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Der jüdische Handwerker · 1937-01-01 · 1 (1.1937) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
29 (1937)
Issue
1 (1.1937)
Date
1937-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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fähiger individueller Beratung vor der.Auswanderung handeln können. — Oanz besonders geartet ist natürlich die Lage hinsichtlich der Auswanderung nach Palästina, über die hier nicht gesprochen werden soll.'jweil sie sich unter besonderen Bedingungen vollzieht, über, die sich jeder Interessent an anderer Stelle leicht unterrichten kann. Die Länder, nach denen — wenn man von Palästina absieht — die Auswanderung einer größeren Anzahl jüdischer Menschen zurzeit gelenkt werden kann, sind Südamerika, Südafrika und in geringerem Umfange auch Australien. Hervorgehoben sei jedoch, daß die Einwanderungsbestimmungcn der meisten dieser überseeischen, Länder häufig verändert und leider auch ständig verschärft werden. Auswanderungswege, die gestern noch offen standen, sind morgen oft schon versperrt. Einen Teil der Schuld hieran trägt sicherlich auch der starke Zustrom ungeeigneter, unzureichend ausgebildeter Einwanderer. Um die Frage zu beantworten, welche Einwanderer für diese jungen werdenden Industrieländer geeignet sind, muß man wiederum von einer genauen Kenntnis der Wirtschaftsstruktur dieser Länder ausgehen. Die meisten von ihnen — ganz besonders Südafrika, in geringerem Orade aber auch die anderen — befinden sich im Stadium der Industrialisierung. Zunächst werden freilich im allgemeinen nur Industrien aufgebaut, deren Erzeugnisse zur Deckung des Bedarfs det Bevölkerung erforderlich sind. In Südafrika entstehen jedoch z. B. bereits einzelne Industrien, die Investitionsgüter oder in geringerem Umfange auch Exportgüter herstelle» Hieraus ergeben sich auch gewisse Unterschiede in Bezug auf die Anforderungen, die an die einwandernden Handwerker und Techniker hinsichtlich der Qualität ihrer Ausbildung und ihrer Leistungen gestellt werden. In dem stärker industriealisierten Südafrika sind diese Anforderungen besonders hoch, sodaß hier u m - geschulte handwerkliche Kräfte vielfach den gestellten Ansprüchen nicht mehr genügen. Im übrigen gilt für alle diese Länder die Regel, daß der Einwanderer umso bessere Aussichten hat, dauernd Arbeit und Brot zu finden, je qualifizierter seine berufliche Leistung ist. Ueber die Auswahl der Berufe, die für die Auswanderung geeignet machen, lassen sich allgemeine Regeln nicht aufstellen. Landwirtschaftliche Arbeitskräfte und Hausangestellte jeder Art finden in allen überseeischen Ländern Arbeitsstellen, wenn sie sich den dortigen Verhältnissen anzupassen und den gestellten Ansprüchen nachzukommen in der Lage sind. Die besten Aussichten aber haben immer gut ausgebildete Handwerker, wobei es nicht auf den Handwerkszweig, sondern weit mehr auf die Leistungsfähigkeit sowie auf die Anpassungsfähigkeit in sprachlicher und sonstiger Hinsicht ankommt, immerhin gibt es natürlich handwerkliche Berufe, deren Ausübung besonders günstige Möglichkeiten bietet, weil sie in den Einwanderungsländern noch in unzureichender Zahl vorhanden sind. So hat z. B. die überall schnell fortschreitende Motorisierung gute Berufsaussichten für Auto-Techniker und Auto-Schlosser geschaffen, ebenso die Maschinisierung für Schlosser, Dreher und andere qualifizierte Metallberufe. UebertH dort, wo eine lebhafte Bautätigkeit vorhanden ist, finden Bauhandwerker jeder Art leicht Arbeitsgelegenheit. Aber diese konjunkturellen Verhältnisse können sich schnell wieder ändern, besonders auch dadurch, daß allzu viele jüdische Menschen in irgend einen bevorzugten Beruf und womöglich auch nach irgend einem bestimmten Lande oder gar nach einer bestimmten Stadt hinströmen. Dann, schaffen sie sich natürlich selbst eine Berufsüberfüllung mit allen ihren verhängnisvollen Auswirkungen. Einseitigkeiten in der Berufswahl sind einer der Fehler, vor denen gerade jüdische junge Leute immer wieder gewarnt werden müssen. Eine möglichst breite Berufspyramide, d. h. eine Verteilung auf möglichst viele Berufe ist für die jüdische Einwanderung in überseeische Länder von großer Bedeutung. Andererseits brauchen aber tüchtige Menschen, wenn sie einem der sogenannten überfüllten Berufe angehören, deswegen allein nicht für die Auswanderung ungeeignet zu sein. In vielen Ländern können z. B. auch jüdische Schneider und besonders Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Kunstgewerblerinnen, Stenotypistinnen usw. bei guten' Berufsleistungen Existenzmöglichkeiten finden. Das gilt nicht nur für die handwerklichen, sondern