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Der jüdische Handwerker · 1937-04-01 · 4 (4.1937) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
29 (1937)
Issue
4 (4.1937)
Date
1937-04-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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gebreitet. Lehrhaft und bildend können Schaufenster sein. Geschickte Einfälle, Farbenharmonie und formaler Aufbau machen sie interessant und locken die Vorübergehenden herbei. In ihnen soll der Wunsch geweckt werden, die so herrlich dargebotenen Waren zu besten. Je mehr man aber sich der Peripherie der Stadt nähert, desto mehr fällt auf, daß auf dem Gebiet des Schaufensters noch außerordentlich viel zu verbessern ist, bevor man auch nur von einem anständigen Durchschnittsgeschmack reden darf. Die Schaufensterfläche, das wirksamste Werbemittel des Kaufmanns, ist vorhanden. Es ist ein unentschuldbares Versäumnis, es nicht restlos auszuwerten. Das Schaufenster ist das Auge des Geschäfts. Seine Haltung ist entscheidend für den ersten Eindruck. Ein Blick in die Auslage zeigt den kulturellen Hoch- oder Tiefstand des Inhabers. Das soll nun nicht etwa bedeuten, daß jedes Schaufenster ein ausgeklügeltes Kunstwerk sein soll; das wäre sogar manchmal ganz falsch. Das Schaufenster ist in erster Linie eine rein kaufmännische Angelegenheit. Es ist ein Verkaufsvermittler. Seine Gestaltung geht einzig und allein von der Ware aus und dient ihrem Absaß. Aber gerade deswegen kommt es sehr darauf an, wie die Ware im Schaufenster angeordnet ist, wie sie sich am wirkungsvollsten und vorteilhaftesten den Blicken der Vorübergehenden darbietet. Wenn die Ware anständig und übersichtlich geordnet, jedes Stück zur Geltung gebracht, in sauberem Zustande im Fenster ausgebreitet wird, ist schon viel erreicht. Nach dieser selbstverständlichen Vorausseßung kommt aber erst der Werbezweck. Er wird erreicht: durch einen auffallenden Blickfang, der die Vorübergehenden zum Stehenbleiben veranlaßt, der lockt und interessiert, durch eine aparte Farbe, durch ein in die Augen springendes Mittelstück als Träger eines besonders anzubietenden Artikels, durch einen geistvollen Werbegedanken, durch sprechende Beschriftungen über Zweck, Beschaffenheit, Preis der ausgestellten Ware. In der Durchführung solcher Ideen neben klarer Übersichtlichkeit zeigt sich die Arbeit des ideenreichen Schaufenstergestalters. Hier beginnt die Arbeit, die nur eine geschulte Fachkraft richtig zu leisten in der Lage ist. Das Schaufenster ist ein plakatartig wirkender „Raum". Ihn in Höhe, Breite und Tiefe zu bewältigen, erfordert Verständnis für Raumgestaltung, Sicherheit in Farbenzusammenstellung, in Massenverteilung und Formgebung. Alle diese Elemente, mit denen der Dekorateur täglich arbeitet, stammen aus dem Gebiete der Kunst: Farbe — Form — Kaum — Licht. Der auf seinem Gebiete noch so tüchtige Kaufmann, der geschickteste Verkäufer, versagt oft vor der Aufgabe, die Fenster zu dekorieren. Die Begabung hierzu liegt vielmehr auf handwerklichem und künstlerischem Gebiet. Das malerisch geübte Auge weiß t. B., daß eine oder zwei Farben mehr Wirkung haben als übertriebene Buntheit. Die zauberhafte Wirkung diskret angebrachter Lichtquellen auf schimmernde Brokate oder glißerndeh Schmuck sind Tricks, die nur aus Schulung und Erfahrung stammen. Vielseitig sind die praktischen Ansprüche an einen