Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 10 (10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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ordentlich große Zunahme, die die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten seit dieser Zeit erfahren hat. Mali veranschlagt sie heute auf 4tyi Millionen Köpfe. Voa k IM Einwohnern der Vereinigten Staaten •md 3£ Juden. Das ist ein Prozentanteil, der nur in einigen osteuropäischen Ländern übertroffen wird. In Deutschland beträgt bekanntlich der jüdische Prozentanteil zurzeit 0,58. In den Vereinigten Staaten leben heute mehr Juden als in Polen und Rumänien zusammen. Weit über ein Viertel aller Juden der Welt hat hier eine Heimat gefunden. Die Verschiedenheit der Herkunft, der Sprache und der religiösen Kultur der amerikanischen Juden hat das jüdische Oemeindeleben in den Vereinigten Staaten in hohem Oracle beeinflußt und in bestimmte Bahnen gelenkt. Die Struktur der jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten unterscheidet sich wesentlich von der in Deutschland. Vor allem finden wir drüben nicht die jüdische Einheitsgemeinde, dfc alle Juden, gleichviel welcher religiösen Richtung umfaßt). Um jede einzelne Synagoge kristallisiert sich vielmehr in den Vereinigten Staaten eine eigene jüdische Gemeinde von ganz bestimmter religiöser Prägung. Diese beschränkt 'sich dann aber durchaus nicht auf die Abhaltung des Gottesdienste«, sondern übernimmt in weitgehendem Maße auch erzieherische, vo 1 ks b i 1 d ne ris c h e, soziale und gesellschaftliche Aufgaben. So gruppiert sich um die zahlreichen jüdischen Einzelgemeinden herum ein fast unübersehbarer Kreis von Organisationen verschiedener Art, «He die wichtigsten Aufgaben des jüdischen Gemeinschaftslebens in die Hand genommen —"-----haben und erfüllen.--■ _ In New York allein, wo freilich mehr als 2 Millionen Juden wohnen, gibt es nach einer schon einige Jahre zurückliegenden Zusammenstellung 1200 jüdische Gemeinden, 180 Religionsschulen mit mehr als 40000 Schulkindern, 100 Vereinigungen mit hygienischen und kulturellen Aufgaben, mehr als 1000 Vereinigungen zu gegenseitiger Hilfe, 193 wirtschaftliche Hilfsorganisationen und 164 sonstige, auf philantropischen und erzieherischen Oebieten tätige Gesellschaften. Wenn auch die Zahl der jüdischen Gemeinden, Organisationen und Einzelvereine in New York naturgemäß am größten ist, so ist ihre Tätigkeit in den anderen Teilen der Vereinigten Staaten nicht minder umfangreich und wirkungsvoll. Denn obwohl ein sehr großer Teil der nach Amerika einwandernden luden zunächst in New York blieb, so hat doch ihre Verteilung über das ganze Land, deren Förderung ebenfalls eine nicht unwichtige Aufgabe der Organisationen ist, bereits erhebliche Fortschritte gemacht. In allen größeren amerikanischen Städten gibt es heute jüdische Gemeinden, an die religiöse, erzieherische, wirtschaftliche, soziale und sonstige Organisationen angegliedert sind. Auch die großen zentralen Hilfsinstitutionen: haben in allen Teilendes Landes Zweigstellen und Vertretungen. So sind z. B. dem Council of Jewish Women 204 Einzelvereine und 71 Jugendvereine angeschlossen, die auf religiösem, sozialem und erzieherischem Oebiet besonders eifrig tätig sind. Die jüdischen Gemeinden des Landes lassen sich bei all ihrer Vielgestaltigkeit in drei Hauptrichtungen eingliedern: in orthodoxe Oemeinden ostjüdischer Art, in Reform gemeinden und in sogenannte konservative Oemeinden, deren religiöse Richtung aber teilweise eher der einer liberalen Gemeinde in Deutschland entspricht Die Union of American Hebrew Conßregatlons umfaßt 273 jüdische Reformgemeinden, die nited Synagogue of America, die Zentrale der konservativen und gemäßigt liberalen Oemeinden, ist in 70 Landesverbände und hunderte von lokalen Vereinigungen! gegliedert. Die ebenfalls zahlreichen orthodoxen Gemeinden sind in der Union of Orthodox Jewish Congregations of American zusammengeschlossen. Besondere Erwähnung müssen hier natürlich die großen zentralen amerikanischen Hilfsorganisationen linden, die sich die Einwandererfürsorge zur besonderen Aufgabe gemacht haben. Die meisten von ihnen sind in der Zeit ins) Leben gerufen worden, in der die nach America strömenden Massen der ostjüdischen Einwanderer unterstützt und in die Wirtschaft eingeordnet werden mußten. Es gibt aber auch eine Reihe von sehr tätigen Hilfsorganisationen, die lieh besonders der Förderung jüdischer Einwanderer aus Deutschland widmen. Nachstehend seien (auf Grund von Angaben des Hilfsvereins) die wichtigsten Organisationen genannt, an die sich der jüdische Einwanderer in den Vereinigten Staaten wenden kann, wenn er Rat und Hilfe benötigt: Hlas (Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society), New York, Filialen in Baltimore, Boston, Chicago, Philadelphia, San Franzisco, Washington. National CoordinatingCommitteefor Aid, New York, National