ebenso auch für die kaufmännischen Berufe. So sind z. B. Stenotypisten mit guten englischen oder sonstigen Sprachkenntnissen bisweilen gesucht. Alterdings muß gerade der auswandernde jüdische Kaufmann heute, wenn er im Auslande vorwärts kommen will, außer über gute Sprachkenntnisse möglichst auch noch über besondere Spezialkenntnisse verfügen. Hervorzuheben ist ferner, daß gerade für den Auswanderer nach überseeischen Ländern neben der Spezialausbildung auch eine gewisse Vielseitigkeit -der beruflichen Tätigkeit und eine möglichst universelle Ausbilb i I d u n g in allen Sparten seines Berufs von großem Vorteil sind. Denn diese Vielseitigkeit erleichtert ihm in Ländern, die noch nicht hochindustrialisiert sind, das Auffinden eines geeigneten Arbeitsplatzes. Zusammenfassend kann also gesagt werden: Zur Auswanderung geeignet ist jeder, der durch Fertigkeiten, Kenntnisse und Leistungen, für die in dem Einwanderungslande ein ausreichender Bedarf vorhanden ist, der Wirtschaft dieses Landes zu nützen vermag. Daneben gibt es natürlich noch andere Dinge, die die beruflichen Aussichten zu verbessern vermögen, so für selbständige Landwirte, Industrielle, Kaufleute und Handwerker das Vorhandensein eines ausreichenden Betriebskapitals. An dessen Höhe werden jedoch beispielsweise in den südamerikanischen Ländern verhältnismäßig niedrigere Anforderungen gestellt. Entscheidend bleibt aber in jedem Falle die Leistung in einem qualifizierten Beruf. Je hochwertiger diese Leistung, je produktiver, vielseitiger und je geschätzter die Berufsleistung des Einwanderers in dem neuen Heimatlande ist, desto geeigneter ist der jüdische Mensch für die Auswanderung. Dr. Hugo Nathanson. Geist trotz Handwerk! von n.e woi* Der nachstehende Artikel, der in den „Mitteilungen der Jüdischen Reformgemeinde" veröffentlicht wurde, hat mit Recht in werten Kreisen Beachtung gefunden. Das beweist schon die Tatsache, daß zwei Einsender zu dem angeschnittenen Thema gleichfalls in recht bemerkenswerter Weise Stellung genommen haben. Von früher Schulzeit ah steht im Vordergrund der spätere Beruf, der Broterwerb. Man beginnt schon so jung wie irgend möglich mit einer Spezialisierunginder Ausbildung, möglichst den Fähigkeiten entsprechend. Nicht sehen hört man die Auffassung: was sollen er oder sie sich mit diesem oder jenem geistigen Ballast beschweren, den man nie im Leben wieder braucht. Hierzu kommt neben der außerordentlich starken Betonung der sportlichen, also körperlichen Ertüchtigung seit neuster Zeit durch die Umstellung im jüdischen Schulwesen auch noch die Hervorhebung des Handwerklichen, man möchte es nennen: die manuelle Ertüchtigung 1 Zuzugeben ist, daß die Ueberbetonung geistiger Betätigung mit Recht gerade bei jungen Menschen ihre Berechtigung verloren hat, zuzugeben, daß für spätere Auswanderung das Handwerk bei weitem höher zu bewerten und erheblich leichter in jedem Lande anwendbar ist, zuzugeben, daß gerade die Mädchen ihrem ursprünglichen Beruf als Hausfrau stärker zugeführt werden müssen. Jedoch, und hier erhebt sich die grundsätzliche Frage: gibt es da keinen Ausgleich? Oibt es keine glückliche Verbindung? Sind die heutigen Generationen soviel schwächer geworden gegenüber früheren, daß ihnen eine solche Verbindung nicht mehr möglich ist? Von einem Moses Mendelssohn rühmt bereits jedes Schulbuch, daß er, dessen für ihre Zeit reformatorisdhen Bücher Grundlage bilden für jüdische Arbeit unserer Tage, sich sein kärgliches Leben verdiente, indem er Bücher führte; das will also besagen, daß er für seine großen Studien tatsächlich nur die Morgen- oder Abendstunden — eins seiner Bücher führt ja daher auch den Titel „Morgenstunden" — zur Verfügung hatte. Und seine Studien waren schwieriger, mußte er doch mit dem Lesen und Schreiben deutscher und lateinischer Schriftzeichen beginnen, abgesehen von Sprachstudien usw. Noch krasser fast ist vielleicht das Vorbild des Spinoza, der seinen Unterhalt durch Schleifen optischer Gläser einbrachte, der afcso Handwerker im wahrsten Sinne des Wortes war. Ueber die Bedeutung Spinozas, sein philosophisches Schaffen und Wirken braucht wohl nicht noch gesprochen zu werden. So ließen sich viele, vielleicht nicht so bekannte Beispiele aus jüdischer, aber auch au» nichtjüdischer Vergangenheit anführen, die den Beweis erbringen könnten, daß die Mahnung „Geist trotz Handwerk" nicht unberechtigt ist. Denn wohin soll die heutige Einstellung der Ueberbewertung manueller Fähigkeiten fuhren? Ein paar Beispiele mögen uns auch hier helfen: Der Autoschlosser verliert durch einen Unfall seine linke Hand. Sprachkenntnisse sind

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