Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Handwerker · 1935-11-01 · 11 (11.1935) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
11 (11.1935)
Date
1935-11-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492337-5771056-5771184--158-4883143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gewiß ist es richtig, daß das deutsche Handwerk auf eine stolze und ehrenvolle Vergangenheit zurückblicken kann. \Venn wir durch deutsche Lande reisen, dann treten-uns überall sichtbare Zeichen einer hochentwickelten, vollendet-künstlerischen Handwerkskultur plastisch entgegen. Besonders im Schmiede- und Töpfer-Handwerk, aber auch in dem des Städtebauers, bewundern wir heute noch die menschliche Hand, die formte, und den Geist, der diese Formen schuf. Dieses Können und dieses Leisten, der Stolz des Schaffens, führte zu einer Autarkie im Handwerk, die — gefördert durch Gemeinsinn und eine ausgeprägte Handwerksehre — zu Privilegien führte, die in späteren Jahrhunderten keinem anderem Stande zugesprochen wurden. Neben der Wahrung der beruflichen Ehre wurde das Handwerk in Zünfte zusammengeschlossen, mit eigener Zunftgerichtsbarkeit ausgestattet; ja, sie erhielten sogar das Privileg zur Ausübung obrigkeitlicher Rechte. Die Anwendung dieser Rechte war begleitet von einem Tenor, der uns leider heute wieder so bekannt vorkommt: Durch strengen Zunftzwang — und jetzt zitiere ich wörtlich —r war Juden, unehelichen Kindern und Kindern, deren Väter eines der sogenannten „unehrlichen Gewerbe" betrieben, die Möglichkeit genommen, ein Handwerk zu ergreifen. Ebenso wurden die Kinder von Mördern, Dieben und anderen Verbrechern nicht zur Erlernung eines Handwerks zugelassen. So zu lesen in den vergilbten Blättern der Geschichte des deutschen Handwerks; und diese vergilbten Blätter bekommen wieder Leben, ein Ausschnitt jüdischen Schicksals im Mittelalter rüttelt uns wieder wach, und wir sehen, wie das Wort Rabbi ben Akibas wieder einmal seine traurige Bestätigung findet. Wenn man jetzt fast in der gesamten handwerklichen Fachpresse über die Wiedergeburt handwerklichen Brauchtums lange Abhandlunen liest, so befindet sich gewiß manches Schöne arin, soweit es sich auf Formen und Rituale mit ihrer Sinngebung bezieht, aber die Wiedergeburt in ihrer Totalität, noch verschärft durch ein rassisches Werden, zeigt uns in unverhüllter Nacktheit die Situation, in der sich die jüdischen Handwerker befinden. Die Vorwegnahme gesetzlicher Bestimmunen über die wirtschaftliche Einordnung des jüischen Handwerkerstandes durch einzelne handwerkliche Körperschaften hat bereits eine erhebliche Beunruhigung in die jüdischen Handwerkskreise hineingetragen. Der jüdische Handwerkerstand in seinem jetzigen Bestand wird daher alle physischen und geistigen Kräfte anspannen müssen, um die wirtschaftlichen Einschränkungen durch erhöhte Leistungen auf ein erträgliches Maß zurückzuführen. Das kann geschehen durch eine umfassende Anpassung der Betriebsform an die steuer- und wirtschafisreehtlichen Gesetze und Verordnungen. Das aber waren oftmals die Fehlerquellen, besonders in kleineren handwerklichen Betrieben, die sie notleidend machten und zum Erliegen brachten. Darum „Einführung in das handwerkliche Wissen" in all seinen Ausstrahlungen, die ihren Niederschlag in dem Ihnen vorgelegten Lehrplan gefunden haben. Sie bilden die Grundlage für die übersichtliche Entwicklung des Betriebes, aber sie sollen auch zugleich der Vorbeugung oder Beseitigung steuerrechtlicher Schwierigkeiten dienen. Eine andere Seite der Betriebssicherung liegt aber in der Fähigkeit des Betriebsinhabers selbst. Sie wtird zusammengefaßt in den Begriff der L e i s t u ng und des praktischenKönnens. So alt das Handwerk ist, so alt ist auch die Klage — oftmals ohne Berechtigung — über mangelhafte Leistung. Das ist ein Sammelbegriff und muß. zergliedert werden, um aus den berechtigten oder unberechtigten Beanstandungen, die von denen, die unseren Betrieb erhalten, nämlich den Auftraggebern, vorgebracht werden, zu lernen. Fast sprichwörtlich sind die Vorwürfe über mangelnde Pünktlichkeit, die dem gesamten Handwerkerstande gemacht werden. Man soll hier Licht und Schatten gleichmäßig verteilen. Ein Handwerksbetrieb ist kein waren vermittelnder Beruf, in dem das Fertigerzeugnis zur sofortigen Verfügung des Kunden steht, sondern ein Produkt, das auf Bestellung angefertigt wird. Hier können oftmals Verzögerungen eintreten, die vom Hersteller nicht zu verhindern sind. Ein zuverlässiger Betriebsinhaber aber wtird seinen Kunden rechtzeitig unter Anführung der Gründe aufmerksam machen und damit eine Verstimmung vermeiden, die meist zum Verlust des Kunden führt. Auch die Frage der angemessenen Preisgestaltung list oftmals eine Quelle von Differenzen, die bei sachgemäßer Kalkulation verstopft werden kann. Hier liegt die Ursache manchen Zusammenbruchs. --- Die Ermittelung des angemessenen oder, nach der neuesten Terminologie, des gerechten Preises setzt die Kenntnisse voraus, die wir Ihnen an Hand des Lehrplanes vermitteln wollen. Es gehört zur Reinlichkeit und Sicherheit des Betriebe», richtig zu kalkulieren. Ist man zu einer Preisgestaltung gekommen, so sind Nachforderungen grundsätzlich zu vermeiden, um keinen Verdacht unehrlichen Geschäftsgebarens aufkommen zu lassen. Auch derjenige, der durch absichtliche sofort erkennbare Fehlkalkulation nach unten auf alle Fälle Aufträge hereinzubekommen sucht, wird nur einen augenblicklichen Scheinerfolg erzielen. Erst, wenn die sozialen und steuerrechtlichen Verpflichtungen von ihm erfüllt werden, wird er erkennen, daß seine Betriebssicherheit stark gefährdet ist. Darüber hinaus gefährdet er das moralische Ansehen des zuverlässigen und sauberen Betriebes. Der freien Entfaltung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sollen gewiß keine Fesseln angelegt werden, wir müssen aber dahin kommen, daß Vorwürfe über mangelnde Leistung oder Ueberteuerung, hervorgerufen durch Fehlkalkulationen oder absichtliche Unterbietungen, endlich verstummen. Nur eine einwandfreie und saubere Betriebsführung, zu der auch eine angemessene Verhandlung gehört, wird den Betriebsinhaber in den Stand setzen, wirtschaftliche Schwierigkeiten zu Uberwinden und damit die bereits stark verringerte jüdische Substanz zu erhalten. Das ist die Aufgabe eines jeden bewußten iuden, der Uber den Mechanismus des Alltags inaus seine Kraft einsetzt, jüdisches Leben, sei es, wo es sei, mitzugestalten. 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.