Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 12 (12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Ludwig Tietz-Handwerkerschule in Jagur Ende 1934 plante man, Ludwig Tietz, dem Führer der jüdischen Jugend in Deutschland ein Denkmal in Palästina zu setzen. Man wollte etwa Lebendiges, Lebensnahes und Notwendiges schaffen. Was lag da näher als eine Einrichtung, in der die Jugend lernen und arbeiten kann! So kam es zur Gründung der Handwerkerschule in Jagur. Es gab bereits zwei 'derartige Schulen in Erez: die Handwerkerschule am Technikum in Haifa und die Max Pein-Schule in Tel-Aviv. In Jagur sollte nun etwas Besonderes geschaffen werden; nämlich eine Ausbildungsstätte für die jüdische Jugend aus Deutschland. Alle großen deutschen und palästinensischen jüdischen Organisationen beteiligten sich alt diesem Werke, das im März dieses Jahres eröffnet wurde. Etwa eine halbe Stunde Omnibusfahrt von Haifa entfernt, am Eingang in das Emek liegt die Kwuzah Jagur. Bevor man in die eigentliche Siedlung kommt, sjeht man direkt an der Straße die Schule liegen. Der Bau ist, wie alle palästinensischen Bauten, einfach und geschmackvoll. Durch ein schon selbstgebautes eisernes Tor betritt man den Hof. Hier fällt etwas auf: eine schöne Grünfläche, tadellos gepflegt mit unterirdischer selbstgebauter Wasseranlage, kleinen Pflanzen und Büschen. Links ist der Eingang zum Büro und den Klassenräunien, anschließend das Scnlossereigebäude. Rechterhand liegt die Tischlerei. Die Gesamtanlage reicht heute schon nicht mehr aus und wird jetzt erweitert werden. Zurzeit werden 60 Jungen in, der Tischlerei und "Schlosserei ausgebildet.;-;- beiden Werkstätten gibt es eine Werkzeugausgabe, die in reichhaltiger Weise mit Spezial- und Ersatzwerkzeugen ausgestattet ist. Ein Junge hat jeweilig einen Monat Dienst und ist für die Instandhaltung der Werkzeuge verantwortlich. Alles ist in sauberen Regalen übersichtlich geordnet. Mit Material, das es ja genügend gibt, wird trotzdem sparsam umgegangen und die Jungen von Anfang an auch hierbei an Sparsamkeit gewöhnt. Die Behandlung der Werkzeuge und Maschinen wird sehr streng beobachtet. Die im Hauptgebäude vorhandenen zwei Klassenräume und ein größerer Lehrraum für größere Veranstaltungen sind einfach, aber sehr praktisch eingerichtet. Bilder und Lehrmaterial schmücken die Wände. In eingebauten Schränken sind die Reißbretter, Zeichenmaterialien usw. untergebracht. Selbstverständlich fehlt noch manches in Schule und Werkstatt, und es sollten sich Spender finden, die diesem nutzbringenden Werk helfen wollen. Von der Schule zu den Internatsgebäuden, die direkt auf dem Gelände der Kwuzah liegen, sind nur wenige Minuten zu gehen. Wunderbar sind diese zwei Häuser, die durch eine Veranda verbunden sind. Ein Erdgeschoß und ein Stockwerk enthalten die Wohnräume der Jungen und des Leiters. Brauseanlagen mit modernsten hygenischen Einrichtungen sind vorhanden. Schon das Aeußere der Schulgebäude sticht von den anderen Häusern und Einrichtungen der Siedlung' ab. r>jp Zitnnrar, in Hynpn immw rfri»j und vier jungen wohnen, _ Die Schule untersteht einem Kuratorium. Der Leiter hat lange Jahre in Deutschland und in Palästina gearbeitet und besitzt daher auch die nötigen Erfahrungen für die Leitung einer derartigen Schule. Die Meister und Hilfskräfte sind die besten, die zur Verfügung standen. Bemerkenswert ist. daß immer der Oedanke leitend war, nur das Beste und die Besten für diese Ausbildungsstätte heranzuziehen. Die Werkstätten sind nach den neuesten Methoden und mit den modernsten Werkzeugen und Maschinen eingerichtet. Die Jungen werden nach einem systematischem Lehrplan, der an den Datsch-Lehrplan angelehnt ist, unterwiesen. Im ersten Jahr arbeiten sie täglich 4 Stunden praktisch und 4 Stunden theoretisch. Der theoretische Unterricht umfaßt Berufstheorie und Zeichnen, Hebräisch, Geschichte, Geographie. Im zweiten Jahre verteilt sich die Ausbildungszeit auf 6 praktische Arbeitsstunden und 2 theoretische Stunden täglich. Im dritten Jahr werden täglich acht volle Stunden praktisch gearbeitet. Es ist verständlich, daß bei einer Ausbildung in Palästina auf viele Dinge geachtet und Wert gelegt werden muß, die in Deutschland nicht in Betracht gezogen zu werden brauchen. Wenn man bedenkt, daß die neue Lebensweise, das Klima, die Verpflegung usw. eine starke körperliche Umstellung beanspruchen, daß weiter, wer in Palästina lebt, die Landessprache so schnell wie möglich erlernen muß, so kann man begreifen, daß eine Einteilung der Ausbildungszeit, wie sie oben angegeben ist, notwendig ist. Ich möchte hierbei erwähnen, daß der praktische und theoretische Unterricht, soweit es die Vorkenntnisse erlauben, in hebräischer Sprache erteilt wird. Eine Ausbildung in Palästina hat den ungeheuren Vorteil, daß