Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 12 (12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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neben den praktischen Notwendigkeilen, die die Schaffung von Uebergangseinrichtungen zwischen Sehlde und Beruf erforderlich machten, vielfach auch besondere berufspädagogische Ueberlegungen maßgebend gewesen. Mit diesen wollen wir uns jedoch hier nicht befassen. Sie sind in einer Denkschrift dargelegt, in der Frau Prof. Dr. Erna Barschak und Dr. Fritz Bamberger Ober die Zielsetzung und Plangestaltung des neunten Schuljahres in den Volksschulen der Jüdischen Oemeinde zu Berlin berichten, und die auch der nachfolgenden Darstellung dieses Ausbildungsinstruments zur Vorbereitung schulentlassener Jungen auf handwerkliche Berufe zugrunde gelegt ist. Schon im Jahre 1934 ist an zwei Volksschulen der Berliner Jüdischen Oemeinde ein neuntes Schuljahr eingerichtet worden. Zwei weitere jüdische Schulen sind dann auf diesem Wege gefolgt, sodaS zurzeit in Berlin an vier jüdischen Volksschulen fünf vollbesetzte Klassen des neun - ten Schuljahres (Knaben und Mädchen) vorhanden sind. Ebenso sind auch außerhalb Berlins an verschiedenen jüdischen Volksschulen neunte Schuljahr-Klassen errichtet worden, die sich freilich in Ziel und Aufbau von den Berliner Einrichtungen etwas unterscheiden. Auf diese Abweichungen kommt es jedoch hier nicht an, da hier ja nur die praktischen Aufgaben und Zielsetzungen des neunten Schuljahres herausgestellt werden sollen. Vervollkommnung der allgemeinen Bildung Es~Tsl selbstverständlich, daß das neunte Schuljahr, Trenn es den praktischen Zwecken der beruflichen Ausbildung dienen soll, nicht lediglich eine Fortsetzung und Ergänzung des Unterrichts der Volksschule bringen darf. Dagegen ist die Allgemeinbildung der nach acht Schuljahren entlassenen Jugendlichen zweifellos häufig in vieler Hinsicht nicht ausreichend für das praktische Leben. Das weiß jeder Handwerksmeister, der Lehrlinge ausgebildet hat, aus eigener Erfahrung. Aber der Unterricht des neunten Schuljahres muß, wenn er seine Aufgabe erfüllen soll, neben der Vertiefung, Befestigung und Ergänzung der Allgemeinbildung mehr ab die Volksschule dem Erwerb eines für das praktische Leben brauchbaren Wissens dienen. Die theoretischen Fächer, in denen im neunten Schuljahr der jüdischen Volksschulen unterrichtet wird, sind Deutsch, Englisch, Rechnen und Handelskunde, Religion und Hebräisch, Erdkunde, Geschichte und Biologie. In allen diesen Fächern wird nicht nur neuer Wissensstoff an die Schüler heran- Sebracht, sondern die im Unterricht erörterten Fragen weren planmäßig unter den Gesichtspunkten der praktischen Bedürfnisse des jüdischen Jugendlichen behandelt. So steht beispielsweise im Mittelpunkt des erdkundlichen Unterrichts im neunten Schuljahr die wettwirtschaftliche Produktionskunde unter besonderer Berücksichtigung der Wirtschaft der in Betracht kommenden Auswanderungsländer, also Palastinas Nord- und Südamerikas usw. Der Deutschunterricht wird in engeren Zusammenhang mit dem 'kaufmännischen Unterricht gebracht, da er Anleitungen zu einer guten und richtigen Abfassung von Briefen, Rechnungen usw. gibt. Das gleiche gilt für den Unterricht im Rechnen, der ebenfalls hier vor allem auf die Erfordernisse des geschäftlichen Lebens abgestellt ist. Auch der hebräische und Religion«- Unterricht soll in erster Linie den praktischen Bedürfnissen des Auswanderers angepaßt sein und die lugend mit den Grundregeln der jüdischen Lehre bekanntmachen, damit jeder jüdische Junge weiß, warum er Jude ist, und was er tun muß, um ein guter Jude zu sein: Der Geschichtsunterricht dient vor allem der Einordnung der jüdischen in die allgemeine Oeschichte und führt den Jugendlichen das historische Schicksal und die geschichtliche Aufgabe des Judentums vor Augen. Die spezielle Zielsetzung unterscheidet also den theoretischen Unterricht im neunten Schuljahr wesentlich von dem bisherigen Volksschulunterricht. Man wird dabei sorgsam darauf achten müssen, den Wissensstoff nur in kleinen Dosen an die schulentlassenen Jugendlichen heranzubringen und ihn der Fassungskraft dieser Altersklassen möglichst anzupassen. Die praktische Vorbereitung •uf den Beruf Uebereinstimmung herrscht darüber, daß das neunte Schuljahr keine spezialisierte berufliche Ausbildung geben kann und soll. Das folgt schon daraus, daß die Entscheidung über die Berufswahl erst nach der Absolvierung des neunten Schuljahres erfolgen soll. Auch der Einrichtung der Vorlehre liegt ja der Gedanke zugrunde, daß die endgültige Berufswahl des 14jährigen Jugendlichen nach Möglichkeit noch etwas hinausgeschoben werden soll, damit in der Uebergangszeit durch eine Vorprüfung der