Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 10 (10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Fortschreitende Industrialisierung in Argentinien und Chile Für jüdische Auswanderer ist die Tatsache außerordentlich wichtig und beachtenswert, daß in zwei großen südamerikanischen Lindern, die für die jüdische Auswanderung in besonderem Maße in Betracht kommen, in Argentinien und in Chile, die Industrialisierung in letzter Zeit in erstaunlich schnellem Tempo vorangeschritten ist. Denn wenn auch die jüdische Jugend die Umstellung auf landwirtschaftliche und siedlerische Berufsbetätigung niemals aus dem Auge verlieren darf, soweit sie in Südamerika in größeren Masten eine neue Heimat finden und fest verwurzeln will, so wird doch die i 11 e r e Oeneration und auch ein Teil der mittleren und Jüngeren Jahrginge der jüdischen Auswanderer diesen weg nicht zu gehen in der Lage sein. Für sie wird vielmehr auf Orund ihrer beruflichen Ausbildung und ihrer teilweise ungenügenden Umschichtungsfähigkeit nur eine handwerkliche, industrielle oder "kaufminnitc he Tätigkeit in Frage kommen. Die Voraussetzung aber dafür, daß diese Tätigkertszweige in einem überseeischen Lande von einer breiteren Schient jüdischer Einwanderer mit wirtschaftlichen Erfolgen und ohne Erzeugung allzu Starker Widerstände ausgeübt werden können, ist eine ausreichend vorgeschrittene industrielle Entwicklung des Einwanderungslandes. Argentinien im wirtschaftlichen Aufstieg. Es ist bekannt, daß Argentinien heute das industriell hochentwickeltste und die schnellsten Fortschritte in dieser Richtung machende Land Südamerikas tot. Für jüdische Einwanderer ganz besonders interessant dürfte häufig die kräftige Aufwärtsentwicklung, der argentinischen Textilindustrien sein. Diese stützen sich teilweise auf eine bedeutende einheimische Rohstoff gewinnung. Denn sowohl Wolle wie Baumwolle werden in beträchtlichen Mengen in dem Lande selbst erzeugt. Argentinien nimmt unter den großen Baumwollproduktionsländern der Welt die siebente Stelle ein. Allerdings tot in diesem Jahre infolge Mißernte die argentinische Baumwollerzeugung beträchtlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Sie dürfte um ein Drittel geringer als im vorigen Jahre sein. Doch tot das nur ein Zufallsergebnis, das bald wettgemacht werden kann. Was die Oewinnung von Wolle anbetrifft, so stellen sich die großen Schaf Züchter Argentiniens neuerdings stärker auf die Wollerzeugung ein, da diese gegenwärtig einträglicher als die Fleischverwertung tot Der argentinische Außenhandel war im ersten Halbjahr 1937 in noch höherem Maße als Im Vorjahre aktiv, da sich die Ausfuhr wertmäßig nahezu verdoppelt hat Der Export von argentinischem Weizen, Mais und anderen landwirtschaftlichen Produkten hatten einen bisher noch niemals dagewesenen Hochstand erreicht Die großen Erträge der Ausfuhr werden teilweise zur Finanzierung neuer industrieller Produktionen verwendet, in erster Linie zum Ausbau der einheimischen Woll- und Baumwollindustrien, die an der Befriedigung des wachsenden Inlandsbedarfs an Textilwaren aller Art arbeiten. Für die Betätigung von Unternehmerinitiative und für die Investierung von Kapital in gewerblichen Unternehmungen bestehen also in Argentinien die denkbar besten Aussichten. Industrieller Aufbau in Chile. Chile folgt den beiden anderen ABC-Staaten im Aufbau einer eigenen Textilindustrie. Allerdings stützt sich die junge baumwollverarbeitende Industrie Chiles in weit geringerem Maße als die argentinische auf eine einheimische Baumwollerzeugung. Sie muß vielmehr ihren Bedarf an Baumwolle fast ganz aus anderen südamerikanischen Ländern (hauptsächlich aus Peru) importleren. Trotzdem hat sich die chilenische Produktion von Baumwollgeweben in den letzten sechs Jahren mehr als verdoppelt; ebenso tot die Zahl der in der Baumwollindustrie des Landes beschäftigten Arbeiter und Angestellten bedeutend gestiegen. Der Aufschwung der chilenischen Wollindustrie war noch beträchtlich Kößer als der der Baumwollverarbeitung. In ihr sind heute reits 4000 Arbeiter und mehr ab 300 Angestellte beschäftigt. Ebenso wie in Argentinien hat sich auch in Chile der Außenhandel stark vergrößert. Innerhalb der chilenischen Ausfuhr spielt der Kupfer- Export die wichtigste Rolle. Er bringt in Anbetracht der steigenden Kupferpreise dem Lande erhöhte Ertrage. Auch die Salpeter-Ausfuhr nimmt, wenn auch sehr viel langsamer, zu. Während sich die Kupferpreise stark erhöht haben, hat der Chilesalpeter an der allgemeinen Preissteigerung der Weltmärkte nicht teilgenommen. Trotzdem hat sich die Außenhandelsbilanz Chiles erheblich aktiviert, teilweise auch dadurch, daß der industrielle Aufbau infolge der Mehrerzeugung von Bedarfsgütern im Inlande den Einfuhrbedarf, z. B. an Textilwaren, verminderte. Die