produziert werden kann. Di.' Lehrlinge brauchen nicht nur Lehrarbeiten und Reparaturen zu machen. Sie können wirkliche produktive Arbelt leisten, und es wird hiervon schon im ersten Jahr weitestgehend Gebrauch gemacht. Das erleichtert selbstverständlich die Ausbildungsarbeit wesentlich. Es sind heute erst wenige Monate seit der Eröffnung der Schule verstrichen. Aber es gibt schon jetzt recht ansprechende Leistungen zu sehen. Die Dinge auf die wir in unseren Lehrwerkstätten besonders großen Wert legen, Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung, präzises und sauberes Arsind sauber und luftig. Handgewebte Decken auf den Herten, geschmackvolle Vorhänge, hübsche Tische und Schränke geben den Räumen ein gemütliches Aussehen. Die Mahlzeiten werden gemeinsam im Chadar-Ochel, im gemeinsamen Eßraum, eingenommen. Vor Beginn der Arbeit wird Gymnastik betrieben. Die Abende sind bis auf die, an denen gemeinsame Heimabende, Vorträge und Arbeitsgemeinschaften sind, frei. Die Jungen werden zur Selbständigkeit erzogen. Das System der Selbstverwaltung steht im Vordergrund. Eine Schwierigkeit bei der pädagogischen Arbeit erwächst daraus, daß ein Teil der Jungen dort lebt in der Absicht, nur die Ausbildung im Lande zu erhalten und später wieder abzuwandern. Ein Einleben und ein Verhundenwerden mit dem Lande ist auf diese Weise fast ausgeschlossen. Diese Fragen sind natürlich bei der Aufnahme durch die Kinder- und Jugendalijah schwierig zu prüfen, obwohl die Jungen, bevor sie ihr Zertifikat erhalten, in einem gemeinsamen Lager geprüft und beobachtet werden. Wir glauben, daß solche Anlaufsschwierigkeiten bald überwunden sein werden. Es ist natürlich wünschenswert, daß die jungen Menschen, die eine derartige Ausbildung genießen und die Schule einmal verlassen werden, auch tatsächlich in den Arbeitsprozeß im Kibbuz und in der Industrie eingereiht werden können. Leopold Kuh. Elternhllfswerk für begabte Kinder Das Elternhifswerk für die jüdische Jugend, das auf ein vierjähriges Bestehen zurückblickt, hielt am 4. November 37 im Sitzungssaal der Reichsvertretung der Juden in Deutschland seine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Der Geschäftsbericht ergab, daß die Förderung besonders begabter Schüler ünd Schülerinnen durch Gewährung von Schulbeihilfen sich in den vier Jahren bestens bewährt hat. Ob es sich um praktische oder geistige Berufe handelt, in allen Fällen haben Pflichteifer und aufrechte jüdische Haltung die aufgewandten Mittel gerechtfertigt. beiten, auf sie wird auch dort besonderer "Wert gelegt. Eine Feststellung, die sonst im Lande leider nicht allzu oft gemacht werden kann. In Produktionsbetrieben und in Lehrwerkstätten w'ird hierin oft'schwer gesündigt. Ich war erstaunt oder besser erfreut, an dieser Schule diese Voraussetzungen für eine gute Ausbildung erfüllt zu sehen. Es wird kein Stuck herausgehen, das nicht den genauen Maßen, — es wird selbstverständlich alles nach Zeichnung gearbeitet — entspricht. Die Jungen müssen an einem Stück so lange arbeiten, bis das Stück gut ist und die Handgriffe, sitzen. Die ersten Arbeiten in der Schlosserei und Tischlerei, die zum Teil Lehrarbeiten, zum Teil Arbeiten für den Betrieb waren, waren in jeder Weise fachmännisch und einwandfrei hergestellt. Eine Reihe Aufträge in beiden Betrieben wurde zur Zufriedenheit der Kunden ausgeführt. Der Arbeitsaufbau, die Methode und die Gestaltung zeugen von Sachkenntnis und gutem handwerklichen Verständnis. Jeder Jünge hat seinen Satz Werkzeuge, seinen Schraubstock bezw. seine Hobelbank. Die Schlosserei besitzt vier moderne Drehbänke, eine moderne Universalfräse komplett," sine Shaping-Maschine, alle Blechbearbeitungsmaschinen, eine autogene und eine elektrische Schweißanlage. Die Tischlerei ist ebenso mit sämtlichen modernen Maschinen ausgerüstet, in Eine Neuwahl des ersten Vorsitzenden wurde erforderlich, da der bisherige 1. Vorsitzende, Herr Senatspräsident a. D. Dr. Spittel, aus persönlichen Gründen sein Amt niederlegte. Es ist aber gelungen, Herrn Rechtsanwalt Schwarz, den langjährigen früheren Vorsitzenden, für dieses Amt wieder zu gewinnen. Im übrigen blieb dergeschäftsrührende Vorstand in der bewährten bisherigen Zusammensetzung In den Oesamtvorstand wurden u. a. neu hinzugewählt Herr Dr. Glaser für den Jüdischen Centraiverein und Herr Wilhelm Marcus für den Handwerkerverband, sodaß nunmehr eine enge Verbinr dung mit allen großen Orga- / nisationen und Richtungen durch Mitarbeit im Vorstand besteht. Eine Förderung des Hilfswerks für überdurchschnittlich begabte jüdische Schulkinder aus notleidenden Familien kann auf Grund der bisherigen Ergebnisse nur warm empfohlen werden. UirioMai Laman- und GaMldwaberal fiVGRONFELD Grtüm üfwuijocM» Ml latai«. 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