Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 29 (1937)
- Issue
- 2 (2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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0 Jugend a us wa n d e ru n gs r e if zu machen- Hier mußte naturgemäß gründlichere Arbeit geleistet und darum schon bei der schulpflichtigen Jugend begonnen werden. In den Schulen der judischen Gemeinden wurde daher der Werkunterricht zu einem wichtigen Unterrichtszweige gemacht. Werklehrer wurden angestellt, damit sie für die Pflege und frühzeitige Ausbildung handwerklicher Fertigkeiten Sorge tragen sollten. Eine gewisse Auslese dafür das Handwerk geeigneten Jugendlichen wird auf dies: Weise schon in den letzten Schuljahren ermöglicht. Die Vorlehre. An den Werkunterricht in den Schulen schließen sich die von den Gemeinden geschaffenen Vorlehre-Kurse für Schulentlassene sinnvoll an. Diese Kurse sind vor allem für diejenigen Schulentlassenen bestimmt, die nicht sogleich eine Lehrstelle finden können. Die Vorzüge einer solchen Vorlehre haben sich sehr Whnell erwiesen. In ihnen kann noch einmal und gründlicher die manuelle Betätigung des einzelnen Jugendlichen und seine Eignung für den erwählten Berufszweig geprüft werden. Die Erfahrung zeigt, daß viele Handwerksmeister bei der Einstellung voa Lehrfingen dielenigen Jungen bevorzugen, die bereits eine solche Vorlehre durchgemacht haben. Die Zelt, die die Jungen hier verbringen, ist also ganz gewiß nicht verloren. Sie lernen hier schon die Handhabung der Werkzeuge und können sich viele praktische Kenntnisse erwerben, die ihnen später von Nutzen sind. Die Vortehrekurse bereiten wiederum vor allen für die praktische Arbeit in Metallwerkstätten (einschl. der Elektrotechnik) oder in Holz Werkstätten vor. Vermittelt werden Werkstoff- und Werkzeugkunde; außerdem wird in Naturlehre und Technik, Berufskunde, Zeichnen, Deutsch, wirtschaftlichem und technischem Rechnen sowie in Judentumskunde unterrichtet Für Mädchen ist eine Vorlehreklasse für Hauswirtschaft eingerichtet worden. Wenn man die Bedeutung dieser Vorlehrekurse für die Berufsausbildung der jüdischen Jugend und für die Sicherstellung eines geeigneten Nachwuchses des jüdischen Handwerks voll würdigen will, wird man vor allem berücksichtigen müssen, daß viele schulentlassene Jungen ihre volle geistige und körperliche Berufsreife nocn nicht erlangt haben. Die Vorlehre erleichtert ihnen den Uebergang von der Schule zum praktischen Berufsleben. Die Lehrwerkstätten. Aus einer zwangsläufigen Entwicklung und aus der Not der Zeit heraus sind auch die Lehrwerkstätten entstanden, die von einer Anzahl jüdischer Großgemeinden, wiederum gemeinsam mit der Reichsvertretung, errichtet worden sind. Die Lehrstellen bei jüdischen Handwerksmeistern, die selbst bei bestem Willen bereitgestellt werden können, reichen heute angesichts des großen und begreiflichen Andrangs der jüdischen lugend zu den handwerklichen Berufen bei weitem nicht aus. Man muß dabei auch in Betracht ziehen, daß nur ausbildungsberechtigte Handwerker Lehr- . linge annehmen und ausbilden dürfen. Die einzige befriedigende Lösung dieser Schwierigkeiten ist die Schaffung von gut« Lehrwerkstätten durch die Gern enden. Bisher sind in Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., Mannheim, Breslau und München derartige jüdische Lehrwerkstätten ins Leben gerufen worden. In ihnen erhalten die auf Grund einer Eignungsprüfung sorgfältig ausgelesenen jüdischen Jungen eine gute Ausbildung in den handwerklichen Orundberufen (hauptsächlich wieder Metall- und Holzbearbeitung), die sich von der Einzellehre im Handwerk nicht wesentlich unterscheidet. Nur ist hier die rein fachliche mit der theoretischen Ausbildung eng verbunden, sodaß der Besuch der Lehrwerkstätten zugleich einen vollgültigen Ersatz für den einer Fachschule bildet- Die theoretische Ausbildung der künftigen Jüdischen Handwerker liegt in der Hand besonders sorgsam ausgewählter Lehrer. Die praktischfachliche Ausbildung soll nachstehend nach dem Beispiel der Berliner Lehrwerkstätten kurz geschildert werden: Von der Handwerkslehre beim Meister unterscheidet sich die handwerkliche Ausbildung in den Lehrwerkstätten hauptsächlich dadurch, daß sie in 3 Jahren vollendet sein soll, während die Handwerkslehre heute Im allgemeinen 4 Jahre dauert Dafür ist aber in den Lehrwerkstätten vom ersten Augenblick an eine Intensivausbildung nach entsprechenden, von erfahrenen -Fachleuten aufgestellten Lehrplänen vorgesehen. Außerdem kommt viel Leerlaufarbeit, die sich in der privaten Lehre nicht vermeiden läßt, hier in Wegfall. Die Leitung der praktischen Schulung liegt in der Hand eines Meisters, auf dessen hervorragende fachliche und pädagogische Fähigkeit besonderer wert gelegt worden ist. Ihm stehen je nach der Belegzahl der werfcstätte eine Anzahl