Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 3 (3.1937)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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durch ist in letzter Zeit die Divergenz zwischen der Geldentwertung in vielen Lindern einerseits und dem Ansteigen der Warenpreise andererseits noch verstärkt worden. Das Ergebnis dieser Entwicklung aber war, daß der Aufschwung der Industriellen Beschäftigungskonjunktur nunmehr in fast allen Industrieländern h vollem Gange ist. Die steigende Beschäftigung erzeugt aber neue Kaufkraft und kurbelt so den Outerverbraucn auf der ganzen Linie wieder kräftig an. Hierzu kommt schließlich noch, daß in vielen Ländern im Zusammenhange mit der Aufrüstung eine umfangreiche Rohstoff- und Güter- Vorratswirtschaft eingesetzt hat, durch die die Nachfrage, insbesondere nach Rohstoffen, noch weiter gesteigert wird. Die gegenwärtige Haussebewegung an den internationalen Metallmarkten ist z. B. in erster Linie hierdurch hervorgerufen und bedingt. Aber ausgehend von den industriellen Rohstoffmärkten hat die Hausse bereits auch andere Märkte, so z. B. die der kolonialen Genußmittel, ergriffen und in Bewegung gebracht. Der allgemeine Preisaufstieg der Rohstoffe, Nahrungs- und Oenußmittel auf weltwirtschaftlichem Boden kommt naturgemäß zuerst und am meisten den überseeischen Ländern zugute, die diese Guter hervorbringen. Und gerade diese Lander sind es bekanntlich, die gegenwärtig in erster Linie für eine konstruktive jüdische Auswanderung in Betracht kommen, weil sie nach Ueberwindung der Weltwirtschaftskrise auf Grund ihrer besonders großen wirtschaftlichen- Zukunftsaussichten am ehesten größere Mengen jüdischer Auswanderer aufnehmen und ihnen, unter der Voraussetzung des richtigen beruflichen Einsatzes, ausreichende Erwerbsmöglichkeiten bieten können. Wie gestalten sich hiemach also die wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen in denjenigen überseeischen Ländern, die für eine umfangreichere und planmäßige jüdische Auswanderung vorzugsweise ins Auge gefaßt werden müssen? Es sind das — da die Vereinigten Staaten trotz des starken wirtschaftlichen Aufschwungs zunächst wohl nur für Einzeleinwanderungen, namentlich Angehörigen-Einwanderungen in Betracht kommen. — vor allem die lateinamerikanischen Lander, Australien, und (falls es sich nicht der jüdischen Einwanderung praktisch verschließt) Südafrika. Alle diese Einwanderungslander haben das eine gemeinsam, daß ihre volkswirtschaftliche Grundlage die Erzeugung von industriellen Rohstoffen oder kolonialen Nahrungs- und Genußmitteln ist. Ihre wirtschaftlichen Konjunktur-Aussichten sind also durch die oben gekennzeichnete neueste weltwirtschaftliche Entwicklung wesentlich verbessert worden. Von besonderer. Bedeutung ist aber unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Einwanderung die Tatsache, daß die wichtigsten dieser Rohstoffländer sich bereits auf dem Wege des industriellen Aufbaus befinden. Es ist nämlich ein weiteres wichtiges Kennzeichen der gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Entwicklung, daß die Industrieländer bemüht sind, sich zu reagris ie ren , um ihren Bedarf an Rohstoffen und Lebensmitteln in möglichst großem Ausmaß aus eigener (nötigenfalls synthetischer) Erzeugung decken zu können, und daß andererseits die agrarischen Neulinder danach streben, sich möglichst viele und möglichst große eigene Industrien aufzubauen, um die industriellen Fertigwaren, die sie benötigen, möglichst im eigenen Lande herzustellen. Zu diesen Ländern, die sich im industriellen Aufbau befinden, gehört übrigens auch Palästina, dessen wirtschaftliche Lage freilich besonders geartet ist und darum kl einem anderen Zusammenhange behandelt werden muß. In welchem Tempo die Industrialisierung überseeischer Länder heute erfolgt, zeigt z. B. die Feststellung, daß sich in Britisch-Indien, das früher ein ausgesprochenes Agrarland war, die industrielle Produktion seit dem Jahre 1913 verdoppelt hat, während die Europas kaum gestiegen sein dürfte. Zu den im Stadium der Industrialisierung stehenden überseeischen Agrarimd Rohstoffländern gehören nun besonders diejenigen Länder, nach denen sich die jüdische Auswanderung zurzeit in erster Reihe richtet, also insbesondere Argentinien, Brasilien, einige andere südamerikanische Länder, Australien und Südafrika. Diese im Industrieaufbau befindlichen Länder können nicht nur landwirtschaftlich tätigen, sondern auch einer großen Anzahl handwerklich-technisch vorgebildeter jüdischer Menschen Arbeit und Brot geben. Die jüngste weltwirtschaftliche Entwicklung rückt diese Länder also noch mehr als bisher m den Vordergrund jüdischer