Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 4 (4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Einheitliche Krankenscheine Das Reichsarbeitsministerium hat einheitliche Vordrucke fOr Krankenscheine und Verlängerungsscheine vorgeschrieben. Die neuen Scheine gelten sowohl für ärztliche als auch für zahnärztliche Behandlungen. Ihre Gültigkeitsdauer ist einheitlich auf das Kalendervierteljahr, in dem sie ausgestellt sind, beschränkt. Beginnt die ärztliche Behandlung erst nach dem 20des letzten Monats im Vierteljahr oder die zahnärztliche Behandlung nach dem 10. des letzten Monats im Vierteljahr, so ist der Krankenschein auch für das folgende Kalender-Vierteljahr gültig. Doch muß die Behandlung stets spätestens eine Woche nach der Ausstellung des Krankenscheins beginnen. Dlm Berliner Tagesschule für Berufsvorlehre Das erste Schuljahr der Tagesschule für Berufsvorlehre in Berlin-Niederschonhausen, Hermannstr. 64, ist beendet. Die bisherigen Schüler sind der ordentlichen Berufsausbildung zugeführt worden.* Am 11. April beginnt das neue Schuljahr. Die Tagesschule für Berufsvorlehre umfaßt diejenigen Jungen, die nach vollendetem Schulbesuch ihre Bildung vertiefen und gleichzeitig in die handwerkliche und Gärtnerarbeit eingeführt werden sollen. Praktischer Unterricht wird In Tischlerei, Schlosserei und im Gartenbau erteilt. Für die auswärtigen Schüler besteht ein Wohnheim. Die Kosten für die theoretische und manuelle Ausbildung betragen einschließlich Verpflegung RM 50— monatlich. Im Wohnheim wird ein weiterer Zuschlag von RM 20.— erhoben. Alle Anfragen sind an die Tagesschule für Berufsvorlehre selbst zu richten. Jüdische Seeleute und Fischer Die Jahresversammlung der Ortsgruppe Odingen des Verbandes „Sebulon" beschäftigte sich mit der Frage der Ausbildung jüdischer Seeleute und Fischer. Der Verband hat besondere Fischerei-Kurse eingerichtet, um geeignete jüdische) Jungen planmäßig zu Schiffern und Fischern auszubilden. Die Errichtung eines Internats für die Kursteilnehmer und die Gründung einer Fischerei-Gesellschaft wurde beschlossen. In Warschau hat der Verband „Sebulon" ebenfalls eine Versammlung abgehalten, in der vor allem organisatorische und finanzielle Fragen beraten wurden. Es wurde beschlossen, in Warschau eine große Werbeaktion und eine Sammlung für die Organisation einer umfangreichen See-Hachsch ara durchzuführen. Dr. Kahane berichtete über die bisherige Propaganda-Arbeit für „Kfbusch Hajam" (Eroberung des Meeres). Aus den Erträgnissen der Sammlung soll ein Motorkutter für Ausbildungszwecke angekauft werden. „Speise den Hungrigen" Unter den vielen jüdischen gemeinnützigen Einrichtungen, die es in Berlin gibt, darf eine nicht vergessen werden: die Mensa Academlca Judaica in der Rosenthaler Str. 40. Der Name ist historisch und nicht mehr ganz zeitgemäß. Denn heute stellen die Akademiker nur einen kleinen Teil der1 150 bis 250 täglichen Besucher der Mensa dar. Die große Mehrzahl besteht aus Angehörigen oder früheren Angehörigen des Mittelstandes, aus alten und jungen jüdischen Menschen, die erfreut sind, hier in einem netten Raum an sauber gedeckten Tischen eine gut und rituell zubereitete warme Mahlzeit zu einem mäßigen Preise zu erhalten. Eines darf besonders hervorgehoben werden: Mit den verfügbaren Mitteln stellt diese Küche ein vorzügliches Essen her, das auch denjenigen, der es früher „besser gewöhnt" war, zufriedenstellt. Wie das möglich ist, und wie zu dem Preise von 70 Pfg. eine so gute Mahlzeit hergestellt werden kann, wird manche Hausfrau, die sich zu Hause vergeblich abmüht, mit ihrem Wirtschaftsgelde auszukommen, in Erstaunen setzen. Träger dieser Wohlfahrtseinrichtung ist ein privater „Eingetragener Verein", der nur dreißig Mitglieder zählt. Im Jahre 1936 wurden insgesamt 52673 Mahlzeiten verabfolgt, teils zu dem festgesetzten Normalpreise, teils auch, wenn es erforderlich war, zu .ermäßigten Preisen. Die hierdurch erzielten Einnahmen von annähernd 27000RM reichten zur Anschaffung der erforderlichen Lebensmittel ungefähr aus. Alle übrigen Kosten in Oesamthöhe von etwa 13 000.