Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Handwerker · 1935-11-01 · 11 (11.1935) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
11 (11.1935)
Date
1935-11-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6492337-5771056-5771184--156-4883141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Öffijitte Organ Ö$ fatfmlBrrbanbrij jübifd|frfiQiii)iüirtn'tinit|(t)ljiiife u-ü-Wjöuniiniibß h (üöifrfini llldftitiiöfi? ffaaueocgdwn vomStnhalDntanft iütofdia fiunimicrtfT WfdjUino» t-VJSäSpMün rrrbanfcldtuno lPilhdm mnttu^ V<a\m II u ipranitnbur^Tftr 1 iJHcfon talDribmb. 8|0£ v i XXVÜ. Jahrgang, Nr. 11 BERLIN / BIKO-VERLAG November 1935 HanOroerklt Im Rahmen der Werkkurse des Jüdischen Lehrhausos; führen wir Einfuhrungskurse in das handwerkliche Wissen durch. Diese zweimal in der Woche stattfindenden Kurse wurden am Montag, dem 4. November, mit einer stattlichen Teilnehmerzahl im Beisein des gesamten Berliner Vorstandes eröffnet. Der Vorsitzende des Berliner Vereins. Tapezierermeister Louis W o I f f, hielt einen Vortrag Uber „Handwerk im Judentum". Diese wesentlichen Ausfuhrungen bringen wir unseren Lesern nachfolgend zur Kenntnis: - Einführnng in das handwerkliche Wissen, in den Lehrplan des Jüdischen Lehrhauses eingearbeitet, schon dieser äufiere Zusammenhang weist uns die Richtung, in der jüdische Handwerker wieder anknüpfen an eine uralte Tradition, die im Altertum bis ins Mittelalter hinein (Ins Judentum glücklich gemacht und. ihm einen seelischen Halt gegeben hat. Wenn auch die Zeiten, in denen einfache Menschen zu den Füßen großer Gelehrter in Israel wissensdurstig saßen, längst verklungen sind, wenn auch das Zeitalter der sogenannten Aufklärung, der Mechanisierung und der Technik viele innere Werte des Menschen zerstört hat, geblieben ist in jedem jüdischen Menschen die starke Sehnsucht, herangeführt zu werden an die Quellen jüdischen Geistes, nicht nur der Gelehrsamkeit, sondern auch der Humanität und des sozialen Rechts. In jedem Juden ruht nun einmal, wenn auch oftmals nur ein Rest jenes Geistes, der unser Schicksal seit Jahrtausenden bestimmt hat; und wenn er verschüttet wurde, wenn weite Kreise im Judentum diesen Geist ohne innere Beweiskraft leugneten, es war nicht ausschließlich ihre Schuld. Man soll gewiß das Jahrhundert der Emanziftation nicht schelten, es hat uns aus dem leibichen Gettho befreit, aber es hat auf der anderen Seite durch eine oftmals zügellose Freiheit der Einzelperaönlichkeit, insbesondere beim jüdischen Menschen, die Verpflichtung an die Gemeinschaft zerstört. Das Gesicht des deutschen Judentums war mehr dem allgemeinen Leben zugewandt, :hee Wiffcn Bindungen 2ur Gemeinschaft wurden aufgehoben, ein traumhafter Zustand lähmte die Kraft des Judentums, bis wir aus diesem Traum zur schmerzensreichen Gewißheit jüdischen Schicksals aufgeschreckt wurden, und die Geschichte das nachholte, was Generationen vor uns verabsäumt hatten. Jetzt geht durch unsere Tage ein starkes Sehnen nach Organischem, nach Lebendigem. Der Einzelne ist nicht mehr frei, er ist mitverhaftet unserem Geschick und hat sich, ob er will oder nicht, der geschlossenen Kraft eines Gemeinschaftswillens unterzuordnen. Denn, wenn es wahr ist, daß im Judentum schöpferischer Wille und Lebensmut aus dem Leiden und dem Unglück und nicht nur aus dem Glück stammen, dann müssen wir dieses Schicksal bejahen und ihm durch diese Bejahung seine Größe und sinnschaffende Kraft wiedergeben. Das ist die große Aufgabe, die unserer Generation gestellt ist. Die Lebensformung und Gestaltung ist jetzt nicht mehr Sache des Einzelnen, sondern der jüdischen Gemeinschaft, sie übernimmt eine Sendung, die ihr vor der jüdischen Geschichte eine ungeheure Verantwortung aufbürdet. Diese Verantwortung wird nur getragen werden können, wenn jeder jüdische Mensch endlich erkennt, daß unsere Gemeinschaft sozial krank war und dadurch-seelisch heimatlos wurde, wenn er erkennt, daß er heute nicht das Recht hat, für sich selbst zu leben, sondern der Gemeinschaft verpflichtet ist, und endlich, daß er durch eine neue Sozial- und Wirtschaftsgesinnung den seelischen Heilungsprozeß, in dem wir uns Befinden, mitbeschleunigen kann. \ Uns Juden hätte beispielsweise nicht erst von außen gesagt zu werden brauchen, daß j e d e A rb e i t adelt, wohl aber müssen wir unseren jüdischen Vätern und Müttern mit aller Deutlichkeit zu Gemüte führen, daß sie die Zeit niemals

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.