Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 5 (5.1937)
- Date
- 1937-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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kommen vertraut sind. Wenn es jedoch dem eingewanderten Handwerker oder Facharbeiter nicht etwa gelingt, in eine gehobene Stellung bei der Industrie einzurücken, so wird er es in der Regel vorziehen, sich sobald wie möglich ein selbständiges Handwerksunternehmen zu errichten. Dm ist für denjenigen, der sein Fach gut versteht, ausreichende Kenntnisse der Landessprache sowie der wirtschaftlichen und sonstigen Verhältnisse des Landes besitzt, außerdem auch über etwas Betriebskapital verfugt, verhältnismäßig leicht. Es gibt eine ganze Reihe von Handwerkszweigen, in denen unter den genannten Voraussetzungen die Begründung eines wirtschaftlichen Unternehmens aussichtsvoll erscheint. Weniger leicht ist das jedoch wiederum in denjenigen Handwerkszweigen, in denen zahlreiche Angehörige süd- und osteuropäischer Völker mit geringeren Lebensansprüchen tätig sind. Wichtig ist außerdem, daß man sich vor der Errichtung eines eigenen Unternehmens mit den Ansprüchen und Bedürfnissen der Abnehmer vollkommen vertraut gemacht hat. Der Argentinier legt bei dem Einkauf von Gebrauchsgegenständen großen Wert auf gefällige Ausstattung. Dagegen steift er an die Qualität und Haltbarkeit der Waren heute vielfach noch nicht höchste Ansprüche. Nicht unerwähnt bleibe, daß es im argentinischen Handwerk auch zahlreiche Kooperativgenossenschaften gibt, die den Absatz und die Kreditbeschaffung für ihre Mitglieder erleichtem. Ueber die weitgehende Inanspruchnahme von Bankkredit durch fast alle wirtschaftlichen Unternehmungen Argentinien« wird noch zu sprechen sein. Neben dem Handwerk ist der Handel die bevorzugte Erwerbsquelle europäischer Einwanderer, soweit sie nicht in der Landwirtschart arbeiten können und wollen. Die nach Argentinien eingewanderten osteuropäischen Juden haben sich anfangs meist durch den Hausierhandel ernährt Dieser nimmt angesichts der großen Entfernungen der landwirtschaftlichen Siedlungen von den Städten Argentiniens eine, wichtige wirtschaftliche Stellung ein. Die Hausierer haben sich teilweise zu Einkaufsgenossenschaften zusammengeschlossen, die bisweilen sogar selbst Waren aus Nordamerika oder Europa importierten. Aber der Hausierhandel ist doch in der Regel auch für die ostjüdischen Einwanderer nur Durchgangsstadium. Sobald sie dazu in der Lage sind, errichten sie Ladengeschäfte. Dazu gehört natürlich wieder bereits Vertrautheit mit der Kultur und den Bedürfnissen der Bevölkerung. Es kommt hinzu, daß auch das Laden- und Krämergewerbe vielfach schon in den Händen von eingewanderten Spaniern und Italienern liegt, die wegen ihrer geringeren Lebenshaltungskosten mit sehr bescheidenen Umsätzen und Verdiensten vorlieb nehmen. Der Großhandel ist in der Hauptstadt Buenos .Aires stark konzentriert. Von hier beziehen die Emzelhandetegeschäfte des ganzen Landes in der Regel ihre Ware. Die Großhändler und Großhandelsgesellschaften setzen ihre Waren durch. Reisende an den Einzel- und Kleinhandel im ganzen Lande ab. Eine sehr wichtige Rolle spielen ferner der I m - p ort - (Und der Export bandet der Hauptstadt In diesen beiden Großhandelszweigen arbeitet, ebenso wie im übrigen Großhandel, in bedeutendem Umfange ausländisches Kapital. Die Mehrheit der Inhaber von Großhandels-, Import- und Export-Unternehmungen besteht ebenfalls aus eingewanderten Ausländern. Denn der Argentinier selbst betätigt sich gern als Landwirt, Großgrundbesitzer oder Viehzüchter, aber selten als Industrieller oder Kaufmann. In Buenos Aires gibt es auch viele große und luxuriös ausgestattete Kaufläden. Hier sind die modernsten Erzeugnisse der Technik und die elegantesten Produkte der Modehäuser Europas und Amerikas zu haben. Die Märkte, auf denen Lebensmittel und tägliche Bedarfsartikel verkauft werden, befinden sich meist im Besitze von Privatgesellschaften. Doch hat die Stadtverwaltung von Buenos Aires sogenannte freie Märkte eingerichtet, auf denen die Einhaltung möglichst niedriger Verkaufspreise angestrebt wird. Eine Eigenart der argentinischen Wirtschaft und besonders auch des Handels ist die enge Verbindung mit den Banken, den Hauptträgern des Kreditwesens. Das Bankgeschäft ist hochentwickelt, weil die aufstrebende Wirtschaft außerordentlich kreditbedürftig ist. In den Banken findet gleich der Industrie auch der gesamte Handel Argentiniens vom kleinen Kaufmann im Landesümern bis zum Großkaufmann in der Hauptstadt seine wichtigste Stütze. Die gdbräuchlichsten Kreditformen sind Wechsel, Vorschüsse in laufender Rechnung sowie Beleihung von Effekten und Waren- Die Banken sind ebenfalls vorwiegend im Besitz ausländischen, namentlich englischen, amerikanischen und französischen Kapital«. Sie «ind kapitalkräftig, gewähren großzügig Kredit und fördern die industrielle Entwicklung des Landes in hohem Maße. Ihren Hauptsitz haben die Banken in der Regel in Buenos Aires, sie unterhalten aber zahlreiche Zweigstellen in allen wichtigen Städten. Der aus Deutschland einwandernde jüdische Kaufmann wird natürlich zunächst bestrebt sein, eine Stellung als Angestellter zu erhalten. Das ist aber in Argentinien sehr schwierig und bedingt vor allem geringe Lebensansprüche. Denn es ist stets ein Ueberangebot an kaufmännischen Angestellten vorhanden. Daher sind die Oenälter sehr niedrig, sie liegen meist noch unter denen des industriellen Facharbeiters. Wer sich jedoch um eine kaufmännische Stellung bewirbt, sei es auch nur um die aines Schreibers in einem Büro, braucht gute Kleidung. Denn der Argentinier legt auf das äußere Aussehen großen Wert. Für den stellungsuchenden kaufmännischen Angestellten ist in Argentinien nach einem bekannten Ausspruch „die gutsitzende Bügelfalte mehr wert als ein gutes Zeugnis". Dagegen wird von dem Angestellten häufig wenigstens ein Kurzer Besuch einer argentinischen Handelsschule verlangt. Der argentinische Handel ist vielseitiger als die meisten anderen Zweige der Wirtschaft. Denn er befaßt sieb nicht nur mit der Verteilung der im Lande erzeugten Nahrungs- und Genußmittel, Rohstoffe und inländischen Fertigwaren, sondern außerdem auch mit dem Verkauf der aus dem Auslande eingeführten industriellen Waren aller Art, und endlich mit dem Exportgeschäft. Aufstiegsmöglichkelten sind also für. selbständige Kaufleute bei überdurchschnittlicher Tüchtigkeit zweifellos vorhanden, auch für neueingewanderte, wenn sie die nicht zu unterschätzenden Anfangsschwierigkeiten überwunden haben. Jüdische Finnen sind im Kleinhandel wie im Großhandel in bedeutender Zahl vertreten. Von den Handelsunternehmungen Argentiniens hat nahezu ein Drittel seinen Sitz m der Hauptstadt. 70 Prozent der gesamten Handelsbetriebe gehören Ausländern. Außer den eingewanderten Juden sind besonders zahlreich eingewanderte Italiener und Spanier im Handel tätig. Die großen wirtschaftlichen Zukunftsaussichten, die gerade Argentinien besitzt, sind für den Einwanderer .sicher von großer Bedeutung. Trotzdem soll man die Schwierigkeiten, die in einem noch überwiegend landwirtschaftlichen Lande der Betätigung im Handel entgegenstehen, nicht unterschätzen. Viel weniger groß dürften diese Schwierigkeiten dagegen für den einwandernden Handwerker und Facharbeiter sein. Argentinien, hat gleich den meisten anderen Ländern mit ähnlicher wirtschaftlicher Struktur, Ueberfluß an Händlern, während für fachlich hochqualifizierte Produzenten wenn sie sich den besondere gearteten Verhältnissen des Landes anpassen, viele Möglichkeiten, sich eine dauernde und gute Existenz zu br gründen, vorhanden sind. - * Zur Einreise nach Argentinien ist ein Visum erforderlich, das der Bewerber bei persönlichem Erscheinen auf dem Konsulat erhält. Wer sich in Argentinien dauernd niederlassen will oder zum .ersten Male dorthin reist, braucht einen Reisepaß, eine von der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires ausgestellte Einreisegenehmigung (die jedoch für Schiffreisende erster Klasse und Mittelklasse nicht erforderlich ist), ferner ein lückenloses polizeiliches Führungszeugnis über die letzten fünf Jahre, ein polizei- oder amtsärztliches Gesundheitsattest (für das besondere Bestimmungen vorgeschrieben sind) sowie drei (für Schiffsreisende erster oder Mittelklasse nur zwei) Lichtbilder. Alle diese Dokumente muß der Einwanderer auf einem der Konsulate Hamburg, Bremen oder Berlin spätestens drei Tage vor Abfahrt des Schiffes persönlich vorlegen. Die guten kaufmännischen Sitten Im Wettbewerb Oer Wettbewerb ist, wie Ministerialdirektor Dr. Wienbeck kürzlich in einem Vortrage in der Beiratssitzung der Einzelhandelsvertretung der Bergischen Industrie- und Handelskammer feststellte, der stärkste Lebensantrieb des Handels. Die bestehenden Gesetze zur Regelung des Wettbewerbs verfolgen den Zweck, einer anständigen kaufmännischen Oesinnung im Wettbewerb zum Durchbruch zu verhelfen. Ein anderes Ziel der verschiedenen Gesetze zur Sicherstellung eines gesunden Wettbewerbs ist die Festigung des gewerblichen Mittelstandes. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg soll lediglich die Leistung sein. Es ist, wie Ministerialdirektor Dr. Wienbeck betonte, gegenwärtig nicht mehr möglich, allein durch größere Kapttalkraft im Wettbewerb die Oberhand zu behalten. In einer Sitzung der Einzelhandelsvertretung der Industrie- und Handelskammer zu Braunschweig ist dargelegt worden, es sollten dem an sich berechtigten Wunsche jedes Kaufmanns, sein Geschäft aufzubauen und zu fördern, keine unüberwindlichen Schwierigkeiten entgegengesetzt werden. Die gesetzlichen Regeln und Vorschriften, durch die der Wettbewerb in geordnete Bahnen gelenkt wird, sind nicht dazu bestimmt, den Wettbewerb einzuschränken, sondern verfolgen lediglich das Ziel, einen anständigen und ehrbaren kaufmännischen Wettbewerb sicherzustellen und Wettbewerbsausartun gen zu verhindern. Diesem Ziel dient auch die Tätigkeit der Einigungsämter für