Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 5 (5.1937)
- Date
- 1937-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Inwieweit und mit welchen Einschränkungen das zutrifft, wird durch die nachstehende Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung des Handwerks und des Handels in Argentinien klargestellt werden. Man muß mit der Feststellung beginnen, daß Argentinien obwohl es unter allen ibero-amerikanischen Ländern in der Industriealisierung am weitesten fortgeschritten ist und gute Aussichten hat, einmal das Industriezentrum Südamerikas zu werden, heute doch im wesentlichen ein Agrarland ist. Der Reichtum des Landes steht und fällt mit seiner Landwirtschaft. Diese Landwirtschaft besteht aus zwei gleich wichtigen Hauptzwjeigeo: dem Ackerbau und der Viehzucht. Obwohl man das zum Ackerbau geeignete Land auf 80 Millionen Hektar veranschlagt, werden etwa fünf Achtel dieser ungeheuren Fläche gegenwärtig noch als Weiden für die riesigen Viehherden des Landes benutzt. Sachverständige glauben, daß Argentinien dank seinem Agrarreichtum leicht 50 Millionen Menschen ernähren könnte. Heute aber leben in dem Lande, das fast sechs mal so groß wie Deutschland ist, nur 12'/s Millionen Menschen. Ackerbau und Viehzucht sind die wichtigsten Grundlagen ihrer wirtschaftlichen Existenz. Auch die industrielle, gewerbliche und Handelstätigkeit der Bevölkerung stützt sich zu einem weitaus überwiegenden Teile auf die Landwirtschaft und ihren großen Bedarf an Oebrauchsartikeln aller Art. Die mationatwirtpchaftliche Funktion der vorhandenen Gewerbe besteht in der Hauptsache entweder darin, die Agrarerzeugnisse des Landes zu verarbeiten und in veredelter Form in den Konsum zu bringen, oder aber |n der .Befriedigung des Bedarfs der Bevölkerung an industriellen Fertigwaren. Eine Betrachtung des Handwerks und des Handels Argentiniens kann an der Würdigung des schnell fortschreitenden industriellen Aufbaus des Landes nicht achtlos vorübergehen. Denn es gibt hier, ebenso wie in vielen anderen Ländern, keine scharf gezogenen, sichtbaren Grenzen zwischen Industrie jind Handwerk. Man kann nur zwischen großen und kleinen gewerblichen Unternehmungen unterscheiden. Ueber den Aufbau und das gegenwärtige Entwicklungsstadium der argentinischen Industrie gibt es bereit» eine reichhaltige Literatur- Es sei nur auf die ausgezeichnete Schilderung m dem im Herbst vor. Ja. vom Hilfavfenein der Juden in Deutschland herausgegebenen Korrespondenzblatt „Jüdische Auswanderung" hingewiesen. Eingehende zahlenmäßige Angaben über den gegenwärtigen Stand der argentinischen Industrialisierung findet man außerdem in der neuesten Ausgabe 1937 des „South American Handbook". Wir wollen uns daher hier auf die Darstellung des Handwerks und des Handels Argentiniens beschränken. Ueber die allgemeine Entwicklung der Wirtschaft in Argentinien hat vor einigen Wochen in einer Verwattungsratssitzung der Internationalen Handelskammer der Vertreter Argentiniens Jose A. Dobero sehr optimistische Mitteilungen gemacht. Auch er hat insbesondere betont, daß sich das Land im Beginn einer Industrialisierung befindet, die durch den schnellen Ausbau des Verkehrsnetzes und der Kraftversorgung kräftig gefördert wird. Sehr beachtlich ist ferner die Tatsache, daß durch die Steigerung der Rohstoffpreise auf den internationalen Märkten die Kaufkraft der überwiegend von den Erträgen des Ackerbaus und der Viehzucht lebenden Bevölkerung Argentiniens wesentlich erhöht wird. Obwohl Argentinien heute bereits eine verhältnismäßig bedeutende Industrie besitzt, von der (einschl. Handwerk und Handel) 2,15 Millionen Menschen, d. h. 43 Prozent der berufstätigen Bevölkerung leben, müssen doch zurzeit noch 75 Prozent des Bedarfs an industriellen Fertigwaren aus dem Auslande eingeführt werden. Es sind also für Industrie und Handwerk noch sehr beträchtliche Ausdehnungsmöglichkeiten vorhanden. Ein erheblicher Teil der argentinischen Industrie hat, wie schon angedeutet wurde, handwerklichen Charakter, oder hatte ihn jedenfalls, bevor sich der Kleinbetrieb zum Mittel- oder Großunternehmen entwickelte. Die meisten industriellen Unternehmungen sind in der Weise entstanden, daß der eingewanderte Handwerksgeselle oder gelernte Facharbeiter, wenn er über das erforderliche Kapital verfügte oder sich Kredit beschaffen konnte, einen eigenen Kleinbetrieb errichtete, der zuerst handwerklich war, aber, wenn er reüssierte, nach und nach zum Industrieunternehmen wurde. Die rein handwerklichen Betriebe beschäftigen sich, namentlich auf dem Lande und in den kleineren Städten, häufig mit der Reparatur der eingeführten Maschinen, Automobile usw. sowie mit der Herstellung von Ersatzteilen. Die Löhne der gelernten Facharbeiter sind zwar höher als die der ungelernten Arbeiter, die vielfach bald in gewerblichen Betrieben, bald wieder in der Landwirtschaft tätig sind. Aber auch diese höheren Löhne sind meist nur gerade ausreichend zur Fristung des Lebens (wenigstens nach europäischen Begriffen). Das ist kl ganz besonderem Maße in denjenigen Handwerksberufen der Fall, in denen die Konkurrenz von Ausländern mit geringeren Lebensbedürfnissen eine erhebliche Rolle spielt. So sind z. B. im Maurer- und im Malerlland-. werk vorwiegend Italiener, im Schuhmacherhandwerk Italiener und Spanier tätig. Auch die Berufe des Schlächters, Bäckers, Friseurs usw. werden meist von außerordentlich genügsamen südeuropäischen Einwanderern ausgeübt. Bessere Löhne erhalten Schlosser, Mechaniker, Schmiede und Monteure, namentlich wenn sie möglichst verschiedenartige Arbeiten ausführen können und mit der Aufstellung, Instandsetzung und Handhabung landwirtschaftlicher Maschinen voll-