äußere Schuld Chiles konnte verkleinert werden, und man hofft, im nächsten Jahre den chilenischen Staatshaushalt völlig ins Gleichgewicht zu bringen. Die chilenische Ausfuhr tot auch im laufenden Jahre bedeutend höher als die Einfuhr. Industrialisierung und Einwanderung. Man wird Ländern wie Argentinien und Chile heute nicht mehr voll gerecht, wenn man sie nur ab agrarische Siedlungsländer betrachtet Ihre Industrialisierung vollzieht sich in so schnellem Tempo und mit so großen Erfolgen, daß diese Länder in absehbarer Ze t auch einer breiten Schicht gewerblich tätiger Menschen ausreichende Extotenzmöglichkerten werden bieten können. Was insbesondere ihre Aufnahmefähigkeit für handwerklich ausgebildete und berufstätige Menschen anbetrifft, so ist diese heute schon so groß, daß die Zahl der Einwanderer aus dieser Berufsschicht zweifelte«, ohne etwa die Qefahr einer Uebersetzung hervorzurufen, noch wesentlich gesteigert werden könnte. Der Rechenschaftsbericht der Jüdischen Winterhilfe In dem Augenblick, kl dem die Dritte Aktion rür die Jüdische Winterhilfe eingesetzt hat, erstattet die Leitung Rechenschaft über die Verwendung der ihr und den einzeln Trägern der Jüdischen Winterhilfe anvertrauten Mittel. Die viellach geäußerten Zweifel, ob es angesichts der zunehmenden Auswanderung und der geschwächten Leistungsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung möglich sein werde, in der Aktion des Winter 1936/37 ebenso hohe Beträge wie in der ersten Aktion aufzubringen, haben sich erfreulicherweise im großen und ganzen ab unbegründet erwiesen. Zwar ist aus den angegebenen Gründen zwangsläufig eine Minderung des Spendenergebnisses festzustellen. Diese beträgt jedoch durchschnittlich nur etwa 13 Prozent und bleibt damit hinter der tatsächlichen Verringerung der wirtschaftlichen Kraft der jüdischen Bevölkerung in Deutschland wahrscheinlich zurück. DI* Aufbringung der Mittel. Die Mittel für die Jüdische Winterhilfe fließen aus den Quellen der monatlichen und einmaligen Spenden, der Eintopfspende und der Pfund- Sammlung neben den sonstigen Spenden. Die monatlichen und einmaligen Spenden mit 82,2 Prozent des Gesamtaufkommens stellten auch diesmal wieder die bedeutsamste Gruppe der Spenden dar. Der Anteil der E i n t o p f - spende mit 14,7 Prozent Oesamtaufkommens hat «ich gegenüber dem Vorjahr erhöht. Die verringerte Leistungskraft wirkte sich bei der unmittelbar dem Einkommen angepaßten monatlichen Spende stärker ab bei der Eintopfspende aus. Ein Vergleich des Ergebnisses der Pfundspende mit dem des Vorjahres tot nicht möglich, weil die genaue Erfassung des Wertes der Naturabpenden auf Schwierigkeiten stößt. Die Verteilung des Spendensufkornmens. Die Gesamtzahl der ermittelten hilfsbedürftigen Personen betrug 82818. Sie war damit zwar etwas geringer ab im vorangegangenen Winter. Das tot aber nicht etwa auf eine Verminderung des Umfanget der Not zurückzuführen. Vielmehr hat sich der Anteil der Hilfsbedürftigen an der jüdischen Gesamtbevölkerung sogar noch erhöht. Die Zahl der unterstützten Parteien betrug 38226. Von je 100 jüdischen Menschen waren im Oesamtdurchschnitt des Reichs 21,4 hilfsbedürftig. Diese Anteitoziffer war freilich in den verschiedenen Bezirken des Reichs nicht gleichmäßig hoch. In Bayern z. B. kamen auf je 100 jüdische Einwohner nur 15,95, in Württemberg 14,97, in Baden 18,98 hilfsbedürftige Personen. Dagegen steigt der Prozen'.saU der Hilfsbedürftigen in Ostpreußen bis auf 26.9, in der Orenzmark Posen-Westpreußen bis auf 34,2, in Pommern bis auf 30,7 und im Saarland sogar bis auf 38,2. Bei einem Vergleich mit dem Vorjahr zeigt sich in fast allen Gebieten eine Stelgerung des Anteils der Hilfsbedürftigen an der jüdischen Oesamtbevölkerung. Eine Oliederung der Hilfsbedürftigen nach Geschlecht und Familienstand ergibt, daß 54 vom Hundert weiblichen und 46 vom Hundert männlichen Geschlechts waren. Von den männlichen Personen waren 46 Prozent, von den weiblichen 40 Prozent ledig. Der überaus hohe Anteil der Ledigen an der Oesamtzahl der Hilfsbedürftigen zeigt, daß es sich bei diesen zum großen Teil um Alleinstehende oder um ältere Ehepaare handelt. Die statistisene Untersuchung des Alter» läßt erkennen, daß die Jüdische Winterhilfe m gewissem Sinne auch ab eine Altershilfe gelten kann. Von den unterstützten Männern standen nämlich 32,15 Prozent im Alter von über 45—65 Jahren und 12 Prozent im Alter von über 65 Jahren, bei den unterstützten- Frauen 33,64 Prozent im Alter von 45—65 Jahren und 15,72 Prozent Im Alter von über 75 Jahren. Insgesamt sind rund 1,5 Millionen Mark für zusätzliche Bedürfnisse der hilfsbedürftigen alten Personen verwendet worden. Die Leistungen. Die Oesamtaufwendungen der jüdischen Winterhilfe für die Betreuung der Hilfsbedürftigen betrugen rund 3 630 353.—