Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 27 (1935)
- Issue
- 9 (9.1935)
- Date
- 1935-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492337-5771056-5771175--122-4883111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
TAGE DER BESINNUNG Bald füllen sich die Gotteshäuser. Ein Jahr geht zu Ende. Ein neues beginnt. Wir zählen 5696. Durch Jahrtausende wird unser Neujahrsfest Jahr um Jahr zum Höhepunkt unseres religiösen Lebens. Selbst für jene, die sich vom Glauben ihrer Väter weiter entfernten. Seltsam, daß auch in ihnen der Schofarschall halbverschüttete Seelenkräfte zum Schwingen bringt. In diesen Tagen des Neujahrs und der Versöhnung fühlen alle Menschen, die ihr Judentum mehr oder weniger bewußt erleben, die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ihrer Väter, zur Gemeinschaft des Gottes Abrahams, des Gottes Isaaks und des Gottes Jacobs. Sie suchen ihren Gott der Prüfung und wollen finden ihren "Gott des Trostes, ihren Gott der Führung. Millionen auf dieser weiten Erdenrunde tun Buhe. Sie bekennen: Ich habe gesündigt, und erwarten Versöhnung und Erlösung. Die Judenheit wird zur Gemeinschaft tiefinnersten religiösen Erlebens. Sie fühlt ihre Schicksalsgemeinschaft stärker, je nach der Art und dem Charakter der gegebenen Lebensbedinfungen und der gesetzten Kegeln in den einzelnen eilen dieser Welt. Und aus diesem Gefühl wächst die Erkenntnis und die Kraft zu neueinsetzender Hilfsbereitschaft unter den Gluubensbrüdern. Zu gegenseitigem SicliNerstehen, zu gegenseitiger Unterstützung. Der lag des Jahresanfangs wird zum Tag der Erneuerung der seelischen Grundlagen der einzelnen Glieder unserer Gemeinschaft. Er bedeutet immer erneutes Hinführen zum Glauben, zur Geineinschaft unseres Bekenntnisses. Wir alle sind ihm tief Verpflichtet. Wir bewahren es als heiliges Erbgut unserer Väter, die es oft unter größten Opfern, unter unsäglichsten Leiden, Gefahren und Verlusten an Gut und Blut durch die Jahrtausende trugen. Und dessen wollen wir in diesen Tagen eingedenk sein. Und immer wieder sei es gesagt: Dieses Erbgut ist der nie versiegende Quell unserer Erneuerung. Für uns Juden, die wir in Deutschland leben, die wir als Gemeinschaft seit Römer-Zeiten hier Sinn und Erfüllung unseres Daseins suchten, werden unsere hohen Festtage erst recht zu Tagen der Besinnung, der Einkehr und vor allem der Selbstprüfung. Wahrhaft sich erfüllende Gemeinschaft kann nicht allein der Vollzug religiösen Lebens sein. Nicht allein die Bereitschaft zum Opfer und zum Einsatz aus göttlichem Gebot. Das Gefühl, der Schicksalsgemeinschaft anzugehören, bedeutet erst einen Anfang. Auf seelische oder wirtschaftliche Not allein gegründete Gemeinschaft kann nie von dauerndem Bestand sein. Sollen die Zweifler recht behalten, die du sagen, daß, wenn überhaupt, so erst die junge Generation in berechtigter Gegenwehr gegen Kastengeist und Klassendünkel, aus tiefer Sehnsucht nach Wiederkehr biblischer Traditionen, eine Gemeinschaft zu bauen vermag, die nur den Menschen kennt und wertet als Menschen? . Die Aelteren unter uns sind groß geworden in anderen Zeiten, wo der Rhythmus des Fortschritts und des Aufstiegs zu geistigen und wirtschaftlichen Erfolgen das Denken und Fühlen einer Mehrheit beherrschte, die nichts als dies kannte, weil eine geringe Zahl unter ihnen diese Höhen erreichte und als solche mächtig war, das Antlitz der gesamten deutschen judenheit zu bestimmen. Sie kannten aber nur das persönliche Glück. Sie verloren damit die Bindung an die Gemeinschaft, aus der sie kamen. Oft hatten sie sie sogar nie besessen. Ein unechtes falschfundiertes Herrenmenschentum, das sich nur in Absonderung darzustellen wußte und ganze Berufszweige zu entwerten verstand. Mit den Zweiflern darf man allein darin übereinstimmen, daß dies so war. Man muß ihnen aber darin entgegentreten, daß die Aelteren unter uns, die bei ständiger größerer Abwanderung des Nachwuchses heute schon die weit überwiegende Mehrzahl sind, keiner Umstellung mehr fähig sein sollen. _____ Für die Mehrzahl dieser Menschen, die mittelständisch orientiert sind, bedeutet diese Umstellung nichts anderes als .eine Hinwendung zu der ihnen eigenen Haltung. Und das erleichtert ihnen manches. Das Tempo dieses Umbruchs ist seither allerdings den Schritten der Zeit nur schwach angepaßt. Das Leben und die Existenz des Einzelnen §runden sich in immer stärkerem Maße auf die tabilität der Gesamtheit unserer Gemeinschaft. Der Einzelne kann sich dem böswillig oder aus Unkenntnis — die zur Sünde wird — oder durch die Flucht vor der Verantwortung oder zur vermeintlichen Sicherung seiner eigenen Existenz entziehen. Er täuscht sich. Auch für ihn gibt es kein Entrinnen. Er schadet Jiur der Gemeinschaft, die ihm eine letzte Sicherung zu geben vermag. Selbsthilfe heißt heute nur gegenseitige Hilfe auf dem Boden unserer Gemeinschaft als natürlichem Ausdruck unserer wirtschaftlichen und seelischen Daseinsgrundlage. Halten wir am Neujahrsfeste Einkehr. Schlagen wir uns am Versöhnungsfeste an die Brust. Laßt uns die Umkehr beschleunigen und unsere Gemeinschaft restlos vollziehen. J)as GesHtfttk au diu TtsUüüiu: V^^^F ^^^■.^^•^■^^•^e^^r^^ew ^^^^^r ew^^^^er^ ej •^^^•^■^^•'•^^•^»^^ w Louis Wolff „Handwerk im Judentum" Preis RM 1.- zuzügl. RM 0,15 Porto, 96 Seiten Zu beliehen durch die Geschäftsstelle, WSO, Nechoditr. S, im Reich durch die Geschäftsstellen unserer Ortsgruppen. Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands Oiete* 'Buch gehört in federn jüdische Hausl 3