vollwertigen Schaufenstergestalter. Mit dem Tischlerhandwerk muß er vertraut sein, sich Podien, Stellagen, Rückwände schaffen können. Vom Tapezierer muß er gewisse Fähigkeiten haben, Kisten muß er sauber beziehen, Boden, Seiten- und Rückwände exakt abspannen können. Aus Meterware muß er mit wenigen sicher gesteckten Nadeln, schnell und geschickt Kleider stecken können, nach neuester Mode, fantasiereich und in höchstem Schick. Auch vom Maler muß er gelernt haben: den handwerklichen Umgang mit Farben und das Verständnis für Farbgebung. Das Schriftzeichnen muß er beherrschen, um sich einfügende Plakate, erklärende Beschriftungen, Preisschilder herzustellen. Zur Ausbildung für diesen Beruf gehören ferner Kenntnisse und Erfahrungen im Beleuchtungswesen, Lichtwirtschaft, Farbenlehre, Werbelehre, Stilkunde, Perspektive, Proportionslehre, Anatomie, Warenkunde, Kalkulation und ausreichende Erfahrung in der Fotografie. Die Ware und derAErfolg Eine Vorausseffung ist für den Erfolg einer Werbung maßgebend: Die Ware muß das halten, was das Angebot versprochen hat. Die geschickteste Werbung ist für die Dauer wertlos, wenn die Ware, für die geworben worden ist, nicht einwandfrei ist. Einmal geworbene Kundschaft muß so restlos zufriedengestellt sein, daß sie treu bleibt. Für ein minderwertiges Produkt, das sich der Käufer nur einmal anschafft und womöglich Gegenpropaganda macht, ist die beste Werbung vergeblich. Dabei bleibt noch zu erwähnen, daß die weitaus beste Propaganda die von Mund zu Mund ist. Zu einer zielbewußten Werbung gehört auch die Erfolgskontrolle. Durch eine zweckmäßig eingerichtete Kartei, durch statistische Aufzeichnungen, am besten in grafischer übersichtlicher Tabellenform, läßt sich Steigen und Fallen der Kundenzahl, des Umsatjes nach jeder Werbeaktion mit verhältnismäßig geringer Aufwendung an Zeit und Geld feststellen. Eine solche Kontrolle, die wie ein Barometer die Wirkung der Werbung anzeigt und auch Einfluß auf die Fortsepmg der Werbung nehmen sollte, ist außerordentlich wichtig. Berufsaussichten in der Werbung Gründlich ausgebildete Werbefachleute, die die angedeuteten Fähigkeiten tatsächlich besigen, besonders aber Gebrauchsgrafiker und Schaufensterdekorateure, werden in Deutschland und in der ganzen Welt gesucht und hoch bezahlt. Die Anzeigen in den Tageszeitungen aller Großstädte spiegeln diese starke Nachfrage wieder. Sowohl in überseeischen Ländern als auch in den europäischen Hauptstädten fehlt es an gut ausgebildeten Kräften. Daher kamen auch junge Menschen aus aller Herren Länder gerade nach Berlin, um sich hier an Hand einer guten Ausbildung die erforderlichen Fähigkeiten anzueignen und sich an den geschmackvollen Auslagen bestimmter Geschäftshäuser durch Anschauung weiterzubilden. Auch die zahlreich vorhandenen Gegenbeispiele können bei richtiger Aufklärung erzieherisch verwendet werden. Für intelligente, band geschicklich und zeichnerisch begabte junge Menschen ist in der Werbung ein Gebiet vorhanden, in dem sie künstlerische Fähigkeiten auf einem kaufmännischen Gebiet auswerten können. Die Kunst ist hier nicht brotlos, sie wartet nicht auf Zufallserfolge. Hier steht sie im Dienste des Kaufmanns. Hier ist für die auswandernde Jugend mit Sicherheit vorauszusagen, daß sie sich erfolgreich in den Wirtschaftsprozeß der neuen Wahlheimat einreihen wird. 4

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