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Der jüdische Handwerker · 1935-09-01 · 9 (9.1935) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
9 (9.1935)
Date
1935-09-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Und wenn jetzt in jüdischen Häusern ungezählte Tränen geweint, Hoffnungen und Sehnsucht zu Grabe getragen werden, dann ist es zu allen Zeiten so gewesen, daß aus tiefen seelischen Erschütterungen heraus der Geist eines neuen Lebenswillens geboren wurde. Dieser Lebenswille mufl von einer Zentralstelle organisch entwickelt und beeinflußt werden, er muß alle Bezirke jüdischen Wirkens auf kulturellem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet umfassen. Es ist erstaunlich und zugleich erfreulich, wie die jüdischen Zentralstellen, besonders aber unsere Muttergemeinde es verstanden haben, Kraftquellen jüdischen Lebens zu schaffen. Hier wird ein neuer Lebenswille geboren, aber erst dann, wenn jeder Glaubensbruder und jede Glaubensschwester an diese Quelle herangeführt wird. Denn es gibt kein jüdisches Haus, in dem nicht die bange Frage aufgeworfen wird: „Wie wird sich unsere wirtschaftliche und damit unsere seelische Zukunft gestalten?" Es gibt keinen jüdischen Vater, der nicht mit tiefer Sorge um die Zukunft seiner Kinder bangt und auf die Frage: „Was nun?" keine Antwort findet. Die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft seiner Kinder soll dem Vater gewifLnicht abgenommen werden, wenn sich nun die amtlichen Organisationen einschalten, um mit ihm die Antwort zu finden, die gewiß nicht immer leicht, ja täglich schwieriger wird. Und hier beginnt unsere Mahnung. Es ist menschlich begreiflich, wenn in solchen Augenblicksstimmungen vom Vater Entschlüsse gefaßt werden, bei denen er die Schwierigkeiten nicht übersieht und daher nicht richtig einschätzt. Und hier zeigt es sich, welch eine falsche Vorstellungswelt sich besonders in der Kenntnis des Handwerksberufes herausgebildet hat. Das ist kein Zufall oder Wunder. Das Handwerk innerhalb des Judentums führte sein eigenes Leben, es war eine Welt für sich, die jüdisch-bürgerliche Vorstellungswelt ging in anderer Richtung, sie betrieb Berufsautarkie in Geist und Kapital. Daher die Unkenntnis und Fremdheit über den Umfang und die Aufnahmefähigkeit der vorhandenen Handwerksbetriebe. Und wenn sich heute die Erkenntnis immer mehr Bahn bricht, daß das Handwerk allein Träger jüdischer Zukunft sein wird, so wächst damit die Mitverantwortung jedes Einzelnen und besonders der Korporationen an der Erhaltung eines gesunden Handwerkerstandes. 'Wer verantwortungsbewußt jüdisch denkt, muß auch ebenso handeln und für den Unterbau jüdischer Zukunft nicht nur mit Worten, sondern durch die sichtbare Tat einstehen. Das ist keine materielle Frage, sondern eine Frage jüdischen Seins, sei es auf deutschem Boden, oder im heiligen Land. So möge dieser Tag ein Bekenntnis zu der . Gesinnung werden, in der wir unsere Arbeit leisten. Der Sturm, der über das deutsche Judentum dahinbraust, hat uns in eine neue Gedanken- und Erlebniswelt hineingestellt. In der Glut gemeinsamen Leids mit Mut und Kraft diese Arbeit sinnvoll zu gestalten, das sei unser Tag der Erneuerung. zur Jahreswende Wiederum neigt (ich ein Jahr zum. Ende. Treue zum Glauben, Liebe zum Werk geben uns aus Jahrlaufenden die Kraft und den Mut, unbeirrt unteren Weg lortzufetzen. Möge der Schall der Polaune am Neujahrsfefte alle Seelenkräfte unlerer Glaubensbrüder erreichen u. uns zu wahrer,lieh reftlos erfüllenderGemeinlchaft zufammenfehweifjen. Allen unleren Kollegen und Kolleginnen des Handwerkerverbandes und des jüdifchen MitteKtandes reichen wir die Hand zu einem herzlichen lefchonoh tauwoh. Wilhelm Marcus Louis Wollt * Das bevorltehende Raulch Halchonoh Fell, das uns zur Einkehr und Nachdenklichkeit mahnt, verpflichtet uns und damit unlere Mitglieder aus Handwerk und Mittelhand, derer zu gedenken, die unter der Lall der täglichen Sorgen belonders leiden und unterltützungsbedürftig geworden lind. % Ihre leelilche und wirtlchaftliche Not lindern zu helfen, ilt die Pflicht aller Kollegen und Kolleginnen, die heute noch in der Lage lind, (ich an diefem Werk wahrer Zedokoh zu beteiligen. Denkt an die Nolleidenden unleres Standes und Itärkt die „Louis Wolff - Stiftung" zur Unterltützung notleidender Handwerker, lowie der Förderung unlerer handwerklichen Jugend. Jeder gebe nach feinem Könnenl Oberweifungen lind erbeten auf unter Poftfcheckkonto Berlin NW 7 Nr. 115057, Verein selblt. Handwerker jüd. Glaubens e. V., Berlin W 50. 2

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