere Generation mit wirtschaftsgeographischem und landeskundlichem Wissen auserüstet sein. Für die erwachsenen jüdischen Auswanerer, d. h. also heute für einen sehr erheblichen Teil der in- Deutschland lebenden Juden, sind wirtschaftsgeographische Kenntnisse mindestens ebenso unentbehrlich wie für die iugend. Viele wirtschaftsgeographische Tatsachen und Proteine, die in der Schule nicht behandelt werden können, weil sie über das Verständnisvermögen der Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen hinausgehen, werden den Erwachsenen, die sich auf die Auswanderung vorbereiten, vermittelt werden können und müssen. In unserer Zeitschrift soll deshalb der Kunde fremder Länder, natürlich derjenigen, die gegenwärtig (oder vielleicht künftig) für die jüdische Einwanderung in Betracht kommen, nochgrößere Aufmerksamkeit als bisher geschenkt werden. Auch' für alle diejenigen Leser, die in nächster Zeit noch nicht auswandern wollen, wird es interessant. und lehrreich sein, etwas über die wirtschaftlichen Lebensbedingungen in den Ländern zu erfahren, in denen wohl heute fast jeder Verwandte, Freunde und Bekannte hat. Dr. Hugo Nathansohn. 25 Jahre Handwerker-Verein Hannover Am IQ. Januar kann der Jüdische Handwerker-Verein in Hannover das Jubiläum seines 25jährigen Bestehens begehen. Gleichzeitig blickt unser Kollege und Freund Glasermeister Paul Ooldmann auf eine 25jährige Amtstätigkeit als erster Vorsitzender zurück. 25 Jahre ernster Arbeit am gemeinsamen Ziel der Hebung des Standesansehens sind mit nie ermüdender Hingabe vollbracht Wie notwendig diese Arbeit war, hatten einsichtige und vorausschauende Männer schon weit vor dieser Zeit erkannt. Im Jahre 1913 war auch in Hannover, nachdem in Berlin, Hamburg, Breslau, Frankfurt und Köln bereits seit Jahren jüdische Handwerker-Vereine bestanden, der Boden für den Zusammenschluß der dortigen Handwerker reif. Angeregt durch den Zentralverband, vor allem aber durch den Kollege Paul Ooldmann und schließlich durch den ehemaligen Leiter der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem Dir. Silberberg s. A. fand sich ein zunächst kleiner Kreis von Handwerkern zusammen, die, von der Notwendigkeit des Zusammenschlusses der jüdischen Handwerker überzeugt, gewillt waren, sich mit Ihrer ganzen Persönlichkeit für die Oemeinschaftsaufgabe der Hebung der sozialen Lage ihres Standes einzusetzen. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das gegen den jüdischen Handwerkerstand vielfach noch bestenende Vorurteil durch Erziehung ihrer Mitglieder zur Qualitätsarbeit zu beseitigen. Die Heranführung der jüdischen Jugend zum Handwerk und ihre gründliche Ausbildung haben sie schon zu einer Zeit zu erreichen versucht, in der erst einmal die jüdische Oeffentlichkeit über das Erfordernis der Oesundung der jüdischen Berufsstruktur aufgeklärt werden mußte. Schwere Arbeit war zu leisten, und viele Hindernisse waren dabei zu überwinden. Aber diese Männer blieben fest, und der Erfolg blieb nicht aus. Denen gebührt unser Dank, die durch ein Vierteljahrhundert der gemeinsamen Sache treu gedient haben. In vorderster Reihe steht hier der Kollege Paul Ooldmann, der in der Gründungsversammlung im Jahre 1913 zum ersten Vorsitzenden gewählt, noch heute dieses Amt in vorbildlicher Weise bekleidet. Aber auch der anderen Gründer sei an dieser Stelle besonders gedacht, die heute noch dem Verein angehören. Es sind dies die Kollegen Schneidermeister Berthold Adler, Druckereibesitzer Martin Bernhard, der frühere