Eignung und der Neigungen des Jungen die richtige Wahl des endgültigen Berufs erleichtert wird. In der Tat besitzen viele jüdische Schulentlassene im Alter von 14 Jahren noch nicht die nötige Reife und Erfahrung, um sich schon end- 2 gültig über ihren künftigen Beruf entscheiden zu können. Das neunte Schuljahr soll und kann ferner (ebenso wie die Vorlehre) weder eine Lehrwerkstätte noch eine Fachschule ersetzen. Der Jugendliche, der eine Fachschule besucht, muß ja im allgemeinen schon einen bestimmtin Beruf gewählt haben, wenn auch Wer vielfach eine Spezialisierung noch später möglich ist Das neunte Schuljahr soll für alle Jugendlichen ohne Unterschied des späteren Berufs gemeinsam sein. , Et gibt keine Berufsausbildung, sondern vielmehr eine Vorbereitung auf die praktische Berufsausbildung. Aus diesem Orunde wird im Werkunterricht des neunten Schuljahres auch eine vorzeitige Festlegung auf einen speziellen Werkstoff, z. B. Holz oder Metall, bewußt vermieden. Es werden zunächst Handgriffe und einfache Arbeiten gelehrt. Hierauf aufbauend werden dann Werkstücke hergestellt, die den früher gewonnenen Fähigkeiten entsprechen. Die Erlernung der Techniken, nicht ihre Anwendung steht im Mittelpunkt des Werkunterrichts. Dabei wird stets versucht, einen Zusammenhang zwischen den im theoretischen Unterricht erworbenen wirtschafts- und handebkundlichen Kenntnissen und der Werkarbeit herzustellen. Der Schüler wird vor allem mit den wichtigsten Werkstoffen bekannt gemacht Die Vielfalt der Formmöglichkeiten und der anzuwendenden Techniken wird ihm an Hand praktischer Beispiele gezeigt. Er lernt u. a. auf dem Oebiete der Metallbearbeitung Drahtarbeit, Blecharbeit, Meißeln, Sägen und Feilen können. Ebenso werden aber auch jeden Schüler die Qruncttechraken der Holzbearbeitung, Hobeln, Sägen usw., sowie die Anwendung der Meßwerkzeuge gelehrt. Es ist klar, daß ein so vorgebildeter Junge für die handwerkliche Lehre besser als ein anderer, der unmittelbar aus der Schule kommt, vorbereitet ist und daher in seiner späteren Lehrzeit wahrscheinlich schneller vorankommen wird. Dm neunte Schuljahr ist also auch unter dem Gesichtspunkt der praktischen Berufsausbildung keine verlorene Zeit, und wir sind der Meinung, daß man diese praktischberufliche Seite des neunten Schuljahres bei der kommenden Ausgestaltung der Einrichtung noch mehr wird berücksichtigen müssen. Aufgabe und Zielsetzung de« neunten Schuljahres Der Unterschied zwischen der Vorlehre und dem neunten Schuljahr ist nach alledem nicht allzu groß. Beide Einrichtungen dienen dem gleichen Zweck. Sie sind, auch wenn naturgemäß einige Verschiedenheiten vorhanden sind, für die Ausbildung des jüdischen Jugendlichen gleich wichtig und unentbehrlich. Ihre besondere Aufgabe besteht .darin, den jüdischen Jugendlichen, nachdem er die Schule absolviert hat, den heutigen Notwendigkeiten entsprechend auf die Ergreifung eines manuellen Berufs vorzubereiten und Bim ein für das praktische Leben geeignetes allgemeines Wissen zu vermittein. Mit Recht wird dabei auch der Erziehung zur richtigen Arbeitsgesinnung ein entsprechender Platz im Lehrplan des neunten Schuljahres eingeräumt. Eine andere ' für die spätere praktische Ausbildung ebenfalls wertvolle Aufgabe des neunten Schuljahres ist die Erziehung zu Sauberkeit. Exaktheit und Präzision der Arbeit, Eigenschaften, die bekanntlich eine der unentbehrlichen Voraussetzungen für die Ergreifung eines handwerklichen Berufs sind. Auch unter diesem Gesichtspunkt wird während des neunten Schuljahres noch eine Auslese der für die einzelnen Handwerkberufe Geeigneten vorgenommen werden können. Der Ueberblick über die Aufgaben und Ziele des neunten Schuljahres zeigt, daß dieses durchaus nicht eine Verlängerung der Ausbildungszeit für die Jugendlichen zu bedeuten braucht. Entspringen auch zunächst, wie oben gezeigt wurde, Einrichtungen wie die Vorlehre und das neunte Schuljahr eiher zeitgegebenen Zwangslage, so werden sie sich dennoch vermutlich sehr bald in der Ausbildung der jüdischen Jugend einen eigenen und bedeutungsvollen Platz schaffen, sodaß man sie vielleicht später nicht mehr aus ihr wird wegdenken wollen. Je sorgfältiger ausgelesene und gründlicher vorbereitete Lehrlinge dem Handwerk und den Lehrwerkstätten zugeführt werden, desto besser und vollkommener werden diese die Ausbildung gestalten können. Auf die Qualität der Leistung und das Maß der Ausbildung des künftigen jüdischen Handwerkers aber kommt alles an. Davon allein hängt es letzten Endes ab, ob es der Jugend der in Deutschland ansässigen Juden gelingen wird, durch ihre handwerklichen Leistungen in anderen Lindem Wurzel zu fassen und der jüdischen Handwerksarbeit einen geachteten Namen zu schaffen. Dr. Hugo Nathansohn.