Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Handwerker · 1937-06-01 · 6 (6.1937) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
29 (1937)
Issue
6 (6.1937)
Date
1937-06-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492337-5771060-5771263--471-4883267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jeder landwirtschaftliche Siedler auf den Lehrgütern so weit handwerklich ausgebildet wird, daß er die erforderlichen Reparaturen an den Maschinen. Motoren, Geräten, Wagen, Gebäuden usw. nach Möglichkeit selbst vorzunehmen in der Lage ist. Hier kann es sich ganz gewiß nicht etwa um eine vollwertige handwerkliche Ausbildung handeln. Sie hat vielmehr in erster Linie da* Ziel, die künftigen Landwirte und Siedler soweit zu bringen, daß sie mit Hammer, Zange und Säge umzugehen vermögen. In dem Lehrgut Neuendorf gibt es zu diesem Zweck eine Schlosserei, eine Schmiede und eine Stellmacher«. In diesen Hilfswerkstätten muß jeder Junge eine Zeitlang praktisch arbeiten. Ein Schlossermeister unterweist die künftigen Siedler in Maschinenkunde, Schlosserei usw. Daneben werden auch andere handwerkliche Fertigkeiten eifrig gepflegt, immer natürlich mit dem Hinblick auf die spätere Praxis des Landwirts. Der landwirtschaftliche Siedler, der oft viele Tagereisen weit von der nächsten Stadt entfernt ist, muß kleine Reparaturarbeiten auf den verschiedensten handwerklichen Gebieten, so namentlich S c h 1 oss e r -, T is c h 1 e r - Maurer- und Malerarbeiten, selbst ausführen können. Er muß auch imstande sein, z. B. ein Pferd zu beschlagen, muß seine Mistbeetkästen selbst bauen. Fenster und Kästen anstreichen können und muß schließlich auch soweit Glaser sein, daß er zerbrochene Scheiben selbst einzusetzen vermag. Auf dem Out Winkel ist man auf diesem Wege noch einen Schritt weiter gegangen und hat eine Konservenfabrikation eingerichtet, um die künftigen Siedler auch in der Konservierung der gartenbaulichen Produkte zu unterweisen. In Groß-Breesen dienen eine Tischlerei und eine Schlosserei den Zwecken der handwerklichen Ausbildung der Schüler. Jene steht unter Leitung eines Tischlermeisters und beschäftigt einen Tischlergesellen. 6—8 Jungen werden hier jeweils sechs Wochen lang turnusmäßig in Tischlerarbeiten ausgebildet An Maschinen sind eine elektrisch betriebene Bandsäge, eine Kreissäge, eine Fräsmaschine, eine Kettenfräsmaschine sowie eine Bohrmaschine mit zwei Hobelmaschinen vorhanden. In der Schlosserei arbeiten drei Jungen turnusweise. Schlosserei und Tischlerei des Lehrgutes führen alle Reparaturen in Haus, Hof und Wirtschaftsbetrieb selbst aus. Da jede Siedlung eine Anzahl Handwerker braucht, erhalten diejenigen Jungen, die sich für einen bestimmten handwerklichen Beruf im Rahmen ihrer künftigen siedlerischen Betätigung entschieden haben, noch eine Spezialausbildung. Im übrigen zeigen diese Angaben deutlich genug', welchen Sinn und welches Ziel die handwerkliche Ausbildung der Landwirte und Siedler auf den Lehrgütern hat, auch welche Orenzen ihr gesetzt sind: Der künftige Siedler soll imstande sein, notwendige handwerkliche Reparaturen und Arbeiten im eigenen Hause und Betriebe selbst vorzunehmen. Daneben schätzt man mit Recht den erzieherischen Der Zug nach •»-i- Zwei Wanderungsströme kann man bei den bisher in Deutschland ansässigen Juden beobachten. Beide haben maßgebenden Einfluß auf die jüdische Bevölkerungsbewegung genommen. Der eine Strom fließt in der Richtung nach dem Ausland, der andere hingegen innerhalb Deutschlands in der Richtung von den Klein- und Mittelstädten nach den Großstädten. Seitdem Im vorigen Sommer der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden die Meldestelle für Binnen- und Auswanderung errichtet hat, sind wir sowohl hinsichtlich des Umfangs der jüdischen Auswanderung als auch in Bezug auf das Ausmaß der jüdiscnen Abwanderung aus den Klein- und Mittelstädten nach der Großstadt nicht mehr auf Schätzungen allein angewiesen. Allerdings ist das Meldewesen noch nicht lückenlos, und auch soweit es durchgeführt ist, erstreckt es sich erst auf den Zeitraum eines halben Jahres, nämlich auf die Zeit vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 1936, Trotzdem sind die zahlenmäßigen Unterlagen sowohl der Auswanderung als auch der Binnenwanderung, die Max Birnbaum im Januar- und im Maiheft des laufanden Jahrgangs des „Qemeindeblattes für die Jüdischen Gemeinden Preußens" veröffentlicht hat, außerordentlich instruktiv und interessant. Geben sie uns doch zum ersten Male ein festes Fundament für die Beurteilung sowohl des Umfangs der jüdischen Auswanderung als auch der für die jüdische Bevölkerungsbewegung nicht minder bedeutungsvollen und kennzeichnenden Binnenwanderung. Was zunächst die Auswanderung anbetrifft, so sind hier vor allem die auf Meldungen beruhenden Angaben über die Ziele der jüdischen Auswanderung einer Betrachtung und Würdigung wert. Die Statistik des Preußischen