Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 7 (7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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mutigen ursprünglich in erster Linie gegen die Chinesen und andere bedürfnislose, billig arbeitende Einwanderer. Aber sie hemmen die Einwanderung überhaupt in hohem Maße, auch die jüdische, über die nun gesprochen werden soll. Juden sind schon verhältnismäßig frühzeitig nach Austrilien gekommen und haben an dem Aufbau des Landes regen Anteil genommen. Im Jahre 1817 gab es in New South Wales bereits 20 jüdische Einwohner. Ihre Zahl wuchs bald an, und im Jahre 1830 konnte in Sidney, der größten Stadt Australiens, in der sich auch die bedeutendste Wollbörse befindet, und die der Mittelpunkt des Wollexportgeschäfts ist, die erste jüdische Gemeinde ins Leben gerufen werden. Sie zählte damals bereits 300 Seelen. Zwei Jahre später wurde in Sidney die erste australische Synagoge erbaut. Die jüdische Gemeinde in M.elbourne ist nicht viel jünger. Im Jahre 1846 zählte sie 117 Mitglieder, doch erst 7 Jahre spater wurde hier der Grundstein zu einer Synagoge gelegt. Im Jahre 1856 war die jüdische Gemeinde Melbourne auf etwa 1500 Köpfe angewachsen. In A idelad e, der Hauptstadt Westaustraliens, konnte die jüdische Gemeinde im Jahre 1850 zum Bau einer Synagoge schreiten'. In Brisbane, der Hauptstadt Queenslands, kam es wegen der geringeren Zahl der dort lebenden Juden erst im Jahre 1867 zu dem Bau der gegenwärtigen Synagoge. Auch in Westaustralien wohnen seit langem Juden, wenn auch nicht in großer Zahl. In H o b a r t, der Hauptstadt Tasmaniens, befand sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach der in Sidney die größte australisch-jüdische Gemeinde. Doch wanderte ein erheblicher Teil der in Tasmanien ansässig gewordenen Juden später wieder ab. Nocn heute konzentrieren sich die Juden Australiens hauptsächlich in den Städten Sidney und Melbourne. Hier wohnen 40 bezw. 32 Prozent aller australischen Juden. Nur 7,5 Prozent sind in den mittleren und kleineren Landstädten untf 5 Prozent in den Landdistrikten ansässig. Wenn sich also schon die Oesamtbevölkerung Australiens vorwiegend aus Großstadtbewohnern zusammensetzt, so gilt das für die jüdische Bevölkerung in noch erhöhtem Maße. Em großer Teil der "jüdischen Einwanderer, namentlich der schon in früheren Zeiten gekommenen, stammt aus England. Auch die übrige Bevölkerung Australiens besteht ja zu 96 Prozent aus Menschen englischer, schottischer oder irischer Herkunft. Erst seit Beginn dieses Jahrhunderts ist auch eine Anzahl osteuropäischer Juden zugewandert. In den Jahren 1928 und 1929 kamen in größeren geschlossenen Gruppen polnische und lettländische Juden hinzu. Ueberau, wo sich Juden in Australien niederließen, gründeten sie, sobald ihre Zahl genügend angewachsen war, nicht nur Syaagogengemeinden, sondern auch zahlreiche Wohlfahrtsvereine, Frauenvereine, Klubs, Jugendorganisationen usw. Das geistige und kulturelle Leben der australischen Juden ist sehr rege. Es gibt z. B. eine verhältnismäßig große Zahl jüdischer Zeitungen: in Sidney „The Hebrew Standard" und „Australien Jewish Chronicle", in Melbourne „The Jewi&h Herald" und in Perth „The Westralien Judean". Die Gesamtzahl der Juden Australiens dürfte jetzt etwa 30000 betragen. Das ist bei einer Einwohnerzahl von 6,8 Millionen ein ziemlich niedriger Prozentanteil. Mischehen sind unter ihnen recht häufig. Ihre wirtschaftliche Lage kann als günstig bezeichnet werden, obwohl es nur ein kleiner Teil von ihnen zu großem Wohlstande oder gar zu Reichtum gebracht hat. Die meisten australischen Juden gehören In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht dem Mittelstände an. Im Handel, in den Banken und in den Fertigindustrien sind verhältnismäßig viele Juden als selbständige Unternehmer oder ab leitende Angestellte tätig. Man findet unter den australischen Juden auch zahlreiche Wissenschaftler, Akademiker, Künstler und Soldaten. Bekanntlich war der Führer des australischen Heeres im Weltkriege ein jüdischer Ingenieur und Milizoffizier, Sir John Monash. Die australischen Juden haben eine besonders große Zahl von Kriegsteilnehmern gesteift. Unter den jüdischen Einwanderern osteuropäischer Herkunft befinden sich viele Schneider, die in der Bekleidungsindustrie häufig lohndrückend wirkten und deswegen Widerstände und Gegnerschaft bei den Gewerkschaften Australiens gefunden Haben. In manchen anderen Handwerks- und Gewerbezweigen ist wiederum eine Betätigung von Juden nicht oder nur schwer möglich, weil sie gegenüber der Genügsamkeit und dem niedrigen Lebensniveau der chinesischen, malaiischen und südeuropäischen Einwanderer, die in diesem Berufszweig tätig sind, nicht konkurrenzfähig sind. Ein Teil der erst in jüngster Zeit nach Australien eingewanderten Juden ernährt sich in 'Mittle r b e r u f e n , so z. B. im Pfandleih- und Buchmachengewerbe sowie im Kleiderhandel, Wenn die wirtschaftliche und sonstige Lage der australischen Juden im ganzen als befriedigend angesehen werden kann, so muß dennoch die Frage der jüdischen Einwänderungsmöglichkeiten sehr zurückhaltend beurteilt werden. Lebens- und Existenzmöglichkeiten wären an sich wohl noch für eine größere Anzahl jüdischer Facharbeiter und auch Kaufleute vorhanden, zumal, da die wirtschaftliche Konjunktur Australiens offensichtlich nach oben gerichtet ist Aber die Einwanderungsgesetzgebung ist aus den oben dargelegten Oründen sehr scharf, und die Einwanderungsbedingungen sind schwer. Der Generalgouverneur Ist ermächtigt, die Einwanderung von irgendwelchen Australien nicht genehmen Personen durch einfache Entscheidung zu verbieten. Daher ist angesichts der weiten Reise und der hohen Reisekosten die Auswanderung nach Australien, wenn sie nicht unter bestimmten Voraussetzungen und ausreichenden Sicherungen erfolgt, mit einem besonders großen Risiko verbunden. Niemand sollte jedenfalls nach Australien auswandern, bevor er nicht das Elnwanderungspermit der australischen Regierung in der Tasche hat. Es empfiehlt sich außerdem, Bemühungen um Einwanderung nach Australien nur in engstem Einvernehmen mit dem Hilfsverein in die Wege zu leiten, der über die erforderlichen Erfahrungen verfügt Hiernach braucht nicht mehr betont zu werden, daß Australien für eine jüdische Masseneinwanderung überhaupt nicht, sondern nur für die Einwanderung einzelner, besonders geeigneter junger Menschen In Betracht kommt. Aus Deutschland sind in der Zeit von 1933 bis Anfang 1936 nur schätzungsweise lOOJuden nach Australien ausgewandert, und es ist kaum anzunehmen, daß ihre Zahl seitdem erheblich angewachsen ist Nicht erst jetzt, sondern schon seit langer Zeit ist von australischer Seite und auch von allen, die die Verhältnisse des Landes kennen, immer wieder betont Worden, daß nach Australien nur junge Menschen kommen können, vorausgesetzt, daß sie eine gute fachlich-berufliche Ausbitdung besitzen. In erster Linie wird es sich dabei um qualifizierte Facharbeiter und Ingenieure handeln, die in der australischen Industrie tätig sein können. Sprachlich und beruflich gut vorbereitete jüdische junge Menschen werden aber in Australien eine offene Tür und weit- «ehende Förderung durch die eingesessenen Juden finden. fit schon erwähnt wurde, hat sich die wirtschaftliche Lage in Australien neuerdings infolge der fortschreitenden Gesundung der Weltrohstoff-, insbesondere der Woll- und Weizenmärkte, erheblich gebessert. Die Leitung der australischen Einwanderungspolitik läßt bei aller sonstigen Strenge eine langsame Vermehrung .der qualifizierten Arbeitskräfte in dem Tempo zu, in dem der Arbeitsmarkt des Landes sie ohne Schädigung des Lohnniveaus aufzunehmen vermag, was freilich die Qualität der beruflichen Ausbildung und Leistungsfähigkeit der für die Einwanderung in erster Linie in Frage kommenden jugendlichen Facharbeiter anbetrifft, so darf nicht außer Acht gelassen werden, daß Australien als das Land der guten Berufs- und Fachschulen gilt. Den Mühen und »Kosten einer wirklich guten Berufsausbildung steht dann freilich in Australien auch die Aussicht auf gute Reallöhne und ein relativ hohes Niveau der Lebenshaltung gegenüber. Dr.H.N. Ueber die australischen Einwanderungsbestimmungen wird uns noch folgendes mitgeteilt: „Die Kategorien, deren Gesuche der Minister in Betracht zu ziehen bereit sein wird, sind folgende: > a) Abhängige Verwandte von Personen, die schon in Australien niedergelassen sind und befriedigende Unterhaltsgarantien beibringen können. (Der Ausdruck „Abhängige Verwandte" soll wie bisher dahin verstanden werden, daß er Gattinnen, minderjährige Kinder und erwachsene, unverheiratete Töchter und Schwestern, ferner Eltern und Bräute umfaßt). b) Ausländer außerhalb dieser Kategorie von abhängigen Verwandten, welche 1. namhaft gemacht werden von Personen oder Gesellschaften in Australien, die in einer den Minister befriedigenden Weise garantleren, daß die namhaft Gemachten keinesfalls der Oeffentlichkeit zur Last fallen werden und die 2. in einer Branche oder in einem Beruf Arbeit finden werden, wo sie unterkommen können, ohne dadurch Irgendwie australische Arbeiter zu schädigen und die sich außerdem 3. Im Besitz von 50 australischen Pfund Landungsgeld befinden. c) Ausländer ohne Garantien in Australien, die ein Gewerbe oder einen Beruf ergreifen, wo sie unterkommen können, ohne irgendwie australische Arbeiter zu schädigen, und im Besitz von 200 australischen Pfund Vorzeigegeld sind. Der Minister wird Ermessensfreiheit haben, auch eine Einwanderung mit weniger Kapital als den erwähnten Beträgen unter bestimmten Umständen zu genehmigen.