Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 27 (1935)
- Issue
- 11 (11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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meistern werden, wenn sie auf eine veraltete soziale Rangordnung bestehen, sondern endlich einmal erkennen müssen, daß es sich beim Handwerksberuf nicht um ein Herabsteigen jn gesellschaftliche Tiefschi'cht handelt, sondern daß wir Juden im tiefsten Grunde unserer Seele uns bewußt werden, daß wir zurückkehren zu einer urjüdischen Formung des Lebens, das in den besten freiesten Zeiten unserer jüdischen Geschichte Juden und Judentum groß gemacht hat. Der jüdische Handwerkerstand, der für eine Sesunde Aenderung der sozialen Struktur der eutschen Judenheit Jahrzehnte gekämpft hat, sieht heute mit wehmütiger Genugtuung wie diese Auffassung Allgemeingut geworden ist. Mit,Wehmut deshalb, weil der Prozeß, den wir erstrebten und der sich früher leicht und schmerzlos vollzogen hätte, heute getan werden muß unter dem Einfluß äußerer Umstände, die keineswegs immer leicht und immer schmerzlos sind. Darum sage ich: haben wir jetzt endlich unsere Daseinsgrundlagen erkannt, dann gibt es keine Selbsttäuschung mehr oder gar ein weiteres zweckloses Ausweichen, sondern nur ein b e d i ngungsloses Unterwerfen unter das Gebotder Stunde. Das Ziel der heutigen Staatsführung, durch Erschwerung der wirtschaftlichen Grundlagen der Juden in Deutschland eine immer stärkere Abwanderung zu erzwingen, hat das Leben unserer Gemeinschaft im Tiefsten erschüttert, nicht nur in ihrem seelischen, 'sondern auch in ihrem wirtschaftlichen Bestand. Die Möglichkeit, jüdische Menschen in größeren Massen zu exportieren, findet dort ihre Grenze, wo die Vorbedingungen nicht vorhanden sind. Wandern ist zwar uraltes jüdisches Schicksal, aber die Verantwortung zwingt uns, diese Wanderung systematisch zu gestalten. Die Auffassung, daß der Glaube allein Berge versetzen kann, ist durch die heutige politische und wirtschaftliche Krise stärk erschüttert, und nur der Glaubein Verbindung mit der sichtbaren Tat wird uns die Kraft geben, unsere Zukunft zu gestalten. Mag diese Zukunft im heiligen Lande oder sonstwo oder hier in Deutschland liegen, nur der Jüdische Mensch, der neben einem starken Glauen durch die Tat, oder deutlich gesprochen, durch eine wirtschaftliche Funktion um seine Daseinsform ringt und kämpft, wird bestehen und damit zum Träger kommender Geschlechter werden. Die bange Frage, die jetzt in jedem jüdischen Hause aufgeworfen wird: Wie wird sich unsere wirtschaftliche und damit unsere seelische Zukunft gestalten? oder die tiefe Sorge des jüdischen Vaters, der um die Zukunft seines Kindes bangt, dieses Suchen und dieses Zweifeln, es wird von uns selbst beantwortet werden müssen. Wir, die wir heute als Organisation hier stehen und Zeugnis ablegen wollen für das Beharrungsvermögen jüdischen Gestaltungswillens, haben allerdings schon vor Jahrzehnten die Antwort der Fragestellung vorweggenommen. Und wenn unsere Antwort beute erat ihre äußere Anerkennung findet, so können wir nicht «tolz darauf sein, weil sie nicht freiwillig erfolgte, sondern über Nacht durch die Notwendigkeit des Lebens herbeigeführt wurde. Und jetzt, da unsere Stunde gekommen ist, jetzt, da die Hinwendung zum Handwerk nur in richtig verstandenem Sinne wirksam werden kann, wird uns Handwerkern eine hohe Aufgabe gestellt, die uns in der ganzen Schwere der Verantwortung bewußt sein muß. Jetzt, da die Zwangsläufigkeit der Ereignisse Uber Nacht alte Begriffe entwurzelt und neue, wie beispielsweise über die Wertigkeit der handwerklichen Arbeit, geschaffen hat, ist das Handwerk ia den Mittelpunkt jüdischen Geschehens gerückt. Vielleicht wird das Judentum noch einmal die Stunde segnen, in der jüdische Handwerker, wenn auch aus verschiedenen Motiven, sich organisch zusammenschlössen und damit zum Unterbau jüdisch - wirtschaftlicher Gestaltung wurden. Das Jüdische Lehrhaus, in dem wir uns befinden, soll, wie sein Name sagt, nicht nur lehren, nicht nur religionsphilosophische Geschichte jüdischer Vergangenheit zum Gegenstand seiner Aufgabe machen, sondern es ist seine Pflicht, abgewandt jeder Weltfremdheit Lehre und Leben harmonisch gestalten zu helfen. In den Männern des Handwerks, die heute hier erschienen sind, tritt uns das Leben in seiner Vielgestaltigkeit entgegen, jeder mit seinen wirtschaftlichen Sorgen belastet, ermüdet von der Arbeit des Tages, will er trotzdem in das Jü-X dische Lehrhaus, weil ihn die jüdische Pflicht dazu treibt, nicht nur sein eigenes, sondern auch das Schicksal anderer mitzuformen. Und hier beginnt die Arbeit an uns selbst, d. h., daß wir Beruf nicht nur als Erwerbsquelle auffassen, sondern zugleich als Ausgangspunkt, der hinführt zur Verbundenheit jüdischen Gemeinschaftssinnes und konsequenter Wahrhaftigkeit handwerklichen Denkens. Das handwerkliche Denken setzt handwerkliches Wissen voraus, und erst dieses handwerkliche Wissen wird uns befähigen, über den engen Kreis des Arbeitsplatzes hinaus im großen Raum zu denken. Darum kommen wir hier zusammen. Heber den Lehrplan hinaus, der uns die Technik und Form der eigenen Betriebsführung in all ihren arbeits-, sozial- und steuerrechtlichen Ausstrahlungen vermitteln soll, müssen wir uns aber auch mit dem geschichtlichen Werden des Handwerks beschäftigen. Mag man uns heute aus der staatsbürgerlichen Gemeinschaft ausgeschlossen haben, wir werden nicht vergessen, daß das deutsche Handwerk uns die Grundlage gegeben hat, wenn es sein muß, auch losgelöst von unserem lokal-begrenzren Wirkungskreis, wenn auch unter ökonomisch veränderten Lebensbedingungen, unser wirtschaftliches Dasein zu fundamentieren. Um dieses Gut auch einer kommenden Generation zu vermitteln, muß man auch um die Entwicklung des Handwerks wissen, weil sie einem gewissen politischen Einfluß unterworfen war. Denn wenn man das deutsche Handwerk der Gegenwart in seinen Bestrebungen in vollem Umfange verstehen und würdigen will, dann muß man auf seine Geschichte und Vergangenheit, wenn auch nur ganz kurz, eingehen; nicht nur nach der wirtschaftlichen, sondern, von uns aus„ 5eschen, wie ich vorhin schon sagte, auch nach er politischen Seite.