Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 6 (6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492337-5771060-5771263--470-4883266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Orpiidl^ ftöan 8^^[cnfmliitil)on8c§ jofiia^anfinrnttrrirulfajInnSü u*ndd|5Dtiban8£5 StsTüäifdiarTnatdpanSnf ftamigMQtbm wrm&rrtattorrbariS rüfiifd)rr fJanCroatcr fkutfölanfo e V 5BjT?din iVrfrmMctrurtflTO^ 1 |ßc|mi B ilDribmö. gjoj. fttfragen nur an bic ®«f(bnftef»«a«: QNrlin 9B $0, Olaa>»bftraf< 8, 35 4 25a»aria 1050 29. Jahrg. Nr. 6 VERLAG« ZENTRALVERBAND JUD. HANDWERKER Juni 1937 ifantonetMidie Ausbildung Des £anDurirts und Steolßts 'Eine Normalisierung des jüdischen Berufsaufbaus setzt das Vorhandensein einer breiten Schicht von jüdischen Landwirten und Siedlern voraus. Sie bilden das Fundament einer richtig aufgebauten Berufspyramide. Man darf freilich die Schwierigkeiten, die einer landwirtschaftlichen Betätigung des jüdischen Nachwuchses infolge des Fehlens einer Berufstradition und wegen mancher anderer Hemmungen entgegenstehen, nicht unterschätzen. Bei allen Versuchen, jüdische landwirtschaftliche Siedlungen zu schaffen, hat sich immer wieder gezeigt, daß nur ein Teil der jüdischen Siedler dauernd in der Landwirtschaft verblieb, während ein anderer zu einer Betätigung in städtischen Berufen überging, wenn sich ihnen hierzu die Möglichkeit bot. Das haben die Erfahrungen sowohl in Palästina als auch auf den Ica- Siedlungen in Argentinien häufig bewiesen. Trotzdem ist die Wiederverwurzelung der Juden in dem Boden und die Eroberung des Bodens durch die Arbeit ein so außerordentlich bedeutungsvolles jüdisches Zukunftsziel, daß man sich durch die Anlaufsschwierigkeiten und die teilweisen Mißerfolge der landwirtschaftlichen Siedlung nicht abschrecken lassen darf. Nicht darauf kommt es in erster Linie an, daß ein Teil der jüdischen Siedler an seiner Tätigkeit auf dem Lande nicht festhält und den Boden wieder verläßt. Wert wichtiger ist die Tatsache, daß ein anderer, geeigneterer und der Zahl nach ständig wachsender Teil der Siedler die Hindernisse überwindet, auf dem Boden verwurzelt und so den Stamm eines künftigen jüdischen Berufsstandes von Landwirten und Siedlern bildet, die Berufstradition und innere Beziehung zu ihrem Beruf besitzen. Es gibt in Deutschland eine Reihe von A u s b i l - dungsstatten, die sich die Aufgabe gesetzt haben, einen solchen Stamm landwirtschaftlicher Pioniere aus den Reihen der jüdischen lugend heranzuziehen und ihnen die erforderlichen beruflichen Fertigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln. Wir nennen die schon seit langen Jahren bestehende Israelitische O a rt e n b aus c h ul e in Ahlem, den Lehrbetrieb für Landwirtschaft, Qartenbau und Hauswirtschaft in Neuendorf bei Türstenwalde, das Out Winkel sowie die neueste Schöpfung auf diesem Qebiet: das Auswandererlehrgut Groß- Breeseh in Schlesien. Die Ausbildung jüdischer junger Menschen in diesen Lehrbetrieben zu Landwirten und Siedlern ist sachgemäß und umfaßt alle Oebiete des Wissens und Könnens, die erforderlich sind. Sie hat, was unsere Leser besonders interessieren wird, mancherlei innere Beziehungen zu der fachlichen Ausbildung von jüdischen Handwerkern, über die in dieser Zeitschrift mehrfach eingehend berichtet worden ist. Welcher Art diese Beziehungen und Schnittpunkte zwischen der Ausbildung von Landwirten oder Siedlern und der Ausbildung in handwerklichen Berufen sind, auf welchen Grundlagen sie beruhen, und wie sie sich praktisch auswirken, soll in den nachfolgenden Ausführungen an Hand praktischer Beispiele gezeigt werden. Zwei wichtige Berührungspunkte zwischen Landwirtschaft und Handwerk lassen sich feststellen. Der Beruf des Oärtners ist einerseits ein landwirtschaftlicher, andererseits aber auch mit dem Handwerk eng verwandt, insbesondere soweit er gewerblich in Gestalt der Kunst- und Hindelsgärtnerei betrieben wird. Die Gartenbauschule in Ahlem hat dieser handwerklichen Seite des landwirtschaftlichen Berufs seit jeher besondere Beachtung zugewandt. Leider wurden die praktischen Ergebnisse durch die Schwierigkeiten der beruflichen Betätigung, die sich fast nur auf die Friedhofsgärtnerei stützen konnte, erheblich beeinträchtigt Für die Zwecke des jüdischen Auswanderers dürfte der gewerbliche Betrieb der Gärtnerei in engerem Sinne nur in verhältnismäßig wenigen Fällen praktische Aussichten bieten. Aber der Gartenbau und die gärtnerische Tätigkeit sind ein so wichtiger Bestandteil der gesamten Tätigkeit des Landwirts und besonders des Siedlers, daß eine Ausbildung in diesem Berufe ohne die Erlernung des Gartenbaus nicht denkbar ist. Zum Gartenbau in diesem weiteren Sinne gehören Blumenzucht, Baumschulwesen, Gemüse- und Obstbau, Samenbau, Gewächshaus- und Mistbeetkästen-Kultur. Auf dem Lehrgut Neuendorf wird etwa die Hälfte der 100 bis 120 Jungen und Mädchen, die hier eine zweijährige Lehrzeit durchmachen, in Gartenbau (Obst- und Gemüsezucht), die andere Hälfte in den übrigen Zweigen der Landwirtschaft und in der Viehzucht ausgebildet. Der theoretische Unterricht in gärtnerischer Betriebslehre wird im Winterhalbjahr erteilt und durch einen Gartenbauinspektor geleitet, während die praktische Unterweisung im .Gartenbau in den Händen eines Obergärtners liegt. Auf dem Auswanderer-Lehrgut Oroß-Breesen ist ebenfalb eine besondere Gärtnerei eingerichtet worden, die von einem Oberinspektor geleitet wird und in der ein Gärtnergehilfe voll-beruflich tätig ist. Sie umfaßt zehn Morgen Land, die in intensiver Bewirtschaftung stehen. Eine Mistbeet-Anlage ist auch hier vorhanden. 15—20 Jungen und Mädchen werden turnusweise in der Oärtnerci praktisch ausgebildet. Angebaut werden Gemüse, Obst usw. für den Hausedarf des Lehrgutes, an.welchem insgesamt 80 Jungen und 30 Mädchen im Alter von 15—20 Jahren die Landwirtschaft und OSrtnerei erlernen. Selbstverständlich kann nicht erwartet werden, daß eine zweijährige Ausbildung fertige Gärtner oder Landwirte schafft. Ebenso wie im Handwerk muß sich auch in der Landwirtschaft an die Lehrzeit eine mehrjährige praktische Tätigkeit in Betrieben anschließen, bevor die Berufsausbildung als vollendet angesehen werden kann. Der zweite vielleicht noch wichtigere Berührungspunkt zwischen Landwirtschaft und Handwerk besteht darin, daß 1 \