— RM wurden durch Mitglieder-Beiträge, Spenden und Zuschüsse des Jüdischen Wohlfahrtsamtes bezw. der Jüdischen Winterhilfe gedeckt Mit verhältnismäßig geringen Mitteln wird hier viel geleistet. Unsere Mitglieder und Letter, seien daher auf diese Wohlfahrtsinstitution, deren Benutzung jedem jüdischen Menschen freisteht, besonders hingewiesen. Sozialarbelt In Palästina Die fünfte Handelskonferenz der Sozialarbeiter Palästinas befaßte sich mit der Organisation einer umfangreichen sozialen Hilfstätigkeit Die Ergebnisse wurden von Miß Henriette Szold in der Forderung zusammengefaßt, daß die Sozialarbeit in Palästina um die Familie als Mittelpunkt aufgebaut und durch die Bedürfnisse der Familie geleitet sein müsse. Zersplitterung und Einzelorganisation sollen nach Möglichkeit vermieden werden. Um eine Wiederbefestigung der durch die Unruhen erschütterten sozialen Verhältnisse in Palästina herbeizuführen, soll im kommenden Jahre eine umfangreiche soziale Arbeit ins Leben gerufen werden. Organisationen für Kinder- und Jugendhilfe werden geschaffen werden, wobei die 4000 Pfund, die im vergangenen Jahre als Ehrengeschenk für Miß Szold anläßlich ihres 75. Geburtstages aufgebracht wurden, als Grundstock dienen sollen. Zwei Auswandererbriete aus Brasilien In Säo Paulo in Südbrasilien haben sich «ahlreiche ausgewanderte Deutsche niedergelassen. Uns werden zwei Briefe von Auswanderern aus mittelständischen Kreisen zur Verfügung gestellt, die ein interessantes Bild des Lebens und der Aussichten der jüdischen Einwanderer in Brasilien geben. In dem einen dieser Briefe heißt es: „Ich bin jetzt zwei Monate in Säo Paulo, habe bald Arbeit gefunden und kann mich anständig ernähren. Ich arbeite bei einer kleinen deutschen Firma. Die Arbeit ist sehr schwer, und ich war außh schon, teilweise infolge des Klimas und der Arbeit, krank. Zum Glück habe ich das überstanden. Man arbeitet normalerweise 9 bis 10 Stunden täglich, aber es werden oft auch 13 bis 16 Stunden. Für Handwerker, die etwas können, ist das Leben hier erträglich; andere kann ich nur warnen, hierher zu kommen. Denn es gibt hier schon ein großes Elend unter den Eingewanderten. Hier findet man nicht so mustergültige Hilfsstellen wie in Deutschland! Glücklicherweise fand ich schon nach 4 Tagen eine Aushilfsstellung und hatte so etwas Oeld zum Leben. Die Stadt Säo Paulo liegt sehr schön, von Bergen umgehen. Sie' ist, abgesehen vom Zentrum, eine riesige Gartenstadt mit nur einstöckigen Häusern und einer wundervollen Vegetation. Im Zentrum sind dafür nur riesige Wolkenkratzer und Geschäfte ' mit Luxuswaren, wie sie in Berlin nur in ganz wenigen Läden zu sehen sind. Allerdings sind diese Waren sehr teuer. Der größte Teil der Industrie befindet sich in englischer Hand. Aber auch die großen deutschen Firmen, wie die I. O. Farben, Siemens, die AEO, Telefunken u. a. haben hier Niederlagen. Alle Nationen der Welt sind vertreten. Es gibt keine Rassenfragen und die Neger sind vollkommen gleichberechtigt. Der Arbeiter verdient im Durchschnitt 1 Milreis in der Stunde; der Handwerker 1,5 Milreis. Ein kleines Brot von ca. 500 Gramm kostet 1 Milreis, 1 Liter Milch ebensoviel, 1 Kilo Butter kostet 10 bis 12 Milreis. Obst ist billig. Der Eingeborene lebt hauptsächlich von Bohnen, Reis und Obst. Die Bautätigkeit ist sehr lebhaft, und die Hochhäuser schießen wie Pilze aus dem Erdboden. Aber die Konjunktur wechselt, und irgendwelche Einrichtungen für Arbeitelose gibt es hier nicht...." In einem zweiten Briefe, ebenfalls aus Säo Paulo, heißt es: „Seit acht Tagen bin ich hier im Lande. Es wird naturgemäß einige Zeit vergehen, bis ich Beschäftigung gefunden und mich eingelebt habe. Die Kontraste sind hier außerordentlich groß, und wenn wir Europäer glauben, das eine oder andere nach europäischen Vorbildern ändern zu können, werden wir von den Einheimischen eines Besseren belehrt. Arbeit gibt es hier genug, sber die Hilfs- und Vermittlungsinstitutionen lassen zu wünschen übrig. Die größte Enttäuschung, die der Einwanderer aus Deutschland hier erfährt, besteht darin, daß es hier keine jüdische Stellenvermittlung gibt. Vor allem sollten daher keine Leute hierher kommen, die die Landessprache nicht vollkommen beherrschen. Der Auswanderer müßte vor der Ausreise auf seine Sprachkenntnisse hin geprüft werden. Ebenso wichtig ist es natürlich, daß der Einwanderer ein Handwerk wirklich perfekt auszuüben versteht. Auch darin wäre eine Prüfung sehr notwendig. Die Menschen, die hierher kommen und weder das eine noch das andere gut verstehen, belasten nur die Hilfsorganisationen. Keine Fabrik und kein Geschäft will sie einstellen, weil man angeblich schlechte Erfahrungen mit diesen Einwanderern gemacht hat." Jeden Montag, 6-8 Uhr, Oranienstr. 611 (direkt am Moritzplatz). Jeden Mittwoch, 4-5 Uhr, Nachodstr. 8 In der Oeschlhsstelie. Wir machen nochmals darauf aufmerksam, daß für die Beratung in steuerlichen, wirtschaftlichen und werbetechnischen Fragen besondere Fachleute unseren Mitgliedern zur Verfügung stehen. ' Mitglieder, die von dieser Beratung Oebrauch machen wollen, wollen sich bei unserer Geschäftsstelle (241030) melden.