hochqualifizierter Oehilfen zur Seite, sodaß ständige Aufsicht und Anweisung der Lehrling« durch * tüchtige Fachleute gewährleistet ist. Moderne Maschinen und Werkzeuge stehen zur Verfügung. Die Werkstätten selbst sind nach den Vorschriften der Bau- und Oesundheits- Eolizei eingerichtet, die bekanntlich dort, wo es sich um ehrwerketlttea handelt, besonders große Anforderungen in Bezug auf Gesundheitsschutz, Unfallverhütung und sanitäre Anlagen stellt. Wie nicht anders zu erwarten war, sind die Bewerber um die Lehrstellen in den gemeindlichen Werkstätten außerordentlich zahlreich. Eine scharfe Auslese erfolgt durch Eignungsprüfungen. Wie diese durchgeführt werden, ist in dem Artikel „Eignungsprüfung für jüdische Jugendliche" kl der Dezembernummer des „Jüdischen Handwerkers" an Hand des Beispiels der Hamburger Berufseignungsprüfung von Dr. Coutmho eingehend geschildert worden. Aber auch die bei der Prüfung zunächst für geeignet befundenen Jung-n müssen noch eine dreimonatige Probezeit in den Lehrwerkstätten durchmachen, bevor über ihre Eignung für den gewählten Beruf endgültig entschieden wird. Ungeeignete werden in ihrem eigenen Interesse möglichst frühzeitig ausgeschieden, damit sie einen anderen Beruf ergreifen können, für den sie besser befähigt sind, und damit ihr Platz in den Lehrwerkstätten von einem geeigneteren Nachfolger eingenommen werden kann. Da Absatzmöglichkeiten für die In den Lehrwerkstätten hergestellten Erzeugnisse im allgemeinen nicht vorhanden sind (nur eine Produktion für den eigenen Bedarf der Gemeinden und ihrer Institutionen ist in beschränktem Umfange möglich, so ist eine Zuzahlung zu den Ausbjldungskosten erforderlich. Sie kann natürlich Im Bedürftigkeflsfalle von der zuständigen Oemeinde ganz oder teilweise übernommen werden. Das Ziel der Lehrwerkstätten Ist die bestmögliche Ausbildung des Jungen Handwerkers für eine berufliche Tätigkeit im Auslände. Er soll nach Absolvierung der Lehrzeit die Kenntnisse und Fertigkeiten eines vollgültigen Handway k e r s besitzen und damit zur selbständigen Ausübung seines Berufs im Auslande in der Lage sein. Eine Bescheinigung über die erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten wird durch die Leitung der Lehrwerkstätte ausgestellt. An d:r Leitung und Beaufsichtigung der Lehrwerkstätten wirken Vertreter der jüdischen Handwerksorganisation entscheidend mit, sodaß die richtige praktische Verwirklichung der Lehrpläne und Lehrziele gewährleistet ist. Durch die Errichtung der gemeindlichen Lehrwerkstätten ist die alte Forderung des jüdischen Handwerks, daß die Gemeinden die Berufsausbildung der jüdischen Jugend sicherstellen müssen, endgültig verwirklicht. Dieses Ziel hatte der Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands in seiner Delegiertentagung vom 26. Januar 1936 in einer Entschließung klar herausgestellt und dringlich gemacht In dieser Entschließung hieß et: ,^Die Erfahrung der letzten Jahre haben erwiesen, daß eine sogenannte Kurzausbildung nicht den geeigneten Boden für eine Unterbringung oder Existenzmögli<-hkert bietet Es muß deshalb dafür gesorgt werden, daß die erforderliche Auswanderungsreife durch eine gründliche Berufsausbildung erreicht wird. Da die Ausbildung in Einzelbetrieben nur begrenzt möglich ist, muß gefordert werden, Ausbildungsstätten In Form von Lehrwerkstätten oder Gewerbeschulen mit gesetzlicher Zulassung iu errichten. Nur eine gediegene und umfassende Ausbildung bietet der auswanderungswilligen Jugend; gleichviel, ob sie nach Palästina oder in das sonstige Ausland auswandert, die Möglichkeit, Arbeit zu finden und sich beruflich durchzusetzen." Was damals gefordert wurde, ist also jetzt erreicht Natürlich wird sich die Tätigkeit der Gemeinden auf dem Gebiete der beruflichen Ausbildung der Jugend nicht auf handwerkliche Ausbildungsstätten beschränken dürfen, wenn auch deren Errichtung infolge der überwiegenden Bedeutung der handwerklichen Betätigung für die Erlangung der Auswanderungsreife besonders dringlich war und Ist. Ueber die landwirtschaftliche Berufsausbildung der jüdischen Jugend ist in diesem Zusammenhange mit Absicht nicht gesprochen worden, weil diese ein wichtiges Gebiet für sich bildet, über da» ein anderes Mal das Erforderliche gesagt werden soll. Aber auch die Heranbildung eines kaufmännischen Nachwuchses ist eine sehr wichtige Auf- 6abe, die noch keineswegs überall befriedigend gelöst Ist. 'eber die auf diesem Gebiet liegende Ausgestaltung der Handelsschule der Berliner Jüdischen Oemeinde ist bereits in der letzten Nummer dieser Zeitschrift berichtet worden. Die gesamte Berufsausbildung der jüdischen Jugend liegt heute in ihren wichtigsten und entscheidenden Teilen in den Händen der jüdischen Gemeinden, und diese sind sich der Größe der Aufgabe, die sie damit übernommen habe», crfreulichenvtist voll bewußt.