Landesverbandes weist auf Grund der Meldungen im Quartal Juli/September 1936: 3268, im Quartal Oktober/Dezember 1936: 5261 Auswanderungsfälle aus. Die Zunahme ist teilweise auf die erst allmählich sich durchsetzende Ausgestaltung und Vervollständigung des gemeindlichen Meldewesens zurückzuführen. Da aber die süddeutschen Gemeindeverbände das 2 Wert der handwerklichen Arbeit überhaupt sehr hoch ein. Jungen und Mädchen, die später landwirtschaftliche Siedler werden sollen, müssen lernen, ihre Sachen und Gerätschaften in Ordnung zu halten und pfleglich zu behandeln. Sie sollen ferner auch imstande sein, Reparaturen und Arbeiten, die von fremden Handwerkern ausgeführt werden müssen, zu beurteilen und zu beaufsichtigen. Die handwerkliche Ausbildung des landwirtschaftlichen Siedlers ist naturgemäß mehr vielseitig als tiefgehend. Sie lehrt ihn jedoch, die Bedeutung und den Wert handwerklicher Tätigkeit zu schätzen und vermittelt ihm Geschicklichkeit und Uebung in manueller Arbeit, eine Eigenschaft, die er in «einem künftigen Berufe nötig braucht. Nicht oft genug kann betont werden, daß ganz ebenso wie zu jedem handwerklichen Beruf auch zum Landwirt und Siedler neben einer ausreichenden natürlichen Befähigung Neigung zu dem Beruf und Liebe zur Arbeit erforderlich sind. Beim landwirtschaftlichen Siedler kommt noch hinzu, daß hier eine weitgehende Innere Umstellung des städtischen Menschen notwendig ist. Nur wer einen genügend starken Willen hierzu besitzt, soll diesen Beruf ergreifen. Er wird dann auch mit Liebe und Ausdauer an ihm festhalten. Schließlich ist zu beachten, ' daß der Beruf des Siedlers und Landwirts eine fewisse Anspruchslosigkeit und Anpassungsähigkeit an bescheidene Verhältnisse voraussetzt Eine nicht unwichtige Aufgabe der jüdischen Lehr- und Auswanderergüter ist deshalb die Auslese und Siebung der Berufsanwärter, die sich in oft'nur strohfeuerartiger Begeisterung oder gar nur in Ermangelung von Betätigungsmöglichkeiten in anderen Berufen der Landwirtschaft zuwenden wollen. Nur der Jugendliche, der bereit ist, sich innerlich und äußerlich den völlig anderen Bedingungen des Siedlerlebens anzupassen, wird die besonders großen Schwierigkeiten, die eine Umschichtung aus städtischen in ländliche Berufe bereitet, zu überwinden vermögen. Er wird dann aber auch in wirtschaftlich schweren Zeiten und unter ungünstigen Verhältnissen dem ländlichen Leben treu bleiben. Vielleicht tragen gerade die hier aufgezeigten Berührungspunkte zwischen dem handwerklichen und dem landwirtschaftlichen Beruf dazu bei, diese innere Umschichtung zu erleichtern. Denn auch das Handwerk beruht ja auf 'der Grundlage manueller Arbeit. Es erfordert ebenfalls eine hohe Berufsethik und Liebe zum Werk. Aber es besitzt zum Unterschiede von der Landwirtschaft unter den in Deutschland lebenden Juden bereits eine bedeutende Berufstradition. Dafür bietet die Landwirtschaft als Zukunftsziel die Verwur/lung im Boden, die die Juden einmal von dem Schicksal dies ewigen Wanderns erlösen soll. Dr. H. N." der Großstadt Meldeverfahren erst verspätet eingeführt haben und insbesondere die Wegzug meidungen sowohl für Süddeutschland als auch für Düsseldorf, Hannover usw. erst vom 1. Januar 1937 ab vorliegen werden, so erhält man hinsichtlich des Umfangs der Oesamtauswanderung noch kein vollständiges Ergebnis, das ausschließlich auf Meldungen begründet ist. Wenn man jedoch die vorhandenen auf Meldungen beruhenden Ziffern durch Schätzungen für die noch nicht erfaßten Teile des Reiches ergänzt, so gelangt man zu einer Oesamtzahl von rund 7000 jüdischen Auswanderungen in dem Vierteljahr Oktober/Dezember 1936. Das würde einer Jahres-Auswanderungsziffer von rd. 28000 entsprechen. Da die ermittelten Oesamtergebnisse der Auswanderungsstatistik, wie schon erwähnt, nur eine begrenzte Bedeutung haben, sollen hier die nur auf einen Teil der Ausgewanderten sich erstreckenden Festlegungen über den Familienstand, die Staatsangehörigkeit und die Berufsgliederung der Auswanderer noch nicht mitgeteilt werden. Wir werden das nachholen, sobald vollständige Ermitthinen für das ganze Reich vorliegen werden. Nur auf Grund er Uebcrsicht der Auswanderungs zi e le der 4325 jüdischen Auswanderer, die im 4. Vierteljahr 1936 auf Grund von Meldungen festgestellt worden sind, soll hier berichtet werden, daß sich von diesen jüdischen Auswanderern wandten: 532 nach Palästina 608 nach westeuropäischen Ländern 367 nach mittel- und nordeuropäischen Ländern 130 nach ost- und sldosteuropaischen Ländern 809 nach Südafrika 905 nach den Vereinigten Staaten von Amerika 229 nach Argentinien 400 nach Brasilien 270 nach anderen südamerikanischen Ländern 75 nach sonstigen Ländern. Bei der Beurteilung dieser Zahlen muß man berücksichtigen, daß sie sich nur auf ein Vierteljahr erstrecken, also in beträchtlichem Umfange von Zufälligkeiten und besonderen Um-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.