Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 8 (8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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arbeiter-Tätigkeit ihr Brot verdienen will und muß, sowie den Eltern dieser Jugend durchaus empfohlen werden. „Vor den Erfolg haben die Oötter den Schweiß gesetzt." An dieses altgriechische Wort wird sich freilich gerade die jüdische Jugend täglich erinnern müssen, die heute erkannt hat, daß Handarbert und technisches Wissen der intellektuellen Ausbildung gleichwertig ist, unter den gegenwärtigen Ver. An Schraubstock Die „ORT"-Lehranstalt aus der Seit kurzem ist das Haus Siemensstraße 15 in Moabit, in dessen 2. und 3. Stockwerk die Oesellschaft „ORT", Abteilung Deutschland, einen mustergültigen Lehrwerkstättenbetrieb für handwerklich-gewerbliche Ausbildung auswanderungswilliger luden unterhält, das Ziel zahlreicher interessierter Besucher geworden. Sie alle haben einen Einblick in den Lehrbetrieb genommen, der in ihnen die Ueberzeugung wachgerufen und gefestigt hat, daß hier eine Stätte geschaffen worden ist, in der eine. segensreiche Tätigkeit zum Besten der Schüler und Kursusteilnehmer sich zu entfalten beginnt. Wenn zu den vorerwähnten Eindrücken, die auch den Weg in die jüdische Presse gefunden haben, sich nunmehr erstmalig auch die Auffassung eines „ORl-Umschichtlers" gesellt, so soll damit nur der Versuch unternommen wenden, Lehrbetrieb und Lehrstätte einmal vom Standpunkt des Kursus-Teilnehmers zu betrachten. Wenn die zur Pünklichkeit erziehende Kontrolluhr gestochen ist. beginnt in den Werkstätten um 7 Uhr früh reges Leben. Ueberau regen sich fleißige Hände, um ihrem Tagewerk nachzusehen. Da stehen sie; in Erstausbildung befindliche Jugendliche zwischen 14 und 18 sowie Umschichtler bis zu 39 Jahren, in Schlosserkleidung oder Monteur-Anzug hinter Schraubstock und Amboß, an der Drehbank oder Bohrmaschine, unterwiesen von Handwerksmeistern, die jeden Arbeitsvorgang kontrollieren, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, eben nicht nur „Meister", sondern aufrichtige Helfer und Berater sein wollen. Allen Lernenden wird eine femeinsame Unterweisung im Handwerk des chlossers als Vorstufe zur Ausbildung in den speziellen Berufs-Sparten zuteil, eine Ausbildung, die erfahrungsgemäß als die fundamentale Basis aller metallverarbeitenden Berufe gilt. Seite an Seite mit den praktischen Lehrgingen geht ein theoretischer Unterricht, erteilt von mit der Materie bestens vertrauten Fartilehrern, einher, der den Fächern Stoff- (Material-) Kunde, Fachzeichnen, handwerkliches hältnissen aber den Vorteil der praktischen Brauchbarkeit und der größeren Existenzsicherung vor ihr voraus hat. Die mehr als 100 jüdischen Jungen, die in der neuen „ORT"- Fachschule zur Auswanderungsreife hinstreben, werden dann hoffentlich in einigen Jahren als Lohn ihrer Muhen eine gute berufliche Existenz in einer neuen Heimat sich aufbauen können. Nn. und Drehbank Perspektive des Um schichtlers und manuelle Fähigkeiten der Teilnehmer geschult. Nebenher werden sie mit dem zweckmäßigen Umgang bei der Bedienung der Werkzeugmaschinen vertraut gemacht und ein gründlicher Einblick in die Kunst des Schmiedens und Schweißens soll ihnen auch diese Gebiete handwerklichen Schaffens näher bringen. Man wird später von den Lernenden erwarten können, daß sie mit größerer Schnelligkeit und weitgehenderem Verständnis in die spezialisierten Fachlehrgebiete werden eindringen können, denen sie sich in der Folge widmen werden. Voraussetzung hierfür muß allerdings eine glückliche Verbindung von Wille und Eignung sein, die allein zum erhofften Lehrerfolge führen kann. Der Vorstand der Gesellschaft ORT hat sich bei der Errichtung dieser Lehranstalt erfreulicherweise von der Erkenntnis leiten lassen, daß ausgedehnte* freundliche Räume mit allen, den hygienischen Anforderungen der Neuzeit gerecht werdenden Einrichtungen sowohl Lust und Liebe zu beruflicher Arbeit wecken als auch unerläßlich für eine dauernde Qesundheit der Lernenden sind. Erhöhtes Interesse an der Arbeit und körperliche Frische sind der Dank und Lohn aller Teilnehmer. So sehen zur Zeit mehr als 100 in Erstausbildung befindliche jugendliche und 13 erwachsene Umschichtler ihrer handwerklich-beruflichen Ausbildung entgegen. Für entere bedeutet das, mit einem Rüstzeug versehen zu werden, das ihnen nach erfolgter Absolvierung der Lehrgänge den Aufbau ihrer ökonomischen Existenz auf handwerklicher Grundlage in Palästina oder Uebersee gestattet. Für den Umschichtler heißt es, überhaupt erst wieder zu der Hoffnung berechtigt zu sein — nach einer Zeit wirtschaftlicher Gefährdung und oftmals damit verbundener seelischer Depression — sich du ch die ihm hier vermittelten Kenntnisse eine neue Lebensgrundlage in einem Lande zu erwerben, das ihm eine zweite Heimat werden soll. Wenn nach etwa anderthalb Jahren die ersten Absolventen die „ORT"-Lehr- Photo. Abraham . ... _^_______^ . ■ ___-----_____ — Rechnen, Physik, Maschinen- und Werkzeugkunde ihren wohlverdienten Platz im Rahmen des Oesamt-Lehrprogramms einräumt. Die Errichtung der „ORT"-Fachschule ist bekanntlich jüngeren Datums. Aber schon zeugt eine stattliche Reihe Werkstücke, die von den Schülern und Kursusteilnehmern dieser Institution selbstgeschaffen wurden, von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges. Hämmer, Würfel, Riegel, Winkel, Taster und manch anderes weisen bereits das von den Leitern verlangte, akurate Aussehen auf. So werden Blick Der Moichinenioal anstalt verlassen werden, um, ausgerüstet mit handwerklichem Können, draußen ihr Leben neu aufzubauen und anderen, die ihnen folgen werden, den Weg zu ebenen, so werden sie den ganzen Wert der Worte voll ermessen können, die auch über diesem Schulwerk tagtäglich und bei jeder Arbeit zu schweben scheinen: ,,Non scholae sed vttae discimusl" — „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir". Hugo Orunwald aus Stettin Kursusteilnehmer