außerpalästinensischer Auswanderungspolitik. Denn die Preissteigerungen an den Weltrohstoffmärkten verschaffen den überseeischen rohstofferzeugenden Ländern erhöhte Einnahmen, und diese Mehreinnahmen werden zweifellos zur Verstärkung des industriellen Auf baus in den genannten Ländern Verwendung finden. Ein sehr beachtenswertes Beispiel dieser Auswirkung der weltwirtschaftlichen Preishausse gibt uns der gegenwärtige Aufstieg Australiens zu einer neuen Prosperität. Die steigenden Weltmarktpreise haben Australien erhöhte Erträgnisse aus seiner Ausfuhr der wichtigsten Rohprodukte des Landes: Wolle, Weizen und Metalle zugeführt. Die hierdurch gestärkte Kaufkraft rief einen erhöhten Bedarf an industriellen Waren hervor, der nun in erster Linie durch einen weiteren Ausbau der Fertigwaren in dustrien des Landes gedeckt werden soll und wird. So erzeugt der weltwirtschaftliche Aufschwung hier wie in anderen überseeischen Ländern einen Mehrbedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Das ist die weltwirtschaftliche Lage, auf die sich die jüdische Auswanderung und namentlich der junge Nachwuchs der in Deutschland lebenden Juden werden einstellen müssen. Dr. Hugo Nathansohn. Transfermöglichkeiten bei der Auswanderung Von Dr. Heinz Cohn Wer sich ernsthaft mit der Absicht trägt, auszuwandern und im Ausland eine neue Existenz zu begründen, wird sich zwei Fragengruppen gegenübersehen. Auf der einen Seite wird der Auswanderungsinteressent die Möglichkeiten prüfen, die nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen gegeben sind, um Vermögenswerte nach dem Auslande zu überführen (transferieren); auf der anderen Seite wird er mit derselben Sorgfalt sich darüber zu unterrichten haben, ob und unter welchen Bedingungen ihm die Einwanderung und die Niederlassung, sowie die Arbeitsmöglichkeit in demjenigen Lande gewährt werden, in welchem er seinen neuen Wonnsitz begründen und sich eine neue Existenz aufbauen will. In diesem Aufsatz soll ein Ueberblick über diejenigen Möglichkeiten gegeben werden, die nach den bestehenden ' devisenrechtlichen Vorschriften für eine Ueberführung von Vermögenswerten nach dem Auslande bestehen. Es können hierbei aber nur die Hauptgesichtspunkte behandelt werden. Nicht auf jede Einzelheit des weitverzweigten und schwierigen Auswanderungsdevisenrechtes wird daher hier eingegangen werden können. Jeder weiß, daß einer freien Ueberführung jedweden Vermögensgegenstandes in das Ausland die bestehenden devisenwirtschaftlichen Vorschriften entgeenstehen. Als bekannt darf weiterhin vorausgesetzt werden, aß es mit Rücksicht auf die schwierige Devisenlage des Reiches nur einzelne engbeschränkte Möglichkeiten des Transfers geben kann. Wenn aber das geltende Devisenrecht trotz der schwierigen Devisenlage des Reiches dem Auswanderer; wenn auch engbeschränkte, Transfermöglichkeiten einräumt, so ist es eine selbstverständliche Folgerung, daß diese für den Transfer gezogenen gesetzlichen Grenzen aufs strengste innegehalten werden und nicht durch un- 2 gesetzliche Maßnahmen ausgeweitet werden dürfen. Die außerordentliche Strenge des Devisen rechtes, die unter ihren schwersten Strafen sogar die Todesstrafe kennt, ist bekannt. Es muß also von jedem Auswanderer, im Interesse der Durchführung einer geregelten jüdischen Auswanderung im Allgemeinen, die genaueste und sorgfältigste Beobachtung aller bestehenden Vorschriften verlangt werden. Jeder, der in dieser Hinsicht die gesetzlichen Bestimmungen überschreitet, trägt die Verantwortung dafür, daß die ohnehin schon engen, durch die Devisenlage des Reiches bedingten Transfermöglichkeiten weitere Einschränkung erfahren. Die nach dem zur Zeit geltenden Devisenrecht bestehenden Transfermöglichkeiten sind zwar sehr eng, sie ermöglichen aber trotzdem in vielen Fällen die Begründung einer bescheidenen Existenz im Ausland. Das Devisenrecht geht auch ausdrücklich von dem Grundsatz aus, daß der Transfer nur zur Begründung einer bescheidenen Existenz im Ausland führen darf, und daß sich jeder Auswanderer erhebliche Einschränkungen gegenüber seiner Lebensweise im Inland gefallen lassen muß. Was kann nun der einzelne Auswanderer mitnehmen? 1. Umzugsgut, Schmucksachen und Reisegeld. Der Auswanderer kartn das sogenannte Umzugsgut bei der Auswanderer mit sich führen, d. h., sämtliche Gegenstände, die der Auswanderer und seine Familienangehörigen in ihrem Haushalt bis zu ihrer Auswanderung benutzt haben sowie neuwertige Gegenstände, die der Auswanderer zur Vervollständigung seines' Hausrats oder als Handwerks- und Arbeitszeug im Ausland zur Ausübung seines Berufes verwenden will. Der Auswanderer kann also nicht nur seinen bisherigen Hausrat