Council for Jewish Women, New York, Refugees Economic Corporation, New York, German Jewish Children's Aid, New York. Der Auswanderer, der schon von Deutschland aus mit einer dieser Organisationen in Verbindung treten will, bedient sich hierzu am oesten der Vermittlung des Hilfsvereins1, die gern gewährt wird. Ebenso wichtig aber wie diese großen zentralen jüdischen Hilfsverbände sind für den jüdischen Einwanderer, der sich in den Vereinigten Staaten niedergelassen hat, die, zahlreichen lokalen Fürsorgestellen, die sich die Beratung und Unterstützung des einzelnen Hilfsbedürftigen, den gesundheitlichen Schutz der Einwanderer, die Erziehung der Kinder und ihre Unterbringung in jüdischen Schulen zur Aufgabe gemacht haben. > Der jodische Einwanderer bedarf also in den Vereinigten Staaten unbedingt des Anschlusses an eine jüdische Gemeinschaft, die ihn stützt und Ihm hilft. Und diese eichte Bruderhilfe findet er nirgends in der Welt in so reicher Ausgestaltung, in so großer Hilfsbereitschaft und Leistungsfähigkeit wie in USA. Allerdings steht den ungeheuren Leistungen der jüdischen Organisationen eine, noch größere Not der vielen, vielen Einwanderer gegenüber. Aber mit " dem Umfang der zu lösenden Aufgaben ist auch die Wirksamkeit und Tatkraft der Verbinde und Vereinigungen immer mehr gewachsen. Der Weg von der individuellen Unterstützung zur tiefgreifenden und planmäßigen sozialen Förderung der Einwanderer ist längst gegangen worden. Von Jahr zu Jahr werden weitere Fortschritte auf diesem Wege gemacht In führenden jüdisch-amerikanischen Kreisen ist mehrfach mit Nachdruck darauf hingewiesen worden, daß nicht nur die Einwanderer den sozialen Hilfsorganisationen der amerikanischen Juden außerordentlich viel verdanken, sondern daß auch andererseits das jüdische Leben in den Vereinigten Staaten durch die Einwanderer, ihre Einordnung in die jüdischen Gemeinschaften sowie durch die Notwendigkeit, die soziale Arbeit mehr und mehr zu erweitern, eine wertvolle Bereicherung und Vertiefung erfahren hat. In der letzten Ausgabe des Amerika-Jahrbuchs, in der sehr eingehend über den Ausbau des religiösen und kulturellen Lebens der jüdischen Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten berichtet wird, wird u. a. mitgeteilt, daß in Anknüpfung an die Feier des 50jährigen Bestehens des Jewish Theological Seminary of American in New York wichtige Pläne für die Ausgestaltung des jüdischen Schulwesens aufgestellt und zum Beschluß erhoben worden sind. Auch auf diesem Gebiete hat das Bedürfnis der Einwanderer neue Kräfte geweckt, die nun das jüdische Leben in Amerika weiter beleben und in positiver Richtung fortbilden helfen. Es wird u. a. berichtet, daß in verschiedenen Teilen des Landes neue Religionsschulen, Schulen zur Pflege der hebräischen Sprache, Lehrerbildungsanstalten, Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen in letzter Zeit neu geschaffen worden sind. Die jüdisch-wissenschaftliche Literatur rindet unter den amerikanischen luden wachsende Verbreitung und wird von ihnen eifrig gefordert. Das reiche und hochentwickelte jüdische Leben, das der jüdische Einwanderer fast überall in den Vereinigten Staaten findet, und das in anderen Ländern meist erst geschaffen werden muß, darf bei den entscheidenden Entschließungen unserer Auswanderer nicht außer Acht gelassen werden. Denn der aus Deutschland in ein fremdes Land wandern.de Jude, der in der neuen Heimat stets vieles vermissen wird], an das er in der alten gewohnt war, wird den Ansehtufl an eine lebenskräftige jüdische Gemeinschaft und die Stütze, die er bei ihr In seelischer wie in materieller Hinsicht findet, nur sehr schwer entbehren können. Dr. H. N. Auswanderung und Grundstücksverkehr Von Dr. Heinz Cohn, Devisenberater für jüdische Auswanderer. Durch eine 10. Durchführungsverordnung zum Devisengesetz vom 10. 9. 1937 und einen im Anschluß hieran ergan- Senen Runderlaß Nr. 132/37 vom 23. September 1937 sind die estimmungen über den Erwerb ausländischer Grundstücke im Kauf- oder Tauschwege grundlegend geändert worden. Nach der bisherigen Regelung war es für einen Inländer" ohne Genehmigung zulässig, ausländische unbelastete Grundstücke zu erwerben. Ferner war esebenfallsohne Genehmigung zulässig, nach der Auswanderung den eigenen inländischen Grundbesitz im Ausland gegen Devisen, besonders an Einwanderungsinteressenten, zu veräußern oder) gegen ausländische Grundstücke zu tauschen. Die Möglichkeiten, auf diese Weise das inländische Vermögen in das Ausland zu überfuhren, waren offen zugelassen worden, weil für die jüdische Auswanderung seit 1934 Devisen nicht mehr zur Verfügung gestellt werden konnten, (mit Ausnahme der engbegrenzten Transfermöglichkeiten z. B. des Palästina- Transfers und des sogenannten 8000.— Mark-Transfers). Bei dieser Möglichkeit, Vermögenswerte von Auswanderern nach dem Ausland zu überführen, war aber in erster Linie an die