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Der jüdische Handwerker · 1937-06-01 · 6 (6.1937) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
29 (1937)
Issue
6 (6.1937)
Date
1937-06-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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HANDWERKERFRAGEN Da* Handwerk Im Aufschwung Nach dem Jahresbericht des Reichsstandes des Deutschen Handwerks gab es am 1. April 1937 in Deutschland insgesamt 1652 751 Handwerksbetriebe, m denen außer 1,60 Millionen Betriebsführern 2000000 Oesellen und Arbeiter, 588000 Lehrlinge, etwa 100000 kaufmännische Angestellte und schätzungsweise 250 000 mithelfende Familienmitglieder beschäftigt waren. Rund 4,5 Millionen arbeitende Menschen finden also in Handwerksbetrieben Beschäftigung und Brot. Die Jahres Umsätze des Handwerks werden für 1936 auf 15 Milliarden Mark veranschlagt, gegenüber nur 9 Milliarden Mark in den Krisenjahren. In dem Jahresbericht wird die aufsteigende Entwicklung des Handwerks noch durch eine Reihe anderer bemerkenswerter Zahlen belegt. Die Zahl der Handwerkslehrlinge hat sich von 419 000 im Jahre 1933 auf 588000 am 1. April 1937 erhöht. 60000 Handwerker haben im Jahre 1935—36 die Meisterprüfung bestanden gegenüber nur 28 000 im Jahre 1931—32- Es wird festgestellt, daß sich sehr viele Handwerker, die an sich zur Ablegung der Meisterprüfung nicht gesetzlich verpflichtet waren, dieser freiwillig unterzogen haben. Zur Ausbildung von Lehrlingen waren im vergangenen Jahre etwa 640000 Handwerksbetriebe berechtigt. Das sind 41,7 Prozent aller handwerklichen Betriebe. Fachliche Vorschriften für die Meisterprüfungen sind für 72 Handwerksberufe mit rund 1,1 Millionen Einzelbetrieben erlassen worden. Entsprechende Vorschriften für die Oesellenprüfung und für die Lehrlingsausbildung werden vorbereitet. Handwerk und Hausbesitz Aus dem letzten Jahresbericht der Handwerkskammer zu Berlin geht hervor, daß 18 Prozent der selbständigen Handwerker des Bezirks Haus- und Grundbesitzer sind. Von den 6620 Mitgliedern der Bäcker innung besitzen 2689 eigenen Grundbesitz. Auch im Baugewerbehandwerk und im F 1 e i s c h e r handwerk ist ein großer Teil der Innungsmitglieder Hausbesitzer. Ferner sind, teilweise im Zusammenhange mit der Eigenart ihrer handwerklichen Tätigkeit, viele Brunnenbauer, Müller und Stellmacher Grundstückseigentümer. ' Handwerksbetrieb* in Warenhäusern Das Reichswirtschaftsministerium hat in einem Schreiben an die Zweckvereinigung Warenhäuser und Einheitspreise mitgeteilt, daß es eine Unterscheidung zwischen Handwerksbetrieben erster und zweiter Klasse, je nachdem, ob sich der Handwerksbetrieb innerhalb oder außerhalb eines Warenhauses befindet, nicht gebe, da die Handwerksgesetzgebung eine solche Unterscheidung nicht kenne. Die Verpachtung der Handwerksbetriebe in Warenhäusern an selbständige Handwerker sei auch vom Standpunkt der Einzelhandelsgesetzgebung aus als eine erschöpfende Regelung zu betrachten. Es gehe deshalb nicht an, daß Handwerker, die Handwerksbetriebe in Warenhäusern gepachtet haben, un- Sünstiger als die übrigen Handwerksbetriebe gestellt werden. Ms gelte sowohl gegenüber den Innungen und Innungsverbänden als auch gegenüber den Lieferfirmen und ebenso auch gegenüber den Krankenkassenverbänden. Berufe mit nennenswerter Arbeitslosigkeit In den meisten Berufen hat die Zahl der Arbeitslosen so stark abgenommen, daß man von einer beträchtlichen Arbeitslosigkeit nicht mehr reden kann. Zu diesen Berufen mit nur noch geringer Arbeitslosigkeit gehören auch viele rein handwerkliche, so z. B. der Tischler, Maler. Schneider. Die Arbeitslosenziffer der kauimännisenen und Büroangestellten sowie der Kraftfahrer ist ebenfalls auf einen Stand von weniger als 6 Prozent gesunken. U e b e r - haupt keine Arbeitslosigkeit oder sogar Arbeitermangel wird u. a. bei den Drehern, Werkzeugmachern, Schlossern und Maurern, aber auch bei den landwirtschaftlichen Arbeitern, den technischen Angestellten und den Hausgehilfinnen festgestellt. Dagegen gibt es, wie das Institut für Konjunkturforschung in einem seiner letzten Wochenberichte zeigte, eine Reihe von Berufen, die an der allgemeinen Aufwärtsbewegung der Wirtschaft nur in einem unter dem Durchschnitt liegenden Maße beteiligt waren. Zu ihnen gehören z. B. die Berufe der Buchdrucker und Schriftsetzer, aber auch der Bergmannsberuf und einige andere. Hier ist noch immer eine Arbeitslosigkeit vorhanden, die zwischen'6 und 14 Prozent der insgesamt vorhandenen Arbeitskräfte liegt Ebenso hoch ist die Arbeitslosigkeit in denjenigen handwerklichen Berufen, die man als ,,s t e rb en d e" zu bezeichnen pflegt. Zu ihnen gehören z. B. die Korbmacher, Musikinstrumentenmacher, Steinmetzen, Bildhauer usw. Als stark übersetzt ist der Kellnerberuf anzusehen, in dem es daher ebenfalls eine noch ziemlich hohe Arbeitslosigkeit gibt. Als wirksames Heilmittel gegen diese besonders gelagerte Arbeitslosigkeit in bestimmten Berufen wird wohl nur die Umschichtung der Arbeitslosen in andere Berufe anzusehen sein. Zielsetzung der judischen Jugendarbeit Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände legt einen Arbeitsbericht für die Jahre 1933—1936 vor, der sich, wie Dr. Friedrich Brodnitz *) in seinen einleitenden Ausführungen betont, an jüdische Menschen innerhalb und außerhalb der jüdischen Jugendverbände wendet. Zu den Organisationsberichten selbst und auch zu den Erörterungen über die grundsätzlichen und weltanschaulichen Probleme jüdischer Jugendarbeit soll hier nicht Stellung genommen werden. Für eine jüdische 'Wirtschaftszeitschritt kommt es in erster Linie darauf an, ihre Leser über die Leistungen und Planungen auf dem Gebiete der Berufsfragen zu unterrichten. In seinem Referat über die Berufsfragen geht Georg iosephthal von der Tatsache aus, daß heute noch 85 000 Ddlsche Jugendliche im Alter von 10—30 Jahren in Deutschland leben. Er schätzt ferner die Zahl der jüdischen Arbeitslosen auf 40 000. Das Durchschnittsalter dieser jüdischen Arbeitslosen liegt freilich weit ü b e r 35 Jahre. Daraus wird geschlossen, daß die Ausgliederung aus der deutschen Wirtschaft im allgemeinen erst in einem Zeitpunkt erfolgte, In welchem die Umstellung der Arbeitslosen auf einen neuen Beruf durchschnittlich nicht mehr möglich war. Vielleicht erklären sich hieraus auch die teilweise unbefriedi- Senden Erfolge der beruflichen Umschichtung, auf die an ieser Stelle schon mehrfach hingewiesen wurde. Die Umstellungsfähigkeit der bisher in kaufmännischen und geistigen Berufen tätigen Menschen im Alter von m e h r als 35 Jahren auf Handarbeitsberufe ist wohl meist ungenügend. Die jüngeren kaufmännischen Angestellten dagegen, die in ausreichendem Orade umschichtungsfähig sind, befinden sich wiederum vorwiegend in verhältnismäßig niedrig bezahlten •) „Gemeinschaftsarbeit der jüdischen Jugend". Für den Reichsausschuß der Jüdischen Jugend, herausgegeben von Dr. Friedrich Brodnitz, Redaktion Dr. Bruno Sommerfeld. Verlag: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Berlin 1937. kaufmännischen Stellungen, und Josephthal hebt ausdrücklich hervor, daß die Angestellten männlichen und weiblichen Geschlechts bis zur Oehattsgrenze von 150.— Mark monatlich einer geringeren Ausgliederung ausgesetzt .waren als die älteren, tariflich höher bezahlten .kaufmännischen Arbeitskräfte. Für die weibliche jüdische Jugend gibt es infolge des Hausangestelltengesetzes und' der allgemeinen Besserung des Arbeitsmarktes sogar überhaupt keine Arbeitslosigkeit mehr. Diese Darlegungen bestätigen die von uns schon mehrfach vertretene Anschauung, daß die weitaus wichtigste Aufgabe der jüdischen Berufslenkung und Berufsvorbereitung in der Erstausbildung des heranwachsenden Nachwuchses liegt. Josephthal veranschlagt die Zahl der jährlich zur Erstausbildung kommenden jüdischen Jugendlichen auf 5000—6000. Er erwähnt freilich, daß sich unfefähr 70 Prozent der schulentlassenen Mädchen der Arbeit er jüdischen Instanzen und damit auch der systematischen Berufslenkung völlig entziehen, und glaubt, daß in dieser Hinsicht auch in den nächsten Jahren keine wesentliche Aenderung eintreten werde. Von den jüdischen Jungen jedoch, die alljährlich die Schule verlassen, werden bereits 80 Prozent durch die jüdische Berufsberatung und die Jugendbunde In ihrer Berufseatscheidung beeinflußt. Nach Josephthals Schätzungen können etwa ein Drittel der schulentlassenen jüdischen Jugendlichen, nämlich 1500 bis 1 8 00, entweder durch die Jugendalijah nach Palästina gebracht oder durch die Mittleren-Hachscharah der chaluzischen Verbände für die Auswanderung nach Palästina beruflich vorbereitet werden. Diese Schätzung ist heute, wie die Dinge in Palästina leider liegen, als zu optimistisch anzusehen. In jedem Falle muß gefordert werden, daß ausreichende Ausblldungimöglkhkeiten auch für denjenigen Teil der jüdischen Jugend geschaffen werden, der sich auf die Auswanderung nach nlchtpalbt kiersischen Lindern vorbereitet, und der zweifellos sehr bedeutend ist. Der These Josephthals, daß der erzieherische Wert der Kollektiv- Ausbildungsstätten bedeutend größer als der der Einzel-

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