Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 11 (11.1937)
- Date
- 1937-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DI« Erfahrungen fundam«ntl«r«n den Welterbau Die in der Arbeit in der Lehrwerkstätte der Berliner Jüdischen Gemeinde im ersten Halbjahr gemachten Erfahrungen ermutigen in jeder Weise dazu, auf dem Wege der Errichtung von handwerklichen Lehrwerkstätten werter fortzuschreiten. Schon jetzt kann mit Sicherheit in Aussicht gestellt werden, daß nach Ablauf des ersten Lehrjahres die elanmäßig vorgesehenen Leistungen der Lehrlinge unter allen mständen erreicht sein werden. Wenn heute noch bei der Ausführung der Arbeiten mit Recht' mehr . Wert auf die Exaktheit und Sauberkeit als auf die Beschleunigung des Arbeits-tempos gelegt wird, so wird man etwa im März 1938 in der Lehrwerkstätte auch ein normales Arbeitstempo erreicht haben. Wie schon oben betont wurde, bedeutet die Errichtung der Berliner Lehrwerkstätte für Kunst- und Bauschlosserei nur den ersten Sritt auf dem Wege zum Aufbau weiterer handwerklicher jüdischer Berufsausbüdungsstätten. Fußend auf den in dieser ersten gemeindlichen Lehrwerkstätte gemachten Erfahrungen hat die Berliner Jüdische Gemeinde bereits weitere Lehrwerkstätten für andere Handwerkszweige, insbesondere für Tischler und Maurer eingerichtet. Eine nicht unbeachtliche Aufgabe der Lehrwerkstätten besteht darin, in der sich dem Handwerk zuwendenden Jugend eine lebendige, persönliche Beziehung zur Arbeit und zu dem Werke, an dem sie tätig sind, zu wecken. Die jüdische Lehrwerkstätte muß, wenn sie diese Aufgabe erfüllen soll, den lugendlichen, die sie ausbildet, nicht nur die Erlernung der nötigen Handfertigkeiten vermitteln, sondern sie auch dahin bringen, daß sie den Sinn der einzelnen Arbeitsvorgänge im Rahmen des Oesamtbetriebes erfassen und infolgedessen an der erworbenen Arbeitsgeschicklichkeit wie an den Ergebnissen ihrer Arbeit Freude empfinden. Unter diesen Gesichtspunkten soll die Ausbildung in der jüdischen Lehrwerkstätte zu der echten Berufsschulung führen, die den Lehrling zwar nicht von heute auf morgen zum Meister machen kann, die aber in ihm das Bewußtsein erwecken soll, zu dem Handwerk, das er sich zum Beruf erwählt hat, auch innerlich berufen zu sein. Der künftige Handwerker, der diese Berufung in sich fühlt, wird sich auch die Leistungsfähigkeit in seiner Berufsarbeit erwerben, die die sicherste Grundlage eines späteren erfolgreichen Existenzaufbaus ist. Pri ratio fei ahmt Werdende Industriezentren in Sudamerika Unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Wanderung sind heute in erster Linie diejenigen Lander interessant, die bereits ein gewisses Maß industrieller und gewerblicher Entwicklung erreicht haben. Gewiß wird man, wenn das Problem der jüdischen Massensiedlung erst zur Lösung reif sein wird, auch auf rein landwirtschaftliche Länder und Oebiete das Augenmerk richten müssen. Aber solange sich die berufliche Umstellung der Juden auf die Landwirtschaft noch in den ersten Anfängen befindet, wird für die große Mehrzahl der in Mittel- und Osteuropa lebenden, wirtschaftlich entwurzelten Juden vor allem die Einzelauswanderung nach solchen überseeischen Ländern in Betracht kommen, die auf Grund fortgeschrittener und weiter fortschreitender Industrialisierung den in gewerblichen Berufen tätigen Einwanderern ausreichende Lebensmöglichkeiten bieten könnenin Südamerika sind als ausreichend industrialisierte Länder in erster Reihe die sogenannten ABC-Staaten, also Argentinien. Brasilien und Chile zu betrachten. Denn in diesen drei Ländern sind bereite recht bedeutende Industriezentren vorhanden. Allerdings muß man, wenn man die Aussichten der weiteren industriellen Entwicklung dieser Länder richtig beurteilen will, auch ihre Rohstoffgrunalagen ins Auge fassen. Man wird von diesem Blickpunkt aus zwischen R)nstoffindustrien und, verarbeitenden Industrien mit oder ohne eine Rohstoffbasis im eigenen Lande unterscheiden müssen. Argentinien insbesondere ist ein Land, das seine Industrie, ohne eine reiche Rohstoffbasis zu besitzen, vorzugsweise auf der Verarbeitung importierter Rohstoffe aufbaut. Denn dieses Land besitzt weder Kohlen reichtümer noch einen eigenen Erzbergbau. Kohle und Eisen müssen also im wesentlichen eingeführt werden. Aber auch um die Gewinnung der anderen industriellen Rohstoffe steht es nicht allzu ritig. Nur die Erdölförderung deckt bereits mehr als Prozent des Landesbedarfs. Umso bemerkenswerter ist es, daß gerade Argentinien in Bezug auf die Industrialisierung an der Spitze der südamerikanischen Länder marschiert Für die jüdischen Einwanderer ist die Tatsache wichtig, daß die verarbeitenden Industrien, besonders dieWolT-, Baumwoli-, Schuh- und Lederindustrie, in Argentinien bereits einen außerordentlich hohen Produktionsstand erreicht haben. Die argentinische Wollindustrie stützt sich dabei auf eine ihren Bedarf wenigstens zu zwei Dritteln deckende inländische Oewinnung von Wolle. Denn die Schafzucht Argentiniens ist bekanntlich sehr bedeutend. Ebenso wird der Bedarf an Leder durch die argentinische Viehzucht zum weitaus größten Teile gedeckt Andere aufstrebende und zukunftsreiche argentinische Industrien sind die Quebracho-, die Mühlen- und die Zucker-Industrie, die Seifenfabrikation sowie alle holzbearbeitenden Industrien. Die steigende Kaufkraft der Bevölkerung hat ferner zur Entwicklung eines blühenden Baugewerbes geführt, das den großen Baustoffindustrien Absatz und Beschäftigung gibt. Zurzeit hat im Zusammenhang mit der günstigen Exportkonjunktur die Bautätigkeit in Argentinien so stark zugenommen, daß z. B. der Bedarf an Zement bereits die Erzeugungsfähigkeit der einheimischen Industrie übersteigt, und daher Zement in beträchtlichen Mengen eingeführt werden muß. Neue argentinische Industrien sind ständig im Entstehen. So hat z. B. neuerdings die Ausfuhr von Trockenobst stark zugenommen und eine entsprechende argentinische Exportindustrie entstehen lassen. Für jüdischen Unternehmungsgeist bieten sich also gerade in Argentinien besonders große Betätigungsmöglichkeiten. Auf wesentlich anderen Grundlagen beruht die Industrialisierung Chiles. Die Hauptstützpunkte bilden hier die Salpetergewinnung und der Eisenerzbergbau. Während sich jene nicht weiter ausdehnen konnte oder sogar zurückging, hat dieser in letzter Zeit einen großen Aufschwung genommen. Die chilenische Eisenindustrie deckt heute oerefts den gesamten Eisenbedarf des Landes und gibt den in der Entwicklung begriffenen metallverarbeitenden Industrien eine aus-' reichende Rohstoffbasis. Das chilenische Industriezentrum ist die Im Süden des Landes gelegene Provinz Valdivia. Hier haben u. a. zahlreiche metall- und holzverarbeitende Betriebe, ferner viele Schuhfabriken, Nahrungsmittelfabriken und Werften ihren Sitz. Im Süden Chiles liegen auch die großen Viehzuchtgebiete, die die aufblühende Wollindustrie des Landes so ausreichend mit Rohwolle versorgen, daß Wolle nicht mehr eingeführt zu werden braucht. Ebenso kann die chilenische Papierindustrie mit einheimischem Holz reichlich beliefert werden. Die Baum- Wollindustrie Chiles hin- Segen muß noch zwei Drittel iren Bedarfs an Rohbaumwolle aus anderen amerikanischen Ländern, insbesondere aus Peru und den Vereinigten Staaten, beziehen. Brasilien ist mit Erfolg bemüht, durch den Ausbau seiner Industrien die Ausfälle zu ersetzen, die der Niedergang des Kaffee-Exports und das Absinken der Kaffeepreise seiner Wirtschaft verursachen. Brasilien